400er Brevet am 5./6.Mai 2012 – Als Einstimmung auf den 400er 2014!

Diese Strecke, und wahrscheinlich auch der Regen, warten am 17.Mai 2014 auf uns:

Hier der Bericht aus 2012 zur  Einstimmung und Steigerung der Vorfreude:

400 Kilometer Brevet 5./6.Mai 2012

Ein kleiner Bericht von randonneurdidier

Berlin Moabit  Amstelhouse um 6:30 Uhr

Vorfreude auf 400 km durch Berlin, Brandenburg und Meck.-Pomm.

Andi und ich waren um 5:45 Uhr in Glienicke gestartet. Ehrensache, schon mal 20 km an den Startort zum Warmfahren zu kurbeln. Warmfahren, ja! Es ist noch saukalt an diesem Maimorgen, und dunkel. Auf den ersten Kilometern durch die Stadt schalten wir unsere Lichtkanonen ein. Wenig Autos sind auf den Straßen, so sollte es immer in dieser Stadt sein. Es regnet-noch-nicht. Aber die Prognosen sind bescheiden, geradezu bedrohlich. Ein Regenband soll im Laufe des Tages und der Nacht über den Norden ziehen. Die Regensachen sind eingepackt!

Mindestens 30 Mitrandonneure laben sich am heißen Kaffee oder Tee, räsonieren über ihre Taktik, über die neuesten Anbauten am Rad, ihre Wehwehchen: „Ich weiß nicht, ob das mein Knie diesmal mitmacht“…

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Klaus Erdmann verströmt Gelassenheit. Kein Wunder. Paris-Brest-Paris in gut 60 Stunden im frischen Alter von 69 Jahren, das ist Altersweltrekord. Warum fährt der überhaupt 400 km- lächerlich. Weil es ihm Spaß macht!

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Matthias, den wir vom 300er her kennen, sozusagen ein adoptierter Buddy, ist mit seinem gelben Liegerad dabei.

Andi kommt aufgeregt an den Tisch. Mein Vorderreifen ist platt. Also hin, den Schlauch herausgezupft. Einen neuen eingelegt. Ein freundlicher Randonneur hilft mit einer veritablen Standpumpe. In 30 Sekunden ist der Luftdruck auf Brevetniveau gebracht.

Das alles knapp vor dem Start. 7.00 Uhr- Ralf geht raus, die Gruppe nimmt Aufstellung vorm Amstelhouse, Ralf macht Fotos, kurze Ansprache- und ab geht es in den Frühsamstagsverkehr quer durch Berlin in den Süden. Ampelhopping: Eine schöne Sache für die etwas langsameren- wie mich. Die ganz schnellen kommen nicht weg. Da hilft auch das brutalste reintreten nichts. Immer ist für die rot- wenn wir kommen, gibt es sofort wieder grün. Und jetzt raus aus den Tagträumen. Andi bleibt zurück, Frank Sommer ruft zu mir rüber, dass er schon wieder einen Plattfuß eingefangen hat. Frank hat ein ganzes Paket Schläuche dabei und spendiert großzügig einen für den armen Andi. Ich fahre zurück und sehe den Pannen gebeutelten demoralisiert vor der S-Bahnstation Hohenzollerndamm. Er will doch wirklich in die Bahn und zurück nach Hause. „Ich habe die Schnauze voll“ So kommst Du mir nicht, davon, denke ich: Wir reißen das Hinterrad aus seinem schönen Pinarello heraus. Neuer Schlauch, 100 Hübe mit der kleinen Pumpe und der Andi muss wieder weiter, ob er will oder nicht!

