Das Oderbruch, die Quappen und das Abendrot

Was ist denn eine Quappe? Das fragt Peter nach einem Blick auf die Speisenkarte vom Gasthaus Zollbrücke auf dem Oderdeich. Die gut gelaunte Dame hinterm Tresen erweist sich als bestens informiert über diesen selten gewordenen Fisch. Nein, mit der Kaulquappe hat die Quappe wirklich nichts zu tun, weiß sie zu berichten, die Quappe ist ein dorschartiger Fisch, der zum Laichen die Oder hinaufwandert und bis zu 25 Kilo schwer und 1,5 Meter lang werden kann. Wir staunen. Früher gab es soviel Quappen im Oderbruch, dass die Fischer die Tiere trockneten und als Kienspan-Ersatz zum Beleuchten ihrer Fischerkaten verwendeten. Quappendorf ganz in der Nähe hat sogar seinen Namen vom wohlschmeckenden und nahrhaften Fisch.

Zurück zum Start unserer Odertour: Wir treffen uns wieder einmal am Bahnhof Hohen- Neuendorf-West. Nicht deshalb, weil dieser Bahnhof so schön ist: vergammelt und mit Graffiti verziert steht das alte Gebäude traurig da, wie so viele andere früher einmal schöne Bahnhöfe in deutschen Landen. Nein, nur weil die Regionalbahn, die aus Potsdam kommt, konkurrenzlos schnell Peter und Matthias an den Nordrand von Berlin bringt.

Prüfender Blick auf die Uhr: Ja, Start um 09.47 Uhr. Ab geht es auf dem von mir gebastelten Track nach Osten. Zuerst nach Bernau, dann hinein in den Barnim hinüber zur Oder. Matthias macht wie üblich die Pace mit seinem schneller Troytec. Wir hecheln hinterher. Am Rande von Bernau warnt uns dieses Schild. Allein:IMG_3919
Die Brücke fehlt nicht! „Fake News“, sagt man wohl neuerdings zu solch einer Info. Weiter reiten wir hinein in die sanften Hügel des Barnim. Köstlichkeiten werden am Wegesrand dargeboten. Oder ist das gar ein Kunstobjekt? 20171222_121200

Mit 50 km/h rauschen wir hinunter nach Bad Freienwalde und biegen ab gen Süden. P1170599Am Ortsausgang beeindruckt uns das alte Finanzamt, auf dessen Putz noch historische russische Aufschriften zu erkennen sind. Die niedrige Bewölkung hat sich mittlerweile fast völlig aufgelöst und einem herrlichen winterlichen blauen Himmel Platz gemacht. Wir saugen die Natur und die herrlich frische Luft ein in unsere Randonneurskörper. fullsizeoutput_3999

Die sogenannte Europabrücke bei Neurüdnitz-Bienenwerder gammelt immer noch vor sich hin. Schon 2009 las ich über ein Projekt zur Sanierung des Übergangs für Radfahrer und Touristen. Dieses Jahr gibt es wohl einen Neuanlauf der Aktivitäten. Wir sind optimistisch, dass eine Überfahrt noch vor der Eröffnung des BER möglich sein wird.

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Matthias genießt derweil den herrlichen Blick auf die träge dahinfließende Oder.

Die Randonneure sind hungrig. Mittagszeit! Da kommt das Gasthaus Zollbrücke genau zum richtigen Zeitpunkt in Sicht. Genau! Das Gasthaus mit der netten Wirtin, die so gut die Quappen kennt. Wir genießen die Wärme, Kürbiskernsuppe und Fischsuppe. Der Glühwein ist pur! Nicht verlängert wie so oft, stellt  Peter W. mit Freude fest.

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Ein Titan lehnt lässig am Grenzpfahl

 

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Satt, aufgewärmt und zufrieden schreiten die Randonneure wieder zur Tat.

 

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Der Weihnachtsmann grüßt aus dem Gasthausfenster

Vom Rückenwind beflügelt, rollen wir mit 30 km/h gen Südosten in Richtung Kienitz und Küstrin. Die Schatten werden länger, der Himmel färbt sich rot.

Die Eindrücke dieser wunderbaren Wintertour animieren mich zum Versuch, doch mal einen kleines Haiku-Gedicht zu basteln:

Oder glänzt im Licht

Quappen schwimmen drunten

Randos fahren ins Abendrot

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Da liegen sie nun am Deich, die treuen Stahl- und Titanpferde. Derweil posieren die Reiter vorm Abendhimmel:fullsizeoutput_3992

Ein reiner Genuss ist es, in den Abend hineinzufahren. Vier Kraniche stelzen auf den Wiesen herum, Graugänse schnattern in Schwärmen fliegend um die Wette. Sie vertrauen auf einen milden Winter im Oderbruch.

Wir nähern uns Küstrin. Auf der polnischen Seite der Oder leuchten die Lichter der kleinen Stadt herüber. In Küstrin-Kietz wollen wir in die Regionalbahn nach Berlin steigen. 140 Kilometer haben wir in den Beinen, das soll reichen für heute.P1170658

Im Westen hat offensichtlich jemand den Himmel adventlich angezündet. Wir sind begeistert ob dieser Inszenierung.

In Küstrin-Kietz klettern wir über die Brücke zum Bahnhof:P1170662

Das Bahnhofsgebäude ist ein beklemmend-schauerliches Beispiel für die Verwahrlosung der alten Bausubstanz.

Der Putz blättert, die Türen sind verfault, im Obergeschoß residiert die Niederbarminer Eisenbahn, die das Gebäude 2014 für 22500 € ersteigerte. Zwei Fenster sind erleuchtet.

Wir frieren. Kein Warteraum, keine Gastlichkeit, nichteinmal ein Fahrkartenautomat  ist aufgestellt. Die Hinweistafeln künden von der besseren Vergangenheit. Hier gab es tatsächlich einmal eine Bahnhofsgaststätte. Lang ist es her…

Nach 30 Minuten Warten, die wir durch launige Gespräche, gymnastische Übungen und Warmlaufen um das beschauliche Gebäude herum füllen, kommt der Zug nach Berlin. Gut geheizt, freundliche Zugbegleiterin, reichlich Platz zum Ausstrecken und Aufwärmen. Nach gut 90 Minuten rollen wir in Berlin Hbf. ein. Noch ein Bier oder zwei, dann ab nach Hause. Eine traumhafte Tour war das heute. Das Oderbruch lohnt sich immer!

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Richtig! Morgen ist Weihnachten. Also feiert schön, genießt die freie Zeit. Bleibt munter! Und nicht vergessen – heute ist der erste Tag der Festive 500. Also schwingt euch beschwingt auf die Räder!


4 Gedanken zu “Das Oderbruch, die Quappen und das Abendrot

  1. Schöner Bericht. Ich wünsche DIR und deiner Familie sowie deinen Radkollegen ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
    Bin gespannt auf deine Berichte vom Festive 500.

    Peter Pirk

    1. Das Festive-Fahren ist dieses jähr bei den milden Temperaturen ein angenehmes Vergnügen. Genieße die freien Tage und komm gut rüber in 2018. all the best Dietmar

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