Brevet 600 km 7. und 8. Juni 2013 Berlin

Sonne reichlich und Mecklenburg – Vorpommern von der schönsten Seite

Diesmal zeigte der Track nach Norden. Gaanz lang bis auf den Darß und über Ribnitz-Damgarten wieder zurück. Das ergibt knappe 600 Kilometer. Das Beste: Diesmal hatte Ralf den Wettergott auf seiner Seite: 23°, Sonne, lockere Cumulusbewölkung, sanfter Wind. Es versprach, ein Brevet zu werden, bei dem die Trikots nur vom Schweiß nass werden sollten.

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Phelim gutgelaunt
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Ralf weiß, was auf uns wartet
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sehr individuelle Fahrmaschine
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die Schnellen beieinander

43 gut gelaunte Randonneure gehen pünktlich um 07.00 Uhr auf die Strecke. Andi und ich können es locker angehen lassen. Im Windschatten der „jungen Wilden“ oder auch manch „älterer Wilder“ läßt es sich gut rollen. Im Westen hängt wider Erwarten noch hohe dunkle Bewölkung. Ich kann meine Kollegen beruhigen: Alles nur Dramaturgie, es wird jede Stunde sonniger werden. Und die Sonne kam!

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Am ersten Kontrollpunkt Lindow holen wir uns den Stempel in einer BFT Tanke. Wasser auffüllen wird erst in Kratzeburg nötig sein. Also packe ich meine Salamisemmel aus und schiebe sie zwischen die Zähne. Schmeckt wunderbar.

Der Nationalpark Müritz zeigt sich von seiner sonnigsten Seite. „Naturgenuß“ pur, hätte schon Alexander von Humboldt, der diesen Begriff geprägt hat, geschwärmt. Wiesen, Alleen, Pferde und reichlich Kühe auf den riesigen Weiden. Und oben ziehen die Bussarde und Milane ihre Kreise. Die Szenerie wird durch ein vielfältiges Zwitscherkonzert von hunderten singlustigen Vögeln begleitet. Und das Schöne ist: Wir können das auch noch bei ordentlich schnellem Tempo genießen.

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mit Gerhard im Gespräch
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Phelim schützt seinen Astralkörper
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Orbea mit Viscacha- eine Top-Kombination
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auf gehts
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diese Suppe schmeckt wunderbar

Um 12.25 Uhr rollen wir bei Kilometer 139 vor dem Café Piccolino in Kratzeburg– einem Standardkontrollpunkt auf größeren Nordbrevets– aus. Die Terrasse des Cafes ist für uns reserviert: „ wenn se wollen, könnse sich hier auch nackich ausziehen“, bemerkt die Wirtin, als sich Phelim beim Auftragen von einer Schicht Sonnencreme bis auf die Radlerhose entkleidet. Dabei belässt er es aber. Suppe, Erdinger alkoholfrei, Kuchen… Randonneursnahrung vom Besten wird genossen. Nach einer halben Stunde Futterpause steigen wir wieder auf.

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Andi und ich fahren einige Kilometer zu zweit durch die herrlichen alten Alleen. Kein Auto weit und breit zu sehen. So macht es Freude trotz einiger ordentlicher Hügel, die die Eiszeit hier hinterlassen hat.

Durch solch verschlafene Orte wie“Hungerstorf, Faulenrost und Schwabendorf“  arbeiten wir uns heran an Malchin mit seinem malerischen Stadttor. Einige Kostproben von Ralfs unvermeidlichen Kopfsteinpflasterpassagen und Plattenwegen können wir auf diesem Abschnitt schon genießen.

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Neukalen, die 3. Kontrolle bei Kilometer 196, erreichen wir um kurz vor 16.00 Uhr. Wir liegen sehr gut im Zeitplan. Nach 25 Minuten Pause und dem Zuführen von Nahrung geht es weiter nach Norden. Bei Kilometer 244 und nach ein paar Kilometern recht gut fahrbaren Plattenwegen entdecken wir von Weitem einen Kollegen, der sein Rad nur noch schiebend bewegen kann.

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Die doch sehr stabil gebaute Mavic CXP 33 Felge des Vorderrades ist durchgebrochen, der Lenker ist geknickt. Der Bedauernswerte war unkonzentriert und hatte einen veritablen Sturz hingelegt. Offensichtlich ist auch ein sehr erfahrener Randonneur nicht vor solchen Unheil gefeit. Das Rad ist demoliert, der Fahrer aber erfreulicherweise unverletzt und trotz allen Mißgeschicks  noch einigermaßen guter Laune. Ein Abholer ist schon unterwegs, und wir setzen die Tour solchermaßen sensibilisiert fort. Auf dem Weg nach Prerow kommen wir wieder  zusammen mit Ralf, Phelim und zwei weiteren Kollegen. Wir wechseln uns in der Führungsarbeit ab und nehmen wieder Fahrt auf.

