Kilometer fressen im Spätherbst – in drei Etappen von Berlin nach Moers

Drei schöne Spätherbsttage kündigt der Wetterbericht für die Zeit vom 24.- 26. November an. Das ist doch eine gute Gelegenheit, noch ein paar Kilometer in die Waden zu bekommen, denke ich mir. Und in Moers wohnen Angela und Rainer, die ich schon lange mal heimsuchen wollte. Ich bin willkommen! Am Dienstagabend passt es gut, und so sollte ich am Sonntagmorgen starten. 200 km pro Tag, ja das ist eine ordentliche Dosis. Der Track führt durchs Havelland, die Altmark, nördlich an Hannover vorbei zur Porta Wetsfalica, dann hinein in Münsterland und ab durchs Ruhrgebiet bis zum Rhein. Schlappe 600 km sollten das werden. Mein Garmin Oregon wird mit dem Track gefüttert, und so müsste ich bei Sonnen- und Mondschein auf Kurs bleiben können. Das Colnago freut sich auch schon auf die Straße, die Beleuchtung ist gecheckt.

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Supernova E3 und Magic Shine- eine Top Kombination

https://randonneurdidier.wordpress.com/6-2/

( Bericht zur richtigen Winterausrüstung)

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Sigma Hiro und Supernova Taillight

Zur Sicherheit  habe ich als Rücklicht das Supernova Taillight und die Sigma Hiro montiert. Vorn leuchten die E3 und meine Magic Shine Akkuleuchte zusätzlich. Das sollte reichen, auch wenn es bei Dunkelheit und Regen durch den Wald gehen sollte.

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In Kotzen kommt die Sonne durch
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Das Schloss vom alten Ribbeck

 

Also los! Nach einem sonntäglich frühen Frühstück mit Jutta sitze ich um 09.00 Uhr auf dem Colnago. Auf meinem Rücken den leicht gepackten Deuter Transalpine und hinter dem Sattel die bewährte Revelate Viscacha. Die Trinkflaschen sind gefüllt mit Apfelschorle. Ab geht es in den nebligen, nassen Morgen. Es sollte doch die Sonne scheinen?! Bis Nauen fahre ich auf nassen, laubglatten Wegen. 

Ich erreiche das prachtvolle Anwesen vom „Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“. Dort verspeise ich genüsslich mein erstes Brot. Und weiter geht es in die sanften Hügel des Havellands. Beim Örtchen „Kotzen“, ausgerechnet dort, zeigt sich zaghaft die Sonne. Bis Rathenow hat sie den Nebel niedergekämpft und lacht leicht geschwächt vom Spätherbsthimmel. In Rathenow habe ich eine Begegnung der besonderen Art: Neben dem Bürgersteig liegt ein Mann auf dem kalten Boden, neben ihm sitzt ein kleiner zitternder Hund. Der Mann zeigt kaum Reaktion auf meine Ansprache. Hat er einen Kreislaufzusammenbruch, oder ist er schlicht sturztrunken?? Ich drehe ihn auf die Seite, damit er Luft bekommt und rufe den Notarzt. Ein älteres Ehepaar, das dazugekommen ist, spricht mit ihm, während ich telefoniere. Als er mitbekommt, dass der Krankenwagen kommen soll, rappelt er sich auf und steckt sich, oh wunder, eine Zigarette in den Hals und wankt von dannen. Wir bleiben leicht irritiert zurück und sagen den Notarzteinsatz ab. Nach dieser unfreiwilligen Pause schwinge ich mich wieder aufs Colnago und sehe zu, dass ich aus dieser Stadt nach Westen hinauskomme. Jetzt kommt der schönste Teil der Strecke–

