Das Radfahren noch einmal lernen – auf dem Troytec-Low-Racer

Nach mehr als 200.000 Kilometern auf zwei Rädern, nach Vaterland, Kettler, Kuwahara, Koga Miyata, Cannondale, Colnago, Basso, Orbea, Merida, Canyon, glaubte ich, für ein schnelles Liegerad vorbereitet zu sein. Eine leichte Übung für einen routinierten „Up-Radler“ sollte das doch sein!

Matthias war mir wieder einmal mit seinem Troytec enteilt. 10 Stunden hat er mir bei der Dutch Capitals Tour über 1425 Kilometer abgenommen. 10 Prozent schneller als ich war er! Gut, er ist ein paar Jahre jünger, er kann mit sehr wenig Schlaf auskommen … Aber, verflixt nochmal, sein Troytec hat auch zu seinem Vorsprung beigetragen. Ist das nun Neid? Werde ich nun „altersmüde“? Nein! So gut wie bei der DCT war ich lange nicht mehr unterwegs.

Auf der Rückfahrt von Holland nach Berlin schrieb mir Frank eine folgenschwere E-Mail: „Schau Dir mal dieses Troytec im Velomobil-Forum an. Das ist doch genau richtig für dich!“ Troytec-Revolution LR-FS, keine 1000 Kilometer gefahren, Top-Ausstattung, Top-Zustand! Passt genau!

Nach meinem Lebensmotto „Es gibt keine Zufälle“ schrieb ich sofort eine Mail an Bernhard L. Am Folgetag waren wir uns handelseinig, zwei Wochen später war ich auf dem Wege nach Scherzingen am Bodensee. Dem Wohnort von „Ulle“. Und dem Ort, an dem ich mein Objekt der Begierde in Empfang nehmen konnte. Bernhard war überaus freundlich, wir hatten sofort einen Draht zueinander. Das Troytec passte genau in mein T-Modell. Maßarbeit. Einen Espresso noch – schon bin ich wieder auf dem Weg nach Berlin. Die Troytec-Beute liegt hinter mir.

Ohne einen Meter Probefahrt hatte ich das Carbon-Gerät eingepackt. Mein Bauchgefühl hatte mir gesagt: Das ist genau das richtige Rad!

Zwei Tage später – der erste Fahrversuch. Peter ist neugierig und lauert schon vor der Tür. Oder will er nur erleben, wie ich mich auf die Nase lege? Jungfernfahrt unter Beobachtung. So habe ich mir das immer gewünscht. Grrrr! Nun gut, ich setze mich auf den komfortablen Liegersitz, linker Fuß auf das Klickpedal, Druuuck! Und nach zehn Metern stehe ich wackelnd vor dem Straßengraben. Zweiter Versuch: Druuuck! Es rollt. Bis zur nächsten Kreuzung. Bloß nach rechts abbiegen, keine Experimente, rechts herum rollt es. Und wieder kurbeln. Verdammt nochmal, der Gegenverkehr kommt so fies nah! Ich fahre wie ein Betrunkener auf dem nächtlichen Heimweg. Dann mit reichlich Adrenalin im Blut und Peter als Kreuzungsassistent voraus die ersten 10 Kilometer. Gefühlte 100!

Eins ist nun klar: Ich muss das Radfahren neu lernen! So schwierig hatte ich mir das nicht vorgestellt. IMG_0887

Mit dem Körper lenken, nicht mit dem Lenker! Dieses Credo hilft. Bei der zweiten Ausfahrt  bin ich allein, und es geht schon besser. Nur manchmal ein Adrenalinschub beim Gegenverkehr oder beim Abbiegen. Geradeaus macht es schon richtig Spaß. Und dann überholt mich ein schneller Abendradler. 30 km/h. Nicht schlecht. Ich bleibe dran, er wird schneller – 35 km/h. Ja, geht doch noch! Dann 10 Minuten in diesem Tempo, und ich kurble locker an dem Burschen vorbei. Druck halten… Ich sehe ihn im Rückspiegel kleiner werden. Jaaaa, so schön kann Lieger-Fahren sein!IMG_0911

Mein Oregon hat den richtigen Platz gefunden, eine Literflasche habe ich mit Trinkschlauch ausgerüstet, daneben blitzt ein helles LED-Rücklicht die Autofahrer an. Die erste Tour mit 150 Kilometern ist abgekurbelt. Das Anfahren an Kreuzungen habe ich gelernt, das Navi kann ich während der Fahrt bedienen, die kleinen Rückspiegel justiere ich und fahre weiter schön geradeaus. Jetzt kommt das Kurvenfahren dran. Mal sehen, ob ich demnächst auf einer breiten Straße wenden kann, Slalom fahren… Genau das also lernen, was ich schon vor über 50 Jahren mit meinem Vaterland-Rad locker beherrschte.

Nur diesmal fordert mich das Troytec. Warte nur, du wirst mich kennenlernen!