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sehenswert, das Schliemannmuseum in Ankershagen
Heinrich Schliemann läßt grüßen
Heinrich Schliemann läßt grüßen
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Andi ist gut drauf
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Prerow, Hotel am Hafen
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über die Meiningenbrücke auf den Darß
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Ralf voller Energie

Es geht über die Meiningenbrücke auf den Darß und dann zügig nach Prerow, der 4. Kontrolle. Zeit zum Abendessen. Um 20.00 Uhr rollen wir vor dem Hotel am Hafen aus und stärken uns mit Pasta oder Fisch. Ralf hat gleich vier Schollen auf dem Teller. Gut, er hat schließlich  heute vier Mal soviel Energie verbrannt wie ein Büromensch. Manuel und ein weiterer Kollege kommen zu uns an den Tisch. Manuel verliert nicht viel Zeit und ist noch vor uns wieder auf dem Rad. Ein wirklicher „Hardcore-Randonneur“. Um 21.30 Uhr machen wir uns nachtfertig. Es hat deutlich abgekühlt, der Wind bläst schwach aber dafür kalt. Wir reden wenig und konzentrieren uns darauf, wieder in Fahrt zu kommen. Irgendwann bleiben Ralf und Phelim zurück, wir sind nur noch zu Viert.

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am Strand von Dierhagen
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das letzte Licht um 23.00 Uhr

In Dierhagen Strand beschließen Andi und ich, unsere Nachtpause zu machen. Die letzte Möglichkeit, ran an den Strand zu kommen und die Biwaksäcke auszurollen. Im allerletzen Licht des Abends legen wir uns um 23.00 Uhr in den Dierhagener Sand. Es wird verdammt kalt. Der Wind kommt von der See her und es liegt sich hart. Ein Strohballen, der wie gerufen hier herumsteht, wird zerpflückt, und wir richten uns ein gepolstertes Nachtlager. In meinem Biwaksack feuchte ich mich ein. Kondenswasser bildet sich, das Trikot ist noch nass. Gemütlich ist das nicht, aber auszuhalten. Wir hatten beschlossen , gegen 03.00 Uhr in der Frühe wieder auf die Räder zu steigen. Ohne Wecker finktioniert unsere innere Uhr, und wir arbeiten uns durch den Sand hinauf auf die Straße nach Ribnitz-Damgarten. Das erste Frühstück besteht für mich aus einem großen Schluck aus der Trinkflasche und einem wunderbar schmeckenden Früchtetraum von Hipp. Was für Babies gut ist, hilft auch müden Randonneuren auf die Beine.

Wir fahren uns warm und rollen durch das schlafende Ribnitz-Damgarten. Eine 24h Tanke??? Nicht zu finden. Also weiter kurbeln. Betonplattenwege unterschiedlichster Beschaffenheit testen unsere Kampfmoral. Zumindest schläft man nicht ein bei diesem Gehoppele. Nebelschwaden liegen über den Feldern. Nachtigallen und andere singfreudige Vögel kündigen den nahenden Sonnenaufgang an. Unsere Finger sind kalt, warum haben wir nur unsere Langfingerhandschuhe zu Hause gelassen.

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IMG_2707Endlich arbeitet sich die Sonne durch den Nebel und gewinnt die Oberhand. Vor uns, am Ende einer Walddurchfahrt klettert mit staksigen Schritten ein Randonneur mit PBP-Trikot aus dem Unterholz. Bibbernd, mit der Bemerkung, es sei wohl etwas kalt im Wald  so ohne Biwaksack. Stille Bewunderung für den harten Jungen ergreift Andi und mich. Solche nächtlichen Liegepausen bei 6° sollte man besser Rehen oder Wildschweinen überlassen. Die haben viele tausend Jahre Übung darin.

Nach endlos gefühlten Kilometern erreichen wir gegen 07.00 Uhr Teterow, die 5. Kontrolle bei Kilometer 382. Nur noch lächerliche 220 km zu fahren! 45 Minuten Frühstückspause in der Tanke, ein Baguette, ein Würstchen, ein großer Kaffee. Ein wahrhaft opulentes Frühstück. Wir füllen unsere Trinkflaschen auf, erledigen sehr menschliche größere Geschäfte, werfen uns eine Handvoll Wasser ins Gesicht und sind um viertel vor acht wieder auf der Strecke.

In dieser Region hat Ralf, wahrscheinlich aus Sorge, die müden Streiter könnten auf glatten Straßen auf dem Rad einschlafen, eine wirklich wüste Plattenstrecke – in der Mitte Kopfsteinpflaster – eingebaut. Endlose Kilometer und jeden Meter ein Schlag auf die Räder, in die Hände und auf das geschundene Hinterteil.   Ein Kollege, der mit dem Liegerad unterwegs ist, gibt hier entnervt auf.  Irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit ist auch diese Prüfpassage durch und wir sind wieder auf glatter Straße unterwegs. ( Memo an Ralf: ziemlich heftig, dieser Abschnitt, aber das macht Deine Brevets auch so unverwechselbar. Andere bauen fiese Steigungen ein. Du bist halt der Pflaster- und Plattenspezialist. WEITER SO! Nur nicht übertreiben dabei.)

