Granfondo gelato

Nach der Festive 500 war ich zwar nicht faul, die Tourenlängen lagen aber allesamt um die 50 bis 80 Kilometer. Das darf so nicht einreißen, sage ich mir. Zumindest ein kleiner Granfondo 100 wäre doch mal fällig Mitte Januar. Das vergangene Sauwetter drückt auf die Stimmung, so ist die Vorfreude auf einen frostigen, dafür aber sonnigen Tag umso größer. Mein Titan-Randonneur scharrt im Keller schon ungeduldig mit den Hufen, meint, mit den 28mm 4seasons. Die neue Rahmentasche von Rapha ( Medium-Größe) passt wunderbar, ist sehr akkurat verarbeitet und sieht auch noch gut aus. Den Flaschenhalter am Sattelrohr habe ich mit einem Adapter von Topeak 2 cm herunter gesetzt. So passt eine 600ml-Flasche genau ohne zu klemmen.

Eine hauchdünne Schneedecke hat sich in der Nacht gebildet, kleine Pfützen sind zu Eisflächen gefroren. Egal, ich bin schließlich schon oft bei Schnee und Eis gefahren und habe trotzdem Spaß gehabt.

Erst mal nach Osten, in Richtung Bernau, dann werde ich mein Vorderrad entscheiden lassen, wie es weitergeht. Das Vorderrad zeigt nach Werneuchen und Straußberg. Krummensee, Trappenfelde – war ich hier schon irgendwann? Ein Weg weist nach Altlandsberg – erst Asphalt, dann Platte, dann Feldweg. Wunderbar. Fünf Kilometer ohne Umweg, immer geradeaus durch vereiste Pfützen und über Schotter. Hoffentlich halten das die 4seasons aus. Ja! Sie haben es wieder einmal überstanden.

Ein riesiges Windrad wird gerade aufgestellt ( Typ Vestas V 112 mit einer Nabenhöhe von 94 und Gesamthöhe von 150 Metern, lese ich nachher bei den freien Wählern Altlandsberg)

Können Eisscherben Reifen schlitzen? Die Antwort auf meine Frage bleibt offen, jedenfalls habe ich am Ende der Rumpelstrecke noch soviel Luft in den Reifen wie davor.

Ein abgestellter Wohnzimmersessel lädt das Granfondo zum Fotoshooting ein.

In Altlandsberg sind die Äpfel geerntet und die Störche sind ausgeflogen – Winter halt.

Der Altlandsberger Storchenturm

Straßen und Radwege sind gegen Mittag abgetrocknet, nur einzelne Glatteisflächen wollen noch umkurvt werden. In Rehfelde – Hirschfelde ist auch nicht weit – mache ich eine Kaffeepause im Bäckereicafé des Netto-Marktes. Top-Empfehlung! Erstklassiger Kaffee, wunderbare Baguette, freundliche Bedienung. Mein Granfondo darf direkt unter meiner Beobachtung außen am Schaufenster lehnen. Sehr beruhigend.

Ich biege nach Süden ab und rolle nach Kagel ins Fließ der Löcknitz und dann an die mäandernde Spree nach Mönchwinkel. Naturgenuß – diese Humboldtsche Begriffsschöpfung passt am besten auf mein Empfinden in der beschaulichen Landschaft der Spreeaue. Garniert mit einem Radweg vom Feinsten. Enten, ein paar winterfeste Kraniche, Pferde dampfen auf den Wiesen vor sich hin. Heute habe ich mir einen kleinen Granfondo mit meinem Titan-Granfondo vorgenommen, und schon um 15.01 Uhr zeigt mein Garmin erreichte 100 Kilometer an. Der VDO-Computer zeigt mit 19938 km deutlich, dass auch dieses Rad mittlerweile gut eingefahren ist.

Schließlich steht auf dem Sattelrohr eingelasert „the ultimate mile-eater“.


Die Vorboten für den Bau der Erdgastrasse Eugal, die von der Ostsee bis an die tschechische Grenzen führen wird, sind nicht zu übersehen. Riesige Rohrlager wurden bei Kienbaum und Freienbrink angelegt – schon im August 2018 – und warten auf ihre Verlegung

Innendurchmesser von 1,40 Meter und 18 Meter lang sowie 15 Tonnen schwer – pro Rohr!

Ein paar Kilometer weiter westlich überquere ich die A 10 und muss wieder fotografieren, diesmal mein Fahrgerät an dem leicht rosafarbenen Brückengeländer.


Kaum bin ich auf der anderen Seite der Brücke, bringt mich der kuriose Ortsname „Jägerbude“ abermals zum Foto-Halt. Das muss jetzt aufhören, sonst komme ich heute nicht vor Mitternacht zu Hause an. In Wikipedia lese ich, dass hier „um die Ecke“ im Jahr 1860 die erste Industrielle Teerdestillation entstand. Die damals für gesundheitsförderlich gehaltenen Abgase der Teerfabrikation führten dazu, dass sich Erkner von etwa 1880 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als Luftkurort bezeichnete und so den Fremdenverkehr zu steigern suchte. Als prominentester Dauer-Kurgast lebte der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann von 1885 bis 1889 in Erkner, dem dieser Luftwechsel von seinen Ärzten empfohlen worden war. 50 Jahre später baute Leo Baekeland hier eine Fabrik für Kunststoffe „Bakelite“. Plaste und Elaste, Plastebomber… alles im Namen des Fortschritts.

Die Dämmerung bricht herein, der Feierabendverkehr auch. Zeit, die Festbeleuchtung einzuschalten. Aber vorher muss noch ein Halt sein – am Müggelsee-Strand, der im Licht der untergehenden Sonne anmutet wie die Copacabana ( na, fast).

Ich überlege, ob ich nach 120 Winter-Kilometern langsam in die S-Bahn einsteigen sollte. Eine Stunde noch, das geht noch, sage ich mir… Irgendwann quere ich die letzte sinnvolle Bahnverbindungslinie bei Hoppegarten – jetzt sind es doch nur noch 35 Kilometer. Also weiterfahren. Hönow, Mehrow, und schon bin ich in Ahrensfelde. Meine Füße und Hände sind wohlig warm dank dicken Kniestrümpfen in den Mavic-Winterschuhen und an den Fingern einer Doppel-Lage aus Lobstern-Handschuhen mit zusätzlichen Linern drinnen. Um 19 Uhr rolle ich vor der Haustüre aus. Zufrieden mit mir und dem Tag. 167 Kilometer zeigt das Garmin an.


7 Gedanken zu “Granfondo gelato

  1. Danke. Informativ, unterhaltsam. Und anspornend. Hatte bei Strava Deine Route bereits eingehend geprüft und mich, als Verliner, über Verlauf ein wenig gewundert. Nun weiß ich: Deine Intuition hatte Dich geführt. Gut, dass mal der Süden Berlin wieder an der Reihe war. Gero.

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