560 Kilometer in Nebel, Sonne und Schlamm

Der November ist ein schöner Monat, die Rennrad-Saison wirklich abzuschließen. Folgerichtig bekommt  das Endurace vor Colnago, Basso-Crosser und Taurine den Vorzug. Zumal für den 3. November und die Folgetage sonniges, mildes Spätherbstwetter angesagt ist. Am Vorabend packe ich meine Sachen zusammen für eine Etappentour ins westliche Münsterland. Mein alter Freund Bert, den ich seit 15 Jahren nicht mehr gesehen habe, hat in Vreden ein hübsches Häuschen und will mich gerne mit Speis und Trank und Bett willkommen heißen am westlichen Rand der Republik. In drei Schritten will ich die Tour angehen. Von Berlin aus nach Havelberg, hinein in die Altmark und dann nach Celle, Nienburg, Diepholz und Rheine. Und dann bin ich schon fast am Ziel.

Am Dienstagmorgen frühstücke ich reichlich und werde von Jutta und Retriever Jona mit den besten Wünschen auf die Reise geschickt. Am Endurace hängt die bewährte Viscacha unterm Sattel, den kleinen Deuter Race EXP12 trage ich auf dem Rücken. Leichte Sportschuhe, eine Jacke für den Abend finden in dem kleinen Rucksack gut Platz. Werkzeug etc. ist in der speziellen Flasche verstaut. Den Trinkvorrat reduziere ich auf eine 0,75-Liter-Flasche. Sanfter Rückenwind schiebt mich gen Nauen, Paulinenaue und Friesack. Wie oft bin ich hier schon hindurchgekurbelt! Diesmal ohne jeden Leistungsdruck, gemütlich mit 20 bis 25 km/h. An der Havel und in der Elbaue versteckt sich die Sonne im immer dichter werdenden Nebel. Milchsuppe empfängt mich in Havelberg. Und von den 12 bis 14 Grad sind gerade mal 2 Grad geblieben. Langfingerhandschuhe anziehen, Neoprenwärmer über die Schuhspitzen zerren. Dann geht es ganz gut.P1040259 Um halb drei stehe ich bei Werben an der Elbe und sehe – nichts! Und höre nichts! Fährt sie nun, die Fähre, oder nicht? Zu sehen ist sie jedenfalls nicht. Ein älteres Ehepaar aus der Gegend wartet bei laufendem Motor im warmen Wagen. Da wird mir erst recht kalt. Ich finde mit Googles Hilfe die Handynummer des Fährmanns: „Ja, ich fahre gleich los…“ Lange zehn Minuten später schiebt sich die Elbfähre Meter für Meter näher aus der Nebelsuppe. Um drei Uhr rolle ich frierend gen Räbel und Seehausen hinein in die beschauliche Altmark. Nüscht los hier, nichts zu sehen hier, keine Farbe mehr in der Landschaft. Die Bäckersfrau in Seehausen ist freundlich – ich gönne mir gleich zwei Milchkaffee und zwei dicke Stücke Kuchen. Das hilft mir wieder auf mein Endurace-Pferd. Der Nebel bleibt, die Dunkelheit kommt. Nasses Laub auf den Straßen und noch mehr davon auf den Radwegen, die kaum zu erkennen sind. Gut, dass ich meine Akkuleuchte neben der E3 pro einschalten kann. Bei solchen Saubedingungen liefert die Supernova-Dynamoleuchte allein eindeutig zu wenig Licht. Hinten habe ich am Rucksack noch eine Cateye blinken. Am Sattelrohr strahlt das Taillight von Supernova grell. So sollten  mich die Autofahrer nicht übersehen können. Eine Warnweste habe ich auch noch übergezogen. Sicher ist sicher!

IMG_0121
Das Hotel Katharinenhöfchen in der Altstadt von Salzwedel – erste Adresse für Radfahrer
IMG_0118
Den Worten von Friedrich Schorlemmer kann ich mich nur anschließen

In Arendsee bin ich schon gefährdet, ein Hotel anzulaufen. Aber nein! Das geht doch gegen die Randonneursehre. Um halb fünf steige ich noch nicht vom Rad! Also weiter – noch ein paar Kilometer machen. In Salzwedel suche ich elend lange nach einer vernünftigen Bleibe. “ Nee, wir haben nur noch ein Raucherzimmer“… Das hat mir gerade noch gefehlt. Erst Nebel, abends Rauch in der Nase. IMG_0117Ein netter Salzwedeler zeigt mir den Weg zum „Katharinenhöfchen“. Hier bekomme ich das letzte freie Zimmer, ein Riesenferienappartment mit drei Betten und Küche, für den schmalen Preis von 55 Euro inkl. Frühstück. Im Restaurant Amadeus genieße ich den riesigen „Bolero-Teller“, dazu zwei köstliche Köstritzer. 180 Kilometer zeigt das Garmin für heute.

