Rein in den Sand – raus aus dem Sand. Ein 300er Brevet der Sonderklasse

Um die 80 Randonneure haben sich bei Sonnenaufgang im Amstelhouse eingefunden. Kalt ist die Luft und klar. Ein frischer Nordwind weht. Die Regenausrüstung kann zu Hause bleiben! Und hierum geht es für die meisten: P1020608 Das 300er Brevet ist das zweite von vier Qualifizierungs-Brevets für die Königsveranstaltung aller Randonneure: Paris-Brest-Paris: 1230 Kilometer! Am 16. August geht es los! Doch vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt. Heute gilt es, nach Roadbook, 312 Kilometer in maximal 20 Stunden zu fahren. Das ist für erfahrene Randonneure eine recht leichte Übung, zumindest verursacht dieses Brevet keine schlaflose Nacht, Zweifel am Gelingen sind unangebracht! So ist die Stimmung im Amstelhouse auch ausgezeichnet. Heißer Kaffee wird den gestählten Körpern tassenweise zugeführt, schnell werden noch ein paar Geschichten von vollbrachten Brevet-Heldentaten aus neuen und aus alten Zeiten zum Besten gegeben. Die Jung-Randonneure lauschen und staunen. Manche lächeln auch in sich hinein. „Den alten Recken werden wir es noch zeigen…“

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Andy hat sein Smartphone auf die Fronttasche geschnallt  und ist so über Kursverlauf, Wetter, soziale Netzwerke und vieles mehr auch während der Fahrt bestens informiert.

Der älteste Crack unter den Startern, „der alte Hans“ mit seinen 78 Jahren, hält es mit den konservativen Navigationsmitteln: dem Roadbook und der ausgedruckten Karte mit dem Streckenverlauf. Ich komme noch auf den unschätzbaren Vorteil dieser fast ausgestorbenen Methode zurück. P1020609 Gut. Schluss mit der Vorrede. Jetzt geht es los. Wolfgang setzt die Mütze auf, die Vorfreude steigt sichtbar. Gestartet wird in drei Gruppen mit jeweils etwa 30 Fahrern. So wird die Fahrt hinaus aus der großen Stadt etwas entzerrt. Letzte Ansagen von Klaus, und schon ist die erste Gruppe um sieben Uhr über die Pflasterstraße nach Westen entschwunden. Zehn Minuten später sitze auch ich auf dem Rad. Andi, Wolfgang, Rene, Peter, und vorneweg fährt als Stadtguide Ralf, unser „Streckendesigner“. Heute wird er seine wahre Freude haben mit uns. P1020607 Gefühlte hundert Ampelstopps halten unseren Schnitt auf mageren 21 km/h. Als wir Güterfelde im Süden von Berlin erreichen, gibt Ralf das Feld frei. Wir nehmen Fahrt auf und der Tacho fällt über die nächsten zwei Stunden kaum einmal unter die 30 ab. Rückenwind! Eine gute Gruppe mit engagierten Vorne-Fahrern macht die Kilometer bis in die Gegend um Baruth zum reinen Roll-Genuss. Bei Kemlitz merke ich, dass die fixe Rollergruppe, in der ich fahre, gar nicht auf dem Originaltrack unterwegs ist. Oha! Also biege ich bei der nächsten Möglichkeit nach rechts ab, um wieder auf den roten Strich auf dem Navi zu gelangen. Mir nach eilen Wolfgang und auch Matthias mit seinem Carbon-Lieger. Nach zirka einem Kilometer wird aus dem festen Sandweg tiefer Sand. Der Track führt hinein in einen Kiefernwald. Mein Vorderrad pflügt sich in den lockeren Untergrund, und ich fliege fast vom Rad. Laufen ist angesagt. Wolfgang balanciert noch, Matthias ist schon lange abgestiegen und schiebt. Jetzt kämpft jeder um jeden Meter. Das kann doch nicht mehr lange dauern, so fies kann doch unser Streckenplaner Ralf den Kurs nicht gelegt haben. Zumal er immer jeden Zentimeter einer neuen Streckenführung vorher unter die Räder nimmt. Zweifel kommen auf.

Hier ein paar Cross-Impressionen ( Fotos von Andy Puhr)20150418_103654 20150418_103703 20150418_104133

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So wie er schaut, war auch Andy im Sand!

