Nach „KW“ und Philadelphia – den Tourteufel heimsuchen

Peter macht den Vorschlag, mal eine Runde von KW aus zu fahren. „KW“ ???, wo ist das denn, frage ich Unwissender. Na, Königs-Wusterhausen, eben „KW“, wie die Einheimischen schon seit Urzeiten abkürzen. „Toleranz aus Tradition – KW“ titelt selbst die Stadtverwaltung auf ihrer Homepage. Am Donnerstagmorgen radle ich hinaus nach Schönfließ und steige in die S8, dann Umstieg am Ostkreuz und rein in den RB Richtung Senftenberg. Am Bahnsteig in KW wartet ein gut gelaunter Peter, der sich schon einen heißen Kaffee einverleibt hat. kw-runde

Viel Wald, viele Seen, wenig Menschen. Zumindest heute, an einem nieseligen, grauen Herbsttag, können wir die Natur genießen, ohne von wie auch immer gelaunten Zeitgenossen dabei gestört zu werden. Späte Kraniche staksen auf abgeernteten Maisfeldern herum. Wildenten machen Spektakel unter der tief hängenden Wolkendecke. Nach knapp 30 Kilometern dann dies: p1160449 Philadelphia  1 km. Heute sind wir offensichtlich schneller als der Schall. Arg geschrumpft auf ein paar wenige Häuser ist Philadelphia. Neu Boston liegt gleich nebenan. Die Ortsnamen stammen wahrscheinlich aus der Zeit von Friedrich II. Die Ortsurkunde von Philadelphia datiert aus dem Jahre 1772.  Friedrich II. förderte die wirtschaftliche Entwicklung auch in der Stadt Storkow, indem er 1748 Bleicher, Färber und Weber ansiedeln ließ und mit einer Verordnung den Anbau von Kartoffeln auf Feldern in 24 Amtsdörfern bestimmte. Nahe der Stadt entstanden die Kolonistendörfer Philadelphia und Neu Boston, nachdem man Auswanderwilligen nach Amerika Land zugewiesen und sie dadurch zum Bleiben veranlasst hatte. Daher rühren wohl auch die Sehnsuchtsnamen dieser Orte – aus den nicht realisierten Träumen der Gebliebenen. In Philadelphia erinnert sich Peter, dass doch hier in der Nähe der Tourteufel – El Diablo Didi Senft – hausen müsste. Flugs fragt er eine Dame am Wegesrand, die uns dann auch den Weg weist. p1160482

Der manische Schweißer, Bastler, Sammler und begnadete Selbstdarsteller Dieter „Didi“ Senft hat sich am Rande von Storkow sein eigenes Reich geschaffen. Riesenräder, Einräder, Dreiräder, Ultralang-Räder – mit 17 seiner Konstruktionen hat Didi es ins Guinness Book geschafft.

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Als wir zur Mittagszeit anrollen, können wir zwar auf den Hof und die Riesen-Exponate bestaunen, die Eingangstür zum Museum der Kuriositäten bleibt aber heute für uns verschlossen. Auch bekommen wir den großen Meister leider nicht zu Gesicht.

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Der Tourteufel-Bus hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Verblichen ist der Glanz der Fotos. Der Teufel wollte eigentlich schon 2014 in den Ruhestand gehen, wurde aber dann auch in diesem Jahr bei der Tour de France wieder gesichtet. Wie viele Kilometer Alu- und Stahlrohre Didi im Laufe seiner Karriere zusammengebrutzelt hat, weiß nur er allein.

Wir beenden unseren Museumsrundgang und rollen im stärker werdenden Nieselregen nach Storkow hinein. Eine nette Bäckersfrau verkauft uns leckere Teilchen und einen großen, heißen Kaffee. Nach einer Viertelstunde ist der schmale Niederschlagsstreifen durchgezogen. Wir wischen unsere Sättel trocken und

 

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Peter freut sich über einen nicht mehr ganz neuen Federballschläger aus dem Sperrmüll vor einer in Restauration befindlichen Villa. Ein paar Meter weiter hat ein Zeitgenosse, über dessen Geschmack man trefflich diskutieren kann, eine fette Villa in den Sand gesetzt. Davor ein Venusbrunnen zur Erbauung – in der Garage lauert ein wildes Tier namens Jaguar. Und bei Wittke wird der Trabbi hochgehalten.

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Wälder, Felder, Seen – Wälder, Felder, Seen und so weiter, kilometerlang. Peters Track führt uns über gut asphaltierte verkehrsarme Wege. Entschleunigung und trotzdem gutes Training in den sanften Bodenwellen und Hügeln südlich von Storkow. Ein riesiger Truppenübungsplatz und die Kurmark-Kaserne künden von der militärischen Nutzung dieser Gegend. Wo zu DDR-Zeiten das Pionierregiment „Ottomar Geschke“ eifrig den märkischen Sand umgewühlt hat, sind heute keine Soldaten mehr zu sehen. Oder doch? Am Eingang der Kaserne sichten wir einen einsamen Wachposten. Ansonsten ruht hier still der See. Wer sich sich  an einem humorigen Filmchen über die Kaserne ergötzen will, der schaue hier: Youtube Video Storkow-Kaserne

Die letzten 20 Kilometer unserer 115-km-Runde durch die Groß-Schauener Seenkette führen immer geradeaus durch den nassen Wald über genauso nasse Straßen wieder nach „KW“ zurück. p1160521

In einer Pizza-Station am Bahnhof stärken wir uns mit – wer hätte es gedacht – Pizza! Und dazu gibt es saftigen, tiefroten Merlot aus randvollen Gläsern. Um 17.51 Uhr sitzen wir wieder in der Bahn.

 


Ein Gedanke zu “Nach „KW“ und Philadelphia – den Tourteufel heimsuchen

  1. Hallo Dietmar!
    Wie immer ein sehr schöner Bericht. Leider ist es von mir zu weit um diese Tour nachzufahren.
    Vielleicht klappt es ja mal irgentwann.
    Mach weiter so. Ich bin schon gespannt auf den nächsten Bericht.
    Gruß Peter

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