Buddy Matthias finisht die erste Dutch Capitals Tour 14.-17.8.2012: 1425 km in 97 Stunden – Whow, eine tolle Leistung!

Die erste Dutch Capitals Tour Start 14. August 2012

1425 km rund um Holland in maximal 110h

Bericht von Matthias

Die Hitzeschlacht

DCT Strecke

Streckenführung der ersten Dutch Capitals Tour 2012 über 1425 km 

 

  1. Prolog
    „Ich mache das alles freiwillig!“. Ich weiß nicht, wie oft mir dieser Gedanke im Laufe der ersten Tage durch den von der Sonne gebratenen Kopf ging. Raten Ärzte bei derartigem Wetter nicht immer zu möglichst wenig Aufenthalt im Freien und, falls doch notwendig, zu behutsamer Bewegung? Was ich mir hier im Augenblick antue, ist wohl eher das Gegenteil.
  2. Die Vorbereitung
    Da ich terminlich nicht am Berliner 600er teilnehmen konnte, landete ich bei der Suche nach Alternativen auf der holländischen Randonneur-Seite. Dort stieß ich auch auf die 1. Dutch Capitals Tour (DCT), ein 1400er-Brevet, das 2012 zum ersten Mal stattfinden sollte. Da ich ja noch nicht lange dabei bin, hatte ich mir für dieses Jahr als Saisonziel eine komplette Standardserie vorgenommen. Langsam steigern war die Devise. Andererseits: Holland sollte ja überwiegend flach sein (mit meinem Lieger bin ich nicht der große Freund der Berge), vielleicht habe ich hier eher eine Chance als beispielsweise bei LEL. Nachdem ich die Qualifikation in der Tasche hatte (400er dieses Jahr), folgte die Anmeldung. Ende Juni hatte ich dann beim 600er in Merselo schon mal Gelegenheit, ein Brevet in Holland erfolgreich zu absolvieren und dabei ein paar Besonderheiten niederländischer Brevets kennenzulernen.
    Da ich bisher keine Brevets jenseits 600 km gefahren war, hatte ich auch keine Erfahrung, wie man diese Ultras z.B. hinsichtlich Schlafen, Tempoeinteilung, etc. angeht. Als ich dann Detailunterlagen erhielt, kam der erste Schreck. Ich hatte ja schon mit etwas erhöhten Anforderungen gerechnet, da für die 1425 km nicht 118:45, sondern nur 110:00 zur Verfügung standen. Was mir aber nicht bewusst war: Die Schließzeiten der Kontrollen werden nicht mit einem kontinuierlichen Schnitt berechnet. Anfangs muss man schon schneller fahren, um sich seinen Schlaf zu erarbeiten. Ob das gut geht? Eine erste grobe Schlafstrategie: erste Nacht durchfahren, hoffen, dass ich für die zweite Nacht ein paar Stunden Schlaf herausfahren kann, und dann mal weitersehen.
    Am Tag vor dem Start fahre ich zum Startort Zoetermeer (östlich von Den Haag), hole meine Unterlagen ab und lerne erste Mitstreiter kennen, die sich auch der Herausforderung stellen wollten. Mit 42 angemeldeten Startern ist es ein eher familiärer Event, was aber der guten Stimmung keinen Abbruch tut. Dann ins Hotel, nochmals gut gegessen und gehofft, dass ich noch ein paar Stunden Schlaf abbekomme…Matthias und sein Lieger DCTMittwoch-Donnerstag
  3. Gegen 09:00 Uhr treffe ich am Startort ein. Nervosität macht sich bei mir bemerkbar: mein Magen hat seine Mühe, einen Tee aufzunehmen. Wenn jetzt der Tee schon Probleme macht, wo soll das denn enden? Erfreut stelle ich fest, dass Thomas aus Eberswalde auch teilnimmt. Ich hatte seinen Namen auf der Starterliste irgendwie übersehen. Tatsächlich treten nur 31 Starter an. Unter ihnen befinden sich noch einige Liegeräder, vier Velomobile, ein Ruderrad sowie ein Fixie!
