Brevet 600 km – die Qualifikation für PBP – härter als gedacht!

Berlin – Ostseestrand – und fix nach Berlin zurück! So einfach war es dann doch nicht! 30 bis 35 Stunden lang auf Du und Du mit dem Rad, mit der Natur, mit dir selbst – warum machen wir das? Weil wir es wollen! Und weil wir es dann können!

Seid stark, dieser Bericht ist so lang wie das Brevet – und das war gaaanz lang!

Aber zurück zum Start: 30. Mai, 4.30 Uhr, der Wecker piept unbarmherzig. Aufstehen, heiß duschen, Tee trinken, zwei Toast mit Honig und Marmelade – ein Blick in den „Tagesspiegel“, ein weiterer auf das Wetter-online-Portal: Wind mit Stärke 3 bis 5 aus West ist angesagt, dazu Regenschauer, an der Ostsee max. 12 bis 13 Grad. Puh! Das kann ja heiter werden.

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Vorfreude auf 600 Kilometer Radfahren

Regenjacke und -hose, Langfingerhandschuhe, Überschuhe – alles dabei. Haken dran. Käsebrot, Power-Pulver, Riegel – Trinkflaschen im Halter.

Los geht es um 5.45 Uhr hinein in das erwachende Berlin. Ein erster Regenschauer nässt die Straßen. Das blank geputzte Endurace bekleckert sich mit Dreck. Im Amstelhouse dann das übliche Prozedere: Brevetkarte holen, Startzeit wählen. Wir werden in der dritten Gruppe starten.

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Andy, noch ist der Lenker heil! Aber, aber…

7.20 Uhr. Matthias und ich haben im Niederschlagsradar gesehen, dass die erste Schauerfront gegen 7.30 Uhr durchgezogen sein müsste. Also: So spät wie möglich starten. Eine gute Wahl. Mit den letzten Tropfen rollen wir nach Nordosten hinaus aus der Stadt. Die Laune bessert sich. Nasse Straßen, aber trockener Helm! Am Rand von Hennigsdorf verliert mein Hinterreifen schnell Luft – wird weich und weicher. Vor einer Baustellenausfahrt hebe ich die Hand und rolle aus. IMG_4829Peter, Wolfgang und Andi leisten mir Pannenbeistand. Der erste Schlauch sträubt sich gegen das Aufpumpen. Wie oft habe ich schon auf diese blöden Einschraubventile von Schwalbe geflucht. Und trotzdem habe ich genau diesen Schlauch eingepackt. Ich schaffe es, auch noch das Ventil beim Aufpumpen abzubrechen. Andi spendiert mir mir Schlauch Nr. 2. Der hält dann die Luft. Hände eingesaut, 20 Minuten verloren. Aber die Freunde machen noch Späße, also rollen wir endlich weiter. Dann, kurz hinter Marwitz, km 30 – paff!  Schon wieder ist der Reifen platt. Ich fluche heftig, sage den Freunden, sie sollen schon vorfahren. Aber nein, sie wollen mich nicht zurücklassen. Gut so, danke! Peter reicht das Flickzeug, fummelt die Scherbensplitter aus dem Mantel. Ich ziehe vorsichtshalber den 23-mm-Ersatzreifen auf. Noch einen „Nachstecher“ will ich nicht riskieren. Nochmal 20 Minuten Zeitverlust. Jetzt sind wir endgültig hinten dran. Wie schön, dass noch 570 km vor uns liegen.

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Der mutmaßliche Übeltäter: Scherben aus durchzechter Nacht vorm Amstelhouse
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Den Grog haben wir dann doch nicht getrunken – Pizza gab es, und Erdinger ohne

Gleichmäßig treten, trinken, treten. In Lindow dann der erste Stempel beim Bäcker. Mein Gemüt hellt sich wieder auf. Der Himmel auch. Um die Mittagszeit rollen wir in Fleether Mühle ein und genehmigen uns eine Pizza und ein Erdinger alkoholfrei. Gutes Timing! Draußen rauscht der erste Schauer nieder. Wir sitzen warm und trocken. Dann arbeiten wir uns stetig und beharrlich durch den Müritz-Nationalpark an Kratzeburg heran. Das Café Piccolino wartet. Mit den ersten Tropfen von Schauer Nr. 2 erreichen wir die Kontrolle und holen uns die Stempel. Weiter, wir wollen nicht noch mehr Zeit verlieren. Dann biegt Andy P. mit seinem orangefarbenen Oldie um die Ecke. P1020850Er hat mit einem genauso wilden wie kreativen Doppelrohr seinen gebrochenen Lenker stabilisiert. Andy, ganz in der Tradition von Eugène Christophe:P1020849

