Hinein ins PBP-Jahr mit einem Sonnen-200er

Photo by Rafal

Viele „Rookies“ am Start heute in Berlin-Wedding. Viele junge Menschen stehen erwartungsvoll vor dem Steps-Hostel in der Liebenwalder Straße. Sehr erfreulich für die Randonneurs-Szene, die lange genug von den Oldies dominiert wurde. Ganz lange Strecken fahren schien die Domäne der „jungen Alten“ zu sein. Wobei ich „alt“ hier bei den 40ern beginnen lasse. Im schwäbischen Heckengäu feiert man den 40. Geburtstag als Eintritt in das sogenannte Schwabenalter. Könnte man genauso „Randonneursalter“ nennen. Offensichtlich verschiebt sich der Altersdurchschnitt der Starter nach unten. Oder doch nicht? Hans M. , mit 82 Jahren unser Standortältester, begrüßt mich gut gelaunt – heute will er seinen neuen Renner testen. Seine orangefarbene Windjacke aus 2010 ist immer noch sein Lieblingsteil. Gute Qualität offensichtlich.

Hans, der Unverwüstliche – young at heart

Mitten im Wedding starten Phelim und Ingo den zweiten 200er des Jahres. Und natürlich ist er mit 90 Teilnehmern genau wie der erste vor einer Woche bis zum letzten Platz ausgebucht. Paris-Brest-Paris lässt grüßen!

Die Morgensonne lacht, Phelim hat für die Orga eine Biertischgarnitur vor die Eingangstür des Steps gestellt. Ich bekomme sofort mein Brevet-Kärtchen rübergereicht. Man kennt sich. Plauschen – alte Geschichten werden angerissen, neue Projekte verkündet … Schon ist es sieben Uhr – Startzeit!

Ab geht es nach Norden, hinaus in Barnimer Gefilde. Ich finde mich in einer großen Gruppe wieder, die gut harmoniert. Und schnell sind die Kollegen auch noch unterwegs. Auf der Strecke bis hin zum Werbellinsee kenne ich von meinen Ausfahrten jeden Kanaldeckel persönlich. Bei Klosterfelde begegnen wir dem Frühling in Form einer Wildkirschen-Allee. Herrlich! Rafal umkurvt die ganze Truppe mehrfach, um reichlich Fotos zu schießen. Und das kann er trefflich gut. Zu meinem Vorteil, denn er überlässt mir freundschaftlich seine komplette Ausbeute für diesen Bericht zur Nutzung. Hab Dank!

Mit Rafal und Gerald, der heute ausnahmsweise für seine Verhältnisse gemütlich unterwegs ist, kommen wir mit einem 30er Schnitt schnell zur ersten Kontrolle.

Kirschblüte bei Klosterfelde

Ab und an zeigt das Garmin Geschwindigkeiten von über 40 km/h.

Freude!

Am Werbellin entlang rauscht der Brevet-Zug, bevor wir nach links auf den Radweg nach Joachimsthal abbiegen. Hier wird es schmal und für ein paar Höhenmeter auch steil. Gerald bremst das in keiner Weise, er hält die Speed und drückt halt etwas stärker aufs Pedal. Ich falle zurück. Gut, dass die Kontrolltanke nur zwei Kilometer entfernt ist. Hier treffe ich alle wieder.

Team Berlin trägt heute schwere Lasten. Ist ein Waldpicknick geplant?
Oder auch: Jeder quält sich so gut wie er kann.

Während es sich einige bei Kakao und Brötchen gutgehen lassen, sitze ich nach ein paar Minuten wieder auf, schließlich werden mich die Schnellen auf den nächsten Kilometern eh wieder einholen. Mit einem Ex-Sauerländer aus meiner alten Heimat – ich habe ihn schon bei etlichen Brevets getroffen – fahre ich gemeinsam, bis uns die Truppe einholt und ich dann nach einer „geschäftlichen“ Pause hinten rausfalle. Macht nichts, dann kann ich mich besser auf mich selbst konzentrieren und mein originäres Tempo finden.

Phelim hat auch ein paar Meter pavé eingebaut, damit auch keiner einschläft

Die zweite Kontrolle ist der Supermarkt „nah und gut“ bei Kilometer 106 im Örtchen Lunow, nahe der Oder. 10.45 Uhr – der Schnitt liegt immer noch bei 30 km/h. Aber ab jetzt ist die Freude des leichten Dahingleitens mit Schiebewind vorbei.

Ich schiebe mir schnell ein mitgenommenes Käsebrötchen zwischen die Zähne und bin schnell wieder auf meinem Endurace. Das ist die einzige Chance, die junge Generation heute noch mal auf der Strecke zu Gesicht zu bekommen. Ran an die Oder und auf den Oder-Radweg. Die Landschaft im Oderbruch beeindruckt mich immer wieder aufs Neue. Die gute Laune wird durch den deutlich spürbaren Südwest leicht getrübt, dafür strahlt die Sonne weiter und über den Himmel schieben sich nur ein paar dünne Cirruswolken. Zwei, drei Einzelfahrer überholen mich, kein Gruß, kein Zeichen… Fahren die am Anschlag, oder warum sind die so kommunikationskarg? Weiter arbeite ich allein mit meiner Nase vorn im Wind. Aus der 3 vorn auf dem Tacho wird nun eine kleine 2. Langsam, langsam, nur nicht überdrehen, sage ich mir. Eine Fotopause bei der Ruine in Hohensaaten kommt ganz gelegen.

Irgendwann muss doch der Abzweig kommen. Warum dauert das so lange? Endlich, der Track knickt 90 Grad nach SW. Schnurgerade verläuft der glatte Radweg über mehr als 10 Kilometer bis zur nächsten Kontrolle, dem Hanay-Grill in Wrietzen.

Pacemaker

Die Barnim-Welle hinauf nach Haselberg gehe ich gemächlich an. Dabei begleitet mich ein Kollege, der mir berichtet, er habe in diesem Jahr erst ein paarmal eine 45-km-Runde gedreht … Gut, ein wenig jünger als ich ist er schon, aber er hält erstaunlich mit. Schließlich habe ich 2019 schon über 3000 Kilometer in den Beinen. Mein Seelenfrieden ist wiederhergestellt, als er in einer Ortsdurchfahrt abreißen lässt. Im Ziel sehe ich ihn wieder – nur zwei Bier später als ich. Durchbeißer!

Der letzte Abschnitt von Schwanebeck nach Berlin rollt zwar recht gut, aber eben auch recht langsam. Ich bin froh, als ich wieder vor dem Hostel stehe. 15.45 Uhr. Klingel drücken und rein mit dem Rad in den Innenhof, wo schon eine bunt gemischte Truppe beim Bier sitzt. Jetzt noch die Brevet-Karte abgeben. Und ein leckeres Bier mit und auf die gut gelaunten Kollegen trinken.

young an international
Phelim, der das herrliche 200er organisierte. Mit seinem Surly hat er heute gemeinsam mit Ralf noch ein paar extra Pflaster- und Wald-Nebenstrecken abgetestet.


Nach zwei Stunden Kurzweil und Genuss, dem zufrieden machenden Begrüßen der später Eintreffenden, rolle ich wieder gen Norden nach Hause. Der 300er in der nächsten Woche wartet schon. In Erker am Bahnhof startet Rainer seinen ersten Brevet.

p.s. Danke an Rafal für die schönen beigesteuerten Fotos und das Mitziehen unterwegs. Und Dank an Gerald für das Gefühl, doch gar nicht sooo viel langsamer zu sein.


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