    Der letzte Blick in den Wetterbericht verheißt Sonne, 28°C und Ostwind für Mittwoch. Abends soll der Wind nach Gewitter auf S-SW drehen, und an den Folgetagen sind Temperaturen von gut 20°C bei südlichen Winden avisiert.
    Velomobile bei DCT
    Noch ein paar Worte der Organisatoren, und schon geht es pünktlich um 10:00 Uhr an den Start. Die Hauptgruppe, deren Bestandteil ich zunächst auch bin, fährt geschlossen zügig durch Zoetermeer. Nach ein paar Minuten habe ich ein Problem mit der Kette, so dass ich den Anschluss verliere. Da ich nicht auf nachfolgende Fahrer warten will, mache ich mich alleine auf den Weg, und so bleibt es bis zur ersten Kontrolle nach 158 km in Middelburg. Obwohl ich überwiegend Rückenwind habe, geht es nicht übermäßig schnell voran. Der Puls ist hoch, der Magen rebelliert und verträgt bestenfalls Bananen. Die Strecke nach Middelburg führt an einer Reihe von belebten Stränden vorbei, der Gedanke an eine Abkühlung im Meer bei tatsächlich 30°C im Schatten (wobei dieser Mangelware war) lässt mich kaum los („irgendwie bin ich auf der falschen Party“), aber der Wille und die Uhr treibt mich ohne Strandpause voran. Ich muss irgendwie Zeit zum Schlafen herausfahren! Bei einer Geheimkontrolle nach ca. 80 km gibt es noch kühle Getränke, eine willkommene Erfrischung. Ich sehe auf den Durchfahrtszeiten, dass mein Rückstand auf einige vor mir fahrende Kollegen nicht allzu groß ist. Vielleicht treffe ich ja noch jemanden an der nächsten Kontrolle.
    Am späten Nachmittag kurz vor Middelburg dreht der Wind langsam von Ost auf Südwest: perfektes Timing, da der Weg ab Middelburg wieder Richtung Ost verläuft. An der Kontrolltanke treffe ich tatsächlich noch einige pausierende Mitstreiter, die sich aber auch langsam wieder aufmachen wollen. Also schnell den Stempel geholt, Getränke aufgefüllt und weiter geht es jetzt gemeinsam mit Thorsten aus Kiel und dem Fixiefahrer Rob aus England.
    Mit neuer Motivation (irgendwie geht es gemeinsam doch besser), weniger Hitze und kräftigen Schiebeböen geht es jetzt sehr zügig voran. Wir überholen noch eine Gruppe Liegeradler, bevor wir bei der nächsten Kontrolle (km 222) in einen Cafe in Ossendrecht ankommen, wo wir auf weitere Radler treffen. Die Speisekarte ist überschaubar, so dass Thorsten und Rob beschließen, schnell weiterzufahren und sich noch eine andere Speisemöglichkeit zu suchen, während ich die Tagessuppe und eine Cola genieße (der Magen fühlt sich langsam besser an). Nach einer guten halben Stunde mache ich mich wieder alleine auf, irgendwie ist meine Abfahrtszeit nicht kompatibel zu den Plänen der anderen Fahrer. Auf dem Weg nach ‘s-Hertogenbosch (km 322) entschließe ich mich, auch noch einen herzhaften Speisenachschlag zu besorgen, was aber abends in Holland nicht so einfach ist: es gibt kaum 24h-Tankstellen mit Shop, getankt wird nachts an Automaten. Irgendwie werde ich auf der ganzen Tour das Gefühl nicht los, dass die Kontrollen sämtliche 24h-Tanken Hollands darstellten. Schließlich findet sich noch ein geöffneter Grillshop, wo ich eine kurze Verpflegungspause einlege. Wieder auf dem Weg sehe ich vor mir deutliches Wetterleuchten. Da der Wind dieses Wetter vor mir herschiebt, beschließe ich, nicht zu schnell zu fahren, um trocken zu bleiben. Im Rückspiegel tauchen zwei helle Fahrradscheinwerfer auf, die langsam näher kommen: Thorsten und Rob. Als sie mich schließlich einholen, fahren wir in moderatem Tempo gemeinsam weiter nach ‘s-Hertogenbosch. Tatsächlich geht unsere Strategie auf: wir blieben trocken.
