Deutschboden finden

Eisig und saukalt ist es an diesem Dienstagmorgen. „Bei minus 8 Grad sollte man keinen Sport treiben“, mahnt mich meine bessere Hälfte. Ist ja auch kein Sport, wir fahren nur ein paar Kilometer durch die Winterlandschaft, ganz locker, ganz ruhig, beruhige ich. Heute starten wir in Frohnau und rollen nach Norden aus der Stadt hinaus. Invalidensiedlung, Birkenwerder, Lehnitz. An der Lehnitzschleuse biegen wir auf den Kanal-Radweg ein.p1070250

Hier bekommen wir einen ersten Vorgeschmack von Schneeglätte und Eis. Meine Crossreifen greifen gut, Peter ist mit den 4Seasons unterwegs, da ist Konzentration gefragt. 20170117_104216

Schaut her, ihr auf dem warmen Sofa sitzenden, daheim gebliebenen. So schön kann ein Wintertag auf dem Rad aussehen. Vorausgesetzt, die Füße stecken in warmen Winterschuhen – ich habe heute sogar noch Überschuhe drüber gezogen – und die Hände sind geschützt.

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Auf dem Weg über Malz nach Neuholland wird das Fahren abschnittweise ungemütlich. Dort, wo die Sonne nicht mehr hinscheint, liegen 5 cm Schnee, und drunter lauert blankes Eis. Erleichtert biegen wir nach Norden auf die Nassenheider Chaussee ein. Hier sind zwar die Autos unterwegs, dafür ist die Straße griffig. Wir fangen an, die herrliche Wintersonne zu genießen. p1070259

Die Stadtkirche von Liebenwalde trägt unverkennbar die Handschrift Schinkels und ist ein echter Hingucker im auch drumherum gepflegt aussehenden Städtchen. Nach Osten hin verlassen wir Liebenwalde – unwiderstehlich zieht uns unser Lieblingsbäcker im Örtchen Hammer an. Genau um 12 Uhr lehnen sich unsere Crosser am  Geländer vor der Bäckerei  Kowsky an.20170117_120140

Aufgewärmt und gestärkt von Kaffee und Apfelstreusel, komme ich auf die Idee, Peter den direkten Weg nach Zehdenick vorzuschlagen – durch die Schorfheider Wälder. Reichlich 20 Kilometer über verschneite und von Autos eisig gefahrene Waldwege führt der Kurs. Schlingerkurs! Schlitterkurs! p1070269

Wir machen unsere Späßchen und lenken uns von der realen Gefahr, hier unsanft auf das Eis zu knallen, einfach ab. Das hilft. p1070278Wieder einmal wollen wir Zehdenick einen Besuch abstatten, um ganz genau hinzuschauen. Warum? Weil der Randonneursfreund Wolfgang den Film „Deutschboden“ in der RBB-Mediathek entdeckt hatte. Deutschboden spielt in Zehdenick, das im Film „Oberhavel“ heißt. Deutschboden . Moritz von Uslar hat nach seiner dreimonatigen Auszeit in Zehdenick ein wunderbares Buch geschrieben und dann daraus einen überaus sehenswerten Film gemacht.fullsizeoutput_2c5a.jpeg

An der Hauptstraße in Zehdenick finden sich einige „Sehenswürdigkeiten“

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Hier gab es mal Cocktails „Do – 2 für 1“ . Schade, schade, heute scheint das Etablissement geschlossen zu sein. Weiter also – hin nach Deutschboden.

Aber wo, verflixt, ist dieser Ort zu finden. Im Nordosten von Zehdenick im Wald soll er sein. Kein Verkehrsschild, kein Wanderhinweis… Aber mein Garmin kennt Deutschboden!  Fünf Kilometer noch, dann kommt der Abzweig nach Vogelsang, und wir stehen wieder mal im Wald. Mein  Oregon  weist uns auf einen vereisten Pfad. Noch 500m bis Deutschboden. Und dann das Schild „Vogelsang“. Nix mit Deutschboden. Wer irrt sich hier? Das Oregon? Oder hat jemand das Ortsschild abgeschraubt? fullsizeoutput_2c5c

Wir stehen 45 m entfernt vom „Zentrum“. Wir sind am Ziel. Ein Haus, ein Zaun und Keramik auf den Pfählen. Kunst im Wald – in Deutschboden.20170117_141848.jpg

Und hier ist zu lesen, wie es zum Ortsnamen kam: p1070292

Wer es also ganz genau wissen will, der möge schauen.