Mit weiteren- gefühlten 10 Minuten Rückstand auf das Hauptfeld rollen wir nach Teltow und aus der Stadt hinaus. Ruhe auf den Straßen, Regentropfen auf der Brille. Wir sind allein zu zweit. Kurbel, kurbel, kurbel… bei Kilometer 54 wartet die „Landfleischerei“ in Nettgendorf, der erste und sicher einer von Ralfs ( Organisateur) Lieblingskontrollpunkten. Die Fleischerei ist einfach immer auf dem Plan. Das Personal kennt die wilden Radler schon seit Jahren. Mettbrötchen, Wurst, große Pötte Kaffee, was will das Herz- und der Magen mehr. Und wir haben wieder Anschluß gefunden.  Drei Randonneure machen sich gerade wieder startfertig, Matthias mit seinem gelben Lieger wartet auf uns. IMG_1795Jetzt ist die Gruppe vom 300er wieder beieinander. Nur die Buddies Albrecht und Volker haben es vorgezogen, unsere 400 km in sicherer Entfernung im heimatlichen Sessel zu überstehen. Ihre moralische Unterstützung ist uns sicher. Albrecht hat angeboten, uns zu jeder Tages-oder Nachtstunde im „Falle unerwarteten Schwächelns“ mit seinem Landrover aufzuladen und heimzubringen. Es war nicht nötig, Albrecht!

Zu dritt, körperlich und seelisch erstarkt fahren wir zügig zur zweiten Kontrolle: Golssen 11.55, 100km, trocken, Sonnenstrahlen. Beste Laune. Andi und Matthias verspeisen Bock-und Bratwürste. Sicher ernährungsphysiologisch leicht problematisch, aber es hilft.

Irgendwann schmecken die von Volker in Großhandelsmengen beschafften leckeren und überaus nahrhaften Trockenfrüchte- Feigen, Aprikosen und Datteln, nicht mehr. Die sollten dann wieder auf den weiteren Kilometern zum Einsatz kommen.

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Andi stärkt sich noch mit einer „Schwipp-Schwapp- Cola. Das wirkt gerade zu wie Doping bei dem Guten. Weiter geht die wilde Hatz nach Beeskow im Urstromtal, 166 km, 15.00 Uhr. Immer noch kurbelt Andi wacker mit. Dann rollen wir in die „Seelower Höhen“ ein. Höhenmeterchen um Höhenmeterchen wird gesammelt. Berliner nennen das „Berge“. Der Sauerländer sagt abschätzig Bodenwellen zu den Hügelchen. Matthias fährt gleichmäßig wie ein Uhrwerk auf seinem gelben Brummer. Andi hingegen läßt Flüche von sich und stellt die Sinnfrage: Welche Wahnsinnigen haben mich überredet, mir solche Qualen anzutun, wie masochistisch muss man veranlagt sein, wie komme ich überhaupt hierher???IMG_1808

Du fährst mir um die Ohren, du könntest doch fast mein Vater sein…

Diese Ausbrüche werden von den Mitbuddies eher wohlwollend, mitfühlend und verständnisvoll zur Kenntnis genommen. Eine typische Erscheinung bei „Jungrandonneuren“.

Die Landschaft ist wunderbar grün, Straßenbäume sind in Blüte, die Felder ziehen vorbei. Die Buddies entscheiden sich aber, konzentrierten Blickes, alle Kraft in die Beine , hindurchzukurbeln.

Gasthof zum Hafen in Kienitz, eine weitere Lieblingskontrolle von unserem Organisator Ralf. 19.10 Uhr, 242 km, mindestens fünf Kollegen sitzen hier noch zusammen. Wir sind nicht mehr die Letzten.innerer Jubel! Wertvolle Nahrung für die lädierte Psyche. Milchkaffee, heiße Suppe, da lacht das Herz.IMG_1812Wir brechen nach kurzer rast wieder auf. Und: Es fängt an, zu tröpfeln. Sollten die Wetterfrösche mit ihrer Regenprognose doch recht behalten? Wir entscheiden uns, alles Abdichtende anzuziehen. Regenjacke, Regenhose, Überschuhe. Es ist auch empfindlich kalt geworden im Oderbruch.

