Von Fontane bis Che Guevara

Schon wieder kündigt „wetter.online“ sehr frischen Westwind an, mit Böen bis 65 km/h. Welcher Alt-Randonneur verspürt bei diesen Bedingungen Lust darauf, stundenlang gegen den Wind anzukurbeln? Viel schöner ist es doch, sich schieben zu lassen! Und wenn es regnet, klatscht zumindest dann das Wasser nicht so hart ins Gesicht. Die beiden Peters lassen sich schnell davon überzeugen, dass heute wieder „Oder-Tag“ ist. Dieses Mal wollen wir Berlin  nördlich streifen und  dann über  die Barnimer Wellen reiten. Bis Bernau brauchen wir, um einen Rhythmus zu finden und warm zu werden.  Vier Stunden angesagte Sonne schrumpft in den aktualisierten Vorhersagen auf null Stunden mit gelegentlichem Nieselregen. Doch manchmal kommt es besser: In der Gegend von Heckelberg erspähen wir die ersten blauen Lücken in der niedrigen Stratus-Bewölkung. Sollten die nach Osten abfallenden Hügelchen so etwas wie einen Lee-Effekt erzeugen? In Gersdorf, kurz vor Erreichen von Bad Freienwalde schickt die Sonne etwas verschüchtert die ersten Strahlen durch das kahle Buchengeäst. Beim Passieren der Skischanze ( ja, Bad Freienwalde besitzt die nördlichste Skischanze Deutschlands) lacht sie das erste Mal, die Sonne. Mit 50 km/h stürzen wir uns alsdann hinunter in das Städtchen am Rande des Oderbruchs – und legen sogleich eine erste Koffein-Pause mit Kuchenergänzung im örtlichen Netto-Markt ein. Wider Erwarten bedient uns die Dame hinter der Theke überaus zuvorkommend. Erwecken wir, leicht fröstelnd und mit den abgestellten Rädern vor der Tür vielleicht Mitleid? Oder ist die Frau mit einer in diesem Landstrich recht selten vorkommenden Begabung zur Freundlichkeit gesegnet? Wie schön, das zu erleben.

Gut aufgewärmt steigen wir nach 20 Minuten wieder auf die Räder. Wir haben uns für  Kurs Nordost, an der Oder entlang, entschieden. Peters Wind-App hat uns dabei trefflich assistiert. Nach zwei Kilometern auf der B 158 folgen wir dem Radwegweiser und biegen nach Osten ab.

Steht da nicht eine gelbe Fontane-Figur vor einem Fachwerkhaus? Ich drehe um und stehe vor dem kleinen Fontane-Museum. Hier geht es nicht hauptsächlich um den Theodor, sondern um seinen Vater Louis Henri. In diesem kleinen Haus verbrachte er seine letzten 12 Lebensjahre bis zu seinem Tode mit 71 Jahren 1867.

Gut, dass wir nicht einfach vorbeigerollt sind: Wer Fontane, seine Geschichte und seine Geschichten mag, muss dieses Haus gesehen haben. Klein, authentisch und unter sehr sympathischer Führung.fullsizeoutput_3afeP1170832

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Der Reisende in der Mark muss sich ferner mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder einen Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben— Wer das Auge dafür hat, der wag es und reise.“ ( Theodor Fontane in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“)

Nach einem kleinen Rundgang und der Bitte des netten Betreuers, doch auf jeden Fall wiederzukommen und mehr Zeit mitzubringen, steigen wir beeindruckt wieder auf die Räder. Für mich war das wieder einmal ein kleiner „Magic Moment“. Der Weg nach Hohenwutzen führt immer an der Abbruchkante des Oderbruchs entlang – mit wunderbaren Aussichten ins weite Land.

In Hohenwutzen an der Oderbrücke hat sich heute ein stattliches Aufgebot von Polizeifahrzeugen versammelt – der Grund dafür erschließt sich uns nicht. Es wird heller, die Wolkenlücken werden größer, unsere Laune wird besser. P1170856Das Oderbruch zeigt sich von seiner faszinierenden Seite: Licht, Schatten, Wasserspiegelungen, dann eine Herde riesiger Langhornrinder und im Hintergrund eine Gruppe Pferde. Naturerlebnis pur!fullsizeoutput_3af7

In der Ansiedlung Stützkow erspäht Peter eine rote Flagge: Che Guevara – Hasta la Victoria Siempre – Bis zum immerwährenden Sieg!

