Auf Fontanes Spuren im Oderland – Herbstluft und Naturgenuss

Bild 27
Herbsteszeit

Vor Wochen schon las ich mit großem Genuss in den „Wanderungen“ von Fontane. Vor über 150 Jahren beschrieb der geniale Dichter Land und Leute Brandenburgs. Heute mache ich mich auf nach Bad Freienwalde und Falkenberg ins Oderland. Die entsprechenden Auszüge aus dem Band 2 der Wanderungen durch die Mark Brandenburg habe ich mit im Gepäck. Die Herbstsonne erwärmt nur langsam die nachtkalte Luft. Das Endurace wird gesattelt, schon um zu prüfen, ob es nach Paris-Brest-Paris noch rollt. Es rollt gut! Peter fährt vorn im Nordostwind. Über Bernau geht es hinein in die Wellen und die kleinen Hügel des Barnim und dann ins Märkisch-Oderland. Die Cumuluswolken haben sich in Straßen angeordnet und bilden eine herrliche Kulisse mit den sich bunt färbenden Wäldern und den sattgrünen Wiesen. In dem verschlafenen Örtchen Trampe bremse ich den Vorwärtsdrang von Peter. Ich habe eine kleine Bäckerei entdeckt. Bild 26Ein Tisch steht vor der Eingangstreppe, schön platziert im Windschatten und in der sanften Sonne. Die freundliche Bäckersfrau verkauft uns Bienenstich, Quarkplunder und Apfelkuchen, dazu gibt es Milchkaffee. So sitzen wir dann genießend und schwadronierend ein Weilchen, bis der innere Wecker zum Aufbruch ruft. Es ist schon ein Uhr, und wir wollen noch unser Tagesziel erreichen.

Bild 28
In Bad Freienwalde begrüßt uns diese Frühankündigung

Bad Freienwalde erreichen wir nach der Fahrt durch einen duftenden Herbstwald. Kein Mensch begegnet uns auf diesen fünf Kilometern, bis wir schließlich wieder auf die Hauptstraße stoßen. Hinunter ins Oderbruch, aber vorher noch vorbei an der nördlichsten Sprungschanze Deutschlands. Von nun an ist Fontane unser Reiseführer: wir biegen nach rechts ab in die Gesundbrunnenstraße, die sanft hinaufführt zum Kurpark. Bild 39Vorbei an Gründerzeitvillen, die wunderschön restauriert ins Herbstlicht lachen.

Zitat aus den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“

Der Gesundbrunnen:

Aber wenn nicht das Brunnental selbst, so hat doch der Weg hinaus seinen Charakter verändert. Was damals eine »Allee« war, ist jetzt eine städtische »Straße« geworden und hinter den schönen Lindenbäumen, die nach wie vor den Weg einfassen, erheben sich, des Schlosses und Schloßgartens zu geschweigen, allerhand Villen, Hotels und Gärten, aus denen hervor im Mai die weißen Blüten und im September die roten Äpfel lachen. Der ganze Weg zum Brunnen hinaus der einen oder andern unserer Tiergartenstraßen nicht unähnlich.

Schon Fontane war beeindruckt von dem beschaulichen Tal mit seinen herausgeputzten Villen und Hotels.

Schnell sind wir am Ende der Allee angelangt. Sie mündet in den Kurpark, an dessen Rand diese Skulptur des Bildhauers Joseph von Kopf steht. Bild 29

Am Hang prangt in rosa Tönen der „Langhansbau“, erbaut um 1790, das heutige Kurmittelhaus.

Die Bilanz des Hauses leuchtet in den letzten Jahren allerdings hauptsächlich in der Farbe Rot.

Bild 31

Wir genießen die Stille. Wenige Menschen sind hier unterwegs, kein Wunder, dass Klinik und Kureinrichtungen ums Überleben kämpfen. Wen es aber hierhin verschlägt, der wird staunen über die Schönheit dieses Ortes.

Peter und ich rollen am Kurpark vorbei wieder talwärts zur Papenmühle, die Fontane trefflich beschreibt:

Es ist ein Septembernachmittag. An Linden und Sommerhäusern, zuletzt an der reizend gelegenen Papenmühle vorbei, über deren stillen Teich die Schwäne ziehen, haben wir unseren Gang von der Stadt aus gemacht und unser Ziel: den Gesundbrunnen erreicht.Bild 32

Am Rande des Mühlenteiches kehren wir im Café Blaue Zwiebel ein. Eigentlich kein echtes Café, sondern ein Verkaufshäuschen mit Baldachinen und Teichsteg.