18 Gedanken zu “Das Radfahren noch einmal lernen – auf dem Troytec-Low-Racer

    1. hallo Eva, „gnädiges Wetter“ – etwas Regen, frischer Wind, das freut die Randonneure. Die Regenklamotten und die Winterhandschuhe gehören schließlich ausgeführt! Unser Team ist auf drei Fahrer geschrumpft. Schaun mer mal. Gleich geht es ab in die Bahn nach HH.

  1. Hallo Dietmar!
    Ich wünsche Dir für Samstag HH-B alles Gute. Komme heil durch. Auf deinen Bericht bin ich jetzt schon ganz heiß.
    Bist du dann schon ordentlich gefahren mit dem Toytec.
    Man hört ja garnichts.

    1. Hallo Peter, vielen Dank für Deine guten Wünsche. Wir fahren zu viert und deshalb werde ich mein Endurace satteln. Mit dem Troytec habe ich zwar schon gut 1000 km gemacht, fühle mich aber noch nicht sicher genug für Dunkelheit, Matsch und die Fahrt durch die Stadt am Abend. Am Samstag warten knackiger Gegenwind und ein paar Regenschauer auf uns. Gemütlich wird das nicht. Ich werde berichten.
      all the best
      Dietmar

    1. Burkhard hat nur die Angemeldeten mit „Zahlungseingang“ auf die Starterliste genommen. Und weil ich ein Spätzahler war, werde ich wohl erst in den nächsten Tagen wieder zu sehen sein. Startzeit 6.58 „BB-Randos“ ..
      Everything is fine

  2. Hallo, oder radangemessen eher Servus Didier;-)

    Habe ja lange gewartet auf Deinen ersten tiefergelegten Bericht; hat sich wie immer gelohnt! Und keine Sorge, die Sicherheit auf dem Rad kommt, mit Sicherheit!-)

    Du solltest den Lenker beobachten, da gab es zwei Upgrades. Du hast den der zweiten Generation drauf, da gab es wohl Risse an den Schweißnähten. Ich fahre den auch noch, aber Generation 3 liegt schon im Keller.

    Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß beim erneuten Lernen des Radfahrens, viele unfallfreie Kilometer und freue mich schon auf eine gemeinsame Runde irgendwann, am besten auch mit Matthias!

    Viele Grüße,
    Frank

    1. Hallo Frank,
      Mittlerweile habe ich so 700 km unter mir gelassen. Das Gerät rollt geradeaus, Kurven gehen auch schon recht gut, und das Anfahren hat seinen Schrecken verloren. Jetzt wird das Troytec-Fahren immer mehr zum Genuss. Den Sitz habe ich mit verschieden starken Evazote-Matten neu gestaltet. So habe ich ca. 2 cm mehr im Rücken. Vorn habe ich anstelle des 23mm Schwalbe one jetzt den Durano 28 mm aufgezogen. Läuft wesentlich besser über Kanten und Rauasphalt. An das kleine VR habe ich mich gewöhnt und finde es recht gut. Zumal ich so eine gute Sicht nach vorn habe. Den Lenkerbügel beäuge ich von Anfang an misstrauisch. Eine bescheidene Konstruktion, die auch noch durch die eingesetzten Gewindezapfen für die Mini-Spiegel geschwächt ist. Und unten durch die Kabelauslässe. Blöder kann man das kaum machen. Wo hast Du deine Lenker bekommen??? Ggf selber biegen/ biegen lassen… Schaun mer mal.

      Beste Grüße,
      Dietmar

  3. Wie immer läuft die Meldung zu HH-B, wenn ich in Frankreich spazieren bin. Wird aber für mich auch als Privatfahrer in diesem Jahr schwierig – Familie, Urlaub, Überschneidungen.
    Schade! – aber vielleicht nimmst Du bei viel Gegenwind doch das Troytec?
    Wäre doch wirklich die Gelegenheit!

  4. Diese Anfangsbeschwerden kommen mir sehr bekannt vor. Seinerzeit war das in Solingen und Wuppertal, also auch noch eher bergig und nicht besonders Radlerfreundlich. Hier gilt wirklich: Übung macht den Meister! In diesem Sinne – ride safe 🙂

  5. Toller Bericht – der Anfang ist gemacht – jetzt gibt es kein Halten mehr 🙂
    HHB ist leider schon ausgebucht – ansonsten wäre das optimales Training für dich.
    Happy miles Thomas

  6. Wie schade nur, das von den Rädern, die jetzt verstauben werden, keines in meiner Größe ist. (Scherz)
    Freut mich ehrlich für Dich, den Flachländler: da dürfte es mit dem Ding gut zur Sache gehen. Fein beschrieben: andere könnten durchaus auf den Geschmack kommen.

    1. Das Colnago Mexico läge mit 56 cm schon in Deinem Bereich. Ich liebe es aber heiß und innig. Trotz Lieger, trotz Canyon… In diesem Bereich bin ich polygam veranlagt. Ich denke, dass ich den schnellen Lieger besonders in Berlin-Meck-Pomm… fahren werde. Ansonsten hat mich die feine Technik beim Troytec beeindruckt. Schade, dass die beiden Konstrukteure sich wieder dem Auto-Motorsport zugewendet haben. “ Ohne Moos nichts los“. So freue ich mich an meinem Nr. 71.

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