411 Kilometer vom Feinsten

4.45 Uhr – der Wecker klingelt mich unbarmherzig aus dem Tiefschlaf.  O.k., das muss heute sein, schließlich steht unser 400 Kilometer-Brevet auf dem Tagesplan. Das Endurace wartet schon komplett bepackt im Flur. Es kann losgehen hinein nach Berlin zum Startort Amstelhouse.

Hier einige Fotos, die Gerhard geschossen hat – es ist noch „Winterzeit“ gestempelt, ganz so früh waren die Ersten doch nicht beim Einschreiben.

Randonneure vor dem Start: Fachsimpeln, Kaffee trinken, Ausrüstung checken… Gerhard, der dieses Jahr seine „Brevet-Auszeit“ nimmt, betätigt sich als Mitorganisator. Die Stange, die aussieht wie ein Wanderstock, sollten wir heute noch an anderem Ort zu Gesicht bekommen. Davon später mehr.P1050932

Heute reichen zwei Startgruppen mit jeweils etwa 25 Randonneuren. In der ersten sichte ich Astrid, die verteufelt schnelle Rad-Kurierin. Paris-Brest-Paris hat sie 2015 in einer 60- Stunden-Zeit absolviert.

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Astrid werden wir wie üblich nur beim Start sehen, dann enteilt sie lockeren Trittes

Auf allen abgerufenen Wetterportalen wird Sonne satt und Regen Null vorhergesagt.Heute wird folglich „Kurz-Kurz“ gefahren. Sonnencreme auftragen, sonst sehen Beine und Arme am Ende des Tages aus wie ein frisch gefangener Krebs.

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Det macht Laune!

Um 9 Uhr rollen wir in großer Besetzung vor der ersten Kontrolle in Hammer aus. Die Damen in der Bäckerei Kowsky behalten die Contenance im Gedränge, stempeln Karten, schenken Kaffee aus und verkaufen leckeren Kuchen.

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Team „Onsight“ labt sich am Erdbeerkuchen
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Starring am Werbellin-See

Und ab nach Nordosten – zum Werbellinsee – schnell ein Foto, und weiter geht es. In Althüttendorf knickt der Track von der glatten Straße auf einen immer rumpeliger werdenden Weg ab. Aber das trifft uns ja nicht unvorbereitet. Das alte Kopfsteinpflaster unter der löchrig gewordenen Teerdecke rüttelt uns durch als wären wir bei Paris-Roubaix unterwegs. Manche Randonneure wie unser Ralf sind geradezu gierig  auf derartige Passagen. In Angermünde angekommen genießen wir umso mehr den sanften Flüsterasphalt.

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Ohne Gerhards Geheim-Stempel keine Wertung!

Als wir in Dobberzin nach rechts abbiegen zur Oder hin, werden wir jäh gestoppt: Ein PBP-Trikot flattert im Wind und unten dran der Hinweis auf eine „Geheimkontrolle“. Nun weiß ich, warum Gerhard an seinem Rad den Wanderstock mitführte.

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Gerhard hat zum „Carboloading“ reichlich Gummibärchen bereitgestellt

Tatsächlich können besonders Listige den heutigen Track um ca. 10 Kilometer verkürzen, wenn sie direkt über die Bundesstraße und dann am Parsteiner See entlang fahren. „Ätsch!“ Nur wer den Stempel von Gerhard im Heftchen hat, wird heute gewertet.

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Ohne Kaffee kannste nich kämpfen!

