Die Dutch-Capitals-Tour, 1000 Kilometer Gegenwind, das Finish

Ich schiebe mein Endurace vor die Tür und gebe den nächsten Trackabschnitt als Ziel ein. 81 Kilometer sind es bis Almere. Ein Blick auf die Wetter-App zeigt noch Niederschlag, der scheinbar nach Osten abzieht. Also los in die Dunkelheit. Ein Kollege aus dem Team ist rausgekommen und zeigt mir den Weg hinaus aus dem Sportplatzgelände. Das ist Service, auch nachts um 0.15 Uhr.

Vereinzelt gischten Autos über die Straße. Große Pfützen stehen auf dem Radweg. Macht nichts. Die Regenüberschuhe halten meine Füße trocken. Mit sanftem Schiebewind nähere ich mich Enkhuizen. Hier fängt es wieder an zu tröpfeln. Weiterfahren! Um halb zwei kurbele ich auf den Houtribdijk hinauf. Über eine hell erleuchtete Schleusenanlage von beeindruckenden 125 m Länge führt der Weg auf den eigentlichen Deich. 25 Kilometer wieder mal: Wasser links, Wasser rechts. Nur ist es jetzt stockdunkel. Meine E3 weist mir den Weg durch die Finsternis. Es regnet wieder stärker, und ich bin froh, dass ich die wasserdichte Schirmkappe unter dem Helm aufgezogen habe. So bleibt die Brille trocken. Der Radweg auf dem Deich hat kaum erkennbare Markierungen, die Oberfläche ist mäßig. Komisches Gefühl: Das Wasser hören und nicht sehen. Kurbeln!

Es fängt an zu schütten. Ich versuche, das zu ignorieren – es ist ja warmer Regen. 17 Grad, mitten in der Nacht, und das am offenen Meer. Nach einer halben Stunde bleibe ich stehen und schaue mich um – keine Lichter von Kollegen zu entdecken. Keiner vor mir, keiner hinter mir. Der Deich gehört den Kaninchen, den Möwen und mir. Auf halber Strecke, irgendwann gegen zwei Uhr wird es im Nordosten heller. Die Sonne kann es noch nicht sein. Die Lichter von Lelystad? Aber der Schein geht so hoch hinauf über den Horizont! Wie eine riesige fliegende Untertasse, die ihr Licht breit, gelb-grünlich mit etwas Violett in den Himmel schickt. Eine halbe Stunde lang werde ich von diesem unglaublichen Spektakel unterhalten. Dann, als ich Lelystad erreiche und in Richtung Almere abbiege, wird es wieder dunkel.

Auf der Suche nach Aufklärung dieses Phänomens, stoße ich auf eine Seite eines niederländischen Fotografen: Er hat das Lichtspektakel dieser Nacht im Bild festgehalten. Es war ein Nordlicht, eine Aurora Borealis. Gar nicht so selten hier am Ijsselmeer.

Nordlicht

Foto: Gijs de Reike

Genau so habe ich den Himmel über dem Meer in Erinnerung, eingebrannt in mein Gedächtnis. Auf den nächsten Kilometern geht mir dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf, selten habe ich so viel Bewunderung und Ehrfurcht vor der Natur empfunden.

Diese Nacht ist lang, der Kurs hat wieder in den Wind eingedreht. Der Tacho pendelt um 16 bis 17 km/h. Irgendwann muss doch diese verdammte Kontrolle kommen. Um fünf stehe ich vor der hell erleuchteten Großtankstelle. Glücklich, dass die Bedienung gerade das Brot zum Aufbacken in die Röhre schiebt. Meine Regensachen hänge ich über einen Stehtisch, die Dame der Tanke lässt es geschehen. Zwei heiße Kaffee, Baguette mit Käse und Schinken, und dann fülle ich noch meine Vorräte auf. Gummibären, Snickers und eine große Tüte mit gesalzenen Cashewnüssen. Luxus pur!

Als ich aufbreche, rollen William und Rob um die Ecke. Rob hat auf dem nassen Deich sogar eine Schlafpause eingelegt. Na, hoffentlich bleibt er gesund!

Meine Kräfte sind zurückgekommen. Es kurbelt sich wieder leichter. 1258 Kilometer sind weggearbeitet. Nacken gut, Füße gut, Hände gut, Beine gut! Das mag der Randonneur.

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Kurz vor Utrecht hat es sich eine Schwanenfamilie auf Straße und Gehsteig gemütlich gemacht. Utrecht, Kilometer 1304, Amsterdam, Kilometer 1348, Harlem, Kilometer 1366, s`Gravenhage, Kilometer 1416.

Keine Lust mehr zum Fotografieren, alle Kraft auf die Pedale, alle Konzentration auf die ungezählten Ortsdurchfahrten, ungezählte Ampelknöpfchen, ungezähltes Ampel-Warten, ungezählte Verbundsteinpflaster-Kilometer in den Orten.

So schön ist Holland, so freundlich sind die Menschen, so vorbildlich die Radweg-Infrastruktur. Aber bei einem Ultra-Brevet über 1400 Kilometer will man irgendwann mal nur fahren, ohne Stopps!

