600er Brevet Polen 16./17.Juni 2012

  • 600er „Polen-Brevet“ am 16./17. Juni 2012

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Berlin – Oderbruch- Polen- Ostseestrand – Usedom – Berlin

600 Genusskilometer warten

Das Colnago muss heute ran, es ist schließlich mein erfahrendstes Brevetrad. Und es hat einen zuverlässigen Sondelux Nabendynamo , der immer Strom für die helle Cyo liefert. In einer polnischen tiefschwarzen Nacht sollte das Sicherheit geben. Mein Biwaksack ist auch dabei. Es soll  wunderbar sein, am polnischen Ostseestrand im Sand zu liegen und eine erholsame Schlafpause zu machen. Soweit die Theorie. Es kommt anders, kann sich der geneigte Leser jetzt schon vorstellen.

image003Die Startergruppe ist gegenüber den vorausgegangenen Brevets arg geschrumpft. Um die 30 unverdrossene Randonneure haben sich um 7.00 Uhr beim Amstelhouse in Alt- Moabit eingefunden.

Von den „Buddies“ bin ich heute der einzige, der unsere Fahne hochhält. Eine lädierte Bandscheibe, Termine, vermeintliche Fitnessdefizite halten die Kollegen davon ab, mich zu begleiten. Aber ich gehe ja mit vielen alten Brevetkollegen auf die Strecke. Pünktlich zum Start fängt es an, zu regnen. So sind die ersten Kilometer über nassen Asphalt im morgendlichen Stadtverkehr auch nicht gerade ein Traumbeginn. Wir arbeiten uns nach Nordosten aus der Stadt heraus. Genau über unsere Donnerstagsabend -Trainingsstrecke verläuft der Track, den Ralf vorgegeben hat. Angenehm, da muss ich nur treten und nicht denken. Dafür werde ich ordentlich nass, bevor ich mich doch entschließe, die Regenjacke anzuziehen und den Rucksack regenfest einzupacken. 40 km weiter in den Hügeln des Barnim fährt Ralf auf mich auf; wir halten ein Pläuschchen, die Kilometer laufen durch und wir können die Regensachen wieder wegstecken.

600er 2012 DidierDie Sonne kommt hervor, Wriezen, 77 km, 10.05 Uhr, der erste Kontrollpunkt ist erreicht und eine kleine Frühstückspause ist angesagt.

Ich verdrücke eine von meinen Lieblings-Gemüsefrikadellen. Ralf und zwei andere Kollegen haben es eilig und rollen mir davon. Jetzt beginnt der Genussteil mit Sonne und reichlich Rückenwind, meinte Ralf. Recht hat er. Der Wind schiebt mich förmlich über die Oderbrücke nach Polen hinüber und dann in die sanften Wellen Richtung Cedynia und Choina, vorbei an den typischen polnischen Grenzmärkten hinein in das wirkliche Polen.

Ralf und die Kollegen sind mir enteilt, ich bin allein mit der polnischen Landschaft und den Ortsnamen, die eine Aneinanderreihung von Konsonanten sind. „Grzybno“ und „Pyrzyce“. Ich habe nur Euro in der Tasche – saudumm, an Geldumtauschen hatte ich nicht gedacht. Das sollte sich an der nächsten Tanke rächen. Beide Trinkflaschen sind leer, da freute ich mich, das Shell-Zeichen zu sehen, und wo Benzin ist, sind auch Wasser, Kaffee und Brötchen. Ja, so ist es denn auch, nur als ich meinen Euro-Schein zücke, schüttelte die wenig nette Tankwartin nur den Kopf. Nix Euro! „ Hast du Pech gehabt“, sagt auch noch zur netten Ergänzung ein höflicher polnischer Zeitgenosse. „Ich habe den Kaffee auf“, ohne einen zu bekommen. Rauf aufs Rad und Kilometer machen und das Ganze ohne Flüssigtreibstoff. Nach reichlich trockenen Kilometern dann kurz vor Stargard ein Geldautomat, meine Rettung. Złoty [ˈzwɔtɨ] ziehen zu können, ist ein erleichterndes Erlebnis. Und dann in die nächste Imbissbude mit Namen: Szaszlykarnia Texas.