    Die dortige Kontrolltanke lädt nicht lange zum Verweilen ein. Zwei weitere Radler machen sich sofort wieder auf den Weg, wir reduzieren unseren Aufenthalt auf das notwendige Minimum. Von nun an geht es Richtung Süden nach Eijsden (km 469) durch die Nacht, der Wind ist nur noch schwach. Thorsten entscheidet sich, etwas flotter vorzufahren und später ein Nickerchen zu machen, während Rob und ich durchfahren wollen. Die Wetterfront hat entgegen den Vorhersagen keine substantielle Abkühlung mit sich gebracht, so dass der Bedarf an Getränken auch nachts relativ hoch bleibt. Trotz Nachbunkern in ‘s-Hertogenbosch neigen sich die Getränkevorräte gegen morgen Richtung Ende. Mit dem letzten Tropfen erreichen wir eine morgens eine Tankstelle, die gerade geöffnet hat.
    Die Region Süd-Limburg zeigt die ersten Steigungen, an denen ich etwas hinter Rob zurückbleibe und ihn dann aus den Augen verliere. Am späten Vormittag erreiche ich die nächste Kontrolltanke: eine Autobahntankstelle, die man über einen Trampelpfad von der Rückseite erreicht. Das dortige Tor ist geschlossen (laut Organisator hatte man den Schlüssel nicht gefunden), so dass kurzfristig eine Trittstufe über den Zaun installiert worden war. Die Räder müssen draußen bleiben. Die Hitze nimmt wieder deutlich zu, Abkühlung findet sich glücklicherweise in Form von Eiskaffee (aus der Dose). Nach einer knapp halbstündigen Pause will ich mich gerade wieder aufmachen, als Rob eintrifft: er hatte den Trampelpfad nicht gefunden, da er nur nach Roadbook ohne GPS fuhr. Wir verabreden uns, jetzt doch gemeinsam weiterzufahren, und so habe ich einen Grund, meine Pause noch ein paar Minuten zu verlängern.
    Der aktuelle Wetterbericht verheißt Hitze: nichts mit Abkühlung, an allen Folgetagen Temperaturen über 30°C im Schatten. Die Hitze ist jetzt auch schon sehr merklich, und die nächste kurze Etappe zum Dreiländerpunkt (km 500) soll hügelig werden. Hier zeigt sich Holland von der für Radfahrer anstrengenden Seite: ca. 10 Anstiege mit jeweils ca. 100 hm und Steigungen zwischen 5 und 12%. Da es recht kurvig ist, kann man den Schwung bergab kaum für den nächsten Anstieg nutzen. Schatten ist auch hier Mangelware, und das nach einer durchfahrenen Nacht. Hut ab vor Rob, der diese Steigungen mit dem Fixie bewältigt! Für diese 30km lange Quälerei brauchen wir 2 ½ h! Am Dreiländerpunkt bleibt der Aufenthalt kurz, da die nächste Kontrolle mit Verpflegungs-, Dusch- und Schlafmöglichkeit nur 7 km weiter liegt. In wenigen Minuten sind wir dorthin (im Wesentlichen bergab) gerollt und können eine leckere Mahlzeit (Suppe und Pasta) genießen.
    Die Schlafmöglichkeit nutzen wir nicht: wir wollen nachts bei kühleren Temperaturen schlafen, auch wenn man dann tags durch die Hitze muss. Auch wollen wir nicht nur in sehr kurzen Etappen schlafen. Daher entscheiden wir uns, noch bis Arnheim (km 675) durchzufahren und uns dort in einem Hotel einzuquartieren.
