200 Kilometer Sonne und gute Laune

Wer sich für den Saisonstart nach der Unterwasserfahrt 2015 neue Regenklamotten zugelegt hat, wird dieses Jahr enttäuscht. Keine Regenwolken, nicht einmal eine klitzekleine Regenwahrscheinlichkeit gibt es am 9. April 2016 für Berlin und Brandenburg.

So setze ich mich um 5.45 Uhr nach einem Kurzfrühstück auf mein Endurace und reite los in die Morgendämmerung. Zehenwärmer habe ich mir über die Schuhe gezogen und dünne Langfingerhandschuhe über die kurzen gestreift. Frühaufsteher kratzen ihre Autoscheiben frei, frierende Weddinger warten auf den Morgenbus. Ein wildgewordener, tiefgelegter BMW röhrt an mir vorbei – 50 cm Platz lässt er mir bis zur Bordsteinkante. Ich fluche hinter ihm her und fahre umso achtsamer weiter. Durch das wilde Wedding nach Alt-Moabit.

Um zwanzig nach sechs schiebe ich mein Radl durch die Eingangstür vom Amstelhouse. Wie schön, dass die Menschen hier so locker mit uns, die den gesamten Innenraum in Beschlag nehmen, umgehen. Meine Warnweste gebe ich an der Rezeption zur Aufbewahrung ab. Bis heute Abend werde ich sie nicht mehr brauchen.

In der Couchecke haben es sich die „alten Kämpen“ schon gemütlich gemacht. Auch Claus Czycholl aus Hamburg gibt uns die Ehre.

Über 120 Anmeldungen waren bei Klaus und Ingo für dieses 200er eingegangen. Auf 90 Starter war das Kontingent aus rein organisatorischen Gründen begrenzt. Der Start mitten aus der Stadt heraus, die Räumlichkeiten im Amstelhouse lassen einfach nicht mehr zu. Jedenfalls sind die umeinanderwuselnden alten und neuen Randonneure allesamt guter Dinge.

Mit  Peter, Matthias und Wolfgang starte ich in der zweiten von drei 30er Gruppen um zehn nach sieben.

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Klaus und Ingo geben letzte Anweisungen vorm Start.

Ob mit Roadbook in Papier, Navigeräten der neuesten Generation, alten und modisch aktuellen Outfits – freudvoller Erwartung scharren die Randonneure mit den Cleats auf dem Kopfsteinpflaster.

Auf den ersten Kilometern aus der Stadt hinaus lässt sich eh kein Tempo machen, also geht es ruhig und sicher in die Außenbezirke. In Tegel nimmt der Zug Fahrt auf und zieht sich auseinander. Jetzt steht ab und an die 3 vorn auf dem Tacho. Die Sonne lacht, kaum ein Lüftchen regt sich, nur ein paar Grad wärmer könnte es sein. Eine wahre Genusstour bahnt sich an. Peter macht die Pace und setzt sich nach vorne ab. Er will wohl heute zeigen, was regelmäßiges Training und die Malle-Woche gebracht haben. Gut so! Ich sehe ihn vor mir immer kleiner werden und finde mein eigenes Tempo.

Bärenklau, Verlorenort, seltsame Namen gibt es hier im einsamer werdenden Brandenburg. In Sommerfeld sind die Temperaturen immer noch im einstelligen Bereich.

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Die Langfinger-Handschuhe müssen noch die Hände wärmen. Kraniche stolzieren auf den ergrünenden Feldern herum. Ein paar Gänse fliegen schnatternd über uns. Natur pur!P1150502

Walddurchfahrten, lange Eichenalleen, Geruch nach Erde und Pferdemist. Det is Brandenburg! Kurz vor Rüthnick habe ich vorige Woche bei einem 200er „Pretest“ dieses Schild entdeckt:P1050230

Ein „Flachspiegelbrunnen“ sagt mir Wikipedia, ist ein Löschwasserbrunnen, der aus dem Grundwasser gespeist wird. Hier mit einer möglichen Fördermenge von 800 l pro Minute.

Und schon sind wir wieder ein wenig schlauer geworden!

Die erste Kontrollstelle naht. Über Herzberg führt der Track zum Städtchen Lindow. Ich weiß, am Ende des Ortes gibt es eine Tanke für einen schnellen Stempel.

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Für die Neugierigen: Das 1803 in der Straße des Friedens 16 gebaute Gebäude wird auch liebevoll „Puppenhaus“ genannt. Die Statuen auf dem Dach verkörpern vier Musen: des ernsten Gesanges, der Sternkunde, der erzählenden Dichtkunst und der Poesie. Das spätklassizistische Bürgerhaus mit seinem künstlerischen Äußeren prägt das Lindower Stadtbild auf ganz besondere Weise. Hinschauen! Nicht nur durchbrausen!