Gut, dass ich das nicht aussprechen muss, um bedient zu werden. Ein heiß gemachtes Sandwich, ein nicht minder heißer Milchkaffe und zu allem Überfluss, das Angebot  -selbstverständlich -, mit Euro zahlen zu können. So geht es doch auch, liebe Freunde. Und dann noch ein wunderschöner Kontrollstempel ins Brevetheftchen.

192 km, Stargard.

Gegen 15.30 Uhr gehe ich physisch und psychisch gestärkt wieder auf die Strecke. Der Blick in den westlichen Himmel verheißt nichts Gutes. Immer näher kommen die schweren dunklen Wolken. Und dann machen sie die Schleusen auf. Endlich wieder Regen. Die nächsten Stunden haben etwas Kontemplatives, Treten im langsamen Rhythmus und dazu das Zischen der Reifen auf der nassen, manchmal überspülten Straße. Ab und an ein Auto, das für einen Wasserschwall von der Seite sorgt. Beim Treten machen die Füße in den nassen Schuhen melodische Quaatsch-Geräusche. Meine Regenüberschuhe habe ich zu spät angezogen. Das Gute ist, die Füße sind zwar nass, aber sie bleiben warm. In einem der wenigen nichtzugemüllten Bushäuschen mache ich eine Regenpause. Nur der Regen macht keine Pause. Schön, den kleinen Blubberbläschen auf der Straße beim Zerplatzen zuzusehen.

Der nächste Kontrollpunkt ist ein kleiner Ort am Ostseestrand bei Kilometer 291. Aber bis dort ist es noch ein Weilchen hin. Ich trinke und esse zu wenig! Das wird mir klar, als ich immer weniger Kraft auf die Pedalen bekomme. Den Buddies sage ich immer mantrahaft: Trinken, bevor der Durst kommt, Essen, bevor der Hunger kommt. Für mich gilt diese Regel auch, muss ich schmerzhaft erkennen. Also Cola gekauft, dicke Hefeteilchen beim nächsten Bäcker, trinken und essen, was reingeht. Und dann dauert es noch mindestens 20 Minuten, bis die Energie auch in den Beinen ankommt.  in der Gegend von Nowogard hat Petrus ein Einsehen und stellt die Wasserzufuhr von oben ab. image007Ich hänge meine Regenjacke zum Lüften über den Sattel und gönne mir eine Pause in einem windschiefen Wellblechwartehäuschen. Hoffentlich sind die Busse in Polen in besserem Zustand als die Warteplätze.

Kilometerfressen auf dem wunderbar glatten Asphalt der neu geteerten Bundesstraße 106, die schnurstracks nach Norden führt. Am Ortsrand von Kamien Pomorski dann ein seltsam schwammiges Fahrgefühl vom Hinterrad. Natürlich, ein Schleicher – Plattfuß. Meine bis dato sauberen Handschuhe sehen nach der Reparatur aus „wie die Sau“, so dreckig waren Kassette und Felge nach der langen Regenfahrt geworden. 100 Hübe aus der kleinen Pumpe in den Schlauch, und es kann weitergehen. Beim Durchfahren der Orte wird jetzt klar: Auch die Polen sind Fußballverrückt. Cafes und Kneipen sind gerüstet für die Übertragung des Spiels Tschechien – Polen. Transparente schmücken die Hauswände.

image011Pünktlich zum Anstoß des Spiels rolle ich in Dziwnow ein,

3. Kontrollpunkt, Kilometer 291, Ostseestrand erreicht. In einer Kneipe dränge ich mich durch die Fans an die Theke, hole meine Stempel und wühle mich wieder hinaus. Das Spiel hat begonnen, ich bin wieder auf Strecke und versuche aus den Ahhs und Ohhs, die aus den Kneipen kommen, den Spielverlauf zu erraten. Die Tschechen gewinnen 1:0. Und ich kämpfe mich bei wieder einsetzenden Regen in die kurzen Hügel der Steilküste. Wie hatte ich mir doch die Ankunft hier vorgestellt: laue Lüfte und eine Schlummerpause am Strand! Stattdessen auffrischender Wind aus West, Regen von vorn und dann noch diese fiesen Anstiege. So würge ich mich weiter in die Nacht. Keine Autos, kein Mensch auf der Straße. Nur zwei Dachse machen vor mir ein kleines Wettrennen bis ins nächste Gebüsch. Knacken  im Unterholz – sind hier Wildschweine unterwegs? Dann hört vor mir im Lichtkegel die Straße auf, ein dicker Ast ist im offenbar kurz vorher niedergegangenen Unwetter heruntergekracht.