    Eigentlich hatte ich gehofft, dass es jetzt im Wesentlichen bergab wieder in die Ebene gehen würde, aber ein paar Anstiege mit bis zu 12% Steigung müssen wir auf dem Weg zur nächsten Kontrolle in Roermond (km 566) noch bewältigen, bis wir schließlich wieder das „flache Holland“ erreichen. Die größte Hitze des Tages ist vorbei, der Wind schiebt uns leicht voran, und die Kilometer spulen sich erstaunlich locker herunter. Kurz vor Nijmegen eine Überraschung: der GPS-Track führt entlang einer Schnellstraße ohne Radweg. Also improvisieren und einen Weg Richtung Nijmegen suchen. In Nijmegen selbst ist eine Brücke aufgrund einer frischen Baustelle gesperrt, so dass auch hier eine erneute Wegsuche auf dem Programm steht. Wenn man bereits mehr als 36 Stunden auf dem Rad sitzt und eigentlich so schnell wie möglich ins Bett will, ist das weniger lustig. Schließlich erreichen wir Arnheim, holen uns an der Kontrolltanke noch den Stempel, und ab zum Hotel, das wir telefonisch reserviert hatten. Die Dauer der Formalien im Hotel kommt mir hier nachts um 01:00 Uhr besonders lange vor. Warum kann man nicht einfach die Kreditkarte durchziehen und den Schlüssel bekommen? Wenigstens liegen die Zimmer im Erdgeschoss, und so können wir die Räder mit ins Zimmer nehmen und müssen nicht lange die Fahrradgarage suchen…
  4. Freitag
    Morgens um 07:00 Uhr klingelt der Wecker. Ich habe sechs Stunden geschlafen wie ein Toter und habe zunächst Orientierungsprobleme: ja, ich will viele km mit dem Rad fahren und muss wieder los. Nach einer Dusche fühle ich mich erstaunlich fit. Die Stimmung ist prima: die wahrscheinlich härtesten Passagen sind geschafft, trotz der engeren Zeitvorgaben im ersten Teil konnten wir einigermaßen ausschlafen und sind im Zeitrahmen, die Beine sind fit. Es sieht langsam tatsächlich so aus, dass die Tour machbar ist. Das hilft auch dem Magen, dem es heute schon deutlich besser geht. Das Frühstück im Hotel fällt aus, es würde zu lange dauern, wir wollen weiter und das Frühstück an der nächsten Tanke genießen. Nach ein paar Minuten sind wir wieder auf dem Track. Ziel für heute: Groningen (km 989). Das Wetter ist weiterhin schön, ebenso wie die Landschaft. Der Wind schiebt uns weiter schwach Richtung Norden, und die Hitze nimmt ihren bekannten Lauf. Nervig ist nur meine vordere Scheibenbremse, die immer mehr quietscht. Dies hatte bereits gestern begonnen, aber heute ist es schon ziemlich penetrant. Die Hoffnung ist die Kontrolle in Zwolle (km 842), wo es Essen, Schlaf-, Dusch- und Reparaturmöglichkeiten gibt. Zunächst aber weiter zur Kontrolle in Hengelo (km 771). Das Tempo ist zügig, wird aber insbesondere bei den zahlreichen Ortsdurchfahrten gebremst. Auch wenn die Radwegausstattung wirklich klasse ist und viele Ampeln Induktionsschleifen mit Vorrang für Fahrräder haben, bremsen die zahlreichen Ampeln, Bodenschwellen und Kreisverkehre den Schnitt nennenswert. Andererseits sieht man so auch etwas von den Orten, und das ist die Verlangsamung wert. Die Navigation durch die Orte ist mit Roadbook ziemlich aufwändig, und der eine oder andere Fehler hat sich in das Roadbook eingeschlichen. Rob entscheidet sich, ein GPS auf den nächsten Weihnachtswunschzettel zu setzen.