Auf dem ersten Platz liegend, erlitt sein Fahrrad bei der Tour de France 1913 in den Pyrenäen in der Abfahrt vom Col du Tourmalet einen Gabelbruch. Um es zu reparieren, musste er 14 km zu Fuß zur nächsten Schmiede gehen, in der er sich nicht helfen lassen durfte. Durch den Fußmarsch und die Reparatur verlor er mehr als zwei Stunden Zeit. Dennoch bekam er eine Strafminute, da ein Junge den Blasebalg für ihn bediente. Der Überlieferung nach kommentierte er diese Strafminute mit nicht druckfähigen Ausdrücken. Er wurde insgesamt Siebter. Auch 1919 beendete ein Gabelbruch seine Siegeshoffnungen. Er belegte diesmal den dritten Platz.

Na, Andy, da kannst du froh sein, das dir keine Strafminuten aufgebrummt wurden. das Alurohr war eine klare Fremdleistung! Hohoho! Aber jetzt im Ernst: Châpeau, dass du weitergefahren bist!!!

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Bis Salem am Kummerower See geht es flott voran. Wolfgang und ich schließen wieder auf die Gruppe auf.

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Gerhard in bester Laune
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Hans mit „Warp“- Trikot für  Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit. Dabei die selbstgebastelte Luftpolster-Thermojacke
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Andy, der Lenkerbrecher, lacht schon wieder.
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Für die, die es nicht entziffern können: „Und es kam eine große Flut, vierzig Tage lang regnete es.“ Gott sei Dank kam es nicht ganz so schlimm.
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Faulenrost – und das bei Schwabendorf! Passt gar net, gell?!
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Hungerstorf schon eher

Und ich Weichei habe mit zwei simplen Plattfüßen gehadert. Trockenen Fußes passieren wir Ankershagen mit dem Heinrich-Schliemann-Museum. Die Geschichte vom Troianischen Pferd habe ich als Jugendlicher geradezu verschlungen. Geschichte für Anfänger! Wolfgang erinnert mich daran, dass wir auf dem Weg hierher auch die Gedenkstätte für Alfred Wegener, den berühmten Polarforscher, Geophysiker und Meteorologen  passiert haben. In Zechliner Hütte. Puh! Und das wusste ich nicht. Wolfgang, hab Dank!

Wolfgang fährt mit flottem Tempo voraus, bald sind wir zu zweit, dann enteilt er mir. Ein Kilometer pro Stunde ist er schneller als mein Rhythmus. Peter ist irgendwo hinter mir abgeblieben.

Der Track führt östlich um Bad Sülze herum, ich schaue auf meine „Freunde-App“ und sehe, dass Peter ca. fünf Kilometer hinter mir unterwegs ist. Nach einer kleinen Pause erreicht er mich. Wir freuen uns, wieder im Team zu fahren – hinein in den Abend und in die Nacht. Bevor in Nordpommern die Bürgersteige hochgeklappt werden, wollen wir noch eine warme Mahlzeit in den Körper bekommen. Die Nacht wird noch lang…

Die 20 Kilometer bis Barth entwickeln sich für einen ehemaligen Wetterfrosch wie mich zum reinen Anschauungsbeispiel  zur Entwicklung von Cumulonimben – Gewitterwolken – , von der heftigen Aktivität bis zum Zusammenfallen und Abtrocknen.P1020902 P1020891 P1020887

In der Total-Tanke in Barth ergattern wir noch die von den vor uns fahrenden Kollegen übrig gelassenen Bockwürste mit Brötchen, gönnen uns heißen Kaffee, und – wieder gutes Timing – überdauern einen knackigen Regenschauer, der minutenlang laut auf das Tankstellendach hernieder prasselt. Lange Pfützen stehen auf den Straßen, Blüten und Blätter haben Sturm und Regen heruntergewaschen. Noch 17 Kilometer bis zur Kontrolle Prerow am Ostseestrand. Im Hafenrestaurant haben es sich die vor uns Fahrenden gemütlich gemacht und genießen Pasta und Bier. Wir bekommen den Stempel von „Alt-Randonneur“ Bernhard. Nach zehn Minuten sind wir wieder auf der Piste. Der Wind frischt auf, der Vollmond leuchtet, Füchse, Rehe und Dachse queren unseren Kurs. Die Vögel freuen sich offensichtlich auch über die abgezogenen Gewitter und feiern das mit einem Sonderkonzert.

