Weseraufwärts

Heute lassen wir die Rattenstadt hinter uns. Der Himmel ist nebelgrau, wir haben uns warm eingepackt in lange Hosen und dicke  Langarmtrikots. Die Radwegbauer haben südlich von Hameln kilometerweise Verbundpflaster verlegt. Manchmal liegt es glatt, dann wird es wellig. Bei Grohnde nähern wir uns den mächtigen Kühltürmen des Atomkraftwerks. In 150 m Höhe lassen sie imposante Wasserdampfmengen zu Wolken kondensieren. Noch mehr Kühlwasser wird in die Weser geleitet, die im vergangenen Sommer dadurch auf 25 Grad erwärmt wurde. Bei 26 Grad wäre die Abschaltung der Reaktoren notwendig geworden. Ende 2021 soll das Kraftwerk vom Netz genommen und zurückgebaut werden. Ich denke zurück an die „Schlacht um Grohnde“, bei der 1977 mehr als 15000 Demonstranten an die Weser gekommen waren, um den Bau des Reaktors zu verhindern. Viele wurden damals verletzt, in der Uni diskutierten wir mit unserem Physik-Professor Haro von Buttlar Für und Wider… OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Im Örtchen Hajen erwartet uns eine seltsam anmutende Figurengruppe am Radweg. Die „Hüossen“ , die Treidler in Hochdeutsch, haben in der Zeit vor den Dampfschiffen die Lastkähne die Weser hoch gezogen. Die Skulptur erzählt die Sage von den Treidlern, die dem Wirt in Hajen den Braten aus der Röhre klauten, und der sich dann im Jahre darauf  rächte und den Dieben einen gebratenen alten Kater kredenzte, was ihnen gar nicht gut bekam. Immer, wenn die Treidler künftig den Ort passierten, sollen sie lauthals miaut haben.

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Fortan wurde der Ort „Katten-Hajen“ genannt. Nach den Ratten von Hameln jetzt also die Katzen von Hajen.

Ab Bodenwerder verengt sich das bisher weite Tal und wird beidseits von 300 m aufragenden Hügeln gesäumt. Die Laubwälder leuchten in der den Nebel besiegenden Sonne. Auch Bodenwerder nimmt eine Sage für sich in Anspruch: Baron von Münchhausen lebte hier und fabulierte vom Ritt auf einer Kanonenkugel, zog sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf und trabte mit einem halben Pferd umher. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Einen Ort weiter, in Polle, war Aschenputtel angeblich zu Hause. „Rucke di guck, rucke di guck! Blut ist im Schuck (Schuh)“, sangen die Tauben immer dann, wenn sie wieder eine „Möchtegernbraut“ mit zu großen Füßen erwischt hatten. Wir haben erfreulicherweise heute die richtigen Schuhe an den Füßen, und das Blut bleibt uns erspart.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Prächtige Rinder, die in der Weseraue weiden, lassen uns an diesem Anblick freuen und gleichzeitig fluchen über jede Art der Massentierhaltung, deren unverkennbarer Gestank mich vor Jahren über viele Kilometer im westlichen Niedersachsen begleitete. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Eine wunderschöne Platanenallee führt uns hin zum Kloster Corvey und dann nach Höxter. Heute rollen wir am Kloster und an der Stadt vorbei, erinnern uns aber gut und gerne an unseren Aufenthalt vor zwei Jahren. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Schafe weiden friedlich, das Aktivhotel im Kloster hat die Saison schon beendet. Die Tore sind verrammelt. Also machen wir hier keine Rast und richten unsere Gedanken schon nach vorn.

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Der Stadthafen mit dem Rathaus

Bad Karlshafen wollen wir uns heute vornehmen, zum Erkunden und zum Übernachten. Ich weiß noch zu wenig über diesen kleinen, historischen Ort. Als ich vor zwei Jahren hier hindurchrollte, war der Stadthafen im Bau und der halbe Ort eine Baustelle. Heute sind die Bagger verschwunden, der Blick auf den Weserbarock ist. Schon gegen 15 Uhr erkunden wir den historischen Ort und werden zunehmend neugierig.  Das schon im Jahre 1700 entstandene Reißbrett-Ensemble ist fast im Ursprungszustand erhalten. Wer bei Barock an Versailles, die Wieskirche oder die Residenz in Würzburg denkt, wird beim Blick auf Karlshafen wenig Ähnlichkeiten entdecken. Der Weserbarock ist einfach, geradezu schlicht. Schmucklos. Der Stadthafen ist seit Mitte 2019 wieder an die Weser angebunden. Nur wenige Menschen sind an diesem Donnerstagnachmittag unterwegs, erkennbar ist aber deutlich, dass viel für die Gastlichkeit getan wurde: Cafés, Gaststätten, ein Weinladen, eine Buchhandlung, Karlshafen lebt wieder. Für uns ein guter Grund, hier ein Hotel oder eine Pension zu suchen, um zu übernachten und mehr zu erfahren über Ort und Menschen.fullsizeoutput_52b5

Wir staunen über den hölzernen Treidelkahn, der  von einem syrischen Bruderpaar aus Aleppo gebaut und