Nach tiefem Schlummer, erstklassigem Frühstück und einem nettem Plausch mit dem Hotelwirt sitze ich um halb neun gut gelaunt auf dem Endurace. Die Herbstsonne besiegt den Morgennebel und wird den ganzen Tag die Natur in bestes Herbstlicht tauchen. Schnurgerade Straßen, glatte Wege. Es rollt! Ein Bächlein mit dem herrlichen Namen „Alte Dumme“ markiert die Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Hier lasse ich mich verleiten, eine wilde Abkürzung durch die Wälder zu fahren. Auf einer alten Frachtstraße rumple ich zehn Kilometer bis nach Bad Bodenteich. Mein Endurace zeigt seine Crosser-Fähigkeiten. Und ich kann etwas tun für mein Balancevermögen. Was die Conti 4seasons 25 mm vertragen, ist schon erstaunlich. Spitze Steine, Split, schmierige Wege. Ein Reifen für alle Fälle!P1040264P1040263

IMG_0126

Nach der Fahrt durch endlose Felder und Wiesen nähere ich mich Celle. Der Weg führt durch ein mooriges Naturschutzgebiet. Endlich in Ruhe gelassene Natur!

P1040272

Die Altstadt von Celle ist ein rechtes Schmuckstück. Altes, sorgsam restauriertes Fachwerk, Parks, und natürlich das Schloss:

P1040280

P1040291

P1040292
Das Endurace im Ahornblätterrausch

Ich sauge die wärmenden Sonnenstrahlen und die geballte Kultur gierig auf, bevor ich genauso gierig auf der Terrasse eines kleinen Cafés Milchkaffee und Himbeertorte verspeise. Nach Westen geht es hinaus aus der Stadt, durch Orte wie Wietze und Schwarmstedt, die für mich eine besondere Bedeutung haben: Auf einem Acker in Schwarmstedt machte ich mit einem Segelflugzeug vor 47 Jahren nach einem Flug über 200 Kilometer eine Außenlandung. Auf dem Contidrom in Wietze präsentierte 1989 mein Team den „neuen“ Mercedes SL. Ich lasse meine Gedanken in die Vergangenheit schweifen und komme dann wieder in der Jetztzeit an: 200 km mit dem Rad sind anstrengender als damals der Flug auf breiten Schwingen. Aber genauso spannend und erlebnisreich.

Nach 160 Kilometern bei herrlichem Wetter genieße ich den Anblick der Nienburger Altstadt und beschließe, hier zu übernachten. Heute mal keine Nachtschicht. P1040298Am Ende der „Langen Straße“ finde ich die Altstadt-Pension-Weserkate. Ein Haupttreffer, wie sich herausstellt. Auch hier bekomme ich das letzte verfügbare Zimmer – in einem liebevoll restaurierten Fachwerkhäuschen aus dem 16. Jahrhundert. Die Pensionswirtin drückt mir die Schlüssel in die Hand – keine Formalitäten – und empfiehlt mir zum Abendessen den Ratskeller. Ein guter Rat. Im historischen Gemäuer labe ich mich an Rinderroulade und leckerem Bier. In der Pension zurück, komme  ich  pünktlich zum Spiel der Bayern gegen Arsenal.

P1040300
Kurz nach acht über die Weser

Am Donnerstagmorgen bin ich der einzige Gast am Frühstückstisch und werde mit warmen Brötchen und starkem Kaffee verwöhnt. Letzte Etappe heute! Mal schauen, wie es geht. Zuerst hinüber über die Weser und dann hinein in das niedersächsische Schweineland.

P1040305

Erst gegen neun hat die Sonne die letzten Nebelfelder weggeheizt. Die Herbstfarben kommen wieder zur Geltung. Endlos geht es über den Radweg an der B 214 immer geradeaus durch die Felder und die Wiesen. Immer an den Rändern der kleinen Orte und bei den meisten Gehöften liegt „Schwein in der Luft“. Auf dieser Etappe bis hinein ins westliche Münsterland habe ich sicher zehntausende Schweine gerochen, aber keines frei herumlaufen sehen. Selten ist mir so deutlich geworden, wie brutal und in welchen Massen bei uns Tiere „produziert“ werden, um dann nach kurzem, qualvollem Leben auf den Tellern zu landen. Über 17 Millionen Schweine wurden 2014 allein in den Schlachthöfen von Clemens Tönnies zu Tode gebracht. Verzeiht mir die grobe Sprache: ich finde es zum Kotzen!

Ich verdränge die Gedanken an die armen Viecher und werde doch immer wieder durch den beißenden Gestank in der Umgebung der Mastbetriebe erinnert an ihr tierisches Schicksal.

