1000 Kilometer Malle – in kleinen Häppchen

Warum lockt uns immer wieder diese Insel? Der Frühling ist schon da, wenn wir ankommen, die Menschen sind freundlich, die Natur im Hinterland ist grandios, die Autofahrer sind entspannt, Mandelbäume stehen in Blüte, die Wiesen leuchten sattgrün, Schafe und Pferde und schwarze Schweine grasen zwischen Olivenbäumen. Der Wein schmeckt, das Bier schmeckt, der Kuchen schmeckt, die Gemüse schmecken…

Die Ballermanntouristen weilen noch zu Hause, die großen Hotelburgen werden noch auf die kommende Saison vorbereitet. Mallorca ist im Februar und März ein kleines Paradies für Radfahrer, Wanderer und stille Naturgenießer.

10 Tage haben wir Zeit, uns zu quälen, uns zu erholen, wieder zu quälen und dann die Trainingsfortschritte in den Anstiegen zu spüren. Seit Dezember habe ich bereits ca. 3000 Kilometer in den Beinen. Das reicht gut, um das Gewicht zu halten und die Ausdauer nicht zu verlieren. Kraft und Schnelligkeit sind aber spürbar weit unter Sommerniveau. Und dort will ich wieder hinkommen – damit Paris-Brest-Paris in diesem Jahr keine Illusion bleibt. Mit bald 70 Jahren bin ich kein Jungfuchs mehr, Peter hat schon voriges Jahr sein Altersjubiläum gefeiert.

Die Trainingsgruppen der Jungen zeigen uns beim schnellen Überholen unbarmherzig auf, dass man das Alter nicht „wegignorieren“ kann. Wenn wir ein paar E-Biker einkassieren können, tröstet uns das ungemein. Nach einer kleinen Einrollrunde am Samstagnachmittag genießen wir am Sonntag den leichten Ostwind und lassen uns nach Palma schieben. In Santa Maria genießen wir wieder einmal das sensationelle Kuchenangebot im Celler Sa Sini. Gestärkt rollen wir im Bogen nach Palma und in die Stadt hinein. Dieses Mal artet die Fahrt zum Bahnhof zur Stadtbesichtigung aus. Denkmäler , Skulpturen, Altstadtflair. Am späten Nachmittag bringt uns die Inselbahn für schmale 3,75 € samt Rädern wieder zurück nach Sa Pobla. Jetzt noch 30 Minuten mit der sinkenden Sonne im Rücken nach Can Picafort rollen – 80 entspannte Kilometer – dann noch ein leckeres Bier auf der Dachterrasse des Hotels mit Blick auf die Tramuntana-Kette.

Am Montag wollen wir ein wenig mehr für die erschlafften Muskeln tun und fahren nach Süden, über Arta nach Cala Millor. 92 Kilometer, 800 hm mit den ersten knackigen Anstiegen und 10 Kilometer Gravelpiste sorgen an diesem Tag für wohlige Erschöpfung.

Dienstag lockt uns das Kloster Lluc in die Tramuntana-Berge. Ganz langsam und stetig arbeiten wir uns die Steigung hoch.Ganz oben wartet die legendäre Tankstelle mit Restaurant, wo wir uns einen Apfelkuchen und den obligatorischen Café con Leche gönnen. Dann geht es im Geschwindigkeitsrausch auf glatt gebügelter Straße hinunter nach Caimari und Campanet, wo der zweite Peter wieder zu uns stößt, nachdem er im Anstieg kämpfen musste und eine erste Pause schon im Kloster eingelegt hatte. 100 Kilometer mit 1000 hm stehen heute zu Buche. Langsam läuft es besser. Peter der Ältere schlägt vor, doch am Mittwoch den „Tafelberg“ Mallorcas mit dem  “Santuari Senyora de Cura de Randa” zu erklimmen. Gesagt – getan. Nach einer Kaffeepause in Algaida, wo uns ein Karnevals-Umzug mit musizierenden und phantasievoll kostümierten Kindern beeindruckt, starten wir den Angriff auf den berühmten Klosterberg unter der Devise: “ Ran da an den Randa!“

