300 km Brevet am 13. April 2013

Um fünf Uhr aufstehen–  sonst ist das eine Strafe für mich. Heute am Brevet-Tag komme ich  gut aus den Federn. Zumal ich mich schon am Vorabend um 22.00 Uhr zum Schlummern gelegt hatte. Die Voraussetzungen für eine schöne Runde sind ordentlich, selbst der Wetterfrosch gibt sich einigermaßen gnädig: ein paar Schauer und Temperaturen bis 14° sind angesagt. Welch Fortschritt zu den Minus 10° am Morgen des 200er Brevets. Ralf hatte für dieses Mal 20° versprochen– dabei hatte er wohl den Samstag mit dem folgenden milden Sonntag verwechselt. Mit Andi treffe ich mich um 05.45 Uhr, und wir fahren gemeinsam zum Startpunkt Amstelhouse in Alt Moabit.

Auf der Putlitzbrücke erleben wir einen wunderschönen Sonnenaufgang über der erwachenden Stadt. Im Amstelhouse herrscht Betriebsamkeit.

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Mindestens 40 Starter haben sich eingefunden. Andi und ich holen uns die Brevetkarten– Kaffeeduft füllt den Raum. Die Mitstreiter sind gutgelaunt und scharren schon mit den Hufen.

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Ralf übergibt die Brevetkarten
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ganz harte Jungs fahren schon in kurz

Mich fröstelt schon beim Anblick der nackten Beine

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pünktlich um 07.00 Uhr rollen wir los
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dieses SURLY war jüngst auf Weltreise unterwegs

314 Kilometer sagt Ralfs Roadbook. Also werden wir uns die Freude gönnen, 15 Stunden mehr oder weniger auf dem Rad zu sitzen und fleißig die Kurbeln zu drehen. Wie üblich geht es etwas zäh nach Norden aus der Stadt hinaus, dann rollt es wunderbar bis Zehdenick. Seitenwind, wir sind ausgeruht, tatendurstig.  Um 9.19 kommt der erste Stempel ins Buch. 58,3 km– ordentlicher Schnitt. Das darf so bleiben. Andi fährt das Tempo klaglos mit– Phelim bekommt für seinen rumorenden Magen von mir ein Schweizer Kräuterbonbon. Hoffentlich hilft das etwas und alle Speise bleibt im Körper. Auf den nächsten Kilometern bekommen wir endlich Wind von vorn und auch den ersten Regenschauer ins Gesicht. War das eine gute Idee,  die Regenhose daheim zu lassen?

In Fürstenberg braucht Andi eine kleine Verschnaufpause und Frank schließt zu uns auf. Weiter geht es durch die Wälder Richtung Mirow und Müritzsee. Arbeiten, nicht Schwätzen– so fahren wir die nächsten 50 Kilometer.

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Frank ist auf Nenndrehzahl
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Ralf hat „Gute Beine“ und „gut Lachen“

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In Mirow treffen wir die nächsten Kollegen an der Kontrolle und gönnen uns einen Milchkaffee und eine dicke Knackwurst mit Senf. „Was der Körper braucht…“

Nur 30 Kilometer sind es bis zur nächsten Kontrolle in Kratzeburg. Dieser Abschnitt ist sicher der landschaftlich schönste der gesamten Tour. Sanfte Hügel, Seen, Wiesen:

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Andi macht die Pace

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Meck-Pomm vom Besten.

Ratz fatz sind wir schon am Cafè Piccolino, das ich noch vom 300er 2011 in bester Erinnerung habe.

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Ich verurteile Andi dazu, KEINEN Kuchen zu bestellen und stattdessen eine Stulle in den Körper zu schieben. Weiter geht es. Lange Pausen machen den Schnitt kaputt! Andi murrt leicht, kommt aber mit. Jetzt geht es in die versprochenen Hügel. 1700 Hm auf der Runde müssen schließlich irgendwo her kommen. Ein ungenannter Randonneurskollege fährt nun schon seit mindestens 30 km in unserem Windschatten und macht nicht den leisesten Versuch, auch mal Führungsarbeit zu verrichten. O.k., vielleicht hat er Trainingsrückstand und tut sich einfach schwer. Oder er ist ein rechter Lutscher. Wie auch immer, wir kommen gut voran und baggern uns durch die Hügel des Nordens. Ein paar Kilometer später reiße ich aus und fühle mich schon ganz alleine – vorn? Da  schließt Ralf mit einer ganzen Gruppe auf. Mit seiner unvergleichlichen Nähmaschinen- Tretfrequenz kurbelt er jedes Hügelchen genussvoll weg. Die anderen keuchen und schwitzen.

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Ralfs Gerstensaft-Doping

Schließlich erreichen wir St.Moritz– nein, wir sind nicht in der Schweiz angekommen– der nächste Kontrollpunkt ist der  gleichnamige Landgasthof im verschlafenen Quadenschönfeld. Das Wirtsehepaar hat sich mitten im Niemandsland einen stillgelegten Bahnhof zum schnuckeligen Restaurant umgebaut.