Elbbrücke bei Tangermünde
Elbbrücke bei Tangermünde
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Kirche im Havelland

durch die Elbauen  über die Elbe nach Stendal. Riesige Wiesen mit Kühen und Pferden. Ein wunderbares Bild im weichen Sonnenlicht. Im Frühsommer war ich noch froh, hier bei 20 cm Wassertiefe am Fahren zu bleiben. Nach einer Kaffee- und Kuchenpause in Stendal finde ich meinen Rhythmus und ackere über Gardelegen und Oebisfelde nach Wolfsburg. Viele Kilometer führt mich mein Track über geschotterte Waldwege hinein in die Dunkelheit. Ich bin froh, dass ich meine volle Festbeleuchtung zur Geltung bringen kann. In Wolfsburg passiere ich die VW-Arena und die üppig beleuchteten Auslieferungstürme von Volkswagen. Ein Autowerk mit Stadt drumherum! Im Örtchen Weyhausen finde ich ein Zimmer im „Brauhaus- Gasthof“.  213 Kilometer zeigt mein Oregon. Es ist 20.00 Uhr, meine Hände und Füße schreien nach Wärme. Die Wirtsfamilie ist überaus freundlich, das Bier ist köstlich, der Gastraum geheizt und auch die Würstchen mit Kartoffelsalat schmecken wunderbar. Der Wirt spendiert noch einen Kräuterschnaps, die Wirtin reicht mir ein paar Stücke Merci-Schokolade. Randonneur, was willst Du mehr?! Mein Einzelzimmer ist nur etwas größer als ein Wandschrank, aber die Dusche funktioniert und das Bett ist weich. So nah an meinem Colnago habe ich selten genächtigt.

2.Etappe:

Weyhausen –Hannover Hbf –  Minden – Bad Rothenfelde

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Vorm Jägerkrug
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Still ruht der See in Altwarmbüchen

Kalt und zäh, so laufen die Kilometer bis Hannover. Ich verspüre Lust nach einer Aufwärmeinheit in der Deutschen Bahn, und so mache ich einen Abstecher durchs schöne Hannover zum dortigen Bahnhof. Die Regionalbahn bringt mich nach Minden. Hier ist meine Motivation wieder erwacht und ich steige bei herrlichem Sonnenschein aufs Rad. Ich rolle durch die eindrucksvolle Porta Westfalica und Bad Oeynhausen über die guten Radwege im Tal der Werre. Dann über Bünde in die Hügel des Teutoburger Waldes. Wunderbares Abendlicht! Der Himmel steht in Flammen. Empfindlich kühl wird es – Beim Bäcker in Spenge gönne ich mir einen großen Milchkaffee und zwei Hefeteilchen, Doping für den müden Randonneur.  Die Sterne blitzen, und auf dem Asphalt zeigen sich erste Eiskristalle. In Versmold suche ich nach einem passenden Hotel. Fehlanzeige: Das als „Bed and Bike- Betrieb angepriesene Hotel Froboese hat keine Lust, mir ein Zimmer anzubieten. Unfreundlich, nicht zu empfehlen. Überhaupt habe ich den Eindruck, als sei in Versmold die Zeit stehengeblieben. Keine Menschen, wenig Licht. Grrrrr. IMG_0058 Auf nach Bad Rothenfelde, mein Garmin kennt den „Jägerkrug“. Nach 4 Kilometern stehe ich vor dem einsam gelegenen Landgasthof und erlebe eine positive Überraschung. Beste Gastlichkeit, ein Riesenteller Pasta mit Pilzen, dazu zwei Bier und dann kann ich mich auch noch gut unterhalten mit der überaus freundlichen polnischen Bedienung. 163 Kilometer waren es heute nur, gefühlte 200 km. Nach tiefstem Schlaf und einem reichhaltigen Frühstück als einziger Gast, mache ich mich gutgelaunt auf den Weg ins Münsterland. Rauhreif auf den Feldern, dampfende Kühe, die Sonne als Lichtpunkt über der Nebelschicht. Gegen 10.00 Uhr ist der Nebel weggeheizt, und ich kann die ganze Schönheit der Münsterländer Pättgeswege genießen. IMG_0062 IMG_0060 IMG_0059

Riesige Gutshöfe, gepflegte Bauerngärten, Pferde und immer wieder Pferde, Schafe mit dickem Winterfell. Diese Gegend sieht aus wie ein riesiger Landschaftspark. Wie mag es wohl sein, gemütlich im Sommer hier „genußzuradeln“.

