Sicilia – eine Reise wert!

In den warmen Süden fliegen und dem kalten Berliner Winter entfliehen. Ein paar Kilometer mit kurzen Hosen fahren, guten Wein genießen, Sonne tanken… Bisher war mein Standardziel die Radfahrerinsel Mallorca. Auch die letzten noch unbekannten Klosterberge habe ich erklommen, die Küstenstraße hin- und her abgebaggert. Nach Sa Calobra runter und wieder rauf. Die Suche nach wirklich neuen Zielen wurde immer beschwerlicher. Was lag näher, in diesem Jahr endlich wieder unbekanntes Terrain unter die Räder zu nehmen. Peter brachte schon im September Sizilien ins Spiel. Welche Veranstalter sind dort aktiv, wo ist der beste Startort? Nach langer Recherche landeten wir bei „Friends on Bike“, einem Veranstalter aus dem Schwabenländle, der seit 1997 auf Sizilien aktiv ist. In  Noto, 30 Kilometer südlich von Syrakus, liegt das Radsporthotel des Veranstalters.

Am 3. März sitzen wir im Airbus von Eurowings und fliegen mit Stop in Düsseldorf nach Catania. Mit reichlicher Verspätung von über zwei Stunden können wir endlich die milden Lüfte des Südens atmen. Unser Hotel heißt vielversprechend „Grand Hotel Sofia“, ausgezeichnet mit vier Sternen. Wir beziehen unser Zweibettzimmer – Blick zur vielbefahrenen Straße, direkt davor der Hotelparkplatz. Erste Ernüchterung. Dass das Hotel ausgebucht sein soll, können wir angesichts der wenigen besetzten Tische beim Abendessen kaum glauben. Das recht gute Essen tröstet uns, ein Bierchen in der kleinen Bar gibt uns Bettschwere. IMG_2210.jpgMorgen soll die Sonne lachen.

Sie lacht! Und die Mieträder von GIANT sehen auch recht gut aus. Carbon, Ultegra kompakt, Peters mit Scheibenbremse, meines mit Felgenstoppern.

Am ersten Tag ist eine 100 km-Einrollrunde im flachwelligen Terrain auf dem Programm. IMG_2217

Säulen von griechischen Tempeln, dahinter ein verlassenes Ruinendorf direkt am Strand der Südküste. Gegensätze! P1000509IMG_2222

Im Caffé Mattioli gibt es vorzügliche Dolci und herrlich duftenden Espresso zu kleinen Preisen. Die Pause hätte gerne länger sein dürfen.

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Beim nebeneinander her radeln komme ich mit Jens aus Berlin ins Gespräch. Seine Tochter trainiert gemeinsam mit Wolfgangs Bruno beim SC Berlin. Die Welt ist klein! Auf recht ordentlichen Straßen und Wegen rollen wir diese Südrunde ab. Die Natur fängt an, die ersten Frühlingsdüfte auszusenden. Sonne reichlich und herrliche Ausblicke heben unsere Stimmung.P1000565-2523903982-1522336215894.jpg

Fette Orangen und Zitronenhaine über viele Kilometer – dann wieder endlose Gewächshüllen für Gemüse und Salate. Auberginen, Paprika, Zucchini – bunt leuchten die reifen Früchte. P1090616

Unsere Tour führt über Portopalo und Pazzollo wieder hin nach Noto, wo uns der kurze und knackige Anstieg zur Stadt und zum Hotel hin erwartet. Nachmittags um vier verspüren wir Unternehmungslust und laufen hinauf zum historischen Noto, das gegenüber der Unterstadt ein wahrer Hochgenuss für das Auge ist. P1090603

Seit 2002 zählt die barocke Altstadt von Noto zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wir staunen über die herrlichen Barockensembles, die Kirchen und Plätze, die allesamt Ende des 18.Jahrhunderts nach einem verheerenden Erdbeben neu im zu dieser Zeit aktuellen Barockstil errichtet wurden. Heute ist der Aufwand riesig, diese Substanz zu erhalten. Wir fragen uns, wieviele der modernen Betonhochbauten der Neuzeit wohl die Zeiten überdauern werden. Vielleicht überdauert das barocke Noto so einige Beton-und Glasklötze. Wir jedenfalls freuen uns an soviel Geschichte, die erlebbar wird. Und die Gastlichkeit im Städtchen ist auch von hoher Qualität: IMG_2207.jpg

Die Menschen sind überaus freundlich und hilfsbereit. Hier kann man sich wohlfühlen.P1090602Die Cattedrale di S. Nicolò mit der ausladenden Treppe lädt ein zum Verweilen. P1000685

Auf der gegenüberliegende Seite darf der prachtvolle Palazzo Ducezio bewundert werden.

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Durch die Porta Ferdinandea geht es hinein in das Zentrum der alten Stadt.

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In der Esperia Birreria werden wir mit gezapften irischen Bieren verwöhnt. Dirk aus meiner alten Heimatstadt Werdohl im Sauerland verführt uns zum 9%-Starkbier. Die Gastlichkeit der Altstadt versöhnt uns mit dem sehr mäßigen Angebot zum abendlichen Zusammensein in unserem  „Grand“-Hotel.

Am nächsten Tag starten Peter und ich zu einer Solo-Tour , also ohne Bike-Guide des Veranstalters. Der will für jede geführte Tour 15 € zusätzlich haben. Da planen wir lieber selber und genießen einen Caffè mit Dolci zusätzlich. IMG_2229

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In Siracusa schlürfen wir Espresso und speisen leckere Dolci. Ein idealer Auftakt zum Teilstück hinauf nach Canicattini. Ganz schön hügelig! Um die 1600 hm stehen heute nach der 100km-Tour zu Buche. Eine herrliche Abfahrt hinunter nach Noto führt durch Canyons und über historische Brücken.

Aber auch vorbei an den hier so typischen Müllhalden an den Straßen und auf den Nebenwegen. Unfassbar, wie hier die Natur verschandelt wird:P1090588

Am nächsten Tag wollen wir nach Westen ausreiten, in Richtung Modica. Bedeckt ist der Himmel als wir starten, und ein fieser, böiger Wind bläst uns genau auf die Nasen.

Wenig Menschen, ein vergammelter Kindergarten und an einer alten Mauer angeklebt die Traueranzeigen der unlängst Verstorbenen. Nur wenige Kilometer im Hinterland zeigen sich die Provinzen Syrakus und Ragusa karg und arm.

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Wir suchen Schutz vor dem kalten Westwind, kurbeln Meter um Meter hinauf in die Hügel von Modica und Ragusa. Wunderbare Ausblicke entschädigen uns für die kalten Knie, die wir mittlerweile bekommen. Endlich rollen wir hinab durch die schmalen, steilen Gassen von Modica und gönnen uns in der Unterstadt Kaffee und Kuchen. Auf der Ostseite geht es zunächst wieder hinauf auf die Hochebene, jetzt aber mit ordentlich Schiebewind. Dann rauschen wir über 30 Kilometer mit fettem Rückenwind die sanft abfallenden Straßen hinüber nach Rosolini und wieder heim nach Noto. 40 bis max. 50 km/h zeigt unser Tacho permanent. Eine wahre Lust, nur hohe Konzentration ist gefragt, denn im Schatten lauert so manches fiese Schlagloch.

Am nächsten Tag will uns unbedingt der Sauerländer Dirk begleiten. Wir sollen aber bitte nicht so schnell fahren… Sagt der Dirk, der im letzten Jahr den Ötztal-Marathon gefinished hat. Ich weiß auch nicht, welcher Ruf uns Alt-Randonneuren vorauseilt?! Auch heute können wir kniefrei fahren. 15 bis 17 Grad und ein deutlich spürbarer Wind bläst aus Süden. Was liegt da näher, als nach Norden in Richtung Syrakus zu fahren – und dann schauen wir weiter.

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Die Wallfahrtskirche „Santuario Madonna delle Lacrime“ wurde gebaut, nachdem im Jahre 1953 ein Gipsbild auf einem nahegelegenen Bauernhof Tränen vergossen haben soll. Der Bischof von Palermo erklärte die Tränen für echt, und es wurde ein Wallfahrtsort geplant. Schließlich wurde im Jahr 1994 nach den Plänen der französischen Architekten Andrault und Parat der 75 Meter hohe Spannbetonbau errichtet. 11000 Gläubige finden drinnen maximal Platz, und das Bauwerk ist von weither als eigentliches Wahrzeichen von Syrakus zu sehen.

Am Ostrand der Stadt entdecke ich auf meiner OSM-Karte einen Radweg, der genau am Meer entlang nach Norden führt. Volltreffer! Nicht geteert ist dieser Weg, aber traumhaft schön und dazu noch sehr aufwändig durch das Tuff-Gestein geschnitten.

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Wir staunen über den Aufwand, den die Stadtoberen getrieben haben für diese Wegführung. Beeindruckend! Und dann der totale Gegensatz: Der Radweg endet in einem gigantischen Industrie-und Raffineriegebiet.P1000600

Ofensichtlich ein gescheiterter Versuch, hier ein Feriendomizil zu errichten. Im Hintergrund liegen schon die Öltanker auf Reede. Was jetzt folgt, ist die schlimmste Naturverschandelung, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Die gesamte Bucht bis hinauf nach Augusta ist zugebaut mit brutalen Industriebauten. Teil in Funktion, teils vergammelt und verfallen. P1000601

Immer an der Hauptstraße entlang arbeiten wir uns vor nach Norden. Über 20 Kilometer übelste Strecke mit viel Verkehr und keinerlei Radstreifen. fullsizeoutput_3b94

Uff, überstanden. In Augusta wartet zwar auch keine schöne Stadt auf uns, aber immerhin haben wir  die Dauerkulisse von Raffinerien und Tanklagern hinter uns gelassen. P1000603.jpg

So richtig heimelig ist es in dieser Stadt nicht.fullsizeoutput_3b91

Der Zug zurück nach Noto fährt in einer Stunde – Zeit für einen Kaffee mit Kuchen. Peter gönnt sich ein großes Glas Rotwein dazu. Heute war der Tag der Gegensätze.

Schon die Nacht huste ich, als ob ich eine Staublunge hätte, auch Peter bekommt schließlich einen Hustenreiz. Haben wir es übertrieben mit der Belastung am tag, als wir nach Modica geackert sind? Wie auch immer, ich falle fürs Radfahren für die nächsten  vier Tage aus und bin froh, dass ich gemächlichen Schrittes durch die Altstadt wandeln kann. Tee trinken ist angesagt. Keine Lust auf Alkohol jeder Art, Mäßiger Appetit.

Ich überspringe diese Tage des stillen Leids. Immerhin kann Peter in gemäßigter Form  noch seine Runden drehen, obwohl auch er angeschlagen ist. Am Tage fünf hat sich mein Körper hinreichend erholt. Wir können vor unserem Abreisetag noch eine schöne Schlussrunde drehen.

Zumindest Peter hat den Ätna noch aus der Radfahrerperspektive gesichtet.

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Nochmal nach Syrakus ins Caffè Apollo, durch die Gemüsefelder, durch Felder mit Salat bis zum Horizont. Mit Frühlingsdüften und wunderbaren Ausblicken. P1090678

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Diese Insel hat ungemein viel zu bieten. Diese Insel hat ungemein freundliche und zugewandte Menschen. Diese Insel verdient einen zweiten Besuch.

Aber dann in eigener Organisation, ohne einen Radveranstalter, der mit großem Anspruch, aber mit recht amateurhafter Organisation in einem so gar nicht überzeugenden Hotel unterwegs ist. Das geht besser!

Arrivederci Sicilia. Bis bald.

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Ein Gedanke zu “Sicilia – eine Reise wert!

  1. Vielen Dank für den Post – ich habe die Insel auch auf meiner Wunschliste und bin froh für dienliche Tipps….Das mit den Hotels widerspiegelt meine gemachten Erfahrungen. Die kleineren Unterkünfte (meist von Privatpersonen) sind meist viel besser und herzlicher..
    Frage zum Bikevermieter: Gibt es die Leihräder nur im Paket mit der Unterkunft? Ist eine Ausleihe auch spontan vor Ort möglich?

    Liebe Grüsse

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