Flèche Allemagne 2014 – Team „Die Buddies“

schon im Januar habe ich das Team „Die Buddies“ für den Flèche am 29./30. Mai angemeldet. Wir stehen an Stelle zwei in der Liste, dann folgen noch muntere 53 andere Mannschaften aus ganz Deutschland: vom „Team Stahlrad“ aus München bis zu den „Elblotsen“ aus Hamburg, mit dem sicher ältesten Randonneur der Szene, Friedhelm Lixenfeld, 83 Jahre jung!Flèche 2014

Was packe ich diesmal in meine Viscacha für die 24 Stunden? Werden wir nass? Wie kalt oder warm wird es werden? Eine oder zwei Frontleuchten? Kurze oder Dreiviertel-Hose? Diese Fragen treiben mich in den Tagen vor dem Start um.IMG_3772

Nachdem Petrus sich entschieden hat, den Starkregen in den Vortagen auf das Land prasseln zu lassen – 30 Liter Wasser kamen in Sachsen-Anhalt und Thüringen auf einen einzigen Quadratmeter am 28. Mai herunter – , haben wir eine gute Chance, dass der Himmelfahrtstag einigermaßen trocken bleiben würde. Trotzdem, Regenjacke und -hose kommen ins Gepäck, schon um für die Nacht eine Isolierschicht mehr zu haben. Auch die Überschuhe und Langfingerhandschuhe stopfe ich in die Viscacha.

Zwei Ersatzschläuche, mein Topeak-Werkzeug, ein Kettenglied, dann ein kleines Erste-Hilfe-Set mit den Tabletten gegen meine Wespenstichallergie.

Und natürlich Futter: drei „Oatking“ Riegel, vier Beutel Powerbar Isomax und ein paar dick belegte Brötchen. Das sollte reichen! Alles andere kann ich an Tankstellen und Imbissstuben bekommen.

Das Merida ist schon mit zwei Akkuleuchten vorn versehen. Magicshine 808  und Sigma Speedster sind montiert. Hinten die bewährte Hiro und noch eine Cateye zur Sicherheit! Zwei fette Akkus mit 5600 mAh sollten locker die Nacht durchhalten.

So, genug der Vorgeschichte! Peter, Andi und Frank stehen um 8 Uhr vor der Tür und wollen noch einen „Kaffee for the road“. Startnummern an die Räder, Trinkflaschen füllen,  Gepäckkontrolle, und ab geht es zum nahen Startpunkt, der Aral-Tankstelle an der B 96. Pünktlich um 9 Uhr haben wir unsere Stempel im Heft und rollen nach Westen Richtung Nauen. Angenehme 10 Grad und spürbarer Wind im Rücken, was wollen wir mehr. So genießen wir die Feld-, Wald- und Wiesenstrecke nach Rathenow, der ersten Kontrolle. Unspektakulär und locker! So kann es weitergehen!IMG_3778

An der Tankstelle stehen schon einige „Herrentagsfeierer“ mit ihren Grünzeug-geschmückten Rädern. Fast hätte Frank das grüne Tandem ( mit vollem Bierkasten), gegen sein Van Nicolas eingetauscht!image_6

82 Kilometer haben wir im Sack, Kaffee und Baguettes im Bauch, da läuft es auf der Strecke nach Schönebeck wie geschmiert. Die Natur um uns herum lenkt auch nicht ab; Felder, Wiesen, Rindviecher auf den Weiden und zunehmend auch auf den Radwegen. In Form von Herrentags-Biervernichtern. Die sind für uns die größte Herausforderung auf dem Weg an die Elbe. Wir ziehen es dann auch vor, die Straßen anstelle der Radwege zu benutzen, wo wir manchmal Slalom zwischen den Trunkenen fahren müssen.IMG_3782

Kurz vor Erreichen des Elbdeiches bei Schönebeck verfolgt uns eine ganze Horde radfahrender „Herren“ und macht mit uns ein Rennen, das letztlich wir gewinnen. Erschöpft biegt die Truppe irgendwann links ab. Sehr beruhigend, im wahrsten Sinne!IMG_3788

Das Restaurant der Weltrad-Manufaktur war auch beim Flèche 2012 schon ein Kontrollpunkt. Also freuen wir uns schon bei der Elbe-Überquerung auf die leckere Pasta, die es da gibt. Wir suchen uns einen warmen Platz auf der Terrasse unter einem Wärmepilz. Das obligatorische Weizenbier „ohne“ wird uns gebracht und auch die Speisenkarte. Nur dann passiert gar nichts mehr! Bitten oder rufen zeitigt keinen Erfolg. Nach 20 Minuten, wir haben inzwischen die Zeit genutzt, um unsere Nachtklamotten anzulegen und uns wärmer einzupacken, kommt die Bedienung: Wir zahlen missmutig und verlassen diesen diesmal ungastlichen Ort. Zumindest ein Weltrad-Stempel ziert unser Brevetheftchen, aber unsere Mägen hängen mittlerweile in den Kniekehlen.IMG_3793

