300 Kilometer Frühling und mehr.

Stahl, Carbon, Alu – ein starker Mix aus Oldies, Mid-Agern und Jungfüchsen ist am Start. Das gilt gleichsam für die Räder wie für die Fahrer. In dieser Brevet-Saison sind auffallend viele „Rookies“ dabei, die ihre ersten Brevets in Angriff nehmen. Sollte Brevet-Fahren sich bis in die Trendszene rumgesprochen haben?

Unser Streckenplaner Ralf hat für heute nur feinste Straßen und Radwege ausgewählt. Lustvolles Brevet-Fahren mit Komfort! Sogar das Wetter haben die Organisatoren im Griff: 18 Grad max., wenig Wolken, viel Sonne, und wenn Wind, dann von hinten … P1050633

Diesen Aussichten entsprechend tragen sich 70 ausschließlich entspannte, gut gelaunte Randonneure im Amstelhouse in die Startliste ein.

Wohlgefüllte Futterkisten und feinstes Titan sind zu besichtigen. Mit den Peters, Rene, Matthias und Wolfgang starte ich um 7.10 Uhr in der zweiten Gruppe. Lockeren Trittes rollen wir nach Süden durch die wach werdende Stadt. Die Ampeln sind immer wach! Das Gute an den Ampelstopps ist die Möglichkeit, mit den Kollegen auch mal ein kurzweiliges Gespräch zu führen. Neben einem sehr Brevet-tauglich ausgerüsteten  Neu-Randonneur auf einem Stahlross mit Rohloff, SON und feinen Conti 4Seasons 32mm fahre ich vorne. Hinaus ins Brandenburger Land. Eine gut harmonierende Gruppe ist hier unterwegs. Die Jungen, Starken, gut – manchmal leicht Übermotivierten machen Tempo. Wir lassen uns gerne mitziehen.

An der Total-Tanke in Trebbin halten wir uns nicht lange auf. Ein schneller Stempel muss reichen. Erst 43 Kilometer sind gefahren. In Dahme erst werden die Trinkflaschen leergetrunken sein. Und hier werden wir uns eine kleine Pause gönnen. Waldwege hat Ralf diesmal erfreulicherweise nicht eingebaut.

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Foto made by Andy 

Dafür dürfen wir kilometerlang über einen nicht mehr ganz so neuen Plattenweg rumpeln. Ein die gesamte Wegbreite einnehmender Forst-LKW zwingt uns zu einer kleinen Cross-Einlage. Matthias muss runter von seinem schnellen Lieger. Ich werfe die Kette auf das kleine Blatt und bleibe oben. P1050660

Zwei nette Damen, die wir schon vom Vorjahr als ausgesprochen selbstlos-freundlich erlebt hatten, versorgen uns auch heute mit dem „Blumenstempel“.

Gegenüber parken schon reichlich Kollegen, die dabei sind, sich zu entblättern, Nahrung aufzunehmen oder ihre Trinkvorräte aufzufüllen. Es ist erst 11.15 Uhr. Wir sind gut im Plan.

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Peter zieht sich die Ärmlinge unter seinem Traditionstrikot von 1999 raus. Vor 17 Jahren schon war er darin erfolgreich bei PBP dabei! Und immer noch passt ihm die Kleidergröße.

Mit einem Kollegen im Velothon-Trikot rauschen wir mit gutem Tempo nach Westen. Jetzt schiebt uns der Wind, und meistens steht die 3 vorne auf dem Tacho. Bis zur Kontrolle in Oehna sind es gerade mal 33 Kilometer.

Raps in sattgelber Blüte und Windräder bis zum Horizont. Da lacht das Herz.

Kaum sind wir richtig in Schwung gekommen, stehen wir schon im Biergarten vom Landgasthof in Oehna. Buntes Randonneurstreiben herrscht hier. Die Kollegen räkeln sich in der Sonne, genießen Gerstensaft „mit und ohne“ und geben ihre Essensbestellungen auf. P1050681

Der obligatorische Stempel ins Brevet-Heftchen ist bestens und sehr komfortabel organisiert: Ein Tisch mit Stempel, Stempelkissen und Kuli ist im Biergarten zum „Selfservice“ aufgestellt. Perfekt!

Und bei Kilometer 130,2 darf auch mal an Essen und Trinken gedacht werden.