Fontane beschreibt das so:

Ein Kellner, der die traurige Verpflichtung hat, seine Zeit hier abzuwarten, bis die de facto bereits beendigte Saison auch de jure geschlossen sein wird, begrüßt uns, wie der Gefangene den Schmetterling begrüßt, der an seinem Fenster vorüberfliegt. Wir erschienen ihm wie Boten aus dem Lande seiner Sehnsucht. Jedenfalls ließ seine Willfährigkeit nichts zu wünschen übrig und gemeinschaftlich anfassend ward an der sonnigsten Stelle des Gartens ein Kaffeeplatz ohne Zwang und Mühe arrangiert. Die Zusammensetzung geschah aus den üblichen Requisiten: einem weißgestrichenen Tisch mit einem Riß in der Mitte und einem Stuhl mit bereits schräg gedrückter Lehne.
Der Kaffee kam, die Sonne labte uns, alles war frisch und erquicklich;

Bild 33

Bild 34

Bild 36

Bild 35

Am Teich der Papenmühle zwinge ich Peter eine kleine Fontane-Lesung auf. Geduldig und aufmerksam lauscht er. Auch ein Gast am Nebentisch zeigt sich interessiert an so viel Kultur. Kurzerhand überlasse ich ihm nach der Leseorgie mein Manuskript zur weiteren Erbauung. Er bedankt sich höflich.

Schon 15 Uhr ist es geworden, die Sonne steht schon recht tief – Zeit, wieder Strecke zu machen. Hinein ins Oderbruch nach Falkenberg. Ein Radwegweiser weist uns den Weg. Zunächst fahren wir auf Glattasphalt, dann auf der Deichkrone über Kiesel und Schotter. Nach endlosen Kilometern Rumpelei stehen wir am Altwasser der Oder. Nichts geht mehr außer schwimmen oder angeln. Also zurück! Wieder Rumpelei, dann auf Restasphalt nach Falkenberg.

Bild 40
Ende Gelände
Bild 41
Das war einmal ein Asphaltweg

Am Ende der Reifenprüfstrecke erreichen wir den Bahnhof von Falkenberg. Und dann sehen wir einen Trabbi, der in einer Hauswand steckt:

P1040052
Objektkunst im Oderbruch

Freudig genießen wir die glatten Straßen und vor allem den Wind, der uns jetzt wieder nach Westen zurückschiebt. Die Sonne taucht die Landschaft in warmes Herbstlicht. Der alte Finowkanal empfängt uns mit einer Feld- Wald-, Wasser-Farbenorgie.

Bild 44

Bild 43

Selten habe ich diese Gegend so attraktiv empfunden. Licht und Farben heben das Gemüt!

An Eberswalde vorbei bleiben wir noch eine Weile auf dem alten Treidelweg am Kanal. Die Zeugen der alten Messingindustrie prägen die nächsten Kilometer:

Zu den markantesten Kulturlandschaften der Region Berlin-Brandenburg gehört das Finowtal. Es kann als Wiege der brandenburg-preußischen Industrie bezeichnet werden. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts entstand hier – im heutigen Stadtgebiet von Eberswalde – das erste „ industriell“ – gewerbliche Zentrum der Mark. Wie auf einer Perlenschnur sind die Industriesiedlungen, darunter das 1698-1700 begründete Messingwerk, am Finowkanal aufgereiht.

Bild 46 Bild 45

Danach genießen wir das letzte Abendlicht am Kanal und rollen wieder gen Berlin.

P1040066

150 Kilometer Naturgenuss, Kultur und Geschichte. Auch das ist „Randonneursgeschäft“!


7 Gedanken zu “Auf Fontanes Spuren im Oderland – Herbstluft und Naturgenuss

    1. Schön, dass Dir der Beitrag gefällt, Martin. Es lohnt sich zu jeder Jahreszeit von Berlin aus nach Osten und dann ins Oderbruch zu fahren. Gestern habe ich den Bogen über Wriezen, Freienwalde, Falkenberg gemacht. Auch mal abseits von gekennzeichneten Wegen. Mit immer wieder neuen Entdeckungen.

      1. Als kleines Dankeschön erhälst Du eine Tasse Kaffee oder Tee im Café Blaue Zwiebel gratis! Gibt es Dich auch auf Facebook? Lgm

  1. Schöne klassische Herbsttouren. Ich beneide Euch schon ein wenig um diesen Genuss.
    Bei mir ist seit Ende August vermutlich Saison-Ende angesagt – Achillessehnen-Anriss.
    Aber vielleicht wirds ja noch etwas mit ner zünftigen Adventsfahrt.

Kommentar verfassen