Dann geht die Reise weiter, immer am Oderdeich entlang, 50 muntere Kilometer nach Norden. Stoisch fahren wir weiter in die Nässe und die Kälte der beginnenden Nacht hinein. Ein Jahr zuvor war ich schon um 17.00 Uhr in dieser Gegend, es hatte tagelang geregnet, die Kühe standen bis zu den Knien in den Wiesen des Oderbruchs. Diesmal ist es später, die Kühe verstecken sich in der Dunkelheit. Nur ein paar Frösche quaken. Unsere Kommunikation reduziert sich auf: Paß auf, ein Schlagloch- jetzt links, Scheißregen… Auf dem Weg nach Angermünde treffen wir Frank Sommer, den edlen Schlauchspender, wieder. Ein paar Kilometer fährt er mit uns gemeinsam, zieht es aber dann vor, ein Nickerchen in einer heimeligen Bushaltestelle einzulegen. „Randonneure können überall schlafen- wenn sie nur müde genug sind“.

Dauerregen, schwarze Straße und nach unendlich vielen gefühlten Kilometern die nächste

Kontrolle in Angermünde. IMG_1815

Esso-Tanke, km 303, geheizt, guter Kaffee und wieder mal ne knackige Wurst in den Bauch. Marsriegel werden eingekauft, der Getränkevorrat mit Cola-Dope ergänzt. Noch schlappe 100 Kilometer bis zum Ziel. Kurz vor Mitternacht tauchen wir wieder ein in Nacht und Regen. Jetzt istes, verdammt noch mal, egal, ob es regnet oder schneit oder die Welt untergeht- wir fahren weiter. Leises Fluchen, gleichmäßiges Kurbeln, zischende Reifen auf der nassen Straße. Ach wie gemütlich könnten wir es doch zuhause haben- Gedanken an Albrecht und Volker, die vielleicht gerade ein Fläschchen Wein geleert haben und sich auf der Couch ausstrecken. Wir sollten uns vielleicht von hier abholen lassen. Weg, weg mit diesen Gedanken!

Irgendwann erreichen wir Liebenwalde, den letzten Kontrollpunkt vorm Ziel, 357 km, ca. 2.00 Uhr in der Nacht,IMG_1825Beweisfotos vor dem Schild der Landfleischerei Peter Müller, Filiale Liebenwalde. Er hat nicht geöffnet!

Matthias spendiert einige von seinen wunderbaren saftigen, süßen Waffeln. Das gibt Kraft. Ich beschließe, beim nächsten Brevet, auch diese herrlichen Backerzeugnisse einzupacken. Und natürlich meine geliebten Gemüsefrikadellen. Alle Kneipen in Liebenwalde sind dicht, sogar das „Cornerhouse“, das uns im Jahr zuvor um ein Uhr nachts noch einließ und einen Kontrollstempel spendierte. Das hat man nun davon. Die späten Randonneure straft das Leben. Aber, oh Wunder, wir steigern uns in eine „Gutelaunephase“, reißen Witze, sind fröhlich und kurbeln durch die Nacht. Es hat aufgehört, zu regnen.

Um halb fünf in der Früh´ rollen wir vor dem Amstelhouse aus: Andi weiß nun, was Randonnieren“ heißt. 400 saumäßige, nasse, wunderbare Brevetkilometer. Im Amstelhouse treffen wir auf Frank Warmke, ein paar Kollegen hängen müde an den Tischen und schlürfen das Absackerbier der Finisher, essen aufgewärmte Lasagne aus dem Heißluftofen. Sogar Salat ist noch da. Wir lassen die tierische Tour noch mal Revue passieren. Frank nimmt Andi in seinem Van mit nach Glienicke, Er schläft fast am Steuer ein. Matthias flickt noch einen Schleicher-Plattfuß und macht sich auf den Weg nach Hause. Wir klopfen uns noch mal auf die Schultern. Wann ist eigentlich das 600er Brevet?

Ich steige um 5.30 Uhr auf mein Merida und rolle gen Norden durch die erwachende, abtrocknende Stadt. Im Morgengrauen bin ich wieder zuhause. Ein Cognac, die Dusche, das warme Bett wartet. Selten habe ich so gut geschlafen.IMG_2372

randonneurdidier


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