Nach kurzer Pause an der Feldsteinmauer um  die Kirche Dobberzin geht der Zug dann unter Führung von Ingo so richtig ab. Der Schiebewind soll seinen Nutzen voll entfalten. So erreichen wir Lunow, die nächste Kontrolle wie im Fluge. Sehr angenehm, bei den schnellen jungen Wilden im Schlepptau Strecke zu machen. Schon sind wir an der Oder und machen Speed auf dem glatten Radweg. Die reine Freude ist das – bis ein lautes „Pfffft“ mich aus meinem Wohlgefühl reißt. Schon kilometerlang sind wir über die Schalen von zerknackten Muschelschalen gerollt. Jetzt hat sich ein besonders scharfes Bruchstück meinen GP 4000 als Opfer ausgesucht. Ein kleiner Schnitt, und raus ist die Luft. Die komplette Truppe hält an und besteht darauf, solange zu warten, bis ich den Ersatzschlauch eingezogen habe. Ein schönes Gefühl, solche Solidarität zu erleben. Peter hält mein Rad, reicht mir den Ersatzschlauch und dann die Kartuschenpumpe. Nochmal macht es „Pffft“, und der Reifen kann  wieder, mit 7 Bar gefüllt, zurück in die Carbongabel. Weiter geht die Deichhatz, aber jetzt mit einem wachsamen Auge auf die Muscheln, die vorher von schlauen Möwen und Raben auf den Asphalt gebombt wurden, um komfortabel an deren köstlichen Inhalt zu kommen. Hinter uns trifft es noch mindestens zwei weitere Kollegen: Bei unserem Siemens-Triathleten ist gar der ganze Mantel zerschnitten. Er muss eine Stunde auf Ersatz warten, weil er zuvor schon selbstlos den Seinen einem Kollegen gegeben hatte. So kann es gehen.

Die Gruppe, die hauptsächlich von Ingo und Rainer angeführt wird, harmoniert prächtig. Auf diese Weise bewegt sich unser Tempo immer um die 30 km/h. Schnell haben wir Kienitz, die nächste Kontrolle, erreicht. Während die große Gruppe im Gasthof am Hafen einfällt, haben wir von Ingo die Freigabe, unseren Kontrollstempel im Café in der Radfahrerkirche abzuholen.

Diese Fotos stammen von einer Frühjahrstour. Heute waren alkoholfreie Getränke geboten!

Wieder mal werden wir überaus freundlich begrüßt im Café „Himmel und Erde“, die leckere Quiche steht nach kurzem Warten auf dem Tisch, und 20 Minuten später sind wir wieder „on tour“. Wir, das sind Peter, Henning und ich. Ein mittlerweile eingespieltes Team. Erst eine Stunde später holt uns der „D-Zug“ wieder ein. Mit Hallo werden wir begrüßt und wieder integriert. 10 bis 12 schnelle Randonneure sind übrig geblieben aus der Ursprungskonfiguration. Also hat der Speed leicht selektiert. Auch wir lassen nach einer halben Stunde abreißen und finden unser eigenes Tempo.

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stilvoller Bart

An der vierten Kontrolle, dem „Germanischen Langhaus“ in Krügersdorf, und 80 Kilometer weiter, schließen wir wieder auf. Eine etwas kürzere Pause, und schon sind wir wieder dran.P1050999

Als wir Würzfleisch und Erdinger verarbeitet haben, kommen Matthias mit seinem Troytec und kurz danach auch Peter S. auf die Terrasse. Matthias hat sich, selten genug kommt das vor, einen Umweg von 10 km geleistet. Auch unser Muschelschnitt-gebeutelter Triathlet hat wieder aufgeschlossen. Mann, hat der Power!

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Schlepziger Storch
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Wirtshaus im Spreewald – Schlepzig
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Diese Farben musst du fotografieren, befiehlt unser Fotograf Henning, also bin ich brav und drücke auf den Auslöser

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Peter und Henning an Naturfarben

Wieder warten 80 Kilometer bis Dahme auf uns. Einen leichten „Hungerast“ habe ich mir eingefangen, etwas mehr hätte ich doch wohl essen sollen. Meine beiden fürsorglichen Mit-Randonneure stellen sich auf eine geringere Marschgeschwindigkeit ein.

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Sport-Toast für die Sportler
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Matthew will hier nicht mehr weg

Nach drei Stunden erreichen wir die „Sportwelt“ in Dahme. Die schnelle Truppe lässt es sich bereits gut gehen und labt sich an Kuchen, Currywurst und Sporttoast. Ich schaue in ausschließlich zufriedene Randonneursgesichter.  Eine etwas längere Pause ist vor der Fahrt in die Nacht angesagt, und die tut auch sehr gut. Nicht alle sind so total relaxt wie Matthew, der so unvergleichlich schön und schnell kurbeln kann und immer gute Laune ausstrahlt.

Inzwischen kommt auch Matthias mit dem Troytec um die Ecke gerollt. Er hat sich bei einer „geschäftlichen“ Pause ein paar schmerzhafte Mückenstiche eingehandelt. Mücken sind naturgemäß im Spreewald in Massen unterwegs und lauern auf eine Blutmahlzeit.

