Laaang durch die Altmark nach Wolfsburg

Was hat mich da geritten? Wetteronline verspricht 14 Stunden Sonne und frischen Ostwind. Und Kilometer fressen sollte ich noch reichlich, bevor die ganz langen Brevets kommen. Mit Rückenwind nach Westen fahren und mit dem Zug zurück. Das sollte eine schöne Sache werden. Also Sonntagabend um 23 Uhr per Bahn-App ein Ticket Wolfsburg-Berlin geordert, schnell eine Route auf das Oregon gespielt, Weste, Armlinge, Kamera eingepackt. Trinkflaschen gefüllt. Bargeld, Bahncard eingesteckt, Luft geprüft, Ersatzschlauch?! Alles o.k ! Um 0 Uhr 15 liege ich im Bett und schlummere tief. Beim Frühstück fragt mich meine bessere Hälfte leicht amüsiert, leicht irritiert, ob ich das alles ernst meine? Einfach so, einfach immer geradeaus nach Westen? Ja, ich will das so!

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Bei Tangermünde über die Elbe

Um 9.15 Uhr sitze ich auf dem Endurace und kurbele gen Westen. Nauen, Ribbeck und dann den wunderschönen Havelland-Radweg entlang. Traumhaftes Radeln – der Wind schiebt ordentlich. Fast immer die 3 vorn auf dem Tacho, manchmal sogar eine 4. Rapsfelder ohne Ende. Helles Leuchten in Gelb! Heute lasse ich die Kamera bis zur Elbeüberquerung in der Tasche. So schön die Radwege im Havelland sind, so lieblos und schlecht beschildert geht es in Richtung Stendal weiter. Wenn ich nicht so gut mit meinem Oregon befreundet wäre, ich wäre noch öfter in Flüche ausgebrochen. Mal ein Radweg an der Bundesstraße, der unvermittelt endet, mal ein Plattenweg, der selbst auf einem Reiserad keine Freude macht.

Aber Sonne und Rückenwind rücken diese Misslichkeiten schnell in den Hintergrund. In Stendal brüllt ein freundlicher Zeitgenosse: „Radweg, du Idiot!“ Dabei ist in diesem Falle wirklich nur ein Gehweg vorhanden. Die  schön restaurierte Altstadt streife ich heute nur und bewundere stattdessen mehr oder weniger gut restaurierte Plattenbauten in der Südweststadt. Juri Gagarin, Otto Lilienthal, Albert Einstein sind hier Namengeber für die Straßen. Welch Wunder: ein glatter Radweg parallel zur B 188! Das ist doch mal was. Die Freude währt nur kurz. Kilometerlang darf ich auf der B 188 die Sattelschlepper in mehr oder weniger dichter Vorbeifahrt genießen. Bei Volgfelde läuft es dann gut auf dem Betriebsweg neben der ICE-Strecke. Bis dieser dann unvermittelt endet.

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Immerhin sind die Störche der Altmark treu geblieben. Viel Land – wenig Leute.

Mal ein Radweg mit einer schönen Beschilderung, der dann aber über einen genauso schönen wie rumpeligen Waldweg führt. Dann wieder die herrliche B 188. Leider ohne echte Alternative für einen schnelle Tour nach Westen.

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Ohne Worte

Noch 20 Kilometer bis Gardelegen. Immerhin ist das eine alte Hansestadt und, wie ich mit Staunen in Wikipedia erfahre, mit 622 qkm die flächenmäßig drittgrößte Stadt Deutschlands! 23000 Einwohner haben reichlich Platz zur Verfügung. Und mit 230 qkm Fläche sorgt der Truppenübungsplatz Altmark dafür, dass es südlich der B 188 keine Straßen-Querverbindung über 35 Kilometer Länge gibt. P1050782

Ende Gelände!

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Der Roland sieht zwar alt aus, ist aber ein junges Kunstwerk, das der Bildhauer Lutz Gaede 2002 schuf  – schon 1564 stand hier mal ein Roland aus Elm-Kalksandstein.

 

In Gardelegen gibt es schön restauriertes Fachwerk zu sehen, aber auch auf dem Marktplatz sind kaum Menschen unterwegs. Ein einladendes Café? Fehlanzeige! Meine Wasserflaschen bleiben leer. Heute lacht mich kein einziger Platz zum Verweilen an. Dann will ich zumindest in dem Fahrradladen in der Innenstadt schnell ein neues „Multitool“, am besten von Topeak etc., kaufen. Meins hatte ich zu Hause liegen lassen. Rein in den Laden also. Werkzeug? „Ham wa nich. Kauft eh keener.“  Endlich wurde mir die Erkenntnis vermittelt, dass Werkzeug für Fahrräder entbehrlich ist.

