Von Werder nach Paulinenaue

Mein Brandenburger Lieblingsautor Theodor Fontane hat sich im dritten Band der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ intensiv dem Havelland gewidmet. LESEN! Und neuerdings gibt es vom Autor und Fotografen Götz Lemberg einen künstlerischen Bildband mit dem Namen „Havelcuts“ zu bestaunen. Eine Radtour von Potsdam aus auf dem Havel-Radweg bis nach Rathenow hat ihn im Jahr 2015 dazu angeregt, jeden Kilometer der Havel von Bord eines Hausbootes zu fotografieren und künstlerisch zu verarbeiten.

Peter und ich sind schon oft von Geltow aus über den Havel-Radweg nach Brandenburg  gerollt, aber eben noch nicht komplett bis nach Rathenow. Das wollen wir heute nachholen – bei minus fünf Grad und Sonnenschein. Mit Start am Bahnhof Werder. Bis Rathenow entlang der Havel und dann wieder nach Osten durch das Havel-Luch bis nach Paulinenaue. Bis dorthin wären es um die 130 Kilometer – vielleicht bis zum Einbruch der Abenddämmerung zu schaffen. Für uns eigentlich nicht besonders fordernd, aber im Winter bei Minusgraden rollt es halt langsamer.

Die Havel hat keine einzelne Quelle, sondern gleich ein ganzes Quellgebiet. Die Havel macht einen Riesenbogen – erst fließt sie bis Potsdam in südliche Richtung, dann bis Brandenburg nach Westen, dann knickt sie ab und wendet sich nach Nordwest. Mit nur 40 Meter Höhenunterschied vom Quellgebiet bis zur Mündung überwindet sie die 325 Kilometer von Ankershagen am Rande der Mecklenburger Seenplatte bis zur Elbe bei Quitzöbel.

Peter und ich wollen heute möglichst viel Havel sehen und erleben. Und einen von uns bisher nicht befahrenen Teil des Havelradweges testen.

Werder-Paulinenaue

Wir treffen uns am Bahnhof Golm und fahren hinüber nach Werder, von da aus nach Phöben, wo der schöne Teil des Havelradweges beginnt. P1050200 Immer wieder ein Traum, durch die Havelauen zu rollen, vorbei an hunderten von rastenden Graugänsen.P1050205

Schon nach 6 km kommt der Abzweig zur Ketziner Fähre. Heute lassen wir uns ausnahmsweise nicht übersetzen, obwohl der Fährmann mittlerweile ein guter Bekannter ist.

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Am 22. Januar 2016 waren wir hier zu Fünft unterwegs und hatten Glück, dass der Fährmann es wagte, die Eisschollen durchzuknacken.

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Heute weht ein frischer Ostwind, der uns leichten Trittes schiebt. Den Genussradlern sei gesagt, die Wegoberfläche ist vom Besten bis hin zur Stadtgrenze von Brandenburg, wo es über ein paar Kilometer rumpelig wird.

Die Havel, um es noch einmal zu sagen, ist ein aparter Fluß; man könnte ihn seiner Form nach den norddeutschen oder den Flachlands-Neckar nennen. Er beschreibt einen Halbkreis, kommt von Norden und geht schließlich wieder gen Norden, und wer sich aus Kindertagen jener primitiven Schaukeln entsinnt, die aus einem Strick zwischen zwei Äpfelbäumen bestanden, der hat die geschwungene Linie vor sich, in der sich die Havel auf unseren Karten präsentiert. Das Blau ihres Wassers und ihre zahllosen Buchten (sie ist tatsächlich eine Aneinanderreihung von Seen) machen sie in ihrer Art zu einem Unikum. Das Stückchen Erde, das sie umspannt, eben unser Havelland, ist, wie ich in den voraufgehenden Kapiteln gezeigt habe, die Stätte ältester Kultur in diesen Landen. Hier entstanden, hart am Ufer des Flusses hin, die alten Bistümer Brandenburg und Havelberg. Und wie die älteste Kultur hier geboren wurde, so auch die neueste. Von Potsdam aus wurde Preußen aufgebaut von Sanssouci aus durchleuchtet. Die Havel darf sich einreihen in die Zahl deutscher Kulturströme.“ ( Fontane in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Teil 3, Havelland)

Bei Götzer Berge versteckt sich die Havel mäandernd hinterm Wald.

