Mit dem Taurine auf Art-Tour

Die Art-Fahrer und -Sucher waren in den letzten Tagen reichlich fündig. Da ist es an der Zeit, dass ich mich wieder in den Wettbewerb einbringe. Nachdem Kreuzbube auch fette MTBs und andere Räder mit geradem Lenker zugelassen hat, steht einem Taurine-Ausritt in die große Stadt nichts mehr im Wege. Zumal Regenschauer, nasse Straßen, hohe Bordsteinkanten, fiese Scherben und pieksende Steinchen dort lauern. Die Stollenreifen mit Panneneinlagen stecken das besser weg als 25-mm- Rennreifen.

Die erste Art-Beute wartet schon nach 8 km am Tegeler See:

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NEIN! Die Tulpen sind nicht gemeint. Werte ich aber persönlich als Naturkunst von der feinsten Frühlingsqualität. Sie werden heute als Vorspeise gereicht.

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Der Schmuckbogen am Tegeler See, Gerhard Schultze-Seehof, 1956

Wer drunter steht, sollte es ruhig mal ausprobieren: Einfach kräftig „Hallo“ rufen. Dass es ordentlich hallt, erwartet nämlich niemand, dafür wirkt der Schmuckbogen doch zu schmal. Das akustische Phänomen ist aber nur nettes Beiwerk; natürlich sollte die im Jahr 1956 vom Bildhauer Gerhard Schultze-Seehof geschaffene, zwölf Meter hohe Betonschlaufe in erster Linie den Park am Tegeler See zieren. Den Bezug zum Standort schufen aufgesetzte Mosaike mit Wassersportmotiven – Menschen beim Rudern, Kanufahren oder Paddeln.

Nach der 80000-Euro-Renovierung  2015 wieder richtig schön anzuschauen.

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Skulpturengruppe “Motorradfahrer”, Max Esser 1938/39

Die Skulpturengruppe aus Bronze an der AVUS-Einfahrt gegenüber dem ICC im Bereich der ehemaligen Nordkurve wurde 1938/39 von Max Esser (1885-1943) geschaffen, aber seinerzeit nicht aufgestellt. Zwei der drei Motorradplastiken blieben in der Bildgießerei Noack erhalten. Sie wurden 1989 in einer kleinen Grünanlage an der AVUS-Einfahrt am Messedamm, Ecke Halenseestraße gegenüber dem ICC aufgestellt.

Und riesig gelb, geschwungen hinterm Zaun Richtung Messe, steht noch mehr Kunst.

Die Skulptur Looping wurde 1987-1992 von Ursula Sax geschaffen und auf dem Messegelände am Messedamm aufgestellt. Die gebogene Stahlskulptur hat einen Durchmesser von einem Meter, eine Gesamtlänge von 120 Metern und ist 18 Meter hoch. Die Entfernung vom Anfangs- bis zum Endpunkt beträgt 50 Meter.

Das Taurine hat sich im ersten Regenschauer des Tages schon leicht eingenässt, samt Fahrer, versteht sich. Einen Kilometer weiter warten schon die Beton-Cadillacs inmitten des Rathenau-Platzes auf das Art-Foto.

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„Beton-Cadillacs“, Wolf Vostell 1987

Zwei „Beton-Cadillacs in Form der Nackten Maja”, 1987 von Wolf Vostell, Teil des zur 750-Jahr-Feier gestarteten Skulpturen-Boulevards. Vostells Intention war die Entlarvung des “24-stündige(n) Tanz(es) der Autofahrer ums Goldene Kalb”. Gegen die Aufstellung der Skulptur formierte sich ein starker Bürgerprotest. Kein anderes Kunstwerk war in der Nachkriegszeit in Berlin so umstritten. Zeitweise wurde als Pendant zur Vostell-Skulptur auf dem benachbarten Grünstreifen ein Beton-Trabi aufgestellt.

Der Skulpturenboulevard war ein “Museum auf Zeit”, das 1987 im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins mit sieben Großskulpturen und Installationen im öffentlichen Raum zwischen Rathenau- und Wittenbergplatz durch den Neuen Berliner Kunstverein im Auftrag der Senatskulturverwaltung realisiert wurde.

