Von Waldmöpsen, Kühen und Ziegeljungen

Grau ist heute das Havelland. Der Ostwind müht sich, die Wolkenschicht wegzublasen. Er wird keinen Erfolg haben. Nur Kälte bringt er mit. Von Werder im Havelland starten Peter und ich unseren zweiten Versuch, einen einladenden Weihnachtsmarkt zu finden. Mit Glühwein, Thüringer Wurst, Waffeln… In Schwedt, genau eine Woche zuvor hatten wir nicht mal eine klitzekleine Weihnachtshütte entdecken können. Diesmal wollen wir unser Glück in der Stadt Brandenburg versuchen. p1060942

Am Ostrand von Werder sichten wir eine Neuinterpretation der Havelländer Windmühle. Sie ist bei der Restauration von der Wind- zur Sonnenmühle mutiert. Bei der Weiterfahrt nach Westen verlassen wir schnell die „Zivilisation“. Der wunderbare Havel-Radweg führt durch freie Natur hinüber nach Brandenburg – zur Rechten die Havel, die sich immer wieder zu kleinen Seen ausweitet, zur Linken Wiesen ohne Ende. Einfach schön. p1060944

Eine unverhoffte Cross-Einlage wird uns beim Überwinden einer umgestürzten Robinie abverlangt. Peter macht die Übung  für das Foto gleich dreimal hintereinander. Schwäne, Gänse, dick aufgeplusterte Bussarde – am Wegesrand gibt es reichlich Nahrung für die Sinne. Und das nasse Laub fordert unser Balancevermögen. Eine gute Übung für zwei Alt-Randonneure. p1060949

In einem liebevoll restaurierten Backsteingebäude lädt die „HavelRADstätte“ die müden Radler ein. Ein paar Kilometer weiter endet leider der Weg durch die freie Natur und der rumpelige Radweg führt uns hinein in die Stadt. Unsere feinen Nasen schnuppern schon Waffeln und Glühwein, bevor wir den Weihnachtsmarkt erreichen.P1060951.JPG

Hier werden „Geschenksträuße mit Wurst und Käse“ feilgeboten. Eine wundersame Kombination. Wir ziehen den Glühweinstand direkt daneben vor.p1060953

Peter spendiert einen Becher Feuerzangen-Bowle, die als überzuckertes, alkoholgeladenes Kunstgetränk daherkommt. Überhaupt ist dieser Weihnachtsmarkt wenig heimelig. Kein Kunsthandwerk, keine Krippen, dafür mehr hiervon:

American Football und eine „Good-Luck“-Kiste sollen Weihnachtsgefühle erzeugen. p1060960

Mit einem mitleidvollen Blick auf den ramponierten Papp-Schneemann verlassen wir den beschaulichen Platz und machen uns auf den Weg nach Norden, wieder hinaus in Wald und Feld.fullsizeoutput_2b55

Noch im Stadtgebiet, auf einer Treppe eines rosa-renovierten Herrenhauses entdecken wir diesen „Wilden Waldmops“. Loriot, alias Vicco von Bülow, lässt grüßen. Zu seinem Gedenken hat eine Initiative eine ganze Serie der von ihm „entdeckten“ Waldmöpse in der Stadt aufgestellt. Waldmöpse, auch unter „Artfahren“

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An der Straße, die nach Nennhausen und Rathenow führt, hat der örtliche Dachdeckermeister die Alpen auf seinem Wohnhaus keramisch in Szene gesetzt. Na, wenn in Brandenburg schon  keine Berge in der Landschaft aufgestellt sind, dann muss der Wehmütige sich zu helfen wissen.fullsizeoutput_2b51

Immer noch fliegen Wildgänse von Norden ein. Fünf V-Formationen nebeneinander – eindrucksvolle Teamarbeit. P1060969.JPG

Biber versuchen sich sogar an mittelalten Eichen. Und deren Holz ist hart. Der Biberzahn ist härter.

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Bullenstark! Und daneben schöne Kühe in „freier Wildbahn“p1060975

An der Straße nach Nennhausen tummeln sich diese „Allgäu-Tiere“ im Dutzend auf der riesigen Weide. Die Abertausende von Artgenossen, die ihr jämmerliches Dasein in Mastanlagen fristen, sollten einen kollektiven Ausbruch anzetteln. Platz ist genug in Brandenburg und Mecklenburg. p1060977

Auf dem Wege nach Nennhausen erzähle ich Peter von „Unterleuten“, einem sensationell guten Gesellschaftsroman, geschrieben von  Juli Zeh. Die Handlung der Geschichte spielt genau hier, zumindest wohnt in einem der umliegenden Dörfer die Autorin des Werkes seit mehr als 10 Jahren. Unterleuten lesen!