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Vielleicht kann sie auch nicht den Anblick des vor sich hin gammelnden „Bildungszentrums für Land-und Forstarbeiter“ ertragen. Klares Prädikat: Schandfleck!

Ein paar Meter weiter steht ein wunderbar restauriertes Klinker-Häuschen. Schnell ist der Schandfleck vergessen.P1170992

Hinter Götzer Berge reicht der Blick wieder weit in die Havelauen hinein. Die Havelinseln heißen hier „Großes Ohr“ und „Die erste Insel“. Am Ufer der Havel liegen noch serienweise vom letzten Herbststurm entwurzelte Bäume. Erfreulicherweise ist der Radweg perfekt geräumt. Drei Kilometer weiter in Gollwitz weist ein oben am Giebel hängendes Rad auf die „HavelRADstätte“ hin. P1060950.jpg

Sieht sehr gepflegt und gastlich aus. Sicher ein guter Tipp für Genussradler im Frühjahr und im Sommer.

Wir nähern uns der Stadt Brandenburg und bleiben auf dem Radweg an der B1. Wenn man das Zentrum der Stadt mit dem Rad durchqueren will, sollte man Zeit und Langmut mitbringen. Die Radwege sind streckenweise sehr mäßig, und mitten in der Stadt gilt es, nicht in die Straßenbahnschienen zu rutschen. Wir meiden heute die Innenstadt und stärken uns in dem luxuriös gestalteten Steineke-Backshop-Café gegenüber dem Bahnhof.

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Stahl und Titan – sanft an die Glasfassade des Cafés angelehnt 

Beim Verlassen Brandenburgs nach Westen wird überdeutlich, welchen Stellenwert die Schwerindustrie hier einmal gehabt hat: Stahlwerke, Walzwerke, die Arado-Flugzeugwerke und das das Opel-LKW-Werk haben hier einst die Region zur wirtschaftlichen Blüte gebracht.  Nach der Wende ist die Heidelberger-Druckmaschinen-AG die größte Industrieneuansiedlung auf dem traditionsreichen Grund. Die letzten Schienenausläufer der Straßenbahn begleiten bis zur Einmündung der Havel in den Plauer See die Straße. P1180005

Dann rollen wir an einer 600 Meter langen Betonmauer entlang, die  reichlich mit kunstvollen Graffiti versehen ist. Im Jahr 2008 lief hier die „Graffiti-Convention“ zur legalen Verzierung und Verschönerung . Allemal attraktiver als grau-brauner Beton.

Hinter der Mauer versteckt sich das älteste Gefängnis des Landes, das in den 30er Jahren einmal für 1800 Gefangene konzipiert war. Wer mehr über die Geschichte erfahren will: JVA Brandenburg

Kurz vor Plaue verlässt die Havel den See und fließt weiter nach Norden. Wir verlassen die B1 und folgen Straße und Radweg in Richtung Briest.P1180006

Das verschlafene Örtchen wurde einmal durch den Flughafen der Arado-Werke belebt. Heute rollern die Radtouristen an der Havel entlang. Und Fontanes „Effi Briest“ spielte wohl eher in Nennhausen, aber nicht in dieser gleichnamigen Ansiedlung. In Pritzerbe locke ich Peter auf die Fähre zur Westseite der Havel. Er ist skeptisch, weil ich ihn schon einige Male auf raues Pflaster oder tiefsandige Wege geführt habe bei unseren Touren. Seine Bedenken erweisen sich als vollkommen unbegründet – zu meinem Frohlocken.

Der Havelradweg ist ab hier herrlich zu fahren – auf zwei Betonspuren, die aber sehr glatt ausgebaut sind. Wir können uns kaum sattsehen am blauen Himmel und der dunkelblau glänzenden Havel. Wir rollen durch das Milower Land und die Orte Bahnitz, Jerchel und Marquede. P1090122.jpg

Unschwer zu erkennen, dass im Milower Land die Fischerei Tradition hat. Der Radweg führt bei Bützer ganz nah an der Havel entlang. Endlich entdecken wir zwei Havelschwäne.P1180053

Und dazu eine Infotafel, die uns aufklärt, welche Fische hier schwimmen und gefangen werden. P1180055

