Zeitfahren HH-B – Sonne, Wind und kalte Füße

Warme Oktobersonne, Rückenwind und glatt asphaltierte Wege – so stellen sich die Starter von HH – B immer wieder neu in ihren Träumen die Bedingungen auf der 270 Kilometer langen Strecke vor. Allein: Es ist Herbst, die Zeit der hereinströmenden Ostkälte, die Zeit der Stürme und des Schmuddelwetters! Burkhard und das Orga-Team von HH – B hatten am Wochenende zuvor bei genau solchen Traumbedingungen ( Wärme, Sonne …) schon mal die Strecke abgefahren. P1040086

Aber nun zum Start am 10. Oktober: Peter und ich haben die Startzeiten 06.49 und 06.54 Uhr. Mit dem Teamnamen „I love Berlin“ steht für 6.20 Uhr der erste Fahrer auf der Liste. 320 Teilnehmer haben sich angemeldet für den Klassiker unter den Abschlussfahrten in Deutschland. Nach drei Tagen war schon Anfang August die Meldeliste ausgebucht.P1040097

Die 8 Kilometer Anfahrt zum Start am Fährhaus in Altengamme nehmen wir nach fünf Stunden Nachtschlaf und nach einem köstlichen italienischen Essen mit gutem Rotwein wohl gestärkt und wohl gelaunt unter die Räder. Das sind zwar nicht die Voraussetzungen für sportliche Höchstleistungen, allerdings ist unser Ziel auch nur, möglichst im Hellen in Alt Gatow anzukommen. Mit einer Zeit irgendwo zwischen 11 und 12 Stunden.

Irgendwie schaffen es die zahlreichen fleißigen Helferlein, auch noch den letzten Frühstücksgast zu frühmorgendlicher Stunde zu versorgen. Die Stimmung ist bestens. P1040091Während noch die Spätstarter sich an heißem Kaffee, Rührei, Müsli, Joghurt und Milchreis laben, rollen schon die ersten über die Startlinie. Die Sterne leuchten noch, aber im Osten dämmert schon das erste Morgenlicht. Kalt ist es: so um 5 Grad, schätze ich. Der angekündigte frische Ostwind schläft noch.

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Rainer jedenfalls wird so schnell keine kalten Ohren bekommen… P1040100 P1040099

Die schnellen Velomobile lauern noch, und auch die konventionellen Bikes ruhen sich noch im taunassen Gras aus. Oben auf dem Deich wird es zunehmend betriebsamer. Die Lichtkegel der Frontleuchten bewegen sich mindestens genauso nervös wie die Piloten.P1040103

Peter ist schon auf der Strecke, jetzt wird es auch für mich Zeit: Den Buff über die Ohren ziehen, die Langfingerhandschuhe nicht vergessen, die Neoprenüberzieher über die Schuhspitzen zerren. Licht anschalten, den richtigen Track auf dem Oregon anklicken. Jetzt kann es losgehen. Genau um 6.54 Uhr trete ich in die Pedale. Das letzte Radfahrevent der Saison hat für mich begonnen. Schon auf der Geesthachter Brücke rauschen Rainer und sein Team mit fröhlichem Gruß an mir vorbei. Ein paar Kilometer fahre ich tatsächlich alleine. Komisch bei 320 Startern. Aber ich bin auf dem richtigen Track! Bei Artlenburg weckt mich Christoph „Crispinus“ aus meiner kontemplativen Phase. Auf seinem herrlich grünen Eddy Merckx, Team Stuttgart, schiebt er sich links neben mich. Erst wenig Licht spendet die aufgehende Sonne, die noch von Wolkenbänken abgeschirmt wird. P1040108 Ein paar Kilometer weit plauschen wir angeregt, dann gibt Christoph Gas und entschwindet irgendwann vorn hinter der nächsten Wegbiegung. Schließlich will er die Freunde vom Eisenschweinkader in Wittenberge treffen. Der Zeitpunkt 11 Uhr scheint mir für dieses Vorhaben überaus ambitioniert zu sein. Aber Christoph kann auch schnell.

In den Elbauen wird es langsam laut: Die Gesänge von tausenden ungeduldigen Wildgänsen füllen die Morgenluft. Und am Feldrand sitzen die Katzen, auf das Frühstücksmäuschen lauernd. Zwei Kraniche gleiten niedrig über die fettgrünen Wiesen. Und dann taucht die Sonne  den Himmel in immer heller werdendes Rot. Das Himmelblau gewinnt in den nächsten Minuten die Überhand.

