Lange Schatten und etwas Geschichte

Die Länge unserer Winter-Trainingseinheiten wird langsam wieder dreistellig. Peter bringt nach seiner Knieverletzung langsam wieder Druck auf die Pedale. Der Toyota-Fahrer, der uns am 23. November an der Kreuzung in Schönwalde so unsanft zur Seite geräumt hatte, brachte einen leichten Rückschlag in der Wiederherstellung der Kräfte. Im Rückblick auf den Unfall überwiegt die Erleichterung darüber, dass er uns nur umgeschubst und nicht auch noch überrollt hat. Nach links schauen und nach rechts losfahren… Da halfen uns auch jeweils zwei helle Rücklichter und die übergezogenen Reflexwesten rein gar nichts. Die Erkenntnis: Wenn du dem Autofahrer nicht beim Abbiegemanöver in die Pupille schauen kannst, musst du stehenbleiben, bis er um die Ecke gebogen ist.

Bei meinem Basso sind das Vorderrad, der Lenker und der Vorbau hinüber, Peters De Rosa-Carbonrenner hat voraussichtlich einen Totalschaden davongetragen. Die ADAC-Versicherung des Schadensverursachers zeigt sich bisher entgegenkommend, so bleibt nur der Schaden am Gemüt bei uns zurück.

Heute treffen wir uns bei Peter in Geltow, um einen Tag mit viel Wintersonne und Rückenwind aus Südwest zu genießen. Erst kurz vor Mittag starten wir nach einem zweiten Frühstück mit herrlich duftendem Apfelkuchen, den Peters Frau eigens für uns gebacken hat. „Bio-Apfeldoping“. Es rollt gut zunächst nach Postdam Babelsberg, wo wir unseren Profi-Radschrauber Basim vom Fahrradladen Potsdam heimsuchen, um zu schauen, wie es um die Radel-Reparatur steht. Heute habe ich mein Granfondo Ti gesattelt, Peter blitzt mit seinem polierten Stahl-Tommasini und der andere Peter sitzt auf Stahl von Genesis.

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Titan unter roter Glasfaser

Blau, rot, fettes Grün, braunes Laub. Farben gibt es heute zum Sattsehen.

Am Templiner See und an der Havel rollen wir im Joggertempo entlang, viel zu schön zum Schnellfahren.

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Die „Moschee“ von Potsdam

„Das Dampfmaschinenhaus an der Neustädter Havelbucht ist das zugleich reizvollste und fremdartigste Bauwerk in Potsdam sowie ein bemerkenswertes Architekturbeispiel für Zweckbauten der frühen Industrie im 19. Jahrhundert. Friedrich Wilhelm IV., der „Romantiker auf dem Thron“, ließ diese schönste Kraftanlage Preußens in den Jahren 1841–43 von Ludwig Persius errichten. Es ist das einzige Pumpenhaus im maurischen Stil. Das damals noch vom Schloss Sanssouci aus sichtbare Gebäude setzte einen malerischen architektonischen Akzent in die Potsdamer Kulturlandschaft.“

Nach soviel Kultur zieht es uns nach Osten in den Fläming hinein. Über Dahlewitz und Ludwigsfelde rollen wir nach Mittenwalde.P1090390-1.jpg

Ein gepflegtes Städtchen mit liebevoll gestalteten Lädchen. Nur aus der restaurierten, historischen Innenstadt sollte man nicht zu weit hinter die Kulissen schauen. Dort bröckelt der Putz schon wieder.fullsizeoutput_393d

70 Kilometer haben wir hinter uns und Landschaft, Licht und Luft in uns hineingesaugt. Um halb vier werden die Schatten lang:

Kurz vor Storkow wähnen wir uns in Übersee.WhatsApp Image 2017-12-08 at 14.18.02(1)

Philadelphia ist ein typisches Kolonistendorf aus der Zeit Friedrichs des Großen.

Auf der Seite „Meine Ahnenforschung.de“ habe ich eine Anekdote zur Entstehung des Namens gefunden. Kulturgeschichte gibt es heute anstelle von Rad-und Trainingsinformationen:

Der Hammelstall Philadephia, eine Anekdote vom Alten Fritz

Willy Schaelike – Philadelphia (um 1930)

Der Herr Amtsrat Bütow im schönen Alt-Stahnsdorf hatte neben der Verwaltung der alt-edlen Stadt Storkow auch auf das Gestüt Stutgarten, drei Kilometer davor im Luch, zu achten. Die weiten Wiesen hatten nicht nur zur Fohlenzucht verlockt, es waren auch große Schafherden in der ganzen Gegend auf den Vorwerken.

