„Das Rennen“– von Tim Krabbé – unbedingt lesen!

Im späten Sommer 2011, kurz nach Paris-Brest-Paris, legt mir meine bessere Hälfte dieses Büchlein auf den Nachttisch. 162 Seiten später schlafe ich mit der Gewissheit ein, dass ich eines der besten Bücher, die ich je über den Sport, über den Radsport in die Hand bekam, verschlungen hatte! P1010868

Zum vierten Mal habe ich es nun genossen und verdaut – ohne schädliche Nebenwirkungen.

Es ist an der Zeit, ein wenig Werbung für dieses Buch zu machen!

Tim Krabbé, Das Rennen

Reclam Taschenbuch Nr. 20152

ISBN: 978-3-15-020152-7

Tim Krabbés ( geb. 1943) autobiografischer Roman aus dem Jahr 1978 – der literarische Radsportklassiker schlechthin – bannt in die Beschreibung eines Rennens im Süden Frankreichs die ganze Magie dieses Sports.

„Meyruis, Lozère, 26. Juni 1977. Warm, bewölkter Himmel. Ich nehme meine Sachen aus dem Auto und setze mein Fahrrad zusammen. Von Straßencafés aus schauen Touristen und Einwohner zu. Nicht-Rennfahrer. Die Leere in ihrem Leben schockiert mich.“

Das sind die ersten Zeilen in Krabbés Roman.

Tim Krabbé ist das Rennen, die Mont-Aigoual-Rundfahrt, mitgefahren, am 26. Juni 1977. Ein anspruchsvoller Parcours: 137 Kilometer in viereinhalb Stunden. Von Meyrueis durch die bizarre Felsenlandschaft entlang dem Flüsschen Jonte, dann hinauf auf die Hochebene. Er wollte das Rennen unbedingt gewinnen, aber er hat es nicht geschafft. Ein Jahr darauf hat er ein Buch daraus gemacht. Das Buch ist unter dem Titel „De renner“ in Holland erschienen, hat seither dort zwanzig Auflagen erlebt und gilt als Klassiker des Genres Sportroman. Sehr zu Recht, und um so dankbarer muss man dem soeben verschiedenen Verlag Reclam Leipzig sein, dass er das Buch noch ins Deutsche gebracht hat.

Dieses Buch ist ein kleines literarisches Glücksgefühl im Sattel.

Das Bewusstsein ist klein auf einem Fahrrad,  je größer die Anstrengung, desto kleiner. Jeder aufkommende Gedanke ist sofort absolut wahr, jedes unerwartete Ereignis ist etwas, das man schon immer gewusst, aber einen Moment lang vergessen hatte. Was sich während des Rennens im Kopf des Fahrers dreht, ist eine monolithische Kugel, so glatt, so gleichmäßig, dass man die Drehungen nicht einmal sehen kann.“

Krabbé nimmt den Leser mit in sein Abenteuer – den kundigen Radsportler zieht er in seinen Bann. Jeder, der es liest, findet sich selbst wieder, nur besser beschrieben, als er es selber könnte. Den vom Radsport Unbeleckten zeigt er die Welt dieses Sports mit einer großen Zeitlupe, die er auf dieses eine Rennen gerichtet hat.

Von Kilometer 1 bis 137 hängt Krabbé seinen Leser dicht an sein Hinterrad und nimmt ihn – in Echtzeit beinahe – mit auf seine viereinhalbstündige Verfolgungsjagd durch die südfranzösischen Cevennen. Er teilt mit ihm die Zustände eines Radrennfahrerkörpers: die Hitze des Kletterns, die Kälte auf dem Gipfel, die Vorfreude, aber auch Trauer beim Gedanken ans stetig nahende Ziel, den inneren und äußeren Rhythmus und die Resignation beim Verlust desselben, den Kampf gegen das Wetter und gegen die Bequemlichkeit der „Hinterradlutscher“, die antizipierten Stürze, ja tödlichen Abstürze, die Momente panischer Angst, die Déjà-vus – die ganze Seele.

Kilometer 78 Lanuéjols. Ein kleines Dorf, plötzlich aus einer Falte im Hochland zum Vorschein gekommen. Der Geruch von Mist, Bauern auf einem Mäuerchen, ein Hund, der in seiner Hütte aufspringt und einen beängstigenden Sprint in unsere Richtung beginnt, abrupt beendet durch seine stramm gezogene Kette.  Vergesslichkeit.“

 „Straßen mit Kopfsteinpflaster sind, wie Amsterdamer Rennfahrer sagen, noch von den Römern angelegt worden, die einfach einen Haufen Pflastersteine aus einem Hubschrauber runtergeworfen haben. Erst auf Kopfsteinpflaster erfährt ein Mensch, was es bedeutet, ein Presslufthammer zu sein. Die Arme werden dreimal so dick, die Kiefer klappern wie Kastagnetten, die Kette bricht in Lachen aus und springt am liebsten ab.“

Nur wer sich solchem oder ähnlichem Irrsinn aussetzt, kann Erfahrungen machen, die Sesselfurzer nie kennen werden. Erfahrungen, die einem keiner mehr nimmt und die schließlich, und seien es nur Augenblicke, zu den wesentlichen in einem Leben zählen werden, zu solchen, die man nie vergessen wird, die eine andere Ebene in einem angesprochen haben.

Mit Krabbé sieht man ins Herz des Radsports, mitten hinein!

LESEN! 

und hier kommt Tim Krabbé selbst zu Wort:

Sehen und hören!

Veröffentlicht am 02.07.2014

Tim Krabbé — Riding (2014) is an intimate portrait about Dutch writer and cyclist Tim Krabbé (Amsterdam, 1943). His internationally acclaimed novel ‚The Rider‘, first published in 1978 and translated into eight different languages, has become a cult classic amongst cycling and literature fans. At the age of 71, Tim is still an active cyclist. He rides about 10,000 km per year and he does so in Etxeondo clothing.
We are proud to have him as an ambassador.

 


3 Gedanken zu “„Das Rennen“– von Tim Krabbé – unbedingt lesen!

  1. Hallo Dietmar,
    danke für Deine Erinnerung – ich wollte dieses tolle Buch auch schon längst zum zweiten mal lesen. Jetzt nehme ich es sofort aus dem Regal.
    Deine Worte passen prima zu diesem Buch, ja sie würden sogar sehr gut dort hinein passen.
    Vielen Dank

    PS: Ich melde mich im Herbst / Winter mal, wenn mein neuer crosser (surly straggler) fertig ist. Dann können wir mal wieder eine Runde drehen (mit weniger hm´s als zuletzt).
    Viele Grüße
    rainer

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