Bei Ribnitz-Damgarten genießen wir den kurzen Ostknick des Tracks mir spürbarem Rückenwind. Tatsächlich ein kurzes Vergnügen – alle restlichen Kilometer bläst der Wind mehr oder weniger von vorn. Wie war das noch: „Was die Berge sind für den Bergländer,  ist der Wind für die Flachländer.“ Um Mitternacht schwindet das letzte Licht am Westhimmel. Nur der Mond spendet fahles, kaltes Licht. Von hinten schleichen sich mehrere Scheinwerfer immer näher heran. Die Bernauer Leisetreter haben uns eingeholt. 15 Kilometer noch bis zu unserem Vorjahres-Sparkassen-„Hotel“ in Sanitz. Ein Randonneur schlummert schon auf dem Laminatboden. Jetzt kommen noch sieben dazu. Es dauert endlose Minuten, bis Ruhe einkehrt, die Sensortür nicht mehr öffnet und noch mehr eiskalte Luft hereinlässt. Zweimal kommen irgendwelche nette Sanitzer herein, um mitten in der Nacht Geld abzuheben. Wo, um Himmels Willen, wollen die die Barschaft einsetzen?? Wir finden keine Ruhe, keinen Schlaf. Zu kalt und zu unruhig ist es. Peter bekommt leichten Schüttelfrost – wir entscheiden, sofort weiterzufahren und das körpereigene Kraftwerk anzuwerfen. Nach 20 Minuten sind wir wieder auf Betriebstemperatur. In der ersten Morgendämmerung begrüßen uns die Vögel wieder mit einem großartigen Konzert.

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„Wolken-Alpen“ bei Tessin –  ein überaus passender Ortsname!

P1020908 P1020912Die Schauerwolken sind weit nach Osten abgezogen und sehen am Horizont aus wie die Voralpenkette. Absolut irreal! Dann ein feuerroter Sonnenaufgang! Drei Grad plus – nicht gerade eine heimelige Temperatur. Wir ziehen alle verfügbare Keidung über, inklusive Regenjacke. Es reicht gerade, um nicht zu frieren. Die erste Stunde des neuen Tages leuchten die Felder und die Alleebäume in sattem Grün  im Morgenlicht. P1020913 P1020914

Auf einer Wiese stehen direkt nebeneinander ein Kranich- und ein Storchenpaar. Ein erhabenens Bild! Wir halten inne und genießen den Anblick. Bei der nächsten Dorfeinfahrt quert ein Storch in fünf Meter Höhe unseren Kurs. Schön ist es hier!P1020916 P1020918 P1020920

Die nächste Kontrolle – Teterow – erreichen wir gegen sechs Uhr. In der Aral-Tanke herrscht munterer Randonneur-Betrieb. Der Pächter  hat sich auf die Radler eingestellt und betreut uns bestens. Sogar einen  Duplo-Riegel bekommen wir zur Weiterfahrt spendiert. Die Motivation für den nächsten Step – nur 30 Kilometer bis Krakow – ist wieder da. Rein in die Hügel! Wer glaubt, Mecklenburg sei flach, der irrt! Mehr als 2000 Hm hat mein Oregon bis hierher summiert. Ein paar Sonderhügel bewältigen wir gemeinsam mit den Leisetretern, als wir den Abzweig nach Serrahn verpassen und auf einem Westbogen schließlich Krakow erreichen. In der Ortsdurchfahrt sehe ich keine Möglichkeit, einen Stempel zu bekommen. P1020924 P1020927Schließlich mache ich ein Foto vom Feuerwehrgebäude und meinem Endurace. Eine halbe Stunde später, wieder dank „Freunde-App“, sehe ich Peter etwa vier Kilometer hinter mir. Eine kleine Pause, und wir sind wieder im Team unterwegs.. Auf dem herrlichen Weg durch die Wälder rollen wir gen Osten nach Röbel. Wenig Wind, aber reichlich Bodenwellen, die Peter arg zu schaffen machen. In Malchow machen wir eine ausgedehnte Kaffee-, Kuchen- und Erdinger-Pause. Das tut gut, und die Kräfte kommen zurück.

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das gibt Kraft
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„Nur für kurze Zeit“: Andy, du wirst einen neuen Lenker brauchen!
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Die Navigations-Ausrüstung von Hans: So geht es auch – und immer noch!

