Über die stille Pauline zur Stülerkirche – für den Gran Fondo 150

Peter will unbedingt 150 Kilometer an diesem Sonntag fahren. Und ich lasse mich blitzschnell dazu überreden, zumal nach -zig dämmrigen, feuchtkalten Tagen heute Sonne pur angesagt ist. Die Temperaturen um Null Grad werden wir einfach durch den konsequenten Einsatz unserer körpereigenen Kraftwerke als angenehm warm empfinden. Schnell einigen wir uns auf eine Strecke, die aus Berlin nach Westen hinausführt. Um 9 Uhr rollen wir los. Am vielgetesteten Kreisverkehr in Paaren steigt auch dieses Mal Peters Garmin Edge aus der Navigation aus. Jetzt weiß er wirklich zuverlässig, dass sich die Garmin-Software mit der OSM-Velomap beim Routing nicht verträgt. Also muss die OSM-Freizeitkarte ran, mit der routet es zuverlässig.

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Der Havelland-Radweg führt uns über Kienberg und Teufelshof nach Lobeofsund. Dieser Ort heißt wirklich so! Der Dorfname Lobeofsund soll auf einen schwedischen Fahnenflüchtigen im Dreißigjährigen Krieg zurückgehen: „Lob auf den Sand“ soll sein Ausruf gewesen sein, als er diese trockene Stelle im damaligen Moor des Rhinluchs erreichte – woraus dann in Preußen kurz Lobeofsund wurde. An die Straße von Königshorst nach Lobeofsund wird sich jeder Radfahrer erinnern: Seit Jahren ist sie kilometerlang auf einer Hälfte geteert, auf der anderen kann man eines der schärfsten Kopfsteinpflaster Brandenburgs erleben. Also fahren wir kurzerhand auf der linken Seite. An diesem Sonntagmorgen stört uns kein Auto bei unserem frevelhaften Tun.

Die „Stille Pauline“ ( die Schmalspurbahn dampfte hier seinerzeit mit nur ca. 30 km/h entlang – still und leise) empfängt uns auf dem Weg nach Norden mit einer wunderbar glatten Teeroberfläche. Der Radweg ist einer der schönsten und besten, die ich kenne.

Das schrieb Fontane im Jahre 1882 in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“:

Abzweigend von einer zwischen Nauen und Friesack gelegenen Mittelstation der Hamburger Bahn (Paulinenaue) dringt jetzt, über Linum-Fehrbellin und ihnen verwandte Lagunen-Distrikte hinaus, eine kleine, nur mit drei Lokomotiven befahrene strada ferrate bis ins Herz der Grafschaft vor, ein eingleisiger, fast wie mit dem Lineal gezogener Schienenweg, der als Schößling oder Sprößling obenerwähnter Station Paulinenaue, den eigentümlichen und der Folgerichtigkeit seiner Etymologie vielleicht anfechtbaren Namen der „stillen Pauline“ führt.

20 Kilometer geht es auf der ehemaligen Bahntrasse durch die Luchlandschaft bis Fehrbellin. Aus dem ehemaligen Bahnhof hat  die Besitzerin Kerstin Zietz ein wunderbares Restaurant mit darüberliegender Pension geschaffen.http://www.alter-fehrbelliner-bahnhof.de/10.html

Ein Top-Tipp für jeden Radler, der in dieser Gegend unterwegs ist.

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So sieht die Zapfanlage aus – aus dieser Lok fließt Bier!
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Peter bei Currywurst und Hefeweizen

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Die Stüler-Kirche in Langen

Nach dem Genuss von Hefeweizen und Currywurst vom Feinsten, garniert mit humorvollen Kommentaren der Wirtin, fahren wir weiter nach Dammkrug, dann biegen wir nach Osten ab. In Langen, einem 500-Seelen-Dorf, staunen wir über die Stüler-Kirche, die 1855 von einer wohlhabenden Familie dem Ort spendiert wurde – für den Baumeister Stüler sicher ein lukrativer Auftrag und für das Dorf bis heute eine erhabene Attraktion. Gegenüber der aufwändig restaurierten Kirche sieht es anders aus: Grau in Grau mit blauem Tupfen!

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Am Südzipfel des Ruppiner Sees erfreuen wir uns an diesem wunderschönen Ausblick:

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Blick auf den Ruppiner See und Schloß Wustrau

Über Herzberg, Grieben und Löwenberg zieht Peter einen Zwischenspurt an. Er will offensichtlich möglichst schnell nach Liebenberg mit seinem Schloss. Nach kurzer Runde durch den Schlosspark verkneifen wir uns aber den Besuch des Restaurants. Die Currywurst vom Fehrbelliner Bahnhof beschäftigt noch unsere Mägen und beginnt gerade, Energie zu spenden. Wir stürzen uns also den kleinen Hügel hinab nach Hertefeld. Ein beschaulicher Weg an Bauerngehöften und Reiterhöfen vorbei.

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„Ein weites Land – geh´ hin und zeig´ es“, so schrieb Fontane in seinen Reiseschilderungen

An der Malzer Schleuse angekommen, ereilt meinen treuen Conti-4Seasons ein Schleicher-Plattfuß. Also runter vom Rad und Werkzeug raus! Die Stecker vom SON-Dynamo sitzen brutal fest und sträuben sich gegen den Griff meiner klammen Finger. Irgendwann habe ich mit Peters Hilfe den neuen Schlauch im Mantel untergebracht. Nur sträubt sich jetzt auch meine „SKS-Wese“-Pumpe und will keinen Druck aufbauen. Peter zeigt mir genüsslich seine „SKS-Airgun“. Dann lässt Peter brutal das Gas aus der kleinen Kapsel in den Schlauch. Knapp 8 Bar sind in 2 Sekunden im Reifen. Da kannste lange pumpen…

Was soll ich sagen: Heute habe ich mir eine SKS-Airchamp besorgt. Und ein Päckchen CO2-Patronen dazu.

Um halb sechs rolle ich nach genau 151 Kilometern vor unserer Haustür aus. Schön war es! Und ganz schön kaputt bin ich. Zeit für eine heiße Dusche, dann warten ein warmes Essen und ein Glas Rotwein.

Schnell noch den Track in STRAVA hochladen – schließlich haben wir den Granfondo 150 soeben gepackt.

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Ja, und ich muss unbedingt die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von Fontane lesen.

 

 

 

 

 

 


9 Gedanken zu “Über die stille Pauline zur Stülerkirche – für den Gran Fondo 150

  1. Schönste bilder die (wie so oft) Erinnerungen im ExBerliner wecken. Immer hatte ich mich schon über die gelungene Dorfkirche auf dem hang gewundert und nie nachgeforscht. dank Didier weiß ich nun mehr!
    Kehrt ruhig einmal in Wustrau ein, dort gibt es ein sehr freundliches Café auf der langen Straße. Caroline irgendwas , na, ist vielleicht schon bekannt.

  2. Gasluftpumpe kann ja jeder. Ich bevorzuge immer noch die traditionelle Methode. So tut ma(n)n wenigstens auch noch was für die Fitness des Oberkörpers & Arme. Wobei da zugegebenermaßen auch schon manche Pumpe zum Fluchen verleitet hat.

  3. Hey, Daumen hoch. Es war einfach nur Klasse am Sonntag. Schöner Bericht und toll, dass wir Beide den gleichen Plan hatten, das Gran Frondo 150 am Sonntag zu machen. Und geschafft haben 🙂

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