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Von hinten nähert sich eine schnellere Gruppe, erfreulicherweise gerade so schnell, dass ich hinter den Jungs im Windschatten mitrollen kann. So macht das Freude – mit 32 km/h in den Morgen hinein. Nach einer Viertelstunde schiebt sich eine noch ehrgeizigere Truppe heran. Ich genieße es, nun im Feld von mindestens 15 routiniert fahrenden Rollern Strecke zu machen. Erst in der Gegend von Hitzacker verliere ich den Anschluss und finde wieder mein eigenes Tempo. Quer geht es jetzt hinüber durch die Felder und Wiesen im Zickzack der Feldwege zur Dömitzer Elbbrücke. P1040115

Der Windsack am Geländer kündet von auffrischendem Ostwind. Und jetzt nichts wie rüber über die Elbe, denn in Dömitz wartet das Audax-SH-Team mit dem Kontrollstempel und mit Speis und Trank. Es ist 10.23 Uhr. Mit einem 27er Schnitt bis hierher bin ich zufrieden.

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Eine klasse Betreuung! Freundlich, frisch, humorvoll! Danke Burkhard.

Ich habe mir vorgenommen, die Pausen ganz kurz zu halten, und wenn das Angebot noch so reichhaltig ist. Also lasse ich mir die Flaschen von den beiden Teetankwarten befüllen, greife mir ein leckeres Brötchen und schwinge mich wieder auf mein Endurace. Ein paar Fotos allerdings müssen sein! Noch 175 km liegen vor mir. Und jetzt wird der Gegenwind richtig zuschlagen.P1040127

Die schnellen Velomobile sind auch schon da! Sie sind mit locker 40-50 km/h unterwegs. Es rauscht und rumpelt, und schon ist wieder eine Flunder vorbei. Kein Wunder. Bei solch phänomenalen cw-Werten spüren die den Gegenwind überhaupt nicht.

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Kurz vor Wittenberge lege ich eine kurze Mittagspause ein. Das Käse-Wurstbrot ist saftig und schmackhaft. Dazu ein Snickers als Dessert und obendrauf drei Schlucke Tee.

Dann geht die Reise weiter – munter gegen den auffrischenden Ostwind. Es wird nicht wärmer heute. Trotzdem sind einige Kollegen mit kurzen Hosen unterwegs. Mich fröstelt es, wenn ich das nur sehe. Schnelle Gruppen überholen mich; zweimal sehe ich die Speedmacher wieder, als sie mit Reifenpannen am Wegesrand stehen. Feine Splitsteinchen und scharfe Schalen von Eicheln mögen die superleichten Reifen gar nicht gerne. Meine 4seasons stecken solche Angriffe locker weg.

Nur der fiese Gegenwind macht mir arg zu schaffen. Ich muss mich immer wieder überwinden, keine Pause zu machen. Gegessen wird ab jetzt während der Fahrt. Das ist meine Chance, meinen Gesamtschnitt einigermaßen oben zu halten. Wittenberge, Havelberg im schönsten Sonnenlicht. Hier könnte man mehr Zeit verbringen – Kaffee trinken, Eis essen… Heute nicht! In Stölln grüßt der alte Lilienthal. Ihm hätte der Wind bei seinen Flugversuchen gefallen… Bienenfarm, Paulinenaue – heimatliche Trainingsgefilde. Hier kenne ich jeden Alleebaum persönlich. Das Gutshaus vom Ribbeck auf Ribbeck im Havelland bleibt rechts liegen, Nauen kommt in Sicht. Ich beschließe, den Bogen an Brieselang vorbei über Falkensee zu fahren. Hier führt der Track durch den Brieselanger  Forst, der wunderbar den Gegenwind dämpft.

Um genau 18.18 Uhr rolle ich auf den Hof des Wassersportheims in Alt Gatow. 11 Stunden 24 Minuten für 270 Kilometer. Die schnellsten Velomobile haben weniger als sechs Stunden benötigt.

Drinnen ist die Stimmung gut, es gibt leckere heiße Gemüsesuppe, dann besorge ich mir ein kühles Schultheiß und setze mich zu den zufriedenen Finishern.

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Christoph ( crispinus.wordpress.com) fühlt sich sichtlich wohl im Kreise der „Eisenschweine“ Und auch das Trikot „Team Stuttgart“ sieht gut aus.

P1040144Auch Peter und Frank haben sich  durchgekämpft. Wir sitzen noch gemütlich zusammen – die Saison passiert revue. Und die Vorhaben für 2016 kommen auf den Tisch: mal das 600er in Bayern fahren, vielleicht gibt es ja in Berlin wieder ein 1000er? Ja, und die Dutch Capitals Tour über 1400 km rund um Holland im Juli…

Nach der Saison ist vor der Saison!

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Auch um 20.30 Uhr sind noch Einträge in der Zielliste offen

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Ralf, der passionierte Crosser, ist schon gierig auf den kalten Spätherbstschlamm. Und den ersten Schnee…

Und draußen liegen die Velomobile „vor Anker“ und freuen sich  auf die nächste Ausfahrt.P1040132

Feinste Technik, schnell und absolut emissionsfrei!


2 Gedanken zu “Zeitfahren HH-B – Sonne, Wind und kalte Füße

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