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die Bahn fährt hier „kopfüber“

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Mit einer großen Modelleisenbahn, die unter der Decke ihre Runden dreht. Hier gönnen wir uns  Pasta Bolognese– vom Feinsten, hausgemacht und in großen Randonneurportionen. Dieser Kontrollpunkt ist ein absolutes Highlight. Wir wollen gar nicht mehr weg hier. Irgendwann sind wir unterwegs in Richtung Templin, der letzten Kontrolle. Wir fahren im Team. Jeder arbeitet auch mal vorn im Wind. So sind wir ordentlich schnell an der Aral-Tanke  bei Kilometer 235. Mittlerweile fahren wir in einer Kleingruppe: Frank, Lennart und ich. Noch schnell einen Milchkaffee, die Trinkflaschen auffüllen, und schon sind wir wieder auf der Strecke. Es rollt!

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Sonnenuntergang in Zehdenick

Sonnenuntergang. Kurz vor Zehdenick machen wir uns nachtfertig: Warnweste anziehen, Lampen anschalten. Andi hat sich entschlossen, seinen eigenen Rhythmus zu finden und bleibt etwas zurück.

Team
nur noch schlappe 53 km,
Lennart, Frank und Dietmar

Ab jetzt wird wenig geredet und nur noch gleichmäßig in die Pedale getreten. Immer so 27-28 km/h auf dem Tacho. Das macht Spaß. „Rookie“ Lennart, der schon das harte 200er als sein allererstes Brevet bewältigt hatte, hält prächtig mit. Mann, muss der Junge eine innere Hitze haben, denn er fährt in kurzer Hose und friert angeblich nicht. Die letzten Kilometer in die Stadt hinein sind ein Heimspiel. Hier kennen Frank und ich jeden Kanaldeckel aus unseren Trainingsrunden. Lennart bekommt die „dritte Luft“ und entschließt sich als alter Stadtradler nun vorne zu fahren. Um kurz nach 22.00 Uhr rollen wir vorm Amstelhouse aus.

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„Rookie“ Lennart strahlt zufrieden

Eine klasse Runde war das. Wir gönnen uns die gut gemachte Lasagne, trinken dazu ein Bierchen und ein zweites und genießen, dass wir heute nicht zu den Letzten gehören. Jeder „Nachkömmling“ wird freudig begrüßt. Spät um 23.30 machen Andi und ich uns auf, nach Hause zu rollen. Noch 15 km in die Berliner Nacht hinein. Ralf harrt noch bis halb drei aus, um auch noch die Letzten– „last, but not least“– zu begrüßen.


5 Gedanken zu “300 km Brevet am 13. April 2013

    1. Hallo Nicolai, danke für Deinen Kommentar,
      Hinterradlutscher (abgekürzt Lutscher) ist eine meist abwertende Bezeichnung im Radrennsport für Fahrer und Fahrerinnen, die sich in den Windschatten anderer hängen, aber selbst die Führungsarbeit verweigern“ so die Definition im „Radwiki“. Und genau so habe ich das auch gemeint! Als „homophob“, Homophobie, wird meines Wissens ein feindseliges Verhalten gegenüber Lesben und Schwulen bezeichnet, und der Begriff passt nun wirklich ganz und gar nicht!!! Und schon überhaupt nicht zu mir.

      1. Hi Didier, vielen Dank für deine ruhige Antwort.
        Mir ist schon klar, was du gemeint hast. Ich unterstelle dir auch gar keine bösen Absichten. Das Schimpfwort ist auch außerhalb des Radrennsports üblich. Und dort leitet es sich von Schwanzlutscher ab. Im Sinne von: Der befriedigt Menschen mit Penis oral, verhält sich also nach den Standards einer (cis)heterosexuell dominierten Gesellschaft weiblich und ist deshalb kein „ganzer Kerl“/ weniger wertvoll. Deshalb ist das Schimpfwort frauenfeindlich, hetero- und cissexistisch. Wie sich das jetzt genau mit Hinterradlutscher verhält, weiß ich auch nicht, den Begriff höre ich zum ersten Mal.

  1. hallo dietmar,
    wiedermal ein schöner bericht.
    es ist lustig zu lesen, wie es den randonneuren ergeht, die ich vor mir her fahren lasse.
    ich hab im bahnhof zum 2. mal nudeln nur mit käse gegessen. es gab andernorts schon besseres und reichlicher. ich war zwar unterwegs allein, hatte aber an jeder kontrollstelle randonneurskontakt.
    kann du mir das eine bild extra schicken?
    woge7

  2. Lieber Dietmar, klingt ganz schön gut. Auch für einen Laien wie ich es bin. Hoffe auf dem Laufenden gehalten zu werden – aus Frankreich. Und auf das eine oder andere schöne Urlaubsfoto. Lieben Gruss, Lea

    Von meinem iPhone gesendet

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