Irgendwie werde ich nicht warm mit dieser Stadt. Weiter also, auch mit leeren Trinkflaschen. Es sollte noch 50 Kilometer und die Durchfahrt von ungezählten, aber immer fast menschenleeren Reihen-und Haufendörfern dauern, bis ich in Oebisfelde vor einer Mischung aus Café und Pizzeria stehe. Hier muss es sein! Hier kehr ich ein!P1050779

Ich bin der einzige Gast, und so hoffe ich auf eine schnelle Bedienung. Mein Auftrag, Milchkaffee, Mohnkuchen, drei Kugeln Eis, wird mürrisch entgegengenommen. Es dauert dann gefühlte 15 Minuten, bis Kaffee und Kuchen auf dem Tisch stehen. Nach dem Bezahlakt – der Kellner tat sich schwer, die Rechnung zu erstellen – erdreistete ich mich, nach einer Trinkwasserfüllung für meine Flaschen zu fragen. Wortlos wurde ich auf die Toilette verwiesen, wo ich allerdings meine 0,7-l-Flaschen nicht unter den kurzen Waschbeckenkran klemmen konnte. Mit einer fiesen Bemerkung ( nicht druckreif) verließ ich diesen unwirtlichen Ort. P1050781

Zur Krönung meiner 200-km-Tour gönne ich mir noch die Anfahrt auf der fast 10 Kilometer lang schnurgerade verlaufenden Bundesstraße ohne Seitenstreifen, die dafür aber dicht flankiert ist von Leitplanken. Ein klasse Gefühl, am Ende den Sattelzügen und den Freizeitrennfahrern mit den dicken Auspuffrohren entkommen zu sein.

Dann zeigt Wolfsburg sein malerisches Antlitz mit der Silhouette des VW-Werkes.P1050785

Bevor ich die ganze Region verteufele, nun etwas Positives. Die Radwege in Autotown sind großzügig angelegt. Die VW-Arena leuchtet in der Sonne, der Freizeitpark dahinter lockt zum Verweilen.

 

Und dann dies: Eine wahrhaftige Beach-Bar!

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nein, dieser Biergarten schläft noch in der Sonne
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Aber jetzt: Stühle ohne Menschen
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Das Endurace staunt

Ich gönne mir ein köstlich kühles Weizenbier, bekomme eine Wasserfüllung für meine Trinkflaschen! Von einer überaus freundlichen Bedienung. Sehr tröstlich.

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Wer in Wolfsburg das Sagen hat, ist überdeutlich.

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Der Auswanderer: l´emigrante, Provenziani Quinto 2004

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Der IC fährt pünktlich, die Schaffnerin ist freundlich, die untergehende Sonne leuchtet über der Altmark. Ich finde meinen Frieden.

Als ich um 21.50 Uhr wieder zu Hause einrolle, werde ich umgehend  von einer freundlichen Nachbarsrunde eingeladen, köstlichen Wein zu genießen und dazu einige Leckereien zu verspeisen. Ja genau jetzt ist dieser Tag doch ein schöner Tag geworden.

 

Und hier noch eine „Strecken-Vermeidungskarte“ zur Info: Von Stendal bis Wolfsburg „nicht empfehlenswert“Bildschirmfoto 2016-05-10 um 11.05.19


9 Gedanken zu “Laaang durch die Altmark nach Wolfsburg

  1. Hallo und vielen Dank für die tolle Seite und den Bericht. Ich bin das Ding gestern ähnlich gefahren. Allerdings Südroute über Potsdam, Brandenburg an der Havel und Elbquerung per Fähre. Das ist bis Brandenburg sehr schön. Zwischen Brandenburg und Genthin weniger. Von Grieben (Fährankunft Westelbien) bis Gardelegen lässt es sich ganz gut über die Dörfer gondeln. Bis Wolfsburg ist dann tatsächlich nochmal nicht schön. Morgen zurück mit deiner Routenoption. Merci ;-).

  2. Zitat: „Radweg, du Idiot!“ – Willkommen in Sachsen-Anhalt.Der Radtourismus ist die schnellst wachsende „Branche“ in diesem vorgestrigen Bundesland, aber in Magdeburg hat man noch nicht einmal ein Konzept für diesen Tourismusbereich. Der dafür bisher politisch Verantworliche hat zuvor in Niedersachsen Schaden angerichtet, was ihn direkt als Wirtschaftsminister(sic!) für SAH qualifiziert hat. Die Beschreibung der Wegequalität trifft auch den Nagel auf den Kopf. Es ist einfach unterirdisch. Ansonsten ein ein schöner Bericht ;-).

  3. Hallo Dietmar,
    deine Berichte sind erste Sahne. Bleibe gesund und halte dich von den Sattelschlepper fern.
    Gruß
    Peter

  4. Dem sonst so duldsamen und anspruchslosen Randonneur verschlägt es glatt die Stimme. ich kanns nachvollziehen: die Ersatzbundesstraßen, die Ost und West verbinden sind vor allem Standard Warentransfer-Rollbahnen. Radfahrer, schon gar Freizeitradfahrer waren bei der Planung nicht voigesehen, dabei ist dieser Landstrich ja angenehm flach und urtümlich. Entwicklungsland.
    Nu – wat willste machen. Freut mich, daß die tour dennoch so harmonisch ausging. danke!

    1. Bei diesem kurzfristig kurzgeplanten km-Fress-Track war wohl hauptsächlich ich selber verantwortlich für die Unbill. Wenn man auf die Nebenstraßen ausweicht und viele Kurven dreht, ist das gleich viel beschaulicher. Habe ich voriges Jahr über Salzwedel so erlebt. Aber ich wollte es ja so! Danke Dir für den wohlmeinenden Zuspruch.

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