In Röbel schließt Hans, unser Alt-Randonneur, wieder zu uns auf. P1020931 Er sortiert seine Papierkarten – es geht auch ohne Navi! Der Kollege mit dem selbst gebauten Velomobil ist auch seit 100 Kilometern unser Begleiter. Schlafend am Straßenrand, rumpelnd auf dem Pflaster – wie auch immer – er rollt und rollt. Von Röbel führt der Track auf rauen Straßen nach Süden immer geradeaus durch endlosen Wald. Erst kurz vor Neuruppin können wir wieder in die freie Landschaft schauen. Zwei Kollegen nehmen uns ins Schlepptau, und wir sehen nach langer Zeit wieder die 26/27 km/h auf dem Tacho.

Neuruppin, die letzte Konrolle vor dem Ziel – noch 70 Kilometer. Spät ist es geworden. Und wieder steht Hans vor der Tür. Gemeinsam mit einem jungen Kollegen, der sein Enkel sein könnte. Schön, zu erleben, wie lange Lebenslust und Leistungsfähigkeit erhalten bleiben können – wenn man das Machbare tut. Und ein wenig Lebensglück gehört sicher auch dazu.

Fehrbellin, Linum, dann ist schon der Rand von Berlin in Sicht. Der Kreis schließt sich. Für mich ist es eine Brevet-Spätankunft“. Aber im Team im Ziel zu sein, zählt mehr. Ist besser, als total kaputt und allein anzukommen.IMG_1025

Abklatschen, Lasagne, Weizenbier… Ingo und Klaus sitzen mit uns zusammen. Wolfgang genießt sein Bier. Kraft hat dieses Brevet gekostet – mehr als gedacht. Wind und Kälte und Regenschauer – aber wir wollen doch gut vorbereitet nach Paris fahren!

Noch 74 Tage, dann starten wir unser großes Abenteuer Paris-Brest-Paris

Wir sehen uns!


11 Gedanken zu “Brevet 600 km – die Qualifikation für PBP – härter als gedacht!

  1. Deine Berichte sind immer wieder Inspiration. Für nächstes Jahr habe ich mir auch die Randonneurserie vorgenommen, jedoch nur die 2-600er. Paris steht nicht auf meiner Liste.
    Dieses Jahr stehen ein paar „längere“ RTFs an.
    Und Deine Berichte hier sind echt Zündstoff für meine Motivation – Danke 😉

    Gruß Manfred

  2. Mönsch mönsch mönsch, da hatten ja einige ordentlich zu knabbern! Auf einem 23mm über die Panzerplatten ist ja noch eine Prises drauf . . . Gratuliere! Ich lese das nach dem bis dato heißesten Tag des Jahres 2015 und mich fröstelt.
    Wüßte für alle Fälle (Bretagne) gern ,welchen Schlafsack man für die Sommernacht empfiehlt?

  3. Hallo Dietmar mal wieder sehr anschaulich und unterhaltsam geschrieben.
    Ich saß ja emotional eigentlich schon in der Bahn zurück, aber irgendwie hat sich ein Schalter umgelegt und mich bei der Randonneursehre gepackt 🙂 Hat somit erst recht Spaß gemacht da abwechslungsreicher. Hatte auch eine lustige Truppe, haben zwar zum Schluss ziemlich gebummelt (auch vorher schon durch Schlauchplatten und Reifenschaden etwas Zeit verloren), sind aber glücklich und noch in der Zeit angekommen.
    Viel Grüße,
    Andy

  4. Hallo Dietmar,
    wieder einmal vielen Dank für den netten Bericht über Eure Erlebnisse und die schönen Bilder.
    Ja, das Brevet zog sich dank Gegenwind und anspruchsvollen Strassenbelägen ganz schön in die Länge. Und die Kälte in den Morgenstunden war wirklich nicht „ohne“. Aber nun sind Mensch und Maschine für PBP getestet. Und das sollte es ja sein.
    Bleib gesund – wir sehen uns spätestens in Frankreich.
    Liebe Grüße
    rainer

    PS: Ich habe zu Beginn auch in der ersten Gruppe viele Reifenpannen gesehen. Vielleicht ist es nur Zufall – aber ich nutze auf Brevets nur noch die GP 4 Seasons in 25mm Breite und habe damit schon seit Jahren keine Panne mehr gehabt. Vor jedem Brevet werden sie natürlich auf eingefahrene Fremdkörper untersucht und vor den Superbrevets auch schon mal erneuert, auch wenn sie noch halbwegs gut sind.

    1. Hallo Rainer, Bei mir war diesmal nur der Hinterreifen „infiziert“, dafür aber gründlich. Ansonsten werde ich auch für Paris die 4Seasons aufziehen. Die laufen gut und sind noch resistenter als die 4000s. Vielleicht sehen wir uns ja beim von Ingo und Klaus geplanten PBP-Treffen. Alles Gute für Dich

      Dietmar

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