Ein Besuch bei Margot und Erich in der Waldsiedlung

„Waldsiedlung“ hört sich doch beschaulich an, so gar nicht politisch. Aber die Waldsiedlung zwischen Bernau und Berlin-Buch hatte es in sich:

Nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 machte sich die DDR-Führung verstärkt Gedanken darum, wie man sich  besser vor dem „gemeinen Volk“ schützen könnte. Außerdem wurde es  mitten in Berlin – die Prominenz wohnte in Berlin-Pankow am Majakowski-Ring – langsam eng. Freiluft-Fanatiker Ulbricht wollte Wasser und Wald. So fiel die Wahl für das neue Wohnprojekt schließlich auf das Gebiet in der Nähe des Ortes Wandlitz. Ab 1958 wurde gebaut. 1960 waren die 20 Häuser bezugsfertig.

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Wohnhaus von Walter und Lotte Ulbricht

Die Genossen lebten ein abgeriegeltes Leben in der Waldsiedlung. Luxuriös kann man das aber nach westlichen Maßstäben  nicht nennen. Privilegien haben sich die Regierungsmitglieder allerdings reichlich gegönnt: Im „Ladenkombinat Sonderversorgung“,  einem eigenen Supermarkt mit Westerzeugnissen, konnten die SED-Eliten Champagner, feinste Weine, Fleisch, Gemüse, Obst und Dinge, von denen  der normale Bürger nur träumen durfte, für kleines Geld kaufen.IMG_1577

„Honni“ wohnte im Habichtsweg 5, einem recht bescheidenen Haus mit ca. 180 qm Wohnfläche, im Stil der 60er Jahre. IMG_1568

Erich Mielke residierte im Eichelhäherweg 1

Als ich durch den ehemaligen „inneren Ring“ fahre, denke ich an Udo Lindenberg und sein Lied vom „Sonderzug nach Pankow“. Jeden Tag rauschten die Kader mit den Dienstvolvos über die eigens ausgebaute B 273 von der Waldsiedlung in ihre Regierungsbüros. IMG_1582

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Wer mag wohl auf dieser Freilichtbühne vor den erlauchten Regierungsmitgliedern aufgetreten sein? Heute ist einziger Stargast mein Granfondo. Titan vor Beton.

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Über den weitläufigen Park der Brandenburg-Klinik fahre ich zu den Seniorenresidenzen am südlichen Ende des Geländes. Modern, mit viel Grün, geradezu luxuriös. Und im Kreisverkehr sitzt ein riesiges Schwein eines mir unbekannten Bildhauers. „Schwein gehabt.“

Seit Juni 2017 ist die Waldsiedlung unter Denkmalschutz gestellt. Wer von Berlin aus eine kleine Radrunde nach Norden drehen will, sollte diesen Abstecher machen. Wer die Waldsiedlung weniger schön oder sehenswert findet, der möge in die herrliche Natur um den nahe gelegenen Liepnitzsee eintauchen. Einem der schönsten und saubersten Seen Brandenburgs. Oder das Bauhausdenkmal Bernau anschauen oder noch einen wirklichen „Lost Place“ – die riesige Anlage Bogensee  mitten im Wald zwischen Wandlitz und Ützdorf bestaunen. Ehemalige-Jugendhochschule-der-FDJ-am-Bogensee

Und auf dem Rückweg nach Bernau einkehren im Gasthof Waldkater.  Urig und gastlich.

Und hier der Track zum Nachfahren: Vom S-Bhf. Mönchmühle zum Bauhausdenkmal Bernau (seit Juli 2017 Unesco-Weltkulturerbe), zur Waldsiedlung, zum Bogensee und zurück zum S-Bhf. Schönerlinde. 63 km

 


3 Gedanken zu “Ein Besuch bei Margot und Erich in der Waldsiedlung

  1. Neues vom Bogensee: war völlig unter meinem Radar. Danke für die Erinnerung . Den ungewählten Staatsoberhäuptern von Deutschland 2 kann man jedenfalls keine Verschwendungssucht nachsagen. Und eine Sekunde lang dachte ich, es kommen lebende Personen vor.

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