Kirschblüten-Hanami am Mauerweg

1990 rief der japanische Fernsehsender TV Asahi Group aus Freude über die Deutsche Wiedervereinigung eine Spendenaktion ins Leben. Knapp 10 000 Kirschbäume in Berlin und Brandenburg konnten mit dem Erlös von rund einer Million Euro gepflanzt werden. Heute ist der 20. Dezember, und die Kirschen stehen voll in der Blüte: „Kirschblüten-Hanami“. Das muss ich sehen und riechen.

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12 Grad, Wintersonne, Frühlingsgefühle. Der Fernsehturm am Alexanderplatz ragt nadelspitz mit seinen 368 Metern Höhe in die fahle Himmelsbläue. Auf meinem Track über den Mauerweg rolle ich über die Bösebrücke, die Bornholmer Straße. Hier überrannten die DDR-Bürger am 9. November 1989 die Grenzer und die Grenze.

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Den Brückenabgang und den Platz des 9. November zieren bunte Graffiti. Schön oder nicht schön – typisch für Berlin sind sie jedenfalls. Ich mache einen Bogen und fahre hinunter auf die Norwegerstraße, die gesäumt ist von einer herrlich in Blüte stehenden Kirschallee. Geschützt zwischen Gleisen und hohen Häusern trauen sich die japanischen Gäste , schon im Dezember die Blütenblätter auseinanderzufalten.P1140671

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Auf dem imposanten Schwedter Steg geht es weiter auf den Spuren der Mauer.

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Im Mauerpark herrscht reges Treiben. Angrenzend ist in einem Zeltareal ein Weihnachtsmarkt aufgebaut. Ich bleibe auf der Stadionseite und lasse mich von Gitarrenklängen locken.P1140707P1140691P1140706

Liad Shulrufer ist ein junger Israeli, der seit 2014 in Berlin lebt, erfahre ich. Eine Viertelstunde lausche ich seiner ausdrucksvollen Stimme und seiner wunderbaren Gitarre. Dieser „Streetmusician“ hat ein vielfach zahlreicheres Publikum verdient. Mit seiner CD unterm Trikot löse ich mich irgendwann von diesem erstaunlichen Typen und schiebe mein Taurine hinauf zum Rand des Ludwig-Jahn-Sportparks.

Graffiti-Künstler toben sich hier oben aus: STOP WARS ist in großen Lettern zu lesen. Ich genieße die friedliche Stimmung, die Menschen aus zig-Nationen, die hier genauso friedlich flanieren.

Über die Oderberger Straße mit ihren Kneipen und Geschäften, die allesamt originell und recht gesund aussehen, komme ich, gebremst von reichlich Fotostopps, nur langsam voran in Richtung Kollwitzkiez.

So, wie es hier aussieht und es sich anfühlt, mag ich Berlin am meisten.

Zeit, um wieder den Abgleich zu machen mit den weniger attraktiven Ecken – hinterm Gesundbrunnen und an der S-Bahn entlang Richtung Wedding.

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Mit dem „Fixie“ durch die Stadt. Oder zumindest mit „Singlespeed“. Das ist „in“.P1140788

Kein Buch ist verloren, aber Kater werden geklaut und vermisst!P1140786

Innerhalb der letzten 500 Meter, die ich zurückgelegt habe in Richtung Wedding, ist diese Stadt eine andere geworden. Dreckig, vergammelt.

Reisen nach Beirut, eine Pension mit vermauerter Tür, ein Tabakladen außer Betrieb. Wedding von hinten!

 

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Da habe ich schon bessere Plätze für Werbung gesehen! Was würde der „Graf“ denn dazu sagen?

Weiter fahre ich um die Ecken des Brunnenviertels. Und entdecke eine orangefarbene Gebäudehülle, mit reichlich grüner Patina versehen, mit Graffiti verziert, dick mit Laub garniert. Ich traue meinen Augen nicht: „Stadtbücherei“ Wedding steht da zu lesen. Hier gibt es keine Bücher mehr. Hier gammelt ein Betonklotz aus den 70ern vor sich hin.

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„Eine Schule steht also im Viertel und schult nicht mehr. Grau und schief hängen die Jalousien vor den staubblinden Fenstern des ehemaligen Diesterweg-Gymnasiums, so hieß es, bis es vor zweieinhalb Jahren wieder zurück an den alten, renovierten Standort an der Böttgerstraße zog, Lehrer, Schüler, allesamt, nur die Hülle blieb, ein leerer Quader. Klotzwerk Orange“

So stand es im Tagesspiegel geschrieben. Seit 2011 lässt der Bezirk dieses Gebäude einfach leer und ungenutzt vor sich hin stehen. Das ist auch Berlin. Berlin von seiner häßlichen, beschämenden Seite. Beschämend für die politischen Stadtvertreter, die das zu verantworten haben!

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EKEL, ja,  passt genau!

Ich muss mich erst mal wieder frei machen von meiner Wut, die angesichts solcher Missstände in mir aufsteigt. Es gibt doch noch Schönes, zumindest Originelles zu sehen.P1140784

Die Schreibekunst dieses Weddinger Glasermeisters zum Beispiel. Hoffentlich kann er besser Scheiben einsetzen als „Direcktabrechnungen“ schreiben. Und ein Fan von Besiktas ist er – das reißt alles wieder raus!

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Da richte ich mich doch spontan wieder auf an den Idolen dieses Kiezes. Jerome, George und Kevin-Prince schauen milde auf ihr einstiges Wirkungsfeld.

 

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Zeit, wieder nach Hause zu fahren. Richtig, neue Reifen  wollte ich noch aufziehen bei meinem Colnago im Radkeller daheim.

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Frohe Weihnachten!

 


4 Gedanken zu “Kirschblüten-Hanami am Mauerweg

  1. Schöne Bilder, schönes Wetter und schöne Stadt. Ich mochte Berlin immer, war aber schon sehr lange nicht mehr dort. Gibt soviel dort zu sehen, an müßte da mal richtig lange Urlaub machen. Klar mit Bike & Digicam.

  2. Alles so schön bunt hier, hätte die alte Nina gerufen! – die Stadtbibliothelk Wedding hat einen sehr angenehmen Neubau in einem Hinterhof an der Badstraße bezogen. Ob diese tipps zum Reifenwechsel bereithält, weiß ich nicht ( Scherz). Den Leerstand von Gymnasien kann man bedauerlicherweise nicht nur der Stadt Berlin anlasten. 40% der Wohnungen sollen von Singles belebt werden – ähnliches hörte ich neulich.
    Danke für diesen schönen Streifzug und frohe Weihnachten wünscht Christoph

    1. Der Leerstand ist dort nicht das Problem. Die Nicht-Nutzung, Nicht-Klärung der möglichen Verwendung, das jahrelange Nicht-Entscheiden. Und dann steht so eine Gammelburg einfach ungenutzt in der Stadt herum. Det is Berlin! Jetzt aber: Berlin freue dich. Weihnachten kommt bald. Sei herzlich gegrüßt. Und genieße noch viele Turner Momente in 2016. Dietmar

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