    Am späten Nachmittag erreichen wir Zwolle, wo „all-you-can-eat-Pasta“ wartet. Hier treffen wir auch Thorsten wieder, der die organisierten Schlafgelegenheiten nutzt und damit einen anderen Rhythmus hat als wir. Das Team vor Ort hat Silikonspray, mit dem ich meine Scheibenbremse wieder gängig machen kann. Die Uhr zeigt an, dass wir, wenn wir so zügig weiterkommen, in Groningen wohl auch wieder sechs Stunden schlafen können. Also wieder Hotel reserviert, und nach einstündiger Pause geht’s weiter. Etliche Ortsdurchfahrten später erreichen wir Emmen (km 923). An der Kontrolltanke fährt Thorsten mit einem anderen Kollegen gerade wieder los. Wir genehmigen uns 15 min Pause, bevor wir uns wieder in die Nacht stürzen. Die Temperaturen sind angenehm, kurze Hosen und Ärmlinge reichen für die Nacht aus. Kurz nach 23:00 Uhr erreichen wir die Kontrolltanke in Assen. Da sie um 23:00 Uhr schloss, wird ein entsprechend vorbereiteter Zettel in den Briefkasten geworfen. Proviant nachbunkern ist nicht möglich, aber wir haben auch nur noch 27 km bis nach Groningen. Also schnell weiter, damit wir bald ins Bett kommen. In Groningen entschließen wir uns, direkt ins Hotel zu fahren und die Kontrolle am nächsten Morgen aufzusuchen. Dafür haben wir genügend Zeit herausgefahren, da die notwendigen Durchschnittsgeschwindigkeiten zur Erreichung der Kontrollschlusszeiten immer niedriger werden. Nachdem wir das Hotel gefunden, die Eincheckprozedur überstanden und die Fahrräder in der Garage verstaut haben, sind wir gegen 01:00 Uhr in unseren Zimmern. Luxus: wir haben uns für 08:00 Uhr zum Frühstück im Hotel verabredet. Sieben Stunden Ruhepause! Diese sind auch notwendig, denn aufgrund der angesagten Hitze haben wir beschlossen, die nächste Nacht zu opfern und ab Groningen den Rest in einem Stück zu fahren. Damit würden wir vor der schlimmsten Hitze am Sonntag (Vorhersage: 34°C) ins Ziel kommen.

    Matthias in Fahrt bei der DCT
    Samstag-Sonntag
  5. Nach einem sehr guten Frühstück im Hotel starten wir gegen 08:30 Uhr und holen uns an der Kontrolltanke in Groningen den Stempel und Getränkenachschub. Kurz hinter Groningen erreichen wir die nächste psychologisch wichtige Schwelle: 1000 km sind geschafft. Jetzt muss der Rest doch machbar sein! Und noch mehr: wenn unsere Strategie aufgeht und wir keine substantiellen Pannen oder ähnliches haben, bleiben wir vielleicht sogar unter 100 Stunden. Hätte ich mir vor Beginn der Tour nicht zu träumen gewagt. Davor stehen aber noch ca. 440 km, und ab Leeuwarden ist die Rückenwindphase zu Ende: wir fahren in südliche Richtungen. Am späten Vormittag erreichen wir die Kontrolle in Leeuwarden (km 1058). Nochmals Getränke bunkern, denn jetzt wird es heiß: die nächsten 110 km sind weitgehend ohne Schatten, und es sind 33°C im nicht vorhandenen Schatten vorhergesagt. Vor dem Ijsselmeer-Deich findet sich noch eine Tanke, an der wir nochmals Getränke nachladen und Eis essen (es wird nicht das letzte des Tages sein). Und dann der Deich: Gegenwind, Hitze, knallende Sonne. Die Füße brennen. Ich muss öfter ausklicken, um einzelne Füße kurz zu entlasten. Die Getränke laufen nur so durch. Aber eine tolle Aussicht: rechts die Nordsee, links das Ijsselmeer, auf dem einige Boote unterwegs sind. Endlich ist der Deich zu Ende, wir fahren wieder kleine Landstraßen, wo es hin und wieder einen Baum und damit Schatten gibt. Die heißeste Zeit des Tages ist um, die nächste Kontrolle in Hoorn kündigt sich an. Trotzdem brauche ich noch eine Pause für meine Füße. 15 km vor der Kontrolle erscheint eine Eisdiele (eine Fata Morgana?), die wir unmöglich ungenutzt passieren können. Wir sind gut in der Zeit, sind trotz Hitze und Gegenwind flott vorangekommen. Da muss eine 15 minütige Eispause drin sein. Anschließend geht es locker weiter zur Kontrolle in Hoorn (km 1169, auch mit freiem Essen, Duschen, Schlafgelegenheit). Hier genießen wir Pasta und Dusche. Natürlich treffen wir hier auch wieder Thorsten, der versucht hatte, ein paar Stunden zu schlafen, was bei der Hitze aber schwierig war. Nach ausgiebiger Pause geht es gut gestärkt in die aufkommende Dämmerung. Die schlimmste Hitze haben wir hinter uns, der Wind hat deutlich abgenommen, wir sind munter, und jetzt kommen ja nur noch 250 km. Nach den bisherigen Strapazen ein machbares Ziel. Außerdem werden jetzt die Etappen kürzer.
