Brevet 300 – Hölle des Nordens, zum Dritten

Die Organisatoren von ARA-BB haben den 300er-Nord-Brevet schon 2011 „Hölle des Nordens“ getauft. Auch bei der dritten Version habe ich nichts Höllisches auf der Strecke entdecken können. Gut, ein paar Meter Pflaster, noch mehr Meter Plattenwege. In den Hügeln von Meck-Pomm geht es immer schön rauf und runter: Gpsies zeigt erstaunliche 2300 hm bei der Auswertung der Strecke. Strava ergibt ca. 1700 hm. Irgendwo dazwischen wird die Wahrheit liegen. Ich bleibe dabei: keine Hölle, dafür reichlich wunderbar anzuschauende Seen, Wälder, Wiesen mit blühendem Löwenzahn und prächtigen Pferden und Rindern. Eigentlich müsste es heißen: das Paradies des Nordens!

Zurück zum Start. Um 5.50 Uhr sattle ich zu Hause mein Titan-Granfondo und rolle hinein in die Stadt zum Amstelhouse. Die Wetterfrösche haben in den vergangenen Stunden die Vorhersagen von Regen, Regen und Wind auf etwas Regen und etwas Sonne zum Besseren hin geändert. Möge es so kommen, dann können die Regensachen in der Rahmentasche bleiben. Als ich mich um 6.35 Uhr in die Starterliste eintrage, ist klar: Auch dieser Brevet ist im PBP-Jahr ausverkauft. Und erfreulicherweise viele recht junge Randonneure sind gekommen. Die Mischung von Alt und Jung, von Brevet-Ergrauten und Rookies – sie ist stimmig.

Titan, Bambus, Velomobil, Carbon-Energie-Rahmen. „Voll die Vielfalt“.

Matthias ist zum Anwärmen schon mal 35 Kilometer von zu Hause zum Startort gefahren. In den Regio passt das QV eh nicht rein. Der Kollege mit dem Bambus-Rad belastet lieber seinen Rücken als den Rahmen mit Gepäck. Das Canyon-Ultimate fungiert als Werbeträger für Energie-Riegel.

Nach dem üblichen Händeschütteln, Begrüßen und Plaudern von und über alte und neue Randonneure verpasse ich fast den Start. Pünktlich um 7 Uhr legt die erste 30er-Gruppe ab. Es ist trocken, der Himmel ist grau. Nach Norden arbeiten wir uns durch die erwachende Stadt. Auch samstags sind auf den Straßen mehr Autos unterwegs, als man erwarten mag. Vor allem die Ampeln funktionieren perfekt als Spaßbremse. 30 Minuten später nehmen wir Fahrt auf. Ab geht es über Summt, Liebenwalde hin nach Zehdenick. Entweder die Gruppe ist so schnell oder ich bin heute so langsam, jedenfalls falle ich schon nach 25 Kilometern hintenraus und fahre alleine weiter. Was soll’s, das eigene Tempo finden ist wichtiger als bei den Schnellen mitzuhecheln. Matthias fegt mit seinem QV gefühlt mit doppelter Geschwindigkeit an mir vorbei. An einer Baustelle in Mühlenbeck komme ich noch mal an ihn heran, dann entschwindet er meinen Blicken.

Auf der langen Waldgeraden nach Wensickendorf holt mich die nächste Gruppe ein. Und die fährt jetzt endlich meine Geschwindigkeit. Bis km 58,5 in Zehdenick fahren wir wunderbar mit 30 km/h locker dahin. Stempel Nr. 1 um 9.12 Uhr. Nicht so schlecht.

Wie unschwer zu erkennen ist, gibt es es bei der Konfiguration von Rädern und Gepäck erstaunlich viele Variationen. Ich halte mich hier bewusst aus einer Bewertung heraus. Optimierungsmöglichkeiten sind aber offensichtlich noch einige vorhanden.

Ein paar Fotos schießen, dann schiebe ich mir ein herrliches, selbst belegtes Brötchen zwischen die Zähne und fahre weiter. Zeit verliert, bzw. gewinnt man bekanntlich mit knapp kalkulierten Pausen. Der Abschnitt des Radweges Berlin–Kopenhagen zwischen Zehdenick und Fürstenberg ist gut zu fahren und bietet zudem einen Einblick in die glorreiche Vergangenheit der Tongewinnung und des Ziegelbrennens in dieser Region – mit dem Ziegeleipark Mildenberg als Mittelpunkt. Fürstenberg umfahren wir dieses Mal südlich und arbeiten uns durch Wald und Hügel vor nach Mirow. In den Wellen werde ich wieder einmal von den jungen Kollegen überholt. Was soll’s, ich fahre mein machbares Tempo. In Mirow ist zwar eine „freie Kontrolle“ ausgeschrieben, mich zieht es aber hin zur Oil-Tanke, an der wir schon bei einigen Brevets die Stempel abgeholt haben. 12.02 Uhr ist es. Ich bin zufrieden mit meinem Timing. Bernauer Leisetreter essen Knackwurst, andere vertilgen süße Sachen. Ich beschließe, mein zweites Brötchen während der Weiterfahrt zu futtern. Andy und Kollegen machen auch hier ein paar Minuten länger Rast. So bin ich unvermutet wieder vor den Überholern. Nördlich von Granzow ist ein Radweg durch den herrlichen Wald gerade fertig geworden – bis auf die letzten paar Meter, die über Sand führen. Erfreulich gut verdichtet durch die Niederschläge der letzten Stunden, rollt es auch hier recht gut. Meine Lieblings-Kontrollstelle, das Café Piccolino in Kratzeburg, lasse ich dieses Mal links liegen und arbeite mich weiter nach Ankershagen, wo das riesige Trojanische Pferd an Heinrich Schliemann erinnerte – nur war es wohl morsch geworden, wurde abgebaut, und erst im Juni soll dann eine neue Version des Denkmals hier stehen. Schade, ein schönes Fotomotiv fehlt mir heute.