Ich nehme mein Colnago auf die Schulter und stiefele durch den tiefen Graben am Hindernis vorbei. Gut, dass ich auch meine Stirnlampe dabei habe. Gute Investition. image009Als ich hinter dem querliegenden Holz angekommen bin, steigt ein PKW heftig in die Bremsen und kommt erfreulicherweise rechtzeitig zum Stehen. Die Flüche der Polen hören sich ziemlich furchterregend an. Nach 10 Minuten taucht vor mir die Feuerwehr mit Blaulicht und schwerem Gerät auf. Ich rolle weiter Richtung Swinousje – Swinemünde.

Habe ich eigentlich heute abend etwas Vernünftiges, gar Warmes gegessen? Ich antworte mir selbst mit einem klaren Nein. Schon wieder habe ich gegen meine eigene Regel verstoßen! Wenigstens habe ich genügend zu trinken dabei und einen letzten Beutel Energiepulver. „Das bisschen, was ich esse, kann ich auch trinken“ diesen dummen Spruch setze ich jetzt in die Tat um. Und dann sind da noch ein paar Datteln und Feigen im Vorrat. Na, es geht doch mit der Energieversorgung in der Nacht. Ich rolle ein in Swinousje. Wenn mein GPS-Track stimmt, führt der mich zur hoffentlich rund um die Uhr pendelnden Fähre. Ralf hat recht. Die Fähre fährt. Und das auch noch kostenlos – ,rüber übers Wasser zum Westteil der Stadt und ab nach Usedom. Vor einer Disko mit lärmenden jungen Leuten kann ich mich auf eine Bank setzen, ziehe mir trockene Socken an, welche Wohltat! Dann die Regenhose drüber, über meine Schuhe zwei Plastiktüten, dann erst die Überschuhe. Die wasserdichte Kappe über den Helm gezogen. Jetzt kann passieren, was will. Meine Moral ist intakt, der Körper spielt mit, und so kurbele ich in die Hügel von Usedom hinein. Woran kann der Randonneur erkennen, dass er wieder in Deutschland ist: Die Buswartehäuschen sind hier wahre Paläste aus Blockbohlen mit drinnen   richtigen Bänken. Das erste Häuschen lockt mich schon zur Nachtpause, doch nein, ein paar Kilometer geht es doch noch. Das nächste Domizil ist besetzt! Ein schöner Renner lehnt an der Wand, auf der Bank schlummert ein Kollege unter seiner Rettungsdecke. Den störe ich jetzt nicht, beschließe ich. Nach zwei Kilometern die nächste Luxusbehausung. Ich packe mich in meinen Biwaksack und schlafe ein, kaum dass ich den Reißverschluß nach oben gezogen habe. Zwei Stunden Ruhe und Erholung. Wie gut das tut. Und dann wieder raus aus der selbstgemachten Wärme, fröstelnd aufs Rad, die nächsten Kilometer mit viel Druck auf dem Pedal, damit es wieder warm wird. Viel Wald und noch mehr Hügel hat die vermeintlich harmlose Insel zu bieten.

In Ort Usedom hat eine 24h Tanke heißen Kaffee, Marsriegel, Bounty und ein gut belegtes Brötchen zu bieten. Mit Mars und Bounty mache ich mich auf den Weg in die beginnende Morgendämmerung. SONNE. Wunderbar, zu erleben, wie der Planet die Lebensgeister weckt und die Erschöpfung fast vergessen macht. Jarmen, die vierte Kontrolle bei Km 406,  erreiche ich um 5.22 Uhr. Kaffee, Brötchen, Trinkflaschen füllen und 20 Minuten „Powernapping“. Dann sitze ich wieder auf dem Rad und arbeite mich nach Süden in Richtung Friedland. In dieser Gegend hat Ralf reichlich Kopfsteinpflasterkilometer eingebaut. Ein fieser Kerl kann er doch sein, unser Organisator. Oder hat er das so geplant, weil man so wunderbar wach gerüttelt wird?! Friedland, Shell Tanke, 8.00 Uhr, 5. Kontrolle, 449 km, weiterfahren!

