„Es“ – mein Colnago!

„Es“ hängt mit dem linken Pedal am Haken an der Wand im Heizungskeller. Trocken, bei angenehmen Temperaturen von um die 18 Grad. Über ihm, einen Haken höher, klammert sich das Taurine fest. Drunter, einen Haken tiefer, hat das Endurace seinen Stammplatz. Sie schauen auf Waschmaschine und Trockner, auf der anderen Seite liegen im Holzregal Radschuhe, Helme, Handschuhe. „Es“ ist der Klassiker meiner Räder: „Es“ wird in diesem Sommer stolze 35 Jahre alt. Vor 34 Jahren habe ich es Andre Roest in Venlo abgekauft. „Es“ stand formatfüllend im kleinen Schaufenster, als ich „Es“ zum ersten Mal sah. Liebe auf den ersten Blick! Gib nicht zu erkennen, dass du dich schon für „Es“ entschieden hast, sagte ich zu mir, als ich den kleinen Laden betrat. Wunderbar dunkelblau-Metallic glänzte das edle Teil und flüsterte mir zu: „Kauf mich, nimm mich mit. Du wirst deine Freude an mir haben“. Eine Stunde später lag „Es“ zerlegt im Kofferraum vom Dieselbenz. 100 Gulden konnte ich Andre noch runterhandeln und so blieben noch 1600 Gulden – eine unvergleichlich gute Investition in meine Radlerzukunft. Schon jetzt war das zwei Wochen vorher mir aus dem Keller geklaute Koga Geschichte. Nie hätte es den Hauch einer Chance gegen den blauen Renner von Ernesto C. gehabt. Ein echtes Colnago Mexico mit Campa-Super-Record-Titan-Gruppe. Mavic-SSC-Blue Schlauchreifenfelgen – passend zum Lack. Gelber Selle-Turbo, gelbes Lenkerband. Muss ich noch mehr sagen? Und als i-Tüpfelchen ein angelöteter Startnummernhalter unterm Oberrohr. Ob ich den je nutzen würde? Aber zu wissen, dass Andre ein paar schnelle Kriterien mit ihm durch irgendwelche holländischen Kleinstadtgassen gesaust ist… Ab jetzt sollte es nicht mehr rennen müssen. Lang und langsam fahren, daran wird „Es“ sich hoffentlich gewöhnen, wünschte ich mir.

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Stahl an Stein – Colnago am 2,5 Millionen Jahre alten Atlantis-Quarzit

„Es“ hat sich gewöhnt – und nicht nur das! „Es“ will und kann gar nicht mehr anders als Brevets und lange Genusstouren zu fahren. „Es“ hat mich in 34 Jahren über 100000 Kilometer treu begleitet. Hat sich mit mir gefreut, hat gelitten, mich nie im Stich gelassen! Schaltung und Kurbeln haben durchgehalten und sind noch in guter Verfassung. Grandios!

Rudelli-Wälzlager-Steuersatz, Record-Bremsen, Super-Record-Titan-Schaltwerk und -Kurbelsatz.

Die Campa-Record-Sattelstütze, Schmiedekunst!

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Deda-Elementi-Vorbau und Lenker. Die „D“-Schutzkappe ist per Magnet fixiert.

 

Nur einen neuen Lack habe ich ihm zum 30sten Geburtstag spendiert. Heute strahlt es in würdigem Anthrazit-Metallic.

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Chapeau – hier ist „Es“ noch einmal in ganzer Schönheit.

Bevor „Es“ sich nach dieser Lobeshymne zu sehr in Wohlgefälligkeit badet und gar faul zurücklehnt, werde ich „Es“ morgen zum Ausritt bitten. Bei sommerlichen 20 Grad. Da lacht das sonnenverwöhnte italienische Geschöpf jetzt schon zufrieden in sich hinein.

 


4 Gedanken zu “„Es“ – mein Colnago!

  1. Danke für die Vorstellung dieses Prachtexemplars! Das ist wahre Qualität. Apropos Qualitätsprodukt: Was wird wohl in 35 Jahren über die vielen mit „Ablaufdatum“ produzierten China-Gurken geschrieben werden?

    1. Ich schätze, entweder wir haben uns irgendwann an limitierte, geplante Haltbarkeit gewöhnt, oder es wird der Mantel des Schweigens über das Elend gedeckt. Mit „unkaputtbaren“ Produkten lässt sich in einer Wegwerfgesellschaft kein Erfolg einfahren. Zumindest nicht bei Massenprodukten. Dass es unglaublich langlebige Produkte immer noch gibt, zeigt mir seit Jahren der Nabendynamo von Schmidt in Tübingen –

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