Der alte Wegestein an der Abzweigung Waren-Neustrelitz-Penzlin weist schon seit 200 Jahren auf die nächste Kontrolle hin. Mit spürbar schiebendem Rückenwind rollt es gut durch die Wellen und Löwenzahnwiesen. In Penzlin sehe ich dann von Weitem das Bambusrad. „Bamboo“, wie ich ihn kurzerhand getauft habe, hat mit einer kleinen Gruppe schon den Stempel in einem Getränkemarkt geholt. Das hole auch ich schnell nach.

Mit Dirk, der mich bis ins Ziel begleiten wird, schlürfe ich noch beim Bäcker vom Nettomarkt um die Ecke einen großen Kaffee, dazu ein Rhabarberteilchen. Das gibt Kraft. Die Kollegen haben uns entdeckt und tun es uns nach.

Penzlin, 13.47 Uhr, km 164. Noch 151 Kilometer liegen vor uns. Mittlerweile hat sich die Sonne durch den Wolkenhimmel gearbeitet und wärmt die Luft. Die Windweste kann ich jetzt auch wegpacken.

Zwei Pacemaker, blühender Raps – wir werfen im Sonnenschein Schatten. Die nächste Kontrolle heißt Templin – noch 63 Kilometer. Dirk ist ein zähes Leichtgewicht, das mich immer, wenn es den nächsten Hügel raufgeht, an die Grenzen bringt. Gefühlt macht er zwei Drittel der Arbeit vorne. Sehr zuvorkommend. Danke Dirk.

Noch ein zäher Bursche auf einem Rad mit geradem Lenker und eingepackt in Weste, Regenkniehose und Überschuhe, ist immer nahe bei uns. Mal vor uns, mal hinter uns, zäh und beharrlich eben. „Wir haben uns auch mal in der Tanke in Templin gesehen“, ruft er mir zu. Recht wird er haben – auch heute wird es so kommen.

Feldberger Seen, Lychen, so schön ist die Landschaft hier. Warum habe ich nicht mehr Fotos gemacht?

Im Westen wird es dunkler, Schauer brauen sich zusammen. Hoffentlich geht das gut. Wir haben Glück und kommen mit ein paar Regentropfen davon. Vor zwei Jahren sah es hier so aus:

Templin erreichen wir um 17.15 Uhr. Noch 78 Kilometer. Das sollte zu schaffen sein. Eine orangerote Rapha-Weste, die schon über Kilometer im Sichtabstand vor uns her rollt, wird plötzlich langsamer. Als wir fast bei ihm sind, steigt der Kollege ab, wirft sein Rad ins Moos und dann sich selber in Rückenlage auf den Waldboden. Per Zeichen gibt er zu erkennen, dass er okay ist. Wir wechseln uns bis Berlin in der Führungsarbeit ab, wobei Dirk die meiste Arbeit leistet. Pünktlich um 21 Uhr kommt der letzte Stempel ins Heft. Geschafft! Exakt 14 Stunden brutto.

Bier, Lasagne, Salat, das befriedigende Warten auf die später Einrollenden.

Ein schöner 300er war das. Dank an Ingo und die Helferlein. Wir sehen uns beim 400er.

Zu Hause verzeichnet mein Garmin genau 333 Tageskilometer. Darauf trinke ich einen Absack-Grappa.


11 Gedanken zu “Brevet 300 – Hölle des Nordens, zum Dritten

  1. Schöner Bericht, schönes Wetter und schöne Brevetstrecke (von Hölle weit und Breit nichts zu sehen). War wirklich ein schöner Samstag.

    PS: Darf man die Foto’s „raubkopieren“?

  2. Glückwunsch Dietmar. Zwei von vieren geschafft.
    Die beiden anderen wirst du auch schaffen.

  3. sehr schöner Bericht über ein wirklich schönes Brevet, keine Spur von Hölle. Vielen Dank für Dein Lob. Ich gebe es gerne zurück, weil es zusammen einfach Spaß gemacht hat.

  4. hallo Christoph, das Problem mit den Rahmentaschen und den Schalthebeln kenne ich. Aktuell habe ich die Rahmentasche Rapha Medium an meinem Titan-Granfondo montiert. Passt bei dem 54er Rahmen gut, in diesem falle mit etwa 3 cm Luft zum Sattelrohr. Habe die Tasche mal provisorisch an mein Colnago RH 56 geschnallt. Und siehe da! Vorn ist Platz für die Schalthebel, und es schlackert trotzdem nicht, weil am Sattelrohr auch noch fixiert ist. Foto findest Du unter Menüpunkt Bikepacking

  5. feine Übersicht aktueller Gepäcklösungen. ich frage mich nach wie vor, welche Tasche zu Unterrohrschalthebeln passt.
    Glückwunsch zum absolvierten Brevet, das wirkte schon fast spielerisch.

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