Die freundliche Tankwart drückt mir den Stempel in Rekordzeit ins Heftchen. Peter fragt mich ungläubig: „Hast du auch gestempelt?“ So bin ich wieder an ihm dran, dem Enteilten. Lange Kilometer geht es durch die Wälder bis Rheinsberg. Ich fahre wieder allein. P1050236

Das Ehrenmal zeigt den späteren preußischen König Friedrich II oder auch „Alter Fritz“ genannt, der im Jahr 1736 mit seiner Gemahlin, Kronprinzessin Elisabeth Christine nach Rheinsberg ins Schloss zog.

Bis zur nächsten Kontrolle in Canow sind es nur 14 Kilometer. Durch ergrünende Wälder mit lichten Seeblicken. Am Ortseingang von Canow erblicke ich Klaus Erdmann, den alten Crack. Er ist an unsere Strecke geradelt, einfach, um uns zu begrüßen. Überraschung gelungen! P1050322

Die „Bernauer Leisetreter“ mit Klaus E., dem unverwüstlichen Urgestein.

In einer Imbissbude bekomme ich gerade soeben noch einen Stempel vom leicht genervten Wirt, der auch zwei Minuten später seine Tür zuschließt. Kein Problem für die nächsten Ankömmlinge, denn Organisator Ingo ist auch herangerollt und setzt kurzerhand die Stempel eigenhändig in die Heftchen.

Mollige 14 Grad sind es mittlerweile geworden, Zeit, sich leichter zu gewanden.P1050324

Canow ist der nördlichste Punkt der Strecke, jetzt führt der Track wieder nach Südosten über Fürstenberg nach Zehdenick, der letzten Kontrolle. Der traumhafte Eurovelo 7 führt am Ellbogensee vorbei. Das Wasser glänzt wie ein großer, blauer Spiegel. P1050252Ab hier  haben die Organisatoren ein paar kleine Hügelchen eingebaut, damit es uns nicht kalt wird. Bei Bredereiche bewundere ich gerade ein riesiges Storchennest , das auf einem alten Fabrikkamin thront, als Matthias mit seinem Troytec-Lieger heranrollt. Von hier an fahren wir im Zweierteam bis Berlin. Matthias macht vor mir die Pace, und ich kann mich über plus 2 km/h freuen. Bis Zehdenick rollt es gut, und wir wählen als Kontrolle die altbekannte ARAL-Tanke, wo auch Ingo nach ein paar Minuten einrollt. Von hier an können wir den „langen Endanflug“ in Angriff nehmen. Von meinen Trainingsfahrten her kenne ich hier jeden Straßenbaum mit Namen.

Und weil es so schön ist ein Foto aus meinem Archiv: P1050283

Südlich von Liebenwalde führt diese verrostete, so schön im Abendlicht leuchtende Brücke über den Oder-Havel-Kanal. Wir passieren  heute schon gegen 14 Uhr das Wasser.  Ein paar Kilometer weiter, bei Zehlendorf, schließt die schnelle Truppe um Klaus zu uns auf. Sie lassen es richtig krachen – wenn man aber schön hinten im Windschatten fahren darf, gehen auch 30 km/h locker. So vergeht das Stück bis zum Berliner Stadtrand wie im Fluge. Dann bremsen uns die Ampeln ein. Geduld und Langmut sind gefragt. Um kurz vor vier steigen wir vorm Amstelhouse ab.

Ein klasse Brevet war das. Klasse Wetter, klasse Organisation. Peter bringt mir zur Begrüßung ein Weizenbier. Lecker!

So darf auch das 300er laufen – am 30. April.

In diesem Sinne: Keep on riding

 

 

 


12 Gedanken zu “200 Kilometer Sonne und gute Laune

  1. Den ganzen Samstag an Euch gedacht und so was von neidisch gewesen auf Eure sonnige Ausfahrt. Und sehnsüchtig gewartet auf den Bericht. Danke!!! Und Wörlitz ruft schon … Keine 3 Wochen mehr.

  2. Sehr schöner Bericht, vor allem wenn man wie ich zum ersten Mal dabei war. Bin sogar auf dem einen Foto in Canow mit drauf. Toll 🙂

      1. Leider nur am rechten Bildrand und nicht in der Mitte 😉 bin noch am überlegen, ist der 300er denn zu empfehlen?

      2. Hallo Ole, der 300er führt nach Süden über Dahme/Spreewald – Wittenberg – Wörlitz – Berlin. Sehr schöne Strecke und zu empfehlen. Voriges Jahr hatten uns die Organisatoren nördlich von Dahme durch einen Wald und über einen echten Waldweg geschickt. Dieses Mal bleiben wir auf Asphalt.
        beste Grüße
        Dietmar

  3. Wie immer sehr schöner Bericht. Hat Spass gemacht ihn zulesen. Habe am Samstag beim AUDAX Club Schl.-Holst. den kleinen Brevet über 160 Km gefahren. War echt frisch (2 Grad). Bleib gesund und viel Erfolg beim 300.
    Gruß Peter

  4. Schön das es bei dir gut lief und wir uns endlich mal die Hand geschüttelt haben. Nach gefühlt 6 Wochen Erkältung wollte ich vor der Hölle des Ostens nicht schnell noch einen 200 er fahren und so kam ich nur zum Biertrinken ins Amstelhouse.

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