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???

Schön groß, aus Stahl – aber nirgendwo kann ich finden, wie das Werk heißt, geschweige denn, wer es geschaffen hat.

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„Pyramide“, Josef Erben, 1987

1987 im Rahmen des Skulpturenboulevards auf dem Mittelstreifen des Kurfürstendamms, Ecke Bleibtreustraße zunächst vorübergehend aufgestellt, anschließend angekauft.
Die transparente Pyramide wird von einem leicht gekrümmten Stahlblatt und einem Stahlseil gebildet, das mit seinen beiden Enden im Kurfürstendamm verankert ist.

Auf den nächsten Streckenmetern nach Osten sichte ich am Rande des nach ihm benannten Platzes den „Alten“, den Kanzler Konrad Adenauer.

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„Adenauer“, Helga Tiemann, 2005

1,85 m hohe Bronzestatue auf dem Adenauerplatz , 2005 von Helga Tiemann, gestiftet von der Wall AG, enthüllt am 19.4.2005 von  Angela Merkel.

Fast am Ende des Ku-Damms, schon auf dem Tauentzien, posiert das Taurine an der Skulptur „Berlin“.

Die monumentale, torartige Skulptur aus Chromnickelstahl-Röhren symbolisierte mit ihren ineinander verschlungenen, aber getrennt aufgestellten beiden Teilen die Situation des geteilten Berlin.

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„Berlin“, Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff 1987

Und nahe dem KaDeWe dann dieser Brunnen, ( ich weiß, dafür gibt es keine Wertungspunkte), aber er ist sooo schön, und Currywurst mit Pommes gibt es direkt daneben auch zu kaufen ( 5,20 € – zum echten Touri-Preis).

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Taurine mit Pommes an nacktem Paar, eine Spontan-Installation!

Vor der Urania begutachte ich den riesigen Stahlbogen, von dem ich meistens als Autofahrer nur das untere Drittel  wahrgenommen hatte.

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„Arc de 124,5 degrées“, Bernar Venet, 1987

Der „Arc de 124,5 degrées“ ist einfach nur ein Kreissegment aus Stahl. Ausgeschnitten. Wenig mehr als das Drittel eines Vollkreises, ein knappes Grad mehr als elf Strich auf der Kompassrose. Ein Bogen, schwarz und monumental. So zieht er die Blicke an. Asymmetrisch und im perfekten Gleichgewicht, offen, Teil nur eines Ganzen und doch vollständig, perfekt und doch nicht abgeschlossen.

Blickfang, Traumfänger, Stadtjuwel, ruht er auf einem kleinen Fleckchen Erde, zeigt in den Himmel und fällt nicht um.

An der Gemäldegalerie vorbei steuere ich das Taurine zur Neuen Nationalgalerie. Der Mies-van-der-Rohe-Bau wird renoviert, renoviert, renoviert … Das  dauert in Berlin immer etwas länger! Traumhaft gut sieht er immer noch aus.P1150651

Auf der gegenüberliegenden Seite, vor der Staatsbibliothek, steht auf der „Skulpturen- Terrasse“ die Constellation von Bernhard Heiliger:

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„Constellation“, Bernard Heiliger, aufgestellt 2001

Die monumentale Arbeit aus der letzten Werkphase besticht durch ihre Leichtigkeit. Ein alles überragender Winkel überspannt die wechselhafte und ausgreifende Komposition aus Kugel, Reifen, gewölbter Platte und Kreisscheibe und gewährleistet damit die räumliche Geschlossenheit der Arbeit.

Runter von der Terrasse, rauf auf den Potsdamer Platz:

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„Boxers“, Keith Haring, 1987 entstanden, 1998 aufgestellt

Bei wie  vielen Diskussionsrunden und Machtspielen habe ich im Gebäude dahinter „boxen“ müssen…

Heute kann ich hier entspannt schauen und genießen.

Auf dem Weg nach Norden führt mein Weg fast unvermeidlich am Holocaust-Mahnmal vorbei. Ich habe es in allen Phasen seiner Entstehung jeden Morgen auf dem Weg zum Büro begleiten können.

