Mit Ernesto und Francesco ins Oderbruch

Das Oderbruch trägt viele Farben:  Grau-Blau-Braun bei Regen,  Weiß-Blau im Winter oder auch Blau, Weiß, Grün, Gelb, Rot wie heute. Ein Farbenrausch, ein Rausch der Düfte. Auf der Fahrt nach Osten über die sanften Wellen des Barnim tanken wir schon reichlich Sonne und staunen über die verschiedenen Grüntöne von Blattgrün, Wiesengrün und Waldgrün. Darüber treiben weiße Cumuli am tiefblauen Himmel, Kurs Südost. In Heckelberg rüttelt uns die kurze Paris-Roubaix-Pflasterpassage aus unseren Tagträumen. Ab Dannenberg rauschen wir durch den Wald nach Bad Freienwalde hinunter. Das Oderbruch liegt vor uns. Die Mittagssonne bringt langsam Wärme in die frische Frühlingsluft. Erst Alt Ranft, und dann sind wir unvermittelt in Frankreich: Croustillier steht auf dem Ortsschild – Gemeinde Oderaue. P1050409

Der Ort wurde 1759 während der Trockenlegung des Oderbruchs unter dem preußischen König Friedrich II. angelegt. Die ersten französischsprachigen Siedler wurden gezielt außerhalb von Preußen mit Vergünstigungen angeworben. So verwundert es nicht, dass der Name des Ortes vom französischen Wort „croustille“ (Rändchen) stammt. Deshalb sprechen die Einwohner von heute den Namen ihres Dorfes auch verkürzt als „Croustille“ (sprich: Krustille) aus.

Neu Wustrow, Alt Wustrow, noch 4 Kilometer bis Zollbrücke, dann wird uns die Oder auf dem Weg nach Osten bremsen und nach Südosten umlenken.P1050415

Herr Storch wacht über Frau Storch, die schon die Eier der zukünftigen Familie Storch bebrütet.

Zollbrücke schon in Sicht, entdecken wir auf der Linken ein seltsam-kreativ gestaltetes Objekt. Künstleratelier? Nein, hier residiert das kleine „Theater am Rand“.

Mitten am Rand

Das „Theater am Rand“ liegt abseits der Metropolen, am östlichen Rand Deutschlands, im Oderbruch, im Dorf Zollbrücke. Die charaktervolle Landschaft diktiert die Spielregeln. Einfachheit. Professionalität. Handgemachtes, mehrfach umgebautes Theater. Akteure und Betreiber sind der Akkordeonist Tobias Morgenstern und der Schauspieler Thomas Rühmann, die hier ihre verschiedenen Projekte verwirklichen.

Am Anfang, im Jahr 1998, war eine gute Stube für 32 Zuschauer im hundertjährigen Fachwerkhaus. Im Frühjahr 2006 war nur noch Platz auf der grünen Wiese. Ein neues Haus ist entstanden. Sein schützendes Dach wird von geschälten Eichenstämmen getragen. Die Schrägheit der Konstruktion, seine Offenheit, die Abwesenheit von rechten Winkeln verweisen auf die Ästhetik der Geschichten. Widerständige Natur und Kunst gehen eine Symbiose ein. Landschaft, Wind und Wetter, Abendsonnen und bis zu 200 Zuschauer werden ins Haus geholt. Erzählt werden die beredten Menschen-Geschichten dieser Welt und ihrer Regionen.

Theater am Rand, Zollbrücke

So viel Mut und Kreativität „janz weit draußen“. Respekt!

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An der Deichscharte fotografiert uns ein ausgesprochen netter, gut informierter Mensch aus der Region. Als wir ihm berichten, dass wir an der Oder entlang über Kienitz nach Frankfurt fahren wollen, legt er uns einen Besuch im Kirchencafé Kienitz ans Herz. Davon gleich mehr.

 

Altlietzegöricke, Güstebiese – Ortsnamen aus der Zeit der Besiedlung des Oderbruchs durch Friedrich II um 1750.

Mit dem Slogan „Kolonisten gesucht“ wirbt die Gemeinde Neulietzegöricke seit dem Jubiläumsjahr 2003 in Anlehnung an den „Alten Fritz“ um neue Bewohner für den Ort.

Auf den nächsten Kilometern fächert sich die Oder in mehrere Arme auf.

Die Biber haben sich hier an einer ganzen Reihe dicker Stämme versucht. Noch ist das Werk nicht vollbracht.

In Groß-Neuendorf entdecken wir diese Weltzeituhr. Analog und kreativ.20160422_132119

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Bei den Landfrauen gibt es Schnitzel mit Spargel und bei Anna Menzel waren auch Drogen erhältlich.

