Lost Places im Barnim

DSC00325Die Sonne hat nicht mehr viel Kraft im späten Herbst. Kalt bläst der Wind aus Osten. Peter und ich haben unsere Crosser gesattelt. Das Croix de Fer  und mein Basso rollen auf   Stollenreifen. Runter von den glatten Straßen, rein in Wald und Feld. Und davon hat der Norden Berlins eine Menge zu bieten. Heute will ich Peter zwei „Lost Places“ zeigen, die schon lange ganz oben auf meiner Liste der interessantesten Ziele im Barnim stehen.Schloß Dammsmühle

Schönfließ-Mühlenbeck-Schönwalde. Am Ortseingang von Schönwalde fahren wir nach links durch einen wunderschönen Buchenwald, und nach einem Kilometer erreichen wir Dammsmühle. Aus schönfärbendem Abstand sieht das Gebäude noch ganz ordentlich erhalten aus. Je näher wir kommen, umso deutlicher wird der Verfall des ehemals herrschaftlichen Hauses. Erbaut 1768 vom Berliner Lederfabrikanten Peter Friedrich Damm. Den markanten Turm ließ der Pankower Amtsvorsteher Adolf Friedrich Wollank aufsetzen, nachdem er das Schloss im Jahre 1894 erworben hatte.Spannend wird die Geschichte des Hauses ab dem Jahr 1929. Damals erwarb es ein Brite, der Deutschland allerdings 1938 verließ, weil seine Frau Jüdin war. 1940 wurde der Besitzer enteignet, das Schloss gehörte fortan Heinrich Himmler. Als Himmler und das Dritte Reich untergegangen waren, besetzten sowjetische Truppen das Schloss Dammsmühle. Sie nutzten es erst als Lazarett, dann als Casino für Offiziere der Roten Armee. Und rot sollte auch seine Zukunft sein.
1959 übernahm Stasi-Chef Erich Mielke die Schlossherrschaft.DSC00320

Das milde Novemberlicht lässt dem maroden Gebäude seinen Stolz.

DSC00307

Die Fische im See können sogar schreiben.

DSC00313

200 Meter weiter entdeckt Peter im Wald diesen Teepavillon. Wer hat es sich wohl hier schon gut gehen lassen, Tee und Wein getrunken und die schöne Natur genossen?

Wir drehen noch eine Runde um Schloss und See. Eigentlich gar nicht so schlecht, dass die Versuche verschiedener Käufer, Investoren, Glücksritter zur Wiederbelebung allesamt gescheitert sind. Dieses Plätzchen hat gerade deshalb eine ganz besondere Anziehungskraft. Wie lange wohl noch?

An Basdorf vorbei führt unser Track durch die Wälder zum Liepnitzsee. Klar und türkis schimmert die Wasseroberfläche. Ein traumhaft schöner See! In Ützdorf biegen wir links ab in Richtung Wandlitz. Nach wenigen Minuten erreichen wir den Abzweig nach Bogensee.

DSC00330

NS-Propagandaminister Joseph Goebbels nutzte das Gebäude, das damals „Waldhof“ genannt wurde, als Landsitz – und für Frauenbesuch.DSC00327

Einst tanzte hier Ufa-Star Zarah Leander. NS-Propagandaminister Joseph Goebbels traf sich mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova zu verschwiegenen Liebesstunden. 100 Meter weiter lauschte zwei Jahrzehnte später der junge Egon Krenz den Vorträgen von FDJ-Chef Erich Honecker. Nebenan ließen es im Kultursaal junge Kommunisten bei ausgelassenen Feten krachen. Mehr Geschichte mit solchen Gegensätzen gibt es selten an einem Ort.

DSC00349

Der Architekt des Ost-Berliner Prachtboulevards Stalinallee, Hermann Henselmann, baute in den 1950er-Jahren dann das monumentale Ensemble im Zuckerbäckerstil samt pompösen Konferenz- und Kultursälen und Wohngebäuden für jährlich rund 500 Studenten des Marxismus-Leninismus. Nach der Wende wurde die Hochschule aufgelöst.