Erschöpft von soviel Suche, soviel Kultur, soviel Wald und Eis, zieht es uns gen Templin. Dort ist unsere Kanzlerin aufgewachsen, dort können wir uns womöglich stärken und aufwärmen. Vogelsang, Hammelspring, und dann ein Hinweisschild: „Chocolaterie“. Hier im Outback? Eine Chocolaterie? Ja, und was für eine:

Das Versprechen „Die Beste! heiße Schokolade in ganz Europa und Übersee“, klingt vollmundig. Tatsächlich genießen wir in Hammelspring ein wahres Schokoladen-Doping. Heiß, gehaltvoll, wunderbar im Geschmack. Köstlich! Ein Top-Tipp in Berlin-Brandenburg.

Leichten Fußes rollen wir die nächsten Kilometer nach Templin. Die Sonne im Rücken. Bestens gelaunt. Durch das mittelalterliche Berliner Tor schieben wir die Räder in die Stadt. 20170117_154715

Die 1735 Meter lange, sehr gut erhaltene Mauer aus dem 13.Jahrhundert ist sicher das beeindruckendste Bauwerk der alten Stadt. Drinnen fahren wir zunächst auf den Rathausplatz, auf dem gerade die letzten Stände des Wochenmarktes abgeräumt werden. p1070319

Das Rathaus, ein prächtiger Barockbau aus dem Jahre 1751.

Wir streben weiter in den tiefer gelegenen Teil der Stadt, wo uns schon von Ferne der Kirchturm der Maria-Magdalenen-Kirche anleuchtet.p1070331

 

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Auch die Kirche ist ein Barockbau und datiert aus dem Jahre 1749.

Wir reißen uns nur schwer los und schlagen den Weg zum Bahnhof ein. Und nochmal beeindruckt uns die Stadtmauer. Diesmal garniert mit einem vornehmen Krawatten-Schneemannp1070347

Noch 300 Meter bis zum Stadtbahnhof. Der ist mittlerweile „umgenutzt“ zu einem Imbiss mit Kneipe und anhängender Bahnhaltestelle.

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Wenn schon kein Bahnhofsgebäude alter Prägung mehr benötigt wird, dann lasse ich mir diese Art der Umgestaltung gerne gefallen. fullsizeoutput_2c5e

Die Zugbegleiterin der ODEG ist freundlich und erträgt mit Fassung unsere Schneemaschinen, die im warmen Waggon ihre Eislast in Schmutzwasser verwandeln.

Hundert Kilometer blauer Himmel, erfrischende Luft, Naturgenuss vom Feinsten. Freundliche Menschen.

Und um es mit Moritz von Uslar zu sagen:

„Ich will dahin, wo Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen!“

 

 

Zwei Klöster, Schnee und Eis

Endlich ist der Winter da. Minus 2 Grad, ein paar Schneeflocken, und Tief Axel schaufelt an der Ostflanke eines hereinschiebenden Hochs kalte Polarluft nach Brandenburg. Ein paar Schneeschauer soll es auch noch geben heute. Ideales Wetter für einen kleinen Ausritt nach Süden, hinein in den Fläming. Peters Track führt zuerst von Werder nach Westen zum Kloster Lehnin, dann dreht der Kurs nach Süden und dann ostwärts nach Jüterbog, wo in Zinna das zweite Zisterzienserkloster auf uns wartet.p1070174

Auf den freien Flächen westlich von Werder sehen wir den ersten Schnee dieses Winters. Die Straße, die uns nach Lehnin führt, ist vereist und fordert unsere Fahrkünste. Wie gut, dass ich am Vorabend noch die Schwalbe CX mit Stollen aufgezogen habe. Immer schön locker geradeaus rollen, Hände weg vom Bremshebel.

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Die spätromanisch-frühgotische St. Marien Klosterkirche gehört zu den bedeutendsten Backsteinbauten in der Mark Brandenburg.p1070180p1070181

Kalt ist es hinter Klostermauern

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So, wie hier Bäume und Büsche aus dem alten Pfeiler wachsen, hat es schon Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg„beschrieben: „Auf den hohen Pfeilertrümmern wachsen Ebereschen und Berberitzensträucher, jeder Zweig steht in Frucht, und die Schuljugend jagt und klettert umher und lacht mit roten Gesichtern aus den roten Beeren heraus. Aber wenn die Sonne unter ist, geben sie das Spiel in den Trümmern auf, und wer dann das Ohr an die Erde legt, der hört tief unten die Mönche singen.“  

Die Klosteranlage ist mittlerweile wieder aufwändig restauriert und beherbergt eine Reihe von kirchlichen Einrichtungen. Wanderer, Pilger und Radler sind eingeladen, hier einzukehren, zu sehen, zu staunen.