Andi und ich kommen wieder ordentlich ins Rollen, reden wenig und machen einfach Kilometer.  Irgendwann gegen 09.00 Uhr können wir die Feuerwehrfrage beantworten , behalten sie im Sinn und tragen in Röbel mit dem Tankstellenkuli „1874“ ein. Noch 138 km. Das sollte zu packen sein.

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Nocheinmal legen wir ein IMG_2711 Kilometer weiter am Sportplatz in Priborn eine Ruhepause ein. Das Dorf feiert gerade sein „Dorffest“. Die Liegepause tut uns gut, die Kräfte und die Motivation kommen wieder. Auf guten Straßen, nur leider auch endlos immer geradeaus, geht es durch die Wälder Brandenburgs  nach Neuruppin. 10 Minuten Pause an der Esso-Tanke, die restlichen 70 Kilometer fahren wir in der Gewissheit, in einer passablen Zeit das Ziel in Berlin zu erreichen. Die letzte Prüfstrecke, das Pflaster der Schönwalder Allee,  kennen wir mittlerweile hinreichend. Bei trockener Straße und Sonnenschein geradezu ein Genuß.

Um kurz nach 18 Uhr rollen wir vorm Amstelhouse aus. Geschafft, müde und zufrieden. Andi hat sein erstes 600er „im Sack“. Chapeau. Wieder ein richtiger Brevetbuddy mehr.

Die leckere Lasagne lassen wir  uns  zusammen mit einem kühlen Weizenbier schmecken. Pünktlich mit unserer Ankunft beginnt es zu regnen. Eine Stunde lang. Lange genug für ein zweites Weizen, das wiederum Andi „ aus gegebenem Anlaß“  ausgibt. Gerhard kommt noch an, klatschnaß vom ersten Regenguß. Mit Ralf, Phelim und Manuel wird gequatscht, dann gönnen wir uns noch die letzten 16 Kilometer nach Hause.

Das Hanse-Brevet am 28 August über 1000 km wartet schon. Na, schaun mer Mal, ob Andi sich das zutraut.


6 Gedanken zu “Brevet 600 km 7. und 8. Juni 2013 Berlin

  1. Hallo Didi,
    danke für Deinen Bericht – ich freue mich, dass Ihr endlich mal gutes Wetter hattet.
    Schön geschrieben und schöne Bilder.
    Aber mal erhrlich – nach den anderen Brevets in diesem Jahr war dieser ja was für Warmduscher.
    Ich fahre ja nur noch bei Schnee oder Dauerregen 🙂
    Als LEL-Training war dieser 600er ja nicht geeignet 🙂
    LG rainer

    1. Hi Rainer, ab und an dusche ich ganz gerne auch warm. Beim 1000er wird dann sicher Dein Wunsch in Erfüllung gehen: 12° und Dauerregen. Das wär mal was für die ganz harten. Und nicht vergessen: Herzliche Grüße an Klaus Erdmann– schnell wieder gesund werden!

    2. Hallo Rainer, habe gerade Deinen LEL-Bericht gelesen. Chapeau, Chapeau, Chapeau! Danke für die Einblicke in Deinen E-Mail Verkehr. Das gibt einen sehr emotionalen und nahen Einblick. Gute Idee, klasse gemacht. So beeindruckt verbleibe ich als 600er Warmduscher und freue mich, Dich beim 1000er zu sehen – das Du dann sicher als Erholungsfahrt erleben wirst.

      all the best

      Dietmar

      1. Hallo Didi,
        den 1000er fahre ich nicht mit – habe nicht mehr genug Urlaub und außerdem muss ich regenerieren. Ein langes Ding im Jahr reicht in meinem Alter. Dummerweise habe ich auch noch einen stressigen Job.
        Vielleicht sehen wir uns bei HH-B oder Rund um Berlin?
        Ich wünsche Euch viel, viel Spass und schönes Wetter – geniesst die Tour.
        Gruß von
        rainer

  2. hallo rando…didi…,
    auf deinen bericht habe ich schon gewartet, und wurde nicht enttäuscht.
    über dich bin ich auch wieder erstaunt, was du alles so auf der tour mitbekommst
    und so wunderbar wiedergeben kannst.

    für andi ebenfalls meine volle hochachtung, egal wie,
    600 km müssen erst mal runtergeradelt werden.
    er sollte sich auf die 1000 km einstellen, die letzten 200 km kennt er sowieso schon.
    vielleicht haben wir die grauseligen wetterkapriolen in diesem jahr hinter uns.
    und zum üben vielleicht mit mir die 2. hälfte nächste woche in angriff nehmen?

    ich werd mal deinen tipp mit hipp ausprobieren. Wat schnuddliges zwischendurch ist immer gut.
    die streckenführung war klasse und m.e. der anteil der hoppelpassagen im entsprechenden verhältnis.
    ich wünsche uns noch eine gute sommersaison und das hansebrevet ist auf meinem kalender dick angestrichen.
    woge7

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