Auch Peter S. , der Kämpfer, rollt ein und muss mit ansehen, wie wir schon wieder auf die Strecke gehen. Er trägt es mit Fassung. Schließlich hat er nicht über Stunden den Vorteil der Fahrt in einer schnellen Gruppe genießen können. Eigentlich müsste er einem Zeitbonus erhalten.

Der lange Endspurt nach Berlin wird mit dem Anlegen der Reflexwesten und dem Überstreifen der Armlinge eingeläutet. Lichtkontrolle?! Und los geht es.

Hinein in die sanften Anstiege des Fläming baggern wir weiter zur letzten Kontrolle in Trebbin. Meine Versuche, Peter und Henning davon zu überzeugen, dass ich doch mein eigenes Tempo – allein – fahren möchte, werden kategorisch von den beiden abgelehnt. Na, dann müsst ihr euch damit abfinden, dass wir etwas langsamer unterwegs sind!

Trebbin, Total-Tanke: Stempel, Würstchen, Cola, Kaffee.  Zur Geisterstunde sind wir  gut gestärkt wieder „on Track“ nach Berlin. Noch 40 lächerliche Kilometer. Aber sie ziehen sich lang. Beinahe hätten wir einen Zusammenstoß mit einer Rotte von mindestens 12 Wildschweinen gehabt, die direkt vor uns die Straße im Galopp queren. Unsere LED-Fluter und dann ein rechtzeitig beherzter Griff in die Bremsen bewahren uns vor Unheil. Auf diese Weise sensibel und wach gerüttelt, arbeiten wir uns von Süden hinein in das ruhig gewordene Berlin. Um 2 Uhr , nach genau 18 Stunden und 51 Minuten, schieben wir unsere Räder durch die Tür des Amstelhouse. Zufrieden, kaputt, müde! Ein Bier noch, etwas quatschen und eine halbe Stunde später endlich wieder auf´s Rad für die letzten 15 Kilometer nach Hause.

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Rainer ist bereits wieder landfein
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Typisch Amstelhouse: Gute Stimmung, junge Leute, und wir mitten drin
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Haste juut gemacht, Henning
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Andy zeigt uns zum Abschied seinen klassischen Rücken. Ulle lässt grüßen.

Ingo, Klaus und Ralf! Heute habt ihr inclusive Wetter und Wind wirklich alles im Griff gehabt. Danke für ein forderndes und traumhaft schönes Brevet.

Wir sehen uns in zwei Wochen, dann führt der Track des 600er Brevets auf den Brocken hinauf. Dann ist Schluss mit Lustig!

 

 


11 Gedanken zu “411 Kilometer vom Feinsten

  1. Schade dass ich einen anderen Termin hatte, bei dem Bericht bekommt man ja doch Lust aufs Mitfahren 🙂 Mein 400er Erlebnis wartet noch auf mich diesen Monat.

  2. Schön geschrieben und so leicht zu lesen irgendwie. Wirklich erstaunlich, wie selbstlos die Gruppe zurückstellt und die Geschwindigkeit reduziert um das schwächste Glied mit zu ziehen. Das hab ich bei meinem Einstiegs – 200er auch erlebt und wollte es anfangs gar nicht so recht annehmen, aber das gehört offensichtlich zum guten Ton bei den Langstreckenfahrern. Was soll da bei deinem 600er noch schief gehen… ;- )

    1. Hallo Toni, wenn ich den Bericht von eurer Domtour lese – launig, lustig, packend… Ich wäre gern dabei gewesen. Hätte ich nicht die wunderbare „Ausrede“ 400er Brevet gehabt. Wie auch immer: An diesem Sa/So waren offensichtlich Radler mit offenen Augen, Ohren und Herzen unterwegs. Gut so!
      keep on riding
      Dietmar

  3. Vielen Dank für diesen lustigen Bericht aus dem sonnigen Norden. Bilder sehr gelungen, selten soviele entspannt lächelnde Mitfahrer gesehen. Der Winter war ja auch lang genug . . . keep the spirit, um es mit dem Engländer zu sagen.

  4. Yippieh. Und dann doch der Geheimtipp in Kienitz 🙂 Habt Ihr allesamt toll gemacht und es war mal wieder ein Fest gedanklich mitzuradeln. Erhol Dich gut, damit ich kilomtermäßig die Chance habe ein wenig wieder zu Dir aufzuschließen. Bis bald und KEEP RIDING!

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