Als nun der große König nach den großen Kriegen und Siegen seine Lande im Frieden blühen sehen wollte, setzte er überall in die leidlich trocken gelegten Luchstriche Kolonisten aus Sachsen und Franken, Holland und Friesland an. Meist langgestreckte Kolonistendörfer enstanden, so auch eines bei dem Gestüt Stutgarten. Auf der Seite der Kolonistenhäuser lag da der große Schaf- oder Hammelstall. Zum Unterschied von dem Gute Stutgarten nannte man nun die Kolonie im Volke „Hammelstall“. Das gefiel den neuen Ansiedlern aber wenig. Sie waren stolz auf ihre alte Heimat und fühlten sich als „Hammelstaller“ nicht wohl.

Deshalb schrieben sie eines Tages dem König einen alleruntertänigsten Brief:

„…dieweil wir doch alle aus guten Bauerndörfern auf Allerhöchstdero freundliche Einladung hierher gekommen, auch zumeist Söhne und Töchter recht respektabler Eltern sind, gefällt es uns nicht sonderlich, hier in der neuen Heimat sogar einfach „Hammelstaller“ zu heißen und zu sein. Da auch nicht ratsam scheine, uns mit dem allhier vorhandenem Rittergut Stutgarten gar zusammen zu thun, wir vielmehr lieber unsere eigene Kolonie haben und bleiben möchten, so es unserem Allergnädigsten König gefällt, so möchten wir alleruntertänigst bitten, unsere Kolonie nach Höchstdero großer Weisheit einen neuen Nahmen zu geben, als welcher in hiesiger niedriger Gegend noch gar nicht existiert…“

Als der König dieses Schreiben las, musste er an den Alexanderplatz denken und die 99 Schafsköpfe, die er einem einfältigen Bittsteller an sein Haus aufstecken ließ, damit es gerade 100 würden, wenn der Besitzer herausschaute.

Aber das waren hier seine lieben Kolonisten, die er mit so mancher Mühe und großen Kosten aus dem Ausland hergelockt hatte, die er sich hier möglichst erhalten wollte. Und da es noch dazu ja nichts kostete, sollte der Herzenswunsch der Hammelstaller Kolonisten in Erfüllung gehen. „Sie wohnen nun in einer neuen Welt“, dachte der König, „geben wir ihnen also einen Namen von drüben, der ja wahrscheinlich in hiesiger niedriger Gegend noch gar nicht existiert!“ Und an den Rand schrieb er in großen Zügen:

Sie heißt Philadelphia!

So trägt noch heute die kleine friedrizianische Siedlung nahe bei Storkow den Namen der großen Stadt in USA.

Aber der Volksmund kümmertsich noch nicht einmal um eine Randverfügung des großen Königs. Mag es amtlich heißen „Philadelphia“ soviel es will. Die Bewohner der Storkower Niederung sprechen noch heute von „Hammelstall“ und den „Hammelstallern“. Die Kinder rächen sich nun, wenn die Storkower sie als „Hammelstaller“ ausschimpfen. Ihr lustiger Streitruf heißt: „Hammelstall ist abgebrannt, die Hammel sind nach Storkow gerannt“

Willy Schaelike

Und dann bekommen wir noch Adler bei Storkow zu sehen.Bildschirmfoto 2017-12-08 um 18.03.55

So schön können Trafo-Häuschen ausschauen bei Groß Schauen. Und Peters stahlblankes Tommasini fühlt sich sichtbar wohl vor soviel Eleganz und Kraft.

Bis Storkow haben wir mehr als 100 kmzurückgelegt. Der Dezember Granfondo ist „im Sack“. Rein in den Zug und ab nach Berlin Hauptbahnhof. Im Zollpackhof gönnen wir uns noch einen guten Schluck Augustiner-Bier, dann geht es nach Hause.

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Berlin Hauptbahnhof im Weihnachtsgewand

Weihnachten wartet die „Festive 500“ auf uns, und dafür wollen wir im Training bleiben: Egal, ob es regnet oder schneit.


4 Gedanken zu “Lange Schatten und etwas Geschichte

  1. Hallo Dietmar, das ist ja gerade noch mal gut gegangen… Da bin ich immer schon froh, wenn ich die Stadt mit ihren ganzen Tücken hinter mir habe, aber „auf dem Land“ kann man auch nicht vorsichtig genug sein. Euch weiterhin gute Fahrt! Knusprig kalt ist es ja schon. Liebe Grüße, Eva

    1. Hallo Eva, in regelmäßigen Abständen braucht es einen „kleinen Aufreger“, um die persönlichen Wahrnehmungsantennen für Gefahren wieder auszurichten. Spot on! kann ich da nur sagen.
      Bleib munter, Dietmar

  2. Sehr schön geschrieben. Ihr hattet einen Unfall, der Gott sei Dank noch gut ausgegangen ist.
    Habe mich schon gewundert. Wünsche euch weiterhin alles Gute.Kommt unfallfrei über den Winter.
    Schöne Weihnachtszeit und guten Rutsch.
    Peter P.

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