219 Kilometer – Kleine Hügel abreiten bei Claus in Hamburg

Das fängt ja gut an: Mein Bauch rumort nach einem leckeren Essen am Vorabend des 200-km-Brevets. Bei Peter ist alles bestens, er ist unternehmungslustig – ich bin froh, als ich im Hotelzimmer flach liege. Also schaue ich das Fußballspiel gegen Spanien vom Bett aus an , Peter genehmigt sich derweil ein paar leckere Bierchen in der Hotelbar und sieht die Kicker auf der Großleinwand. Irgendwann gegen zwei in der Nacht gibt mein Inneres Ruhe, und ich sehe wieder eine Chance, doch an den Start zu gehen.

Um Sechs klingelt der Wecker, um halb sieben sitzen wir beim sehr reichhaltigen Frühstück. Ich bekomme mit Mühe einen Tee und eine Portion Rührei hinunter. Das muss für die ersten Kilometer reichen. fullsizeoutput_3c00

Start ist am Nachhaltigkeit-Pavillon Osaka 9, direkt neben dem Maritim-Museum. Claus Czycholl hat es geschafft, dass die Stadtverwaltung den Pavillon für uns so früh öffnet und sogar einen leckeren Kaffe anbietet. Großes Hallo beim Wiedersehen der beiden ARA-Urgesteine Claus und Peter. Und Dank von uns an Claus für die perfekte Organisation und den warmherzigen Empfang.

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Drinnen können wir unsere Brevet-Karten razz-fazz abholen. Die Hamburger Ara-Kollegen machen das schnell und unaufgeregt.

Auch einige Brevet-Freunde aus Berlin sind hier am Start, weil sie nach dem wenig erfreulichen Anmelde-Prozedere von Ara-BB leer ausgegangen waren.

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Start ist um acht Uhr – Claus hat die Starter in mehrere Gruppen aufgeteilt, erkennbar an Farbpunkten im Kärtchen. Auch das klappt bestens.

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Pünktlich um Acht startet die erste Gruppe P1090709.jpg

Claus zeigt, wo es lang geht. Endlich können wir losrollen und wieder warm werden. Fünf Grad, bedeckter Himmel, aber trocken ist es. Gute Bedingungen für das erste Brevet des Jahres. fullsizeoutput_3bff

Und ab geht es, hinter Claus her auf dem verschlungenen, aber gut fahrbaren Radweg nach Südosten aus der Stadt hinaus. Die Kulisse des Hafens ist beeindruckend, genauso wie die Hamburger zeigen, wie man auf guten, breiten Radwegen ohne Autoverkehr durch die Stadt kommen kann. P1090716

Draußen auf dem Deich in Richtung Altengamme werden Erinnerungen wach an „Hamburg-Berlin“ im vergangenen Oktober, als wir genau hier am Start waren. P1090719

Sichtlich gut gelaunt kurbeln Claus und Peter Seite an Seite und plauschen über vergangene Heldentaten. Aber noch besser: hier und heute rollt es gut! Ich bin froh, dass ich mich im Windschatten der Kollegen schonen kann – so langsam komme ich wieder in einen vernünftigen Rhythmus. Claus hat uns gewarnt: Gleich kommt ein „Zwölf-Prozenter“. Wie denn das? fragt ein Kollege aus dem Bergischen, der in der Erwartung reiner Flachland-Kurbelei hierher gekommen ist. Ein Blick auf den Track bei GPSies  zeigt ca. 1400hm an! Tatsächlich rollen wir nach ca. 30 Kilometern nördlich von Geesthacht in eine 12-Prozent Rampe hinein. Der eiszeitliche Elbe-Urstrom hat hier ein schönes Steilufer herausgebildet. Kurz und knackig geht es hoch. Hier zeigt sich, wer auch im Winter auf dem Rad gesessen hat und wer nicht. Schon bei Schwarzenbek sind wir wieder alle beieinander.

Bildschirmfoto 2018-03-26 um 12.03.56

Bei Schloß Wotersen wartet das Brevet-Kärtchen darauf, von einer Kontrollzange gelöchert zu werden. Einige Kollegen nutzen den Halt, um den ersten Kaffee-Dope einzuwerfen.

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Die beiden Titan-Granfondi bewähren sich bestens, federn locker rauen Belag ab und stecken auch ein paar Meter Kopfsteinpflaster locker weg.

Weiter geht der Ritt nach Mölln – der Stadt, in der Till Eulenspiegel wahrscheinlich im Jahre 1350 im Alter von ca. 50 Jahren starb.

Wer also eine Möglichkeit sucht, seinen Brei sich nicht von anderen wegessen zu lassen, hier ist das Rezept von Till Eulenspiegel:

wie Ulenspiegel ein weiß muoß allein us aß, darumb daz er ein klumpen uz der naßen daryn ließ fallen“ (Wie Eulenspiegel einen weißen Brei alleine aß, indem er einen Nasenpopel hineinfallen ließ).P1090720

Wir lassen heute keine Popel aus der Nase in unseren Brei fallen und begeben uns auf die nächsten Kilometer weiter nach Osten. Zarrentin und dann das treffliche Dielen-Café in Kittlitz warten auf uns. In Kittlitz mute ich meinem jetzt nicht mehr rebellierendem Darm ein großes Stück Rosinenkuchen zu – in der Hoffnung, er möge Kraft spenden und vom Körper verarbeitet werden. Trinken, trinken nicht vergessen, mahnt Claus. Also bin ich brav und fülle meine Flaschen wieder auf und werfe die Powerbar-Tabletten hinein. Von hier an lasse ich Claus und Peter ziehen – ich muss weiter mein eigenes Tempo fahren, dann werde ich auch irgendwann im Ziel sein.

In Ratzeburg wartet noch mal eine schöne Rampe darauf, bewältigt zu werden. Am See steht ein historischer Kahn unterm Holzdach.fullsizeoutput_3c09

Mittlerweile habe ich mein Tempo gefunden – es rollt wieder, und es fängt an, wieder Freude zu machen. Ich erreiche Berkenthin, km 156 um 15.35 Uhr. Gar nicht so schlecht, zumal ab hier der Wind leicht schiebt. Also kurbeln, kurbeln, kurbeln. Zwischenzeitlich meine ich , ganz alleine auf der Strecke zu sein. Überholt hat mich noch keine Gruppe, also kann ich sooo langsam auch nicht sein. Schließlich erreichen mich einige junge Randonneure und passieren mich locker. Allein: ich werde sie noch einige Male beim Pausieren sehen. Kilometer macht man, wenn man rollt, nicht bei Kaffeetrinken! Kurz vor der letzten Kontrolle bei schon fast 200 km kann ich einem jungen Kollegen zu Luft im Reifen verhelfen. Es will ihm nicht gelingen, die CO2-Kartusche seiner Pumpe zu aktivieren. Auch hier: Übung macht den Meister und bitte  den Pannenfall auch vorm Brevet mal durchspielen… Schnell ist wieder Druck auf dem Vorderreifen seines Canyon. Dimitri hole ich an der letzen Kontrolle ein, als er seine Frontleuchte aktiviert. Das hebt meine Moral ungemein. P1090724

Claus und Peter sind schon über 20 Minuten im Ziel, als ich eintrudle. Aber geschafft ist geschafft! Und zufrieden bin ich jetzt auch wieder. Weizenbier und Kartoffelsuppe munden.

Eine Stunde später rollen wir die letzten vier Kilometer zurück zu den Deichtorhallen, wo Peters Audi auf uns wartet. Schließlich wollen wir noch zurück nach Berlin heute Abend. Um 22.30 Uhr setzt mich mein fürsorglicher Fahrer zu Hause ab. Eine Portion Tortellini noch, ein Glas Wein und dann ein tiefer Erholungsschlummer.

Danke Hamburg, danke Claus!

Bis demnächst bei euch im Norden, es hat viel Freude gemacht.

 

 

 


11 Gedanken zu “219 Kilometer – Kleine Hügel abreiten bei Claus in Hamburg

    1. Hallo Jens, schöne Fotos habe ich, aber noch keine Idee für eine gute Story. Kommt noch! Beste Grüße
      Dietmar

  1. Hallo Dietmar,
    ich bin einer der Berlin-Exilanten. Hab mich sehr über das überraschende Treffen gefreut. Schöner Bericht über ein Brevet, dass auch ich sehr genossen habe.

  2. Hallo Dietmar
    Schöner Bericht vom 200 K-Brevet in Hamburg. Den 600 K in Warburg kann ich Dir bestens empfehlen, bin dort vor 2 Jahren gefahren. Schöne Strecke, eher noch einfacher als letztes Jahr von Berlin an den Darss und zurück.
    Ich selber werde ziemlich sicher wieder im Emsland über 600 K am Start sein. Liebe Grüsse aus der Schweiz
    Ulrich

  3. Lieber Dietmar, nach Hamburg hat es Dich in diesem Jahr also verschlagen! Für die komplette Serie? Ich versuche mein Brevet-Glück erst im Juni beim 600er in Sachsen. Ich hoffe, bei Dir geht es munter weiter! Sende herzliche Grüße aus dem Trainingslager (traditionell im verschneiten Süden), Eva

    1. liebe Eva, nur das 300er werde ich in Berlin machen, 600er in Warberg/Ostfalen. Der 600er in Sachsen bei Olaf Hilgers ist sehr anspruchsvoll mit reichlich Höhenmetern. Aber das sollte Dir ja entgegenkommen als Kletterfreundin. Alles Gute , Dietmar

      1. Viel Spaß und gute Fahrt Euch morgen, wenn ich das richtig im Kopf habe – zumindest das Wetter wird den Randonneur wohl nicht fordern! Eine Genußfahrt darf ja aber auch mal sein. Schönen Gruß!

      2. Hallo Eva, Du liegst richtig😎Bei solchem Traumwetter sollte es gut rollen. Ich bin gespannt auf Deinen Candy-Bericht. Da habt ihr ja ordentlich fighten müssen👏👏👏

  4. wir (in Österreich) haben unseren Eröffnungs-Brevet – einen 200er – am 07.04., da wird es hoffentlich endlich ein bissl wärmer sein…

  5. „genauso wie die Hamburger zeigen, wie man auf guten, breiten Radwegen ohne Autoverkehr durch die Stadt kommen kann.“

    Oh, oh, das sieh dir lieber nochmal in Eimsbüttel und Co an… 😉

    Schöner Bericht!

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