P1040309

P1040304

Über 220 Kilometer müsste ich heute fahren, um bei Bert anzukommen. Das wird zu spät! Also baue ich eine Bahnfahrt nach Rheine ein. Dann bleiben immer noch ca. 160 km. Von Rheine über Metelen und Ahaus rollt es gut bei leichtem Gegenwind. Ein herrlich zu fahrender Radweg auf einem ehemaligen Bahndamm macht es möglich. Am späten Nachmittag setzt leichter Nieselregen ein. Warmer Regen bei um die 15 Grad. Es rächt sich, dass ich das kleine, wirksame Mud Jack von Rose nicht aufgesteckt habe. So muss die Viscacha den hochgeschleuderten Dreck abhalten und wird entsprechend eingesaut. Schon gegen 17 Uhr komme ich in Vreden an und werde herzlich von Bert und seiner Frau empfangen.

P1040313

Heißer Kaffee, eine warme Dusche, rein in die „Abendgarderobe“. Leckeres Chili con carne dampft auf dem Tisch. Das Köpi schmeckt wunderbar. Der Abend wird lang. Wir haben viel zu reden nach 15 Jahren. Danke, Bert und Mieke.

Am nächsten Mittag starte ich zur letzten Etappe zum Bahnhof Münster. Von dort werde ich per Sparticket zurückfahren nach Berlin. Aber, aber! Die Fahrt über die „Pättgeswege“ im Münsterland habe ich unterschätzt. Knapp 70 Kilometer, davon gefühlte 50 auf schmieriger, verschlammter, mooriger Oberfläche. Noch nie habe ich mich und das Endurace so eingemoddert.

IMG_0155

An einer Tanke in Billerbeck gönne ich dem Endurace eine Dampfdusche. Die Freude über das saubere Rad währt wenige Kilometer, dann sieht es wieder so aus wie zuvor. P1040336

P1040329

ohne Kommentar!

Um 15.30 Uhr rolle ich vor dem Münsteraner Bahnhof aus. Hier wird gerade heftig gebaut. Die Radstation und das riesige Radparkhaus sind durchaus beeindruckend, was die Deutsche Bahn sich allerdings bei der Gestaltung des Provisoriums für die Zeit bis zur Fertigstellung des neuen Hauptbahnhofs leistet, spottet jeder Beschreibung. Reisedienst und Toiletten in Containern. Ein paar Imbissbuden, Rollstuhlfahrer müssen darauf hoffen, dass der Verkäufer rauskommt, um zu helfen! Keine Rampen, keine Überdachung… Na dann, viel Freude bei Regen und Schnee demnächst.

IMG_0169

„Guck mal, der neue Hauptbahnhof von Münster“ – Eine Lachnummer!IMG_0172IMG_0164

IMG_0179

Gegen 21 Uhr komme ich ausgeruht und entspannt, aber hungrig in Spandau an. In Tegel gönne ich mir ein Bier und eine Currywurst. ( eine pro Monat darf sein) Willkommen daheim!


9 Gedanken zu “560 Kilometer in Nebel, Sonne und Schlamm

  1. Hallo Dietmar, nachdem Du solche Nettigkeiten bei mir verbreitest, kann ich das mal eben zurückgeben: Ich habe mich hier festgelesen. Tolle Tour, sehr eingängig beschrieben. Das hilft an kalten Winterabenden!

  2. Ich weiß schon warum ich nur mit Schutzblechen fahre 😉 Erinnert mich ein wenig an meine Tour im Frühjahr nach Lüneburg und zurück. Hin bin Wittenberge über die Elbbrücke, zurück die Fähre bei Arneburg.
    Evtl. sieht man sich mal wieder auf eine Tour,
    Grüße aus Pankow

  3. !! Ich ahnte es. Ab dem Roman „Kaff..“ wird der meister schwer konsumierbar- Gleich nach dem Krieg ging er mit Gattin per Tandem auf Hamsterfahrt. Herrlich parodiert in einer Ausgabe der >fahrstil<.

  4. Hallo Crispinus, tatsächlich bin ich genau durch Bargfeld gefahren, am ehemaligen Wohnhaus von Arno Schmidt vorbei. Da werde ich mir doch demnächst die entsprechende Literatur beschaffen. Danke für den Hinweis.

  5. Sehr eindrucksvoller Bericht über diese „Transversale“: viele Menschen kommen auch heute nicht durch diese Landstriche, noch weniger kommen ihnen so nah! Arno Schmidts Jagdgründe durchstreifen . . . . beispielhaft.
    Mit dem SL hast Du (vielleicht unbewußt) eines der besten Stücke Automobilgeschichte erleben dürfen: Glückspilz!
    Danke auch für die Herbergs-Hinweise.

    Es grüßt Crispinus.

Kommentar verfassen