Noch 3 Kilometer bis Kienitz, wo das Kirchencafé auf uns wartet. Am nördlichen Rand des Ortes wären wir beinahe in der Hafenmühle eingekehrt. Wenn sie denn geöffnet gewesen wäre. Dafür hat der Renovierer und Betreiber, der Fotograf und Poet Jörg Hannemann, Kunst vor seinem Hause aufgebaut.P1050471

Auf einem Bogen rollen wir in das Örtchen Kienitz und stehen unvermittelt vor einem russischen T 34 Panzer. P1050481

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Ernesto C. und Francesco M. lehnen ehrfürchtig am frisch renovierten Sockel.

Einige Meter weiter entdecken wir die Radweg-Kirche mit dem Café Himmel und Erde

Wir kommen aus dem Betrachten und Staunen nicht mehr heraus: Von außen ein sorgsam restauriertes Kirchlein, drinnen ein Café und ein eindrucksvoller Innenhof.

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Radweg-Kirche-Kienitz

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Ein ganz außergewöhnliches Konzept ist hier realisiert worden. Der Innenbereich der Kirche wird vom Café-Wirt genutzt, es werden regelmäßig Konzerte veranstaltet, es gibt einen Radfahrer-Gottesdienst, das Reformationsfest wird hier begangen…

Und wir staunen, genießen die ausgezeichnete Quiche, trinken dazu passend das „Seelsorger-Bier“ aus der Neuzeller Klosterbrauerei.P1050528

„Seelsorger ist das Bier mit der leichtherben, vollmundigen Biernote. Der runde Geschmack streichelt wahrlich die Seele.“

Köstliches Essen, ein freundlicher und sehr engagierter Wirt. Chapeau! So kann kultivierte, kreative Gastlichkeit im Oderbruch daherkommen.

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Von hier aus sind es noch ca. 50 Kilometer bis Frankfurt. Reine Genusskilometer!

Aus einer Pappelreihe schwingt sich direkt vor uns ein Adler, ja, ein wahrhaftiger Adler, in die Lüfte. Und auf dem Deich weiden Schafe und Lämmer. Der riesige Vogel ist aber offensichtlich nicht auf Beutesuche, sondern kreist elegant in einen Aufwind ein und gewinnt schnell an Höhe.

 

 

Gerade noch erkennbar, der Adler unter der Cumuluswolke.P1050556

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So sehe ich Rinder am liebsten: Frei auf riesigen Weiden im satten Grün.

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Der Duft der erblühenden Pappeln bekommt von den herrlichen, frei weidenden Rindern, noch etwas Würze mit.

Immer noch schiebt uns sanft der Nordwest-Wind. Sehr locker gleiten wir mit 30 km/h auf dem glatten Oder-Radweg dahin. P1050575

Lebus und Hollywood: Beide haben sich per Schriftzug an einem Berghang verewigt. Der eine bescheiden, der andere riesig.

In Lebus knickt der Radweg rechtwinklig nach rechts ab und führt dann unvermittelt den Hang hinauf. Endlich ein paar Höhenmeter! Und die Gelegenheit, einen schönen Fernblick über das Oderbruch zu genießen.P1050579

Wie im Bilderbuch. Pferde, blühende Hecken, weites Land.

Wir können uns von diesem Anblick kaum losreißen, aber gegen 17.30 Uhr sollten wir am Frankfurter Bahnhof ankommen. Dann geht der Regionalzug nach Berlin.

Wir schaffen es rechtzeitig, dank unserer treuen Stahl-und Carbon-Italiener:

mit Francesco, Peters Carbon-Moser 333, und Ernesto, meinem Colnago-Mexico-Stahl-Oldie.

Am nächsten Wochenende müssen wieder die Brevet-Räder dran, vielleicht endlich mal bei einem 300er bei fieser Kälte und Regen. Notfalls fahren wir aber auch bei Sonnenschein. Wir haben heute erlebt, wie schön das sein kann.

 


2 Gedanken zu “Mit Ernesto und Francesco ins Oderbruch

  1. Lieber Dietmar,

    du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht!

    So war es wirklich! und auch ebenso schön und erlebnisreich. Es war ein tooolller Tag!

    Herzliche Grüße und eun verschneiten Sonntag

    Peter  

    H.-Peter Wylach Bussardweg 9 14548 Schwielowsee Tel.: 03327 55646

       

    Gesendet: Samstag, 23. April 2016 um 20:54 Uhr Von: randonneurdidier <comment-reply@wordpress.com> An: p_wylach@web.de Betreff: [New post] Mit Ernesto und Francesco ins Oderbruch

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