Aber es gibt tatsächlich – man sehe und staune – einen Freundeskreis der „Ehemaligen“, der sich auch im Juni 2014 an diesem wunderbaren Ort versammelt hat. Schön sicher, wenn man in solchen Erinnerungen schwelgen kann! Hoffentlich graben sie den alten Honni nicht auch noch wieder aus!

Und das ist tatsächlich zu lesen auf der Homepage des Freundeskreises:

Wir über uns: 
Unsere Ziele sehen wir in der Pflege besonders der antifaschistischen Traditionen der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ am Bogensee und deren Außenstellen für Frieden, Freundschaft und Solidarität sowie in der Erhaltung der denkmalgeschützten Einrichtung als geschichtlich zu bewahrendes sowohl deutsches als auch internationales Kulturgut.

Da sage ich doch nur: Freundschaft!!!

alt

treffen

csm_2014-11-09-friedensaktion-berlin-alexanderplatz-fdj-okv_979fb9fef0

 

 

 

 

 

Nachdem ich das Einladungsplakat gefunden hatte, stieß ich auch noch auf den Aufruf des Arbeitskreises zu einer Aktion am  9.November 2014. Beim Lesen ist es mir spontan übel geworden.

Die ewig Gestrigen gibt es immer noch! Unsere Demokratie verträgt und toleriert so einiges!

 

DSC00336

Vom ehrgeizigen Hotelprojekt künden nur noch die verwitterten Hinweisschilder. Das fahle Herbstlicht untermalt die Situation angemessen.

 

DSC00332

Die Natur erobert sich das Gebiet zurück!

DSC00343

DSC00353

Eiszeit in Bogensee. Nichts bewegt sich mehr hier. Mit leichtem Schaudern, frierend schwingen wir uns, beeindruckt von so viel monumentaler, verfallender Pracht, wieder auf die Stahlgeräte. Als wir in Wandlitz einrollen, ist uns nach einem warmen Getränk und irgendetwas Leckerem vom Bäcker. Unser Wunsch wird erhört. In einem wohlig-warm geheizten Café schlürfen wir Milchkaffe und genießen Apfel- und Mohnkuchen.

DSC00359

Oha! Dieser Zauberhandwerker täte gut daran, sein Werbeschild dem geschriebenen Anspruch anzupassen.

DSC00365

 

Bei warmen Getränken resümieren wir unsere Kultur-Tour zu den beiden „Lost Places“

 

„Zum Glück“ – eine Skulptur in Wandlitz. Zum Glück sind wir in einer Stunde wieder zu Hause.


5 Gedanken zu “Lost Places im Barnim

  1. Touren so durch die Gegend liebe ich auch. Nicht nur da sman immer wieder neue und bsiher unbekannte Wege findet, sondern auch wie auf Deiner Tour, auf sehenwertes trifft. Gut ist dann immer eine schussbereite Digicam, eventuell noch etwas passendes Licht.

  2. Hallo Dietmar
    Wieder eine schöne Tour. Stimmungsvolle Bilder mit viel interessantem, geschichtlichen
    Hintergrund. Touren – die zum „Nachfahren“ einladen! Woher holst Du die vielen geschichtlichen Details?
    Weiter so !!!
    Ich wünsche eine Frohe Adventszeit.
    Beste Grüße
    Franz

    PS: Habe heute schon meine 1.Advent-Tour hinter mir. 0 bis -1°C. Windstärke 4, in
    Böen 5, sagenhaft sauerstoffhaltige Luft. Ich liebe das.
    Übrigens gab es bei mir danach heiße Kartoffelsuppe mit Bockwurst.

    1. Kartoffelsuppe mit Wurst – das muss wunderbar schmecken nach einer Wind- und Kältetour!
      >> Die Hintergründe hole ich mir aus Wikipedia, aus Zeitungsberichten etc.. Über Bogensee gab es einen schönen Artikel in der FAZ. Ganz in der Nähe stehen die Ruinen der ehemaligen DDR Militär Leitstelle. Mitten im Wald bei Ützdorf. Das werde ich mir demnächst mal näher ansehen.
      Genieß die Adventszeit

      Beste Grüße
      Dietmar

Kommentar verfassen