Am letzten Kontrollpunkt, s`Gravenhage, rollt Peter Zinner just vor der Tanke aus, als ich wieder starten will. Wir freuen uns beide, denn die letzten Kilometer ins Ziel werden so kurzweilig, und die Schmerzen reden wir einfach weg! Peter spendiert eine kühle Cola als Anschub für die 11 Finish-Kilometer. Wir lassen es locker angehen. Die Sonne lacht, der Wind zeigt, dass er auch ordentlich schieben kann. Um kurz nach 16 Uhr rollen wir auf das Sportgelände in Zoetermeer. Klatschen, Rufen, Händeschütteln… Es ist vollbracht! Ein letzter Stempel ins Heftchen, dann ein Bier und erstmal einfach hinsetzen und zur Ruhe kommen.P1060423

Zufrieden! Der Peter aus Düsseldorf.

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Zufrieden!  Matthias , 92 h 30 Min.

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Auch Willam Dickey aus Irland ist im Ziel

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Und auch der „Deichschläfer“ ist gesund angekommen

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Mein Endurace hat die Strapaze mit Bravour gemeistert. Zuverlässig, komfortabel, leichtfüßig.

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102h 06 min – und fertig!

Mein feucht gewordenes Brevet-Heftchen hat der Veranstalter einfach zum Trocknen auf die Leine gehängt. Peter, der Dritte neben Matthias und mir in unserem Team, fightet noch auf der Strecke. Er beißt und beißt und beißt sich durch. Um halb zehn ist auch er im Ziel. Chapeau!

DCT Strecke
1425 Kilometer – durch alle Provinzen der Niederlande – in max. 110 h

Die Bilanz:

45 Anmeldungen – 41 Starter – davon 27 im Ziel

> Der Schnellste: Ymte Sijbrandij 67:50 h mit Velomobil DF

> Matthias: 92:30 h mit Troytec Revolution HR

> Dietmar: 102:06 h mit Canyon Endurace CF Pro

> Peter: 107:45 h mit Genesis Croix de Fer

Nicht nur Berge, auch Wind und Wetter können selektieren.

 

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Freude!

Unspektakulär wie die Dutch-Capitals-Tour begonnen hat, so endet sie auch: Zusammensein vor dem Clubheim, ein Bier trinken, Erlebnisse austauschen. Peter aus Düsseldorf macht sich fertig für die Fahrt zum Bahnhof. Er will noch heute Abend nach Düsseldorf zurück. Harter Junge!

Im Hotel gönnen wir uns noch ein paar Absacker-Biere. Ich schlafe schon an der Theke ein. Die Treppe hochstaksen und in tiefen Schlaf fallen. Morgen lacht wieder die Sonne.


18 Gedanken zu “Die Dutch-Capitals-Tour, 1000 Kilometer Gegenwind, das Finish

  1. Und auch von mir einen Blumenstrauß. Das Nordlicht hast Du dir verdient. Auch Glückwunsch an Peter Zinner, der hier hoffftl. mitliest! Roll on und einen schönen Saisonausklang noch.

  2. Glückwunsche und Riesenrespekt vor dieser Leistung! Beim Lesen Deiner Schilderung von der Nacht auf dem Deich hatte ich Gänsehaut. Ein tolles Erlebnis, ich finde, Du hast es für die Strapazen verdient und hoffe, die ganze Tour bleibt Dir noch lange im Kopf!

      1. …und es hat geklappt. Schön, dass wir uns beim 600er in Ostfalen mal wiedergesehen haben.

      2. ja, der Ostfalen-Brevet war wider Erwarten eine harte Nummer. Aber mit Dir gemeinsam in der Volksbank und dann auf der Bahnhofstreppe: ganz großes Kino. Bitte sende mir eine E-Mail, dann bekommst Du die Fotos in Originalgröße. Und bitte Deine Adresse – der Schlauch will zurück in Deine Werkzeugtasche. Vielen Dank noch einmal für die wichtige Hilfe. Das Gefühl, es könnte ja ruhig ein weiterer Plattfuß kommen, hat mich sehr beruhigt. All the best – mein Bericht kommt in ein paar Tagen

  3. Hallo Dietmar!
    Herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Leistung und zu deinem Bericht.
    Wie immer super zu lesen. Toll geschrieben.
    Werde mich auch mal an Touren rantasten von 200 Km und mehr.
    Wünsche Dir weiter alles Gute und bleibe schön gesund.

  4. Gratulation Dir und den anderen,
    Ihr habt ordentlich Respekt verdient. Der Weg war ja ganz schön laaaaang.
    Dietmar, Du hast wie immer so geschrieben, als wenn man dabei gewesen wäre.
    Danke dafür. Gute Erholung wünscht
    rainer

    1. lieber Rainer, Nach Deiner knackig-windigen 1000er Runde konnten wir uns schließlich nicht lumpen lassen… Die erste 40er Abendrunde ging schon wieder ganz gut. Und mein Nacken hat diesmal bestens gehalten. All the best und bis bald
      Dietmar

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