    Der Weg zur nächsten Kontrolle in Almere (km 1249) führt wieder über einen längeren Deich zwischen Ijsselmeer und Markermeer, den ich beim 600er von Merselo bereits kennenlernte. Irgendwie geht es heute deutlich schneller…
    In Almere wieder die übliche Prozedur: Stempel, Getränke, etwas essen, weiter. Auf der Etappe nach Utrecht (km 1290) führt der Track plötzlich über schmale Waldwege, die teilweise recht sandig sind. Ich bin froh, dass ich mich im Vorfeld für die breiteren profilierten (und pannensichereren) Reifen entschieden habe, sonst könnte ich hier sicher einige Meter (oder eher Kilometer) schieben. Was haben hier eigentlich die Velomobile gemacht? Hätte es hier geregnet, würden sie wahrscheinlich immer noch durch den Schlamm schieben…
    Kurz nach der Kontrolle in Utrecht Stau auf einer kleinen Uferstraße, viele Autos und Fußgänger, und das deutlich nach Mitternacht. Des Rätsels Lösung: ein auf dem Kanal schwimmendes Rotlichtviertel, wo die Damen auf festgemachten Booten ihre Dienste anbieten. Um allen Gerüchten vorzubeugen: die Organisatoren haben hier keine Kontrolle angeordnet, es geht zügig weiter Richtung Amsterdam. Der Weg dorthin ist gut ausgeklügelt, wir fahren nur auf Straßen mit wenig Verkehr oder Radwegen. Vereinzelt sind die Straßen besser als die Radwege. Auf einer kleineren Landstraße ist der Radweg mäßig gepflastert und die Straße sehr gut asphaltiert. Kein Verkehr, und wir fahren auf der Straße. Plötzlich hält eine Polizeistreife: die freundlichen Polizisten verweisen uns auf die Pflicht, den Radweg zu benutzen („auf der Straße ist es hier sehr gefährlich“), was wir umgehend tun. Ich habe keine Lust, nachts mit den Polizisten zu diskutieren und möglicherweise noch ein Ticket zu bekommen. Das hatte ich dieses Jahr schon beim 300er in Brandenburg und bei der Flèche Allemagne, mein Bedarf daran ist gesättigt.