Für eine Kaffeepause sind wir jetzt um die Mittagszeit einfach zu früh hier, um im Klostercafé einzukehren. Also setzen wir uns alsbald wieder auf die Crosser und treten uns in den sanften Steigungen nach Süden hin warm. Lange kurbeln wir uns durch langweilige Kiefern- und Fichtenwälder. Immer geradeaus – Borkheide, Borkwalde, Alt-Bork… Endlich spuckt uns der Schatten wieder aus. Peter kennt einen guten Bäcker in Treuenbrietzen, und bei dem sollte es auch heißen Kaffe geben. p1070187

Die Räder müssen draußen bleiben während wir uns an Milchkaffee und leckerem Kuchen laben. Nach 20 Minuten Wärmepause starten wir wieder hinein in die kalte Luft und hinaus aus dem Ort. Nach zwei Kilometern biegen wir nach Osten auf den Bardenitzer Weg ab. Hier sind nur wenige Autos unterwegs, dafür ist die Straße komplett schneebedeckt und vereist. Hoffentlich fahren die Brandenburger vorsichtig und kommen uns nicht zu nahe. Die  Schleuderspur eines Autos, die im Straßengraben endet, macht uns ein wenig unruhig.p1070190

Peters „Cuneo“ hat schon ordentlich Schnee aufgenommen, fühlt sich aber offensichtlich wohl in der Kälte. “ All Systems go!“

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Bardenitz präsentiert sich inklusive Ortsschild eingeeist, und die kopfsteingepflasterte Durchfahrtsstraße nötigt uns artistische Einlagen ab. Der folgende Ort heißt Pechüle, trotzdem bleiben wir auf unseren Rädern und machen keinen Abflieger.

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Auf dem Weg nach Jüterbog passieren wir unendlich lang erscheinende Betonmauern. Einer der größten, geheimen Stützpunkte der Sowjetarmee befand sich hier im Forst Jüterbog-Zinna-Keilberg.

Zig-tausende Soldaten lebten hier in einer Parallelwelt, abgeschirmt von der Bevölkerung.

Der kleine Ort „Altes Lager“  ging aus einem Barackenlager hervor, das 1870 als zeitweilige Soldatenunterkunft am Rande des Jüterboger Schießplatzes errichtet worden war und zeugt von der mehr als 150 Jahre alten militärischen Prägung dieser Region.

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Alter Backstein erinnert an bessere Zeiten. Erstaunt, bestürzt, verwundert über soviel brutale Gegensätze arbeiten wir uns über den  eisglatten Radweg vor – an Jüterbog vorbei nach Zinna. Hier wartet als Ausgleich für unsere Sinne das Kloster mitsamt Klosterbrennerei und Museum. fullsizeoutput_2c45

Jaaaaa! Schnee ist das reine Vergnügen für die Winter-Randonneure.

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„PORTA PATET, COR MAGIS – Die Tür ist offen, das Herz noch mehr“

Der Leitspruch der Zisterzienser weist uns den Weg zum Kloster. Das Örtchen Zinna hat eine beeindruckenden Geschichte, die nicht nur vom Kloster geprägt ist, sondern auch von der Vergangenheit als Weberstadt, die Friedrich der Große  schon 1777 ins Leben rief.

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Heute haben wir nur Augen und nur Zeit für einen kleinen Besuch des Klosters.fullsizeoutput_2c37

 

 

 

Im Eingang zum Klostermuseum stehen die alten  Brennanlagen für den „Klosterbruder-Likör“, den wir  als wunderbare Aufwärmflüssigkeit für 1 € pro Becher gleich zwiefach genießen. p1070230p1070231

Als wir das ehrwürdige Backsteingebäude verlassen, wissen wir, dass wir wiederkommen. Im Frühjahr, wenn es warm ist, wenn die Tage länger sind. Es lohnt sich, hier auf Entdeckungsreise zu gehen. fullsizeoutput_2c3c

Die Rösser sind angespannt und erwarten ihre Reiter. Der kurze Ritt nach Luckenwalde führt uns nochmal auf Eis und Schnee – und jetzt nach Norden gegen den Wind. Entschädigt werden wir vom wunderbaren Licht und vom tiefen Blau des Himmels zwischen den Schneeschauern. fullsizeoutput_2c34

Schnee auf Eis! Obacht!

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Kaum können wir  uns losreißen von Landschaft, Himmel und Licht.fullsizeoutput_2c32 Kalt, unwirtlich, schlecht beschildert: Der Bahnhof von Luckenwalde holt uns zurück in die Realität. Dafür ist der RE3 gut geheizt und der Kontrolleur freundlich. Um 18 Uhr sitzen wir schon ( wieder einmal) am flackernden Kamin des Zollpackhofs und laben uns an Weißwürstel und Augustiner-Bier.

Wann starten wir zur nächsten Schneerunde, fragt Peter. Na, wenn wieder Schnee liegt!

Und hier der Track: Werder-Lehnin-Zinna-Luckenwalde