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Der Blick auf die Speisenkarte vom Gasthof Witte macht uns den Mund wässrig. Wir entscheiden uns für Pasta mit Wild und für Pasta mit Hähnchenfleisch.

Für Rene gibt es Apfelschorle, Matthias gönnt sich ein Riesen-Radler.

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Ingo ist absolut entspannt.

Und Ralf bekommt ein tellerfüllendes Schnitzel mit Bratkartoffeln. So, bevor jetzt jemand auf die Idee kommt, dies sei doch eigentlich ein Gourmet-Blog, weiter im Text mit den sportlichen Aspekten. Schließlich haben wir noch nicht einmal die Hälfte des Brevets bewältigt. Auf die Pferde also!

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Matthias – eine Orgie in Grün und Gelb
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Rene in blühendem Raps

Rene, der zum Fotografieren einen Schritt ins Feld macht, sieht nachher aus wie eine Biene nach dem Blütenstaubsammeln.

Über Zahna führt der Kurs über beschauliche Wege nach Wittenberg. Klaus gesellt sich zu uns, und wir rollen zügig nach Wittenberg, dann über die Elbe und hinein ins Wörlitzer Gartenreich. Ein traumhafter Weg ist das. Einzig die manchmal zackige Radwegführung bremst unseren Vorwärtsdrang. Rene lockt uns auf einem Spezialweg mitten durch den Park. Nicht alle Spaziergänger sind begeistert, bleiben aber höflich – wie wir auch. Auf der anderen Seite wartet das Café Am Eichenkranz. Wir holen uns heute nur die Stempel ab und verschmähen Kuchen, Kaffee und Eis. Die Pasta in unseren Mägen will vor der nächsten Futteraufnahme erst einmal vom Körper verarbeitet werden. 184 Kilometer liegen hinter uns – noch 126 wollen abgekurbelt werden.

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Zahlen!
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Selfie-Man!
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Ausruhen!

An der Elbfähre laufen wir auf die schnelle Truppe auf, die bisher vor uns unterwegs war. Am Coswiger Ufer angelangt, treten die Jungs wieder unbarmherzig rein und entschwinden langsam unseren Blicken, zumal Peter auch noch ein schleichender Plattfuß am Hinterrad ereilt. Mit vereinten Kräften ziehen wir den störrischen Conti von der Felge. Neuer Schlauch rein, und dann gibt es schnellen Druck mit meiner CO2-Kartusche. Zack, ist der Peter wieder unterwegs. Jetzt kommt der Wind schräg von vorn und zeigt uns auf freiem Feld, dass er uns auch ärgern kann. Schön hintereinander fahren – „Belgischer Kreisel“ – na ja, fast.

Dobbrikow – letzter Kontrollpunkt – 259 Kilometer. Ralf genehmigt sich noch ein Schnitzel „auf die Schnelle“. Wir belassen es bei Weizenbier und Radler. Ein Kollege aus der Berliner Radkurierszene erprobt seine Langstreckenfähigkeiten. Löcherhose über Radhose und vom Trikot die Ärmel abgeschnitten. Die jungen Modedesigner hätten ihre Freude an ihm. Und für unsere Brevet-Gruppe ist es ein Gewinn, solche Typen bei uns zu haben. Det is Berlin!

Endspurt: Noch 50 Kilometer bis zum Ziel. Peter und ich lassen Matthias und Rene bei Güterfelde ziehen. Die beiden  geben sich „die Kante“ und sind 15 Minuten vor uns am Amstelhouse. Um 21 Uhr rolle  ich zusammen mit Peter und Ralf ins Foyer. Letzter Stempel – 13 h 55 Minuten brutto. Damit bin ich sehr zufrieden. Peter holt ein Bier und noch ein Bier. Lasagne, Salat, Joghurt … Über diesen herrlichen Tag philosophieren … Auf Kollegen warten. Ja, wir sind heute ziemlich weit vorne dabei.

Essen, Trinken, Quatschen, Glühwürmchen begrüßen.

 

Um Mitternacht sitze ich wieder auf meinem Endurace und genieße die letzten Kilometer durch die Nacht. Duschen, schlafen, Punkt!

P.S.: Ein dickes Dankeschön an die Organisatoren Klaus, Ingo und Ralf. So macht Brevet-Fahren Freude.


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