Rein in die Brohmer Berge und das Boitzenburger Land. Schön, diese Hügel und Wellen, wenn man hindurchwandern kann und noch schöner, wenn man ausgeruht ist. Nun ist die Realität aber anders. Kaputt, müde und noch 150 Kilometer bis nach Berlin. Zu allem Übel rutscht mir auch noch der Schaltzug aus dem hinteren Schaltwerk. Zwangspause – Zug fixieren und Schaltung neu einstellen. Weiter geht es.

Dann eine bayrische Stimme von hinten: lach doch mal in die Kamera! Jörg, der eisenharte Fixie- Randonneur aus dem Freistaat, kurbelt scheinbar ohne Anstrengung und zu allem Überfluss auch noch ohne Schaltung den Berg hinauf. Dabei stellt er mir auch noch kluge Fragen und hält mir die Kamera ins Gesicht. Komm gut heim – bis nachher, ruft er mir noch zu und entschwindet auf dem nächsten Hügelkamm.

ich jetzt demoralisiert sein, weil dieser Bursche irgendwo übernachtet hat, soviel Zeitguthaben muss er gehabt haben -, und mich dann so abzieht.? Nein, er ist einfach ein klasse Fahrer, es sei ihm gegönnt, mindestens zwei Stunden vor mir am Ziel zu sein. image013Ich genieße noch ein wenig länger die wunderschön anzusehenden , riesigen Mohnfelder, die sich in die Hügel schmiegen.

Trösten tut mich mein alter Randonneurskumpel Gerhard, der ein paar km weiter auf mich aufschließt. Wir tun uns zusammen, wie schon bei so vielen Brevets. Gerhard war auf dem nassen Pflaster von Swinemünde böse auf die Schulter geknallt und hatte deutlich Schrammen davongetragen. Gemeinsam kurbeln wir nach Templin, letzte Kontrolle, 13.00 Uhr, 520 km, Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Allein: 80 Kilometer können ganz schön lang werden. Ohne Gerhard an meiner Seite wäre ich vielleicht in Versuchung gekommen, in die Bahn zu steigen und mich fahren zu lassen, statt mich zu quälen.

600er 2012 Gerhard-RäderIn Templin machen wir eine halbe Stunde Pause, füllen unsere Vorräte auf, legen uns auf die Wiese hinterm Buswarte- häuschen und kurbeln gemächlich über Zehdenick, Liebenwalde und Mühlenbeck wieder in die Gefilde der Trainingsrunden. Die Kilometer ziehen sich, irgendwie ist die Luft raus bei mir. Nie habe ich richtig gegessen auf der ganzen Tour. Das rächt sich. Gerhard zieht mich und feuert mich an. Ich habe das Gefühl, dass mittlerweile selbst die Feierabendradler schneller sind als ich.  Etwas geht noch. Etwas Kraft ist noch übrig, was will ich mehr. Um 17.45 Uhr rollen wir vorm dem Amstelhouse aus. Gerhard sei Dank.

Mann, war das eine Tour. Darauf trinken wir ein Bier und laben uns an Salat, Lasagne und Joghurt. Für uns ist noch reichlich im Kühlschrank. Endlich essen! Und die Beine hochlegen.

600er 2012 Didier-Endspurt2

randonneurdidier


3 Gedanken zu “600er Brevet Polen 16./17.Juni 2012

  1. Super Bericht und geiles Brevet! Und zur polnischen Imbissbude „Szaszlykarnia Texas“ – „Szaszlyk“ heißt auf Deutsch „Schaschlik“ und wird auch genauso ausgesprochen. Sieht nur erstmal seltsam aus 😛

  2. danke für die belobigung. zu zweit geht es doch besser.
    die 600er runde hatte vieles, schaue gegenden und landsichten, wind von der richtigen seite, von der falschen seite sehr viel, regen, hinfallen, sonne, zufriedenes randonneurshotel, zusehen wie andere reifen wechseln, deinen tollen bericht und auch von rainer, ein gelungenes video usw usf.
    woge7

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