Das Brevet, das aus der Kälte kam – 23. März 2013 – Ein kleiner Vorgeschmack auf den 21. März 2015

Das Brevet, das aus der Kälte kam 207 km hatte Ralf  für den 23. März ausgesteckt. Die Wettervorhersagen tendierten in den Vortagen immer mehr zu „noch kälter, noch windiger“. So entschied sich Ralf in letzter Minute, noch einen speziellen Wintertrack herumzuschicken. Fahren nur auf  Autostraßen war angesagt. Eine weise Entscheidung, wie sich im Laufe der Brevetrunde herausstellen sollte. Von fast 60 angemeldeten Teilnehmern standen um die 40 um sieben in der Frühe am Amstelhouse. Minus 10 Grad waren es um sechs Uhr, als ich von zu Hause aufbrach, um mich auf den ersten 16 km zum Startort mit der Kälte anzufreunden. Schön, dass im Amstelhouse gut geheizt war. Wir wollten garnicht mehr raus . Peter Wylach schob kurz vor sieben noch eine taktische Verzögerung ein. Plattfuß vorn vor der Rezeption im Amstelhouse. Routiniert hat er den Schlauch gewechselt und sich mit dem anschließenden Pumpen warm gemacht. Mit sechs Minuten Verspätung rollten wir schließlich los. Das gemeinsame Startfoto fiel aus, denn die erste Gruppe hatte sich schon auf den Weg gemacht. Mit der Sonne im Rücken bei strahlend blauem Himmel auf die Piste– was will man mehr– wenn nicht diese fiese Kälte wäre. Wir rumpelten über die von Ralf vorgesehene Wachmachstrecke Schönwalder Allee mit ihrem wunderbaren Kleinpflaster und freuten uns, als wir in Schönwalde Richtung Linum so richtig losrauschen konnten. Manchmal stand die 3 vorn auf dem Tacho und ich fragte mich: sind die alle so gut drauf, oder verschießen einige schon auf den ersten Kilometern ihr Pulver. Letzteres schien zu stimmen. Mein Wintertraining– langsam, aber lange fahren, kam zum Tragen. Es ging mir gut, die Füße blieben warm. IMG_2395 Dann kurz vor Linum auf einer langen Hügelkuppe schlug der Winter zum ersten Male zu: Der Schnee fegte auf mindestens zwei Kilometern bis Linum über die Straße. Schnee und Eis und Ostwind reichlich. Das Balancevermögen wurde gefordert. So eierten wir durch das Storchendorf Linum, das noch ohne Störche war. Schlaue Tiere! Nur ein paar Kraniche und Graugänse hatten die Reise nach Norden trotz Kälte und Schnee angetreten. Kriegen die eigenlich keine kalten Füße, fragte ich mich. Bei Ronald Mc Donald auf der Autobahnraste Linum war die erste Kontrolle. Warmer Kaffee, Apfelkuchen– wunderbar.  Matthias und ich entschieden uns, Fußwärmer unter die Socken zu kleben– sechs Stunden lang sollen diese Wunderdinger Wärme liefern. Und sie taten es! Richtung Rathenow fuhr ich gemeinsam mit Matthias, der wieder sein gelbes Liegerad kurbelte.IMG_2398 Rückenwind, flotte Fahrt. Nach 20 km bekam Matthias einen Krampf im rechten Bein, der dafür sorgen sollte, das er nach ein paar Zwangspausen in Brandenburg aufgeben musste. So war ich ersteinmal allein unterwegs. Dann schloss ich zu einem Kollegen auf, dessen Namen ich nicht kenne: Supernova nenne ich ihn ab jetzt– weil er eine wunderbare rote Supernova E3 Leuchte montiert hatte. Wenn wir gemeint hatten, der Schnee auf den Straßen wäre gegen Mittag vorüber, so hatten wir uns gründlich getäuscht. IMG_2403 Geschlossene Schneedecke über hunderte von Metern. Wir mit unseren 25 mm Reifchen kamen ordentlich ins Schleudern. Aber es ging noch so grade ohne eine Abflug zu machen. Am Ortseingang von Rathenow trafen wir Frank, der mit dem MTB unterwegs war, kraftraubend, aber beruhigend bei Schnee. Bei NETTO bekamen wir unseren Stempel an der Fleischtheke und vertilgten auch noch Buletten und Würstel. Dazu Kaffee. Ich fuhr vor den beiden richtung Brandenburg los. Jetzt war endgültig Schluß mit lustig, denn der Wind blies jetzt von vorn. Supernova schloß wieder auf zu mir. „Wenn man glaubt, es könnte nicht schlimmer kommen, kommt es schlimmer. IMG_2405 Die Brandenburger Landstraße irgenwo bei Gräningen war auf mindesten 300m Länge komplett zugeweht. 20 cm Schnee, tiefe Autospuren, runter vom Renner. Meine Überschuhe krempelten sich beim Laufen vorne hoch. Wir stapften unverdrossen durch die Schneewehen. Oder hat da jemand etwa bitterböse Flüche gehört? Ein Mountainbiker und ein Kollege mit 35 mm Bereifung baggerten locker durch das Weiß. Wir hatten das Nachsehen. Auf dem Weg nach Brandenburg sollten wir die beiden wieder einholen und überholen. Es war doch die richtige Reifenstrategie mit den schmalen Füßen bei 90 %  trockener Straße und nur 10% Schnee. Alles Nervensache. IMG_2407IMG_2399 Supernova und ich gönnten uns beim Brandenburger Stempel in einer Aral-Tanke wieder einen Kaffee und eine Riesenbockwurst dazu. Gourmets sind wir halt, wie fast alle Randonneure auf langen Strecken. Auf dem Wege nach Ketzin pendelte sich bei dem scharfen Nordost unser Tempo irgendwo bei 17-18km/h ein. Fast deprimierend, wie langsam und kraftraubend wir nur noch vorwärtskamen. In Ketzin kehrten wir nochmals in einer Tanke ein. Geschäfte mussten noch erledigt werden. Ich ging ein paar Minuten vor Supernova auf die Strecke, in der Annahme, dass er wieder aufschließen würde. Ich sollte bis zum Ziel allein bleiben, denn mein Begleiter musste aufgeben, weil seine Kette gerissen war und sein Schaltwerk komplett zerbröselt hatte. Da blieb ihm nur noch die Heimfahrt mit dem Taxi, wie ich am Ziel erfuhr. Auf den letzen 70 Kilometern rumorte mein Magen, zuviel Eiswasser, schätze ich, war der Grund. Der Flascheninhalt war gefroren. Der Schlauch der Trinkblase eiste ein, weil ich vergaß, regelmäßig zu saugen. So habe ich in 12 Stunden drei große Kaffee, einen Liter Wasser und eine kleine Cola getrunken. Viel zu wenig und absolut gegen meine Grundsätze! So schmeckte das warme Bier am Ziel wunderbar. Zumal Ralf als großzügiger Spender auftrat. Es „flenste“ und das Flensburger schmeckte. Reichlich Lasagne war noch im Kühlschrank. Viele hatten aufgegeben, waren in den Zug gestiegen oder hatten sich abholen lassen. So haben wir noch bis halb elf mit Ralf  zusammengesessen, uns gestärkt und den denkwürdigen Tag Revue passieren lassen. Das war das kälteste 200er seit Beginn der Berliner Brevetaufzeichnungen! Dietmar


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