Laut Andy Originalton liebt er Crosseinlagen geradezu! Also wird das Brötchen nicht so gut geschmeckt haben…

Der Sand wird tiefer, und wir fluchen wie die Rohrspatzen. Schließlich stoßen Wolfgang und ich wieder auf den wunderbar glatt geteerten Fläming-Skate. Mit dem Nachteil, dass der nur über einen Umweg zum ersten Kontrollpunkt Dahme/Mark führt. Egal: Wir rollen und sind froh, der Märkischen Streusandbüchse entronnen zu sein. Matthias hat es härter getroffen. Neben langen Schiebepassagen hat er sich auch noch einen Plattfuß eingehandelt, der ihn Zeit kostet. Vorm Lidl-Markt in Dahme treffen wir auf geschundene Kollegen, aber auch auf die grinsende (nicht schadenfrohe) Fraktion, die den Weg über die Landstraße gewählt hatte. Wie der alte Hans, der sich wundert, dass er mit den vermeintlich viel Schnelleren gleichzeitig am ersten Kontrollpunkt eintrifft. Und die Moral von der Geschicht: Manchmal ist ein Blick auf Roadbook und Karte hilfreich und geschwindigkeitsfördernd. Ralf sei hier im Namen der Kollegen vergeben. Schließlich hat ihm nur die dumme Routing-Software einen Streich gespielt. RALF: Du bist und bleibst unser Lieblings- Streckendesigner!

Matthias
Matthias bringt die Aerodynamik des Troytec „hart am Wind“ zur Geltung

Unseren ersten Kontrollstempel holen wir uns in einem Blumenladen in Dahme. Die freundlich- gut gelaunten Damen lassen uns die vergangene Pein schnell vergessen. Ab auf den Fläming-Skate gen Westen führt der Kurs. Jetzt bläst uns der Wind ins Gesicht. Sonne und Wind von vorn! Wir arbeiten uns vor bis nach Oehna, wo der urige Gasthof mit Biergarten uns zum Essen und einem satten Kontrollstempel einlädt. P1020620Heute ist passenderweise „Pasta-Tag“. So tragen wir durch reichlich geleerte Pastateller zur Umsatzsteigerung bei. Still 8 Still 9DSC00462Gut gestärkt und guter Laune werfen wir uns in die nächste Etappe. Wer mag schließlich dem Wahlspruch über der Gasthoftür widersprechen. In Wittenberg überqueren wir die Elbe und rollen am Elbdeich entlang nach Wörlitz: Purer Landschaftsgenuss! Schaut mal rein in den Blog von Rene mit stimmungsvollen Fotos:

https://reneheiden.wordpress.com/2015/04/19/brevet-dreihundert-kilometer-2015-eine-prufung-der-windigen-art/

Allein der Park in Wörlitz wäre schon eine Reise wert. Das weiß ich nach einem Radurlaub dort mit der Familie. Wir sind heute nur auf der Durchreise. Trotzdem bekommen wir einen Hauch von der Kulturschönheit mit. Ein dickes Eis  P1020624 im Café im Eichenkranz noch, dann schwingen wir uns wieder auf die Pferde und gehen auf Kurs Richtung Norden. Auf die Fähre bei Coswig und dann durch die ersten Wellen des Fläming bei tiefer Nachmittagssonne. Still 10 Still 11 Über zwei Kilometer wunderbar durchrüttelnde Granitpflasterstraße bei Lindow führt der Kurs nach Dobbrikow und die „alte Scheune“. Hier treffe ich Peter, Klaus und Matthias wieder, die mir ab Wörlitz enteilt waren. Die Kontrollfrage nach der Farbe der Hose vom Koch kann nicht beantwortet werden, weil der Koch, der normalerweise draußen sein hartes Dasein auf einem Moped fristet, gerade zur Restauration im Warmen weilt. Also holen wir uns bei der Wirtin den klassischen  Stempel ab. Dann gibt es Hamburger mit Pommes und Erdinger alkoholfrei… Ich bescheide mich mit dem Getränk. Matthias und Peter haben ordentlich Hunger und verdrücken den Riesenhamburger. Ein paar Fritten fallen für mich ab. Dann machen wir uns nachtfertig, mit Weste und „lights on“. Still 12 Hinein in die Nacht mit Vogelgezwitscher und tausend Düften aus der erwachenden Frühlingsnatur. Still 13 Klaus in seiner Eigenschaft als Organisator führt uns auf einem ampelfreien Weg hinein in die Stadt. Fünf Kilometer „on top“ sind die akzeptierte Konsequenz. Um 23 Uhr stellen wir die Räder im Amstelhouse ab. Lasagne und Weizenbier warten. Es gibt reichlich zu quatschen über diesen herrlichen Tag. Und die Würze war doch der unfreiwillige Ausflug in die märkische Streusandkiste! Gegen 0.30 Uhr schwinge ich mich ein letztes Mal auf mein treues Endurace und rolle heim. Bildschirmfoto 2015-04-20 um 10.52.08349 Kilometer stehen incl. An- und Abfahrt heute zu Buche. Eine Stunde später gönne ich mir noch ein Glas Rotwein und schlummere sanft ein. Das 400er darf kommen! Auch ohne Sandpassagen.


6 Gedanken zu “Rein in den Sand – raus aus dem Sand. Ein 300er Brevet der Sonderklasse

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