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Altstadthäuser in Lüdinghauesen

Ich aber werde am Abend in Moers erwartet, noch 110 Kilometer und dann rein ins Ruhrgebiet. IMG_0066 IMG_0078

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Der Gasometer in Oberhausen

Südlich von Lüdinghausen kommt Ruhrpottfeeling auf. Ich gönne mir wieder meinen obligatorischen Milchkaffee mit Hefeteilchen und genieße den Ruhrpott- Slang, den ich in meiner Zeit hier so schätzen gelernt habe. Die Typen hier sind mir einfach allesamt sympathisch. Bis auf die Autoprolls, die mit durchdrehenden Reifen an der Ampel starten. In Datteln kann ich die ersten alten Fördertürme erkennen. Recklinghausen, Herten, Gelsenkirchen-Buer. Schnell ein Gruß ans alte Parkstadion und weiter durch den dichter werdenden Berufsverkehr. Meine Beine sind gut, aber reichlich Konzentration wird mir abverlangt: Viele Autos, Dämmerung und wenig nutzbare Radwege. An der Emscher entlang führt ein nicht asphaltierter Weg, auf dem ich mich vom Autoverkehr erholen kann. Helle Scheinwerfer am Niederrheinstadion, wo Oberhausen Sterkrade trainiert. Der blau erleuchtete Gasometer. Hier gibt et echt wat zu sehen. Ein Radweg führt direkt in den Duisburger Hafen. So riesig habe ich mir dieses Areal nicht vorgestellt. Irgendwann habe ich mich bis zur Ruhrmündung durchgeackert. Ein Dank an die reichlich Lumen spendenden Scheinwerfer meines Colnago. Mit Geld nicht aufzuwiegen! Ich rolle über die Friedrich- Ebert- Brücke und überquere den Vater Rhein, der träge dahinfliesst. Die Moerser Innenstadt ist schon weihnachtlich geschmückt. Ich drängele mich durch die Fußgängerzone und schnuppere Glühwein- und Bratwurstduft. Noch acht Kilometer bis zum wärmenden, labenden Ziel der Reise. Um 18.45 Uhr begrüßen mich Angela und Rainer herzlich vor ihrem Haus. Das Colnago darf in die Garage und ich darf von der Tour erzählen, köstliches Filet mit Kartoffelgratin essen und dazu Rotwein trinken. Welche Qual!

165 Kilometer schlagen für die 3.Etappe zu Buche.

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Rheinhausener Brücke

Nachklapp: Die Bahn- Rückreise habe ich schon zwei Wochen vorher günstig gebucht, also fahre ich am nächsten Tag von Moers über die Rheinhausener Brücke Richtung Hauptbahnhof. IMG_0045

Ich wähne mich geistig schon in der Bahnhofshalle, da bohrt sich eine 3 cm lange Schraube unbarmherzig in den Conti meines Hinterrades. Puff und platt! Ich habe noch 10 Minuten Reservezeit. Also Ersatzschlauch raus, Rad raus, Reifen runter, Schlauch rein und pumpen, pumpen, pumpen. 150 Schläge mit der Mini SKS. Dann geht es nach genau 7 Minuten weiter. Noch drei Kilometer bis zum Bahnhof. Genau hier läßt Murphys Gesetz grüßen: der zweite Plattfuß ereilt mich. Etwas schleichend, aber nach 200m ist die Luft raus. Ich beschließe, weiterzurollen. Also Gewicht nach vorne verlagern, über jede Kante gaanz sanft hinwegheben. Ich wundere mich, was der Conti 4seasons alles aushält. Er trägt mich auch plattgefahren bis in den Bahnhof.

Der Adrenalinschub im Endspurt war garnicht vonnöten: Mein Zug hat 45 Minuten Verspätung, so kann ich bei den freundlichen Menschen der „Radstation“ einen neuen Schlauch erwerben und bekomme auch noch 7 Bar in den Reifen gepumpt. Luxus! Und der Contimantel hat die Tortur heil überstanden. Um 17.40 Uhr bin ich wieder in Berlin und  stürze mich in die letzten 17 Regenkilometer und den Feierabendverkehr. Das ist das größte Abenteuer der letzten drei Tage.


2 Gedanken zu “Kilometer fressen im Spätherbst – in drei Etappen von Berlin nach Moers

  1. Sag mal hast du die normale Kunststoffschelle von der Hiro genommen? Meine passt nur an die Sattelstütze vom Umfang. Gibt es da unterschiedliche oder hast du die Schelle mit sanfter Gewalt um die Sitzstrebe gebogen?

    Gruss

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