Von Vorlaubenhäusern und Kampfjets im Havelland

Peter will den 200er Brevet bei Claus in Hamburg fahren. Noch drei Tage, und Zeit wie Chance, noch ein paar Kilometer in die Beine zu bekommen. Um 10 Uhr stehen wir in Golm am Bahnhof und sinnieren darüber, in welche Richtung es heute gehen soll. Fast jede Straße im Havelland haben wir schon abgerollt. Nur heute wollen wir „ausnahmsweise“ mal kein Kopfsteinpflaster und auch keinen wurzeligen Waldweg unter die Räder nehmen, das muss ich Peter versprechen. Er fährt nun mal bevorzugt auf geschmeidigem Untergrund. Zur Feier des trockenen, milden Wetters mit Sonnenschein haben wir die Carbongeräte gesattelt. Das De Rosa und mein Endurace dürfen an die frische Luft.

Päwesin mit seinem herrlichen, von der örtlichen Buddhistischen Klosterschule betriebenen Café „Backwahn„, zieht uns auch heute magisch nach Nordwesten – hin zum Beetzsee.

Die riesigen, wohlschmeckenden Kuchen und die überaus freundliche und entspannte Bedienung sind für jeden Radler die Anfahrt wert!

Auf dem Wege nach Kremmen durchqueren wir riesige, mit Folien abgedeckte Spargelfelder. Gefühlt hat sich der Spargelanbau in dieser Gegend in den letzten 10 Jahren vervielfacht. Ein Blick in die Statistikseiten der IHK Potsdam bestätigt diesen Eindruck: Seit dem Jahre 1990 wurde die Spargelanbaufläche in Brandenburg von 500 auf 5000 ha verzehnfacht. Die Folien sind angeblich zu 100% recycelbar. Ich will das einfach heute mal glauben.

Spargel bis zum Horizont

Heute will ich mich nicht noch mehr über Kaffee, Kuchen und Futterstellen auslassen, sonst komme ich noch in den Verruf, es käme doch nur auf den Ess- und Trinkgenuss an. Wir sind schließlich die „Kultur-Randonneure“. Und genau deshalb ziehe ich in Rüthnick, kurz vor Lindow, die Bremsen. Ich will endlich wissen, was es mit diesem seltsam anmutenden Säulenhaus auf sich hat:

Das sieht so aus, als wäre es einmal eine Tankstelle gewesen, mutmaßt Peter. Viel zu schmal, viel zu alt, kann gar nicht sein, entgegne ich mit dem Blick auf die Stuckelemente an den Fenster- und Türrahmen. Die Holzsäulen scheinen zwar recht frisch zu sein, nicht aber die Konstruktion derselben. Hinweise, gar eine Denkmaltafel? Nicht aufzufinden, also hilft nur Wikipedia. Treffer! Wir sind heute und auch in den Jahren zuvor achtlos an einem barocken „Vorlaubenhaus“ aus dem Jahre 1776 vorbeigerollt. Auf der Seite des Architekturbüros, das für die Restauration verantwortlich zeichnet, finde ich Informationen hierzu.

In den 90er Jahren wollte die Gemeinde hier ein Café und ein Museum einrichten – offensichtlich wurde aus dem löblichen Vorhaben nichts. Unser Blick findet auf der anderen Straßenseite ein etwas jüngeres Objekt. Geschlossen! Seit 2005 schon ist das einzige Gasthaus der Gemeinde nur noch Hülle ohne Inhalt. Der Putz blättert. Das erste Gasthaus der Gemeinde, Ww. Schulze, residierte schon vor über 100 Jahren im gegenüber liegenden Vorlaubenhaus. Vorbei ist es mit der Gastlichkeit in Rüthnick. Landflucht? Gastflucht? Generationenwechsel?

Ein paar Kilometer weiter steht das zweite von drei Vorlaubenhäusern Brandenburgs. Auch denkmalgeschützt?! Ja. Es gammelt aber trotzdem vor sich hin, der Putz blättert, das Dach ist vermoost, und die vier ehrwürdigen Eichensäulen sind mit Betonputz „verschalt“.

Hinschauen! Nicht nur das Schöne lohnt es, anzusehen.