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Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Peter Eisenman, Richard Serra, 2005

Wenn ich schon mal hier angekommen bin, kann ich auch gleich der Kanzlerin einen Besuch abstatten:

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„Berlin“, Eduardo Chillida, 2000

„Berlin“ von Eduardo Chillida

Eduardo Chillida (* 10. Januar 1924 San Sebastián, † 19. August 2002 ebenda) war ein baskischer Bildhauer und Zeichner. Er gehört zu den bedeutendsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Seine wichtigsten Werke sind große Skulpturen mit raumgreifenden Formen und Strukturen. 87,5 Tonnen Stahl!

Wahrhaft ein guter Gegenpart zum damaligen raumgreifenden Kanzler Kohl.

Uff! Der Kunstwerke liegen noch weitere auf meinem Heimweg. Da müsst ihr durch, liebe Leser! Da musst Du mitzählen, lieber Kreuzbube!

Jetzt erst einmal etwas Schönes, Kreatives, aber nicht „Art-gerechtes“: Hinter dem Hauptbahnhof präsentiert sich heute Mexiko mit einer touristischen Ausstellung. P1150720

Und dieser herrliche Drache ist ein Gute-Laune-Spender mit seinen knalligen Farben. Hurtigen Schrittes durchqueren Taurine und ich das Bahnhofsgebäude und biegen dann rechts ab, und dann steigen wir zum Stahlpferd hinauf.

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„Rolling Horse“, Jürgen Goertz, 2007

Das Rolling Horse ist eine von Jürgen Goertz entworfene Skulptur auf der nördlichen Terrasse des Berliner Hauptbahnhofs am Europaplatz. Die Skulptur besteht aus Edelstahl, Aluminium, Kunststoff, Glas und Stein. Sie ist 9,70 Meter hoch, 8,70 Meter breit und wiegt 35 Tonnen.

Dargestellt wird „eine dem Pferd nachempfundene Gestalt, die sich, kreisförmig krümmend, einem Radsegment zuordnet“. Im Sockel sind architektonische Versatzstücke des alten Lehrter Bahnhofs integriert, die durch vier Bullaugen betrachtet werden können.

Auf dem weiteren Heimweg bekommt das Taurine dann noch eine Portion „richtige“ Kunst zu sehen. Vor dem Hamburger Bahnhof steht ein wahrhaftiger Baselitz.

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„Volk Ding Zero“ Georg Baselitz, 2011

Ausnahmsweise möge sich der Leser, wenn er mehr über „Volk Ding“ wissen will, bei Wikipedia bedienen.

Die Lichtinstallation von Dan Flavin über Volk Ding ist natürlich auch Kunst. Wer Zeit und Lust hat: Im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, sind Beuys, Polke, Baselitz, Rauschenberg, Twombly und ihre Zeitgenossen zu bewundern.

Mein Taurine wird hier nicht reingelassen, also ab nach Hause. Wieder am Tegeler See angekommen, schieben sich dunkle Schauerwolken heran.P1150790

Auf den letzten Kilometern werden wir noch ausgiebig kalt geduscht. Oben vom Regen, seitlich von den Autos.

62 Kilometer Art-gerechtes Fahren waren das. Und in der Beutekiste sind sogar noch mehr Fotos drin. Aber davon demnächst. Morgen ist erst mal der 300er Brevet dran. Hinein in den Spreewald, nach Wörlitz und wieder nach Berlin zurück führt der Track.

Und das bei schönstem Sonnenschein. Freude!


4 Gedanken zu “Mit dem Taurine auf Art-Tour

  1. Hallo, vielen Dank! Es gibt aber in Berlin so viele wunderbare Skulpturen im oeffentlichen Raum von Begas, Gaul usw., z.T. Fragmente des Berliner Schlosses, teils im Nikolaivkertel, Koellnischen Park, Tiergarten. Wie wäre es, wenn die Taurine dorthin mal eine Tour machte ?

  2. Die Wettervorhersage ist in der Tat ein Traum. Einige Leute in meinem Umfeld würden wohl sagen, das ist ja nichts Neues für Dich, also kein Problem. Aber auch 300 km müssen doch erst einmal bewältigt werden. Ganz viel Spaß und gutes Gelingen wünsche ich Euch!

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