In Milow residiert die Mittelbrandenburgische Sparkasse in der ehemaligen Leopoldsburger Kirche. Die Gemeinde war vor 15 Jahren froh, einen Investor und Mieter für das Gotteshaus gefunden zu haben. Die kleine Kirchengemeinde des Ortes war schon lange nicht mehr in der Lage, zwei Kirchen zu unterhalten. So wurde aus dem Gottes- ein Geldhaus.fullsizeoutput_3b2e

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Direkt neben der ehemaligen Kirche residiert ein NP-Supermarkt. Peter bestaunt ein zugeeistes Riesenschlagloch, dessen Rand sich schon in die Straße hineingräbt.P1180063-1.jpg

Bald kommt Rathenow mit seinem rot verklinkerten Kirchturm in Sicht. Ich will unbedingt das Bauwerk aus der Nähe sehen. Gibt es hier etwas Historisches zu bestaunen? P1180066-1.jpg

Die St.-Marien-Andreas-Kirche ist für uns, von Westen kommend, in renovierte Platte eingebettet. Von der Ostseite sieht das wesentlich attraktiver aus. Rathenow lockt uns auch heute nicht zum längeren Verweilen. Irgendwie haben wir bisher keinen „Zugang“ zu dieser Stadt gefunden. Vielleicht sollten wir uns demnächst einmal den Optikpark anschauen.

Nach Osten verlassen wir die lang gezogene Innenstadt und biegen ab auf den Havelland-Radweg, der uns über Stechow in die Ortschaft mit dem bemerkenswerten Namen „Kotzen“ führt. Die herrliche lange Eichen-und Robinienallee dorthin lässt uns aber eher staunen als … fullsizeoutput_3b2b

Die Sonne hat sich unter den Horizont verzogen – auf dem kleinen See macht ein junger Schwan eine Bauchlandung auf dem dünnen Eis. Leider war ich nicht schnell genug, dieses Malheur auf ein Foto zu bekommen.

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Gräben, Dämme, Schleusen gibt es reichlich im Havelländer Luch. Gut so, denn sonst könnten wir hier nicht trockenen Fußes nach Pessin und Paulinenaue kommen. Wir haben mittlerweile kalte Nasen und wollen irgendwo einkehren. Allein, in Paulinenaue finden wir keine gastliche Stätte im Ort. Das historische Bahnhofsgebäude verwittert und vergammelt zusehends. Eine Berliner Künstlerin, die dort ein Projekt  mit Werkstätten, Café etc. realisieren wollte, läuft seit Jahren vor die Behördenwände. Schandfleck! P1170772

Unser Trost: der Zug nach Berlin hält stündlich. Also halten wir uns durch Hüpfen auf der Stelle warm, und zehn Minuten später sitzen wir im wohlig warmen RE und genießen eine Stunde später wieder mal ein Augustiner im Zollpackhof in Berlin.P1180081

140 Kilometer bei Minusgraden waren es heute. In herrlicher Natur, auf Top-Radwegen, und mit der abermaligen Erkenntnis, dass das Havelland schön und abweisend zugleich sein kann. Wir werden die Gastlichkeit wieder testen, wenn es wärmer ist und wenn wir wieder ohne Handschuhe und Gesichtsschutz fahren können.

Havel-RadwegHavelland-Radweg

 

 


4 Gedanken zu “Von Werder nach Paulinenaue

  1. Lese ja immer wieder gern hier.
    Deine / Eure Ausflüge sind nicht nur sportliche Betätigung. Schön zu sehen, daß jeder Ort seine eigene kleine Geschichte hier mit einfließen läßt, weitet den Blick seine eigene Umgebung auch mal mit Touristenaugen sehen zu können.

    Gruß Manfred

  2. Hallo Dietmar,
    wie immer ein toller Bericht mit super Bildern. Bei Minus 5 Grad gehört schon
    Überwindung dazu mit dem Rad eine Tour zufahren. Aber das härtet uns ab.
    Bin gerade zurück von meiner Tour. Minus 4 Grad und ein steifer Wind ( 5-6)
    von Osten und 55 Km reichen für heute.
    Wünsche DIR und deinen Radkollegen weiterhin alles Gute.

  3. erstaunlich wie sich die Fortbildungsstätte für Forstarbeiter langsam in ein Dornröschenschloß verwandelt. Danke für die Beschreibung des (auch im Sommer) sehr hübschen Flecken Havelland!

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