Peter auf dem Randa
Blick über eine Gedenktafel nach Nordosten in die Ebene

Vom Randa reicht heute der Blick über das komplette Inselrund. Oben gibt es natürlich den obligatorischen Kaffee und Kuchen. Dann stürzen wir uns hinunter in die Ebene und rollen über Sencelles und Sa Pobla zum Hotel zurück. Nach ersten erfolglosen Kneipen-Erkundungen in Can Picafort müssen wir erkennen, dass so früh im Jahr nur wenig Gastlichkeit außerhalb des Hotels geboten wird. Also ist unsere abendliche Zuflucht nach dem Plündern des Buffets die Hotelbar. Das Granvista hat erfreulicherweise zwei davon.

Die Aussicht von der Dachterrasse auf die Bucht von Alcudia

Am nächsten Tag wollen wir über den Orient klettern, hin zum Dorf Orient, dem „Dorf der aufgehenden Sonne“. Das Örtchen hat nur 30 Einwohner, ist aber sehr beliebt als Ausgangspunkt für Bergwanderungen und ein obligatorisches Ziel für halbwegs ambitionierte Radfahrer.

Als wir die Abfahrt vom Col d´ Honor hinunter nach Bunyola hinunter rauschen, sind wir froh, dass wir die leichtere Auffahrt von Osten her gewählt haben. So steil und serpentinig geht es abwärts. 110 km mit 1200 hm stehen heute zu Buche. Wieder einmal haben wir uns das „Wegbier“ verdient.

Als wir am 1. März in Sa Pobla in den Zug nach Palma einsteigen, ahnen wir noch nicht, dass die Abteile in Inca und Binissalem von Menschen zugestopft werden. Peter bekommt schon Platzangst. Es ist heute der „Tag der Balearen“. Zugfahren kostet nichts, ist aber äußerst beschwerlich. So sind wir erleichtert, als sich in Palma die Türen öffnen und wir wieder frische Luft zum Atmen in die Lungen bekommen.

Über Palma schiebt sich zäh der Küstennebel über Strand und Land. In ein zwei Stunden wird die Sonne den Spuk beenden. Am Strand entlang, am Ballermann entlang, rollen wir nach Osten die Wellen nach Lluc Major hinauf. Eine Stunde später ist der Himmel wieder so blau, wie es sich gehört für die Insel. Pause in Lluc und dann nochmal in Petra. Heute ist Pausentag. Der zentrale Platz in Petra könnte auch genauso „Hürzeler-Plaza“ heißen. Rundherum Ständer zum Parken der Räder, allüberall Werbung für den Herrscher der Radinsel. Max Hürzeler hat die Insel erobert.

„Ball de Cultures“, so der Name der Skulptur, wurde 2005 vom Künstler Miquel Ginard aus Arta inmitten eines Kreisverkehrs am Rande von Palma aufgestellt

Parallel zur MA 15, der Autobahn, die in den Osten der Insel führt, läuft gnädigerweise eine Servicestraße, die kaum befahren ist. So ackern wir langsam nach Osten und freuen uns, als wir nach Norden auf Nebenwege abbiegen können.

Im Westen, in der Mitte, im Süden der Insel sind wir herumgekurvt, jetzt ist die Nordspitze dran: Ein Trip zum Cap Formentor ist ein Muss. Vor zwei Jahren trafen wir hier Marathonläufer, die von Port de Pollenca zum Cap und zurück unterwegs waren. Eine traumhaft schöne Straße windet sich durch die Halbinsel hin zum Leuchtturm. Sie wurde von dem italienischen Ingenieur Antonio Paretti gebaut, der auch für die berühmtere Straße nach Sa Calobra verantwortlich zeichnet. Ein Meister der Kurvenbaukunst.

tief und blau

Zurück in Alcudia mit seiner mittelalterlichen Altstadt und der imposanten Stadtmauer, rollen wir zur Hafenpromenade, wo Peter den Wirt findet, der uns eine traumhafte Sangria zaubert. Erfrischend, mit viel Früchten und wenig Alkohol. So gar nicht touri-mäßig.