Nennhausen präsentiert sich trostlos, ein Reihendorf, dem jeglicher Charme abgeht. Nur das Schloss mit seinem riesigen Park leuchtet und überstrahlt die Tristesse.

Rathenow soll für diese Tour unser Ziel sein, die Bahn kann uns von dort wieder in die Hauptstadt bringen. Doch zuvor wollen wir uns noch irgendwo stärken und aufwärmen. p1060984

Und wie die Leser dieses Blogs wissen, bin ich überall auch auf der Suche nach Skulpturen, die ich mitsamt Rad für die edle Disziplin des „Artfahrens“Artfahren ablichte. In der „Optik-Stadt“ Rathenow sollten sich noch einige Kunstwerke finden lassen. Das oben gezeigte Mahnmal zum Gedenken an die Opfer des Faschismus zähle ich nicht zu den wertbaren Kunstwerken. „Das Ding verstellt total den Blick auf den schönen Backsteinbau“, meint Peter kritisch. Das liegt immer im Auge des Betrachters, wie ich meine.

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Am Ende der erfreulicherweise komplett renovierten Berliner Straße, der Ost-West-Achse der Stadt, sichte ich inmitten des August-Bebel-Platz-Kreisverkehrs doch noch Kunst. Der Ziegeljunge oder auch Abtragejunge von Karl Mertens ist hier seit 2012 neu platziert worden. Vor der Zeit der Optik war Rathenow geprägt von Ziegelbrennereien.

Insgesamt wirkt die Stadt sehr kühl auf uns. Sauber, aber ohne fühlbares Herz. Vielleicht tue ich dem Ort, der seit der Wende über 20000 Einwohner verloren hat, Unrecht. Bis in den Bereich der Altstadt mit Fachwerk und dem dahinter liegenden Optikpark kommen wir heute nicht mehr. Es dunkelt, und der Bahnhof ruft.p1060988

„Optikstadt“ mit optischen Mängeln.

Auch der Bahnhof lädt wenig zum Verweilen ein.P1060991.JPG

Ein Zug der privaten ODEG bringt uns komfortabel nach Berlin zurück. Man staune: WLAN gibt es im Regionalzug!

Im Zollpackhof neben dem Kanzleramt genehmigen wir uns zum Abschluss des Tages deftige Weißwurst und dazu ein großes Augustiner-Bier, und dann noch eins.

Die „Festive 500“ darf kommen. Wir sind gerüstet, die 500 Kilometer bei jedem Wetter zu fahren und zu genießen! Festive-Checklist

Geruhsame und freudvolle Feiertage wünsche ich allen Blog-Lesern. Und bleibt munter!

 

 

 


3 Gedanken zu “Von Waldmöpsen, Kühen und Ziegeljungen

  1. Hallo Dietmar,
    ich stimme Dir zu – „Unterleuten“ ist einer der besten Gesellschaftsromane (wenn nicht der Beste) der letzten Zeit. Da ist jeder Satz ein Genuss. Die Autorin wurde schon mit Hans Fallada verglichen!!!
    Ja, ein Fahrrad-Jahr ist wieder fast ´rum. Viel Spaß und Erfolg bei der festive500, ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch (natürlich nicht mit dem Rad) wünscht Dir
    rainer

    PS: mach´ weiter so, Dein blog ist immer wieder ein Genuss. Wir sehen uns spätestens beim 200er

    1. lieber Rainer, gestern war ich mit Peter W. auf einer Spreewaldrunde unterwegs. Frost, Nebel… und trotzdem gute Laune! Radfahren ist Medizin für Körper und Seele.

      In diesem Sinne

      Bleib gesund und munter, genieße die ruhigen Tage – wir sehen uns in 2017

  2. Hallo Dietmar!
    Ich wünsche Dir auch ein frohes Weihnachtsfest und gutes Gelingen
    beim Festive 500. Du wirst sicherlich drüber berichten.
    Peter Pirk

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