    Dann zeigt das GPS zweistellige verbleibende Kilometer an. Nach der bisherigen Strecke sollten wir das doch auf einer Arschbacke abreiten können. Die Kontrolltanke in Amsterdam (km 1335) ist auch wenig spektakulär. Hier merke ich doch aufkommende Erschöpfung. Nicht, dass ich mich müde fühle, aber die Räume der Tankstelle sind stark klimatisiert, und auf der Toilette wird mir richtig kalt, ich zittere, was mit der Menge Schlaf an den letzten Tagen auch verständlich ist.  Nach kurzem Aufenthalt geht es durch die beginnende Morgendämmerung weiter nach Haarlem (km 1354). Der Track macht eine richtig lohnende Sightseeing-Tour durch Haarlem. Die Kontrolltanke wird für ein Frühstückseis(!) genutzt, kurze Pause, und weiter auf die letzten Kilometer. Jetzt noch gemütlich nach Den Haag, und dann sind wir schon fast am Ziel! Ganz so gemütlich wird der Weg leider nicht. Der Weg führt über viele Kilometer über einen schmalen Radweg durch die Dünen. Landschaftlich nett, aber viele kurze steile Anstiege. Darüber hinaus viel Verkehr auf dem Radweg: nicht nur Fußgänger, sondern viele Rennradfahrer, die diese Strecke zum Training nutzen. Dafür ist die Strecke sicher grundsätzlich geeignet, aber bei den vielen teilweise waghalsigen Überholmanövern muss ich mich nochmals sehr konzentrieren. Schließlich ist auch dieser Radweg überstanden, und wir erreichen die Kontrolltanke in Den Haag (km 1415). Auf ein paar Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an, und wir genießen noch ein „Zieleinlauf-Vorbereitungseis“. Die verbleibenden Kilometer werden einstellig, und ich zähle laut den km-Countdown. Schließlich bricht der letzte Kilometer an, die letzte Abbiegung, und wir sind gegen 11:00 Uhr im Ziel!!! Geschafft, und das ohne Panne! Wir treffen Tal Katzir, der am frühen Morgen im Ziel ankam und Bernd, der bereits Samstagabend eintraf und sich gerade auf den Weg macht, nach Bremen zurück zu radeln. Wir erfahren, dass ca. ein Viertel der Starter aufgeben musste, die Hitze hatte wohl ihren Tribut gefordert.
    Eine halbe Stunde später läuft Thorsten ein, und gemeinsam mit Tal beschließen wir, den Zieleinlauf im goldenen M (das lokale McDonalds) zu zelebrieren. Nach ausführlichem Essen und herzlicher Verabschiedung geht es noch ein paar Meter zum Hotel, wo ich den Rest des Nachmittags verschlafe und den Schlaf bis zum nächsten Morgen nur durch ein gutes Abendessen unterbreche. Noch ein Blick in das mobile Internet: Thomas hat die Tour auch geschafft, die Berlin-Brandenburger Vertreter haben sich gut präsentiert.DCT
  6. Epilog
    Die DCT 2012 war für mich ein gelungener Einstand in die 1000+ Brevets. Die psychologische Schranke ist gefallen, ein nächstes Brevet in dieser Liga werde ich sicher gelassener angehen. Geholfen hat mir auch das gemeinsame Fahren mit Rob, an ihn geht auch ein herzlicher Dank. Ob ich mich alleine insbesondere durch die ersten zwei Tage gequält hätte, kann ich nicht sagen. Ich kann insbesondere für das erste Mal unbedingt empfehlen, die Etappen des Alleinfahrens so klein wie möglich zu halten. Für mich der blanke Wahnsinn: 97 Stunden brutto, und nach den ersten zwei Tagen hatte ich abgesehen von der Hitze (gefühlt habe ich auf der Tour 100 Liter getrunken) auch nicht mehr das Gefühl, dass alles nur Quälerei ist, sondern konnte die Tour auch ein gutes Stück genießen. Die Schlafstrategie ging voll auf. Ein großes Lob an die Organisatoren: es war eine wunderschöne Strecke, auch wenn ich manchmal innerlich geflucht habe (ja, ja, der Stress von heute ist die gute alte Zeit von morgen), und auch wenn die Ortsdurchfahrten die Tour verlangsamten, möchte ich sie nicht missen. Dass die Fahrrad-Infrastruktur Hollands im Wesentlichen super ist, zeigte sich auch auf dieser Tour.
    War die Tour im Vergleich zu anderen 1000+ Brevets besonders einfach oder schwierig? Ich habe bisher keinen Vergleich. Die Höhenmeter waren überschaubar, die „wahren Berge Hollands“ (der Wind) selten hinderlich. Keine Kälte, Regen, Sturm. Dafür aber Hitze! Den Vergleich werde ich wohl auf den nächsten 1000+ Brevets kriegen.
    Fazit: Wenn ich fit sein sollte, bin ich bei der nächsten DCT sicher wieder dabei.

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