In Lindow biegen wir nach Osten ab und genießen den Schiebewind, der uns mit 30 km/h nach Gransee bringt. 110 Kilometer haben wir bis hierher zurückgelegt. Heute sticht uns besonders die alte Stadtmauer ins Auge. Zweimal queren wir das Gemäuer und rollen an dem mittelalterlichen, mächtigen Bauwerk entlang. 1700 Meter oder 80% der Stadtbefestigung sind noch erhalten. Ein guter Grund für jeden Besucher, einen Rundgang um das historische Zentrum zu machen. Den behalten wir uns für den Sommer vor. Granfondo Nr. 6 im März wäre genug Legitimation, um hier in die Bahn zu steigen. Es ist aber noch zu früh am Tag.

Weiter nach Osten über Badingen nach Zehdenick führt unser Kurs. Das 600-Seelen-Straßenangerdorf hat Charakter, wenn auch keinen der einladenden, erwärmenden oder gar schönen Art. Eher grau, derb, aber ehrlich. Muss man mögen.

Ortsdurchfahrt Badingen

Am Rand von Zehdenick erwartet uns die Überraschung des Tages – Und ich war der Ansicht, wir hätten in den vorhergehenden Besuchen alles Wesentliche der Havelstadt gesehen. Zwischen den Lagerhallen eines Gewerbegebietes entdecke ich fern die Umrisse von einem oder mehreren Flugzeugen. Wie das? Wie kommen die hierher, sind da noch mehr? Fünf Minuten später stehen wir vor dem riesigen Gelände einer Tischlerei. Neben einer Fertigungshalle posieren sauber aufgereiht die feinsten historischen Jagdflugzeuge! Vorsichtig schieben wir die Räder durch ein Schiebetor auf den Innenhof. Und werden sofort von einer – freundlichen – Dame gebremst. „Schade, es ist schon nach 16 Uhr, eigentlich haben wir schon Feierabend“. Dennoch: Sie läßt uns gnädigerweise auf das Gelände, auf dem wir aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Ich kann gar nicht aufhören, Fotos zu schießen. Peter versteht meine Begeisterung nicht so ganz, kann sie aber aufgrund meines fliegerischen Vorlebens nachvollziehen.

Die Firmenfront vom Tischler Schlöpping, dessen Flug- und Militärgerätesammlung mehr Raum einnimmt als seine Firma

Nach der Foto-Orgie beschließen wir, endlich mal die von Moritz von Uslar in „Deutschboden“ beschriebene Gaststätte Schröder aufzusuchen. Für ein „Pilsken“ zum Runterkommen vor der Heimfahrt per Bahn.

Der legendäre Gasthof Schröder

Als ich noch dabei bin, mein Endurace per Kabelschloss am Geländer anzubinden, hat Peter schon an der Theke zwei „Wernesgrüner“ geordert und ist mit dem Wirt am Plauschen. Wir haben nur 20 Minuten Zeit, aber die sind höchst kurzweilig. Der Wirt ist ein echter Kommunikator. Er weiß auch zu berichten, dass unser Tischler mit den vielen Flugzeugen noch viel mehr in seinen Hallen beherbergt. Unser Erstaunen wird im Nachhinein noch größer. Und: „Ja, der Moritz ( von Uslar) ist wieder mal hier für acht Wochen. Er schreibt an seinem zweiten Buch über Deutschboden/ Zehdenick.“ So haben wir binnen weniger Minuten zwei Pils intus und kennen auch noch die neuesten Neuigkeiten zum geplanten Buch. Wir kommen wieder, drohen wir an, als wir beschwingt die Kneipe verlassen.

Der zugenagelte Bahnhof Zehdenick ( Züge fahren tatsächlich pünktlich heute)

Um 16.55 bringt uns die NBB mitsamt sehr freundlicher Zugbegleiterin nach Oranienburg. Dann zünde ich meine Leuchten an und rolle die verbleibenden 19 Kilometer nach Hause. In Summe sind das für den Tag 156 Kilometer.

Gutes Training, neue Erkenntnisse und Lust auf mehr davon.


2 Gedanken zu “Von Vorlaubenhäusern und Kampfjets im Havelland

  1. Fitter, Fender , Flogger und wie sie alle heißen. Diese Vögel von Orangeland waren bei näherem hinsehen erstaunlich derb vernietet.
    Schön, daß sie das karge Umland auflockern. . .

  2. Hallo Dietmar,
    ja die Tornados von Immelmann sehe ich öfter.
    Der Flugplatz Jagel,wo die stationiert sind liegt 8 Km von mir weg.

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