Hat es hier etwa einen wehmütigen Spät-68er-Stadtguerilla nach Stützkow verschlagen?

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Wir wenden uns wieder der Schönheit des Oderbruchs zu. Viel Wasser hier, meint der andere Peter. Ich teste derweil einen in die überfluteten Wiesen führenden Plattenweg, um eine schöne Fotoperspektive zu bekommen.WhatsApp Image 2018-01-31 at 21.37.11P1170889

Die Sonne schickt ihre Strahlen durch die zerrissenen Wolken und beleuchtet die Oder und ihre Seitenarme – Cinemascope vom Feinsten. Selten habe ich so oft und so begeistert von der Natur auf den Auslöser gedrückt.P1170896

 

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LED-Installation vor dem Mendoza am Schwedter Bahnhof – Kunst oder Kitsch?

Um viertel nach drei kommen wir schon in Schwedt an – ein kleiner Bogen durch die kleine Altstadt, dann zum Bahnhof. Laut VBB-App fällt der Zug um 16 Uhr nach Berlin aus. Wohl oder übel gehen wir wieder in das „Mendoza“, das wir in so schlechter Erinnerung haben. Heute ist der Kellner besser gelaunt, Bier und ein sehr scharfes Chili con Carne heben unsere Laune. Derweil zeigt uns ein Blick auf den Bahnsteig, dass der Zug wider Erwarten doch fährt. Verdammte VBB-App! Um 16 Uhr dann Versuch Nr. 2. Als wir im Zug sitzen, kommt die Ansage, dass die Fahrt in Angermünde endet! Irgendwo bei Chorin gab es einen „Personenunfall“. Schienenersatzverkehr ist angesagt. Und dann hat der gemeine Radfahrer schlechte Karten. Räder können die Linienbusse nicht mitnehmen!P1170948

Wir machen aus der Not eine Tugend und stellen uns auf eine schöne Kurbel-Etappe nach Eberswalde ein. Es ist trocken, der Wind hat sich abgeschwächt, wunderbar, wenn nicht die vielen Autos auf der Straße wären … Wir knipsen unsere Festbeleuchtung an, ziehen die Reflexgurte über, und ab geht die Post.

In Berlin gönnen wir uns noch ein Augustiner im Zollpackhof und schwelgen in den Eindrücken dieses Tages.

Wann fahren wir wieder ins Oderbruch?!

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8 Gedanken zu “Von Fontane bis Che Guevara

  1. Ich hatte mir schon Gedanken und auch ein wenig Sorgen gemacht, so lange auf einen neuen Beitrag warten zu müssen 😉
    Zwar habe ich kein Abo bestellt, schaue aber regelmäßig auf Deine Seite um mich inspirieren und motivieren zu lassen.
    Schön mal wieder neues lesen zu können.
    Danke und weiter so 🙂

    1. hallo Manfred, freut mich, Dich zu inspirieren. Dann sollte ich mich schleunigst an meinen Artikel zum Havel-Radweg machen🦅🦆☀️

      1. Jaaaaa, langsam würde ich mich sehr darüber freuen, könnte den einen oder anderen Abend bereichernd zum Ende führen.

        Gruß Manfred

  2. Wieder mal eine schöne Tour von Euch Dreien!
    Meine Zustimmung zu den Worten von Fontane.
    Und windfinder.com kann ich als alter Windsurfer nur empfehlen. Hat mich nie enttäuscht.
    LG rainer

      1. Schon mal die Strecke des des 200ers checken? Ich wünsche Euch viel Spaß. Das Wetter wird ja diese Woche endlich mal beständig. LG r.

    1. Ja, windfinder.com ist ein Klassiker – nützlicb für alle, die mit Luftbewegungen zu tun haben. Und manchmal ist es auch nur sehr spannend, sich das Planetare Windsystem mal in Bewegung anzusehen, während man selbst sicher in Lee gepackt ist 😉 RM

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