In Bad Salzelmen rollen wir an dem riesigen, fast zwei Kilometer langen Gradierwerk vorbei, das von der Solegewinnung zeugt, die schon vor 800 Jahren hier begonnen wurde. Vor dem Soleturm aus dem Jahre 1776 steigen wir ab und packen unsere Futtervorräte aus, die mehr für die Nachtfahrt gedacht waren. Aber jetzt gilt es, den Hungerast zu vermeiden!IMG_3794

Ich kündige den Freunden als nächsten Ort, wo es dann bestimmt was Warmes in den Bauch geben sollte, Staßfurt an. Staßfurt ist zwar die Wiege des weltweiten Kaliabbaus, aber nicht die Wiege der Gastlichkeit, wie wir leider beim Hindurchrollen erfahren müssen. Erst in Neundorf entdecken wir eine Dönerbude, die zwar angejahrt aussieht, aber die Döner schmecken wunderbar. Peter gönnt sich zur Feier des Tages einen „Megadöner“ für den Mega-Hunger!image_13

Angekommen im Salzland, geht es in die ersten Hügel. Schluss mit Flachlandgleiten! Unsere kräftigen Schwergewichte Frank und Peter können zeigen, dass sie auch Höhenmeter machen können. Bei einem Unterschied der „Systemgewichte“( Fahrer+Rad+Gepäck) sind Frank und Peter hier klar im Hintertreffen, denn bei einer Differenz von angenommenen 30 kg, sind die beiden bei einer 5-%-Steigung entweder drei km/h langsamer, oder sie müssen zum Ausgleich statt 160 Watt ganze 210 Watt auf die Pedale drücken! Und das schnellere Bergabfahren gleicht das nicht vollkommen aus!IMG_3797

Nach diesem kleinen Fahrphysik-Einschub wissen wir, warum die beiden es bergauf schwerer haben. Sie müssen eben mehr arbeiten für jeden Höhenmeter. Und sie tun es!

Die ersten Kalihalden kommen in Sicht. Wie Pyramiden stehen sie als Wahrzeichen in der Landschaft. Lutherstadt Eisleben ist nicht mehr weit. Hier wurde Luther 1483 geboren und starb ebenda im Jahre 1546. Wir fahren also nicht nur auf salzigem, sondern auch auf kulturhistorischem Boden! Die Gedanken der Buddies sind hier eher beim schmerzenden Fuß, dem zwackenden Knie, oder sie freuen sich einfach über die rauschende Abfahrt mit 60 km/h nach Eisleben hinunter.

Wimmelburg hat eine 24 h-Tanke, und die ist unser Kontrollpunkt! Stempel abholen und weiterfahren! Rein in die Hügel! Arbeiten!

Andi zeigt hier seine bisher verborgenen Gemsenqualitäten und kurbelt frohgemut voran! Sollte das Training doch einen Nutzen gebracht haben?! Wir ackern hinterher. Die Motivation steigt mit der Annäherung an den Rasthof Sangerhausen, Kontrolle Nr. 4, km 262. Hier gibt es etwas Warmes für Körper und Seele! Die Bernauer Truppe hat sich schon breit gemacht und die Beine hochgelegt.IMG_0036 Wie schon vor zwei Jahren! Diesmal gönnen auch wir uns fast eine Stunde Pause. Dann blase ich zum Aufbruch. So komfortabel ist unser Zeitpolster schließlich auch nicht!

Wir erreichen Artern an der Unstrut und biegen ab auf den Unstrut-Radweg, der mir noch in guter Erinnerung ist von 2012. Ruhig, glatt, beschaulich. Es kommt anders: Nach wenigen Kilometern ziehe ich brutal die Bremsen: Der Weg ist übersät mit Scherben. Rüpelige Herrentagsherren haben sich hier offensichtlich ausgetobt! 20 Kilometer Marterstrecke folgen. Immer wieder werden wir von Scherbenteppichen gebremst, manchmal schultern wir die Räder, weil die komplette Breite des Weges voller Flaschen und Scherben liegt. Das nervt!

Alle Lampen an! Volle Leuchtpower auf den Weg, dann haben wir eine Chance, hier ohne zerschnittene Reifen wieder rauszukommen. Gerade auf diesem Abschnitt beweist sich, wie gut wir mittlerweile gemeinsam auch mit heiklen Situationen zurechtkommen.

Wir erreichen nach einer Platten- und Kopfsteinpflastersteigung den Nordrand von Erfurt. Wie schön, wieder auf glattem Belag unterwegs zu sein! Die Anfahrt zum Erfurter Bahnhof, unserer vorletzten Kontrolle, gestaltet sich zäh. Zehn Kilometer lang erstreckt sich die Vorstadt, dann sind wir im Altstadtbereich mit vielen Baustellen und den allgegenwärtigen Straßenbahnschienen.

Frank ruft, als wir in die falsche Straße einbiegen. Wir denken, er fährt gleich richtig und wir verlieren ihn deshalb aus den Augen. Er hat sich allerdings einen Plattfuß am Hinterreifen eingehandelt. Das bremst ihn nachhaltig, und wir sehen ihn erst 30 Minuten später im Bahnhof wieder. Wir haben einen großen Kaffee und ein leckeres Baguette Vorsprung vor dem Armen. Als er mit leicht säuerlicher Miene eintrifft, müssen wir auch schon wieder starten. Die Zeit drängt!

Bis Gotha sind es 26 km. Die baggern wir doch auf einer Backe ab! Frank beißt die Zähne zusammen und hängt sich rein. IMG_3802 IMG_3801In Gotha treffen wir um 6.30 Uhr ein. In der HEM-Tanke gibt es den letzten Stempel und vor allem wieder Wachmacherkaffee. Wir haben uns in der Nacht zu „Koffeinjunkies“ entwickelt. Um sieben stehen wir wieder in den Pedalen: es geht auf 400 m Höhe hinauf. Frank hat frische Energie und zieht uns geradezu auf den Hügel. Andi und Frank machen die Pace, Peter und ich folgen willig. Schon um acht stehen wir am Fuße des Anstieges zur Wartburg.IMG_3808 IMG_0051

Mindestens fünf andere Teams entledigen sich hier auch der Nachtklamotten und schnaufen noch mal durch. Die Steigung beginnt mit 13 bis 15 %. da heißt es, reintreten!

Andi bekommt den Teamauftrag, als Erster hochzufahren und unsere Karten abzugeben. Foto 1 Foto 1 IMG_3825

 

 

 

 

 

 

 

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Das macht er leicht unwillig, aber mit Bravour! Wir folgen zwei Minuten später. Um 8.30 Uhr stiefeln wir nacheinander die letzte Rampe zur Aussichtsplattform hinauf.IMG_0052

Hier ist vor bald 500 Jahren Martin Luther als Junker Jörg hinaufgewandert, um dann flugs das Neue Testament innerhalb von 11 Wochen zu übersetzen. Das brachte den „einfachen“ Menschen die Möglichkeit, die Bibel  lesen zu können,  und als netten Zusatznutzen schuf er auch die erste einheitliche deutsche Schriftsprache. Ein wenig Ehrfurcht an diesem Platz ist also durchaus angebracht.IMG_3836

Wir schütten hier oben am Ziel des Flèche reichlich Endorphine aus, fühlen die Anspannung weichen, Zufriedenheit kommt auf, Glücksgefühle … stimmt alles!IMG_3820

IMG_0056Olaf, der Organisator, kann zufrieden auf die kaputten, aber glücklich ausschauenden Randonneure blicken. Gut gemacht, Orga-Team! DANKE

Andi verteilt unsere Medaillen, Fotoshooting, und rein ins Gewusel der Randonneure aus Nord und Süd, West und Ost. IMG_3838Ich entdecke Friedhelm Lixenfeld, der es mit seinen 83 !!! Jahren wieder mal geschafft hat, diese Aufgabe zu bewältigen. Chapeau!Foto 4 IMG_0063 image

Viele altbekannte Gesichter und  alle gut gelaunt, schließlich zeigt sich sogar die Morgensonne und wärmt uns. Nach einer halben Stunde rollen wir hinunter in die Altstadt, wo wir uns im „Storchenturm“ einige kühle Biere gönnen, dann werden wir mit Würstchen, Steaks, Salaten und und und verwöhnt.

Nochmals: Gut gemacht, Olaf und Orga-Team. DANKE!

In zwei Jahren geht es wieder los! Flèche Allemagne 2016!

Vorher machen wir noch das 600er, dann 2015 Paris-Brest-Paris und was uns sonst noch einfällt!

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