1000 km – das Hanse Brevet– eine Kaffeefahrt?

1000 Kilometer bei bestem Spätsommerwetter, was kann es Schöneres geben?! Am 28. August stehen 25 tapfere Randonneure in Alt-Moabit am Start.  Es soll das erste 1000-km-Brevet von Berlin aus werden. Ich bin schon mal zum Anwärmen die ersten 16 km in die Stadt gerollt. Ein Pott Kaffee, Brötchen und ein Schwätzchen mit den alten Kollegen steigert die Vorfreude.

Milan mit Pilot

 

Um 10.00 Uhr geht es los nach Norden durch den dichten Berliner Stadtverkehr. Ampelhopping! Die Armlinge kann ich mir schnell herunterstreifen. Äußere und innere Temperatur steigen. Wir sind dank Ralf an der Spitze flott unterwegs. Meistens zeigt der Tacho eine Drei vorn. Die erste Kontrolle in Woldegk erreichen wir um 15.15 Uhr.

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Ralf und seine Buttermilch
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Auch Frank vertraut auf die Kraft der Milch

An der EDEKA- Kasse 2 gibt es den ersten Stempel.

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Der Milan – pfeilschnell, mag aber kein Kopfsteinpflaster

 Der von einem Schleicherplattfuß geplagte Milan-Fahrer trifft auch ein. An einer typischen Kopfsteinpflastersteigung hat der Arme schieben müssen. Das schnelle Gefährt hatte Bodenkontakt bekommen. Das ist der Preis für Windschnittigkeit und Highspeed-Auslegung. „Nicht alltagstauglich“, kommentiert Ralf. Dafür steht kurze Zeit später Ralf mit seiner LEL-erprobten Ausrüstung neben der Straße und versucht, ein schleifendes Schutzblech und die gelöste Fronttasche zu reparieren. Meine Kabelbinder und ein Gurt bringen Abhilfe. Kurz darauf bekommt Ralf in einer Hinterhofwerkstatt auch noch ein passendes Schräubchen für sein Schutzblech abgesägt. „Selbst ist der Randonneur!“ Frank, unser Schwergewicht, meckert über die vielen Hügel der Uckermark. Irgendwann ab Kilometer 150, wird es flach und rollt bestens. Der Milan schießt mit freundlichem Gruß an mir vorbei, allerdings auch am nächsten Streckenabzweig. Er fährt einen Umweg und kommt nach 15 Minuten wieder längsseits. In Ducherow gibt es an der Tanke den nächsten Stempel, frisches Wasser in die Flaschen – und ab auf die Insel Usedom!

IMG_2807IMG_2806IMG_2810Die Radlerbrücke und der Hafen von Anklam zeigen sich in warmem Abendlicht von der besten Seite. Über 30 Kilometer weit hatte eine laut Vorhersage unmögliche Gewitterzelle freundlicherweise für eine Rückenwindkomponente gesorgt und sich danach in Wohlgefallen aufgelöst.

In den folgenden zwei Stunden fahre ich allein und finde einen guten Rhythmus.

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Usedom bei Sonnenuntergang
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Der Briefkasten von Gummlin
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Gerhard guter Dinge nachts um 02:45

Ich erreiche den Briefkasten in der Ansiedlung Gummlin und beantworte die Kontrollfrage: „Leerungszeit Briefkasten 08.30 Uhr“. Dazu mache ich noch ein Foto vom einsamen Briefkasten. Banane futtern, trinken, und weiter nach Bansin. Kilometer 225, freie Kontrolle. Eigentlich will ich hier zu Abend essen. Ich fahre Richtung Strand, aber irgendwie lädt mich kein Restaurant ein. Bei einem Mexikaner hole ich den Stempel und fahre am Wasser entlang weiter. Was treibt mich so, warum keine Pause?? Eine schlechte Entscheidung auch, vom Track abzuweichen. Der Weg wird zum Sandweg, dann muss ich drei Treppen hinaufklettern und dann weiter durch den finsteren Küstenwald fahren . Auf und ab und auf und ab… Im Naturcamping Ückeritz bemerke ich, dass meine Viscacha- Tasche den Sattel hinten runtergezogen hat.  Also: Pause machen und schrauben. Nach 45 Minuten Umweg mit Wald- und Strandrauschen, garniert mit Schlaglöchern und Schotter, finde ich wieder zurück auf den Originaltrack. Die Peenebrücke in Wolgast passiere ich gegen 23.00 Uhr. Auf dem Festland zurück, gilt es in Groß-Kiesow die Frage nach der Anzahl der Gleise beim Bahnübergang zu beantworten.  Just hier treffe ich Gerhard wieder, der sich wärmende Sachen überzieht. Ich entscheide, erst einmal in kurz weiterzufahren, und verabschiede mich. Ich will in einem geeigneten Bushäuschen eine Mütze voll Schlaf nehmen, aber keine der Haltestellen ist mir heimelig genug. So halte ich an und ziehe mir eine Jacke und die 3/4-Hose über, dazu noch die Überschuhe. Ein guter Zeitpunkt: Die Nebel wabern über die Felder, es wird empfindlich kühl. Meine Hände bleiben, hinter der Fronttasche geschützt, angenehm warm. Dann, nach diversen über die Straße wechselnden Füchsen, Katzen und Dachsen, ein echtes „Alien-Szenario“: Drei riesige Mähdrescher arbeiten sich über noch riesigere Felder, wirbeln gigantische Staubwolken auf, und die Scheinwerfer fingern sich durch die Mondnacht. Das alles begleitet von Motorengetöse wie bei der Landung eines extraterrestrischen Raumschiffs. Mein Gedanke an Schlaf verfliegt schnell. Ein eingeworfenes Koffein-Gel tut ein Übriges. Gegen 02:45 Uhr komme ich an der Total-Tanke in Grimmen an. Und treffe wieder einmal Gerhard, der schon einen wärmenden Kaffee trinkt. Nach einem Schwatz, Brötchen und Kaffee mache ich mich auf den Weg nach Stahlbrode zur Fähre. In Rheinberg erspähe ich eine winzige Sparkassenfiliale. Ralf und ein weiterer Mitstreiter haben schon in diesem EC-Hotel ihr Lager aufgeschlagen. Ralf liegt schlafend wie ein Riesenkäfer auf dem Rücken. Ich ziehe es vor, meinen Schlafsack auszupacken, und krieche hinein. Kurz nach mir kommt auch noch Gerhard, der sich ohne jede Zudecke auf dem Mattenrost des Eingangsbereiches bettet. Ein harter Hund isser scho. Um 6.00 Uhr ist die Nacht rum, und ich starte zur Fähre. Ralf ist schon eine halbe Stunde vorher aufgebrochen, um die erste Überfahrt zu bekommen.   Als ich an der Rampe eintreffe, ist die erste Fähre natürlich weg. Schlechtes Timing! Gegen sieben geht es endlich los.

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Sonnenaufgang an der Fähre Glewitz
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Gerhard, Mr. Fichkona und Frank

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IMG_2831Zu viert fahren wir nach Putbus, wo wir uns im Parkcafé mit heißem Kaffee und belegten Brötchen stärken. Köstlich. Die Morgensonne lacht und verleiht Flügel. Nächste Kontrolle Binz, Trinkflasche füllen, weiterfahren. An den Resten von Prora vorbei auf einem guten Radweg geht es ordentlich vorwärts. IMG_2837Bei Saßnitz geht mein Energiepegel runter, und ich entschließe mich zu einer Ruhepause am steinigen, zugemüllten Strand, werde aber dafür mit schöner Aussicht auf die Binzer Küste entschädigt.  Jetzt wird es zäh mit spürbarem Gegenwind. Irgendwann gegen Mittag arbeite ich mich durch die Besucherströme hinauf zum Leuchtturm von Kap Arkona. IMG_2841Gerhard und Frank sitzen auf einer Restaurantterrasse. IMG_2839Ich ignoriere sie, fotografiere wieder einen Briefkasten – Hausnummer drei , Kontrollfrage drei – und rolle wieder nach Süden. Ich spüre einen beginnenden Schmerz im Bereich meiner rechten Achillessehne. Was wird das werden? Mein Kommunikationsbedürfnis sinkt. Ich will nur noch allein fahren. Die Kilometer bis zur Wittower Fähre rollen noch ordentlich. Ein freundliches Ehepaar drückt mir eine nicht komplett genutzte Fünferkarte in die Hand. 2,40 € gespart. Nette Menschen getroffen. Auf dem Weg nach Stralsund fährt unmerklich ein Kollege auf mich auf, den ich schon bei den vorherigen Brevets schätzen gelernt hatte. Er will nur noch den Bahnhof Stralsund erreichen und dann heim nach Berlin fahren. So stark sind die Schmerzen seines geschundenen Hinterteils. Wir machen noch eine gemeinsame Kaffeepause an einem Edekamarkt in Gingst, kurz danach verabschieden wir uns. Ich wurschtele mich durch Stralsund Richtung B 105 nach Westen und bin froh, irgendwann aus dem Stadtverkehr hinauszukommen. Vom Regen in die Traufe! Auf der B 105 rauscht der Verkehr und der Radweg ist nicht durchgängig. Ralf hatte einen guten Grund für seine etwas längere Streckenführung. Wiedereinmal passiert mich Gerhard, der mich fragt, warum ich ihn in der Stadt nicht gesehen habe, obwohl ich nur wenige Meter an ihm vorbeigefahren sei. Ich schiebe das einfach auf meine Konzentration auf den zunehmenden Sehnenschmerz. Verdammt noch mal, warum kommt das jetzt? Ich fühle mich fit. Die Energiespeicher sind ordentlich gefüllt, und blöderweise muss ich immer mehr versuchen, die Pedalierarbeit auf die schmerzfreie linke Seite zu verlagern. 60 Kilometer auf der B 105 arbeite ich mich voran, dann in Rövershagen geht es wieder auf wenig befahrene Nebenstraßen. Jetzt meldet sich mein linker Oberschenkel, der mit der ungewohnten Zusatzarbeit so gar nicht einverstanden ist. Trotzdem laufen die Kilometer durch. IMG_2848An der Hohen Düne geht es mit der Fähre hinüber nach Warnemünde. IMG_2846Wieder  wunderbares weiches Spätsommerlicht, Riesenschiffe, nette Menschen, Urlaubsstimmung in der Stadt. Fast sind die Schmerzen weg aus dem Kopf. Ich will sie einfach ignorieren. In Elmenhorst erreiche ich die Pension, in der ich ein paar Stunden schlafen will. Ich liege gut im Zeitplan. Duschen, Matjes essen, hinlegen. Nach vier Stunden Schlaf rappele ich mich auf und stehe auf einem wackeligen, schmerzenden  linken Bein. Es zieht mächtig, eine Schwellung wird sichtbar. Meine Achillessehne ist diesmal auch meine Achillesferse. IMG_2852
STOP, aufhören, sagt mir meine Vernunft. Ich lege mich wieder hin und schlafe bis sieben Uhr. Dieses 1000er ist für mich schon beim  Anfang der zweiten Halbzeit zu Ende. Bitter! Ralf sende ich eine Abbruch-sms.  Jetzt ist es offiziell. Gemütlich und schonend fahre ich nach Rostock, frühstücke am Museumshafen, laufe durch die Altstadt und mache Frieden mit meiner Entscheidung. Dann setze ich mich in einen mit Touristen vollgestopften Regionalzug und bin gegen Mittag wieder in Berlin. Wie viele Kollegen sind jetzt noch unterwegs? Genießen sie das Wetter, quälen sie sich? Mögen sie es schaffen per Rad. Ich gönne es ihnen.


5 Gedanken zu “1000 km – das Hanse Brevet– eine Kaffeefahrt?

  1. Hallo Helle, Du hast recht mit Deiner Bemerkung. Sollte nicht sein.“ Mea Culpa“!. Nach einem ordentlichen Umweg auf Usedom war ich allerdings gerade so wieder auf Original-km.
    Das mit dem Tapen werde ich ggf. mal probieren.
    beste Grüße
    Dietmar

  2. Hallo Dietmar,
    ein wirklich schöner Bericht. Und ich finde es toll, wenn auch diejenigen ihre Erlebnisse veröffentlichen, bei denen es mal nicht so toll gelaufen ist. (Ich sollte von daher auch noch einen Bericht machen…)
    Schüchterne Frage: Warum weichst du so selbstverständlich und ohne schlechtes Gewissen von der vorgegebenen Streckenführung ab? Nach Reglement ist das doch immerhin ein Disqualifizierungsgrund?
    Ich wünsch dir schnelles Auskurieren deines Sehenproblems und kein langes Herumhühnern.. Tapen soll an der Stelle ja Wunder wirken.
    Gruß Helle

  3. Hallo Dietmar,
    besten Dank für diesen schönen Bericht. Dank Deiner bildhaften Sprache bin ich ja fast dabei gewesen…
    Du hast mit Sicherheit zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung getroffen! Manchmal soll es eben gerade jetzt nicht sein – nun, dann ist es so. Alles hat seine Zeit. Wenn uns das Langstreckenfahren etwas lehrt, dann ist es Gleichmut und Gelassenheit.
    Es wird noch unendlich viele schöne Radveranstaltungen geben.
    Kurier Dein Sehnenproblem aus. Auch dafür brauchst Du Geduld. Die Saison ist ja ohnehin fast zu Ende.
    Gute Besserung wünscht Dir
    rainer

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