In Woche zwei zieht es uns nochmal in den Südosten, nach Arta, Cala Rajada und Porto Cristo. Die Anstiegswellen hinauf nach Arta fühlen sich gar nicht mehr so beschwerlich an. Genussvolles Raufkurbeln ist angesagt.

Auf die Idee, nach Arta zu fahren, sind auch noch andere gekommen

In Manacor bewundern wir die herrlich restaurierte Kirche Nostra Senyora dels Dolors,

Mit 80 Metern Höhe überragt die neogotische Kirche aus dem 19. Jhd. sogar die Kathedrale von Palma

Wieder mal 100 Kilometer mit 1200 hm stehen zu Buche. Jeden Tag eine schöne Mixtur von Training und Natur und Kultur. So mögen es die „Kultur-Randonneure“

Vor dem Abendessen ein Aperitif auf dem Balkon

Die Trackaufzeichnungen der letzten drei Mallorca-Besuche zeigen, dass wir die Insel bis auf den südlichen Teil ordentlich durchgekurbelt haben.

Beim letzten Abendessen sind wir uns einig: Auch dieser Malle-Urlaub war sehr gehaltvoll und erlebnisreich. Klasse Infrastruktur, nette Menschen, eindrucksvolle Kultur und Natur. Und das Wetter hat wieder einmal mitgespielt mit vielen Sonnenstunden und wechselnden Winden.

Und wer Gleichgesinnte treffen will, kann das ausgiebig ab dem frühen Nachmittag beim BOY in Playa de Muro tun. Berichten von vergangenen Heldentaten lauschen, den Hürzeler Max im Original besichtigen und dazu leckeres Bier schlürfen.

Jetzt wartet die Brevet-Saison im kalten, windigen Brandenburg. Auf geht’s Buam! Pack mers an.


8 Gedanken zu “1000 Kilometer Malle – in kleinen Häppchen

  1. Hach, wieder schöne Bilder aus dem Süden und eure Touren sehen nach viel Genuss aus. Ich hoffe du bringst die Sonne am Samstag mit. Freue mich drauf dich mal wieder zu sehen, lieben Gruß.

  2. Nach ungefähr 10 Mallorca-Reisen hatte ich genug und fahre heuer zum 3. Mal nach Sardinien (dort ist die Gegend ähnlich, aber die Radlermassen noch nicht so).
    Trotzdem, ich glaube nächstes Jahr ist wieder einmal Mallorca dran!
    ach ja – schöne Geschichte und schöne Fotos (von Plätzen/Orten, wo ich auch schon überall war)!

  3. hallo Peter, das eigene Tempo finden, genau das ist so wichtig. Das heißt ja nicht, sich nicht zu fordern oder die Langsamkeit zum Prinzip zu machen. „mache das Machbare, aber versuche auch nicht mehr“

  4. Sehr schöner Bericht und Bilder. Auch ich bin 70 +.
    Das ich mit den jüngeren nicht mithalten kann,ist mir bewusst.
    Ich fahre halt mein Tempo und geniesse.

  5. Danke für den Bericht, besser: für die animierende Erzählung in Fontane-Stil. Zwar konnte der Interessierte sich bei Strava über Eure Routen dank hingebungsvoller Bebilderung auf dem Laufen halten. Deine erläuternde, zusammenfassende, ausführliche Darstellung ist aber immer etwas besonderes, vor allem in diesem Fall. Nochmals herzlichen Danke.
    Gero F.

  6. Fast alle Klassiker angefahren 🙂 Allerdings kann ich nicht zustimmen, dass der Süden wenig attraktiv wäre. Dort gibt es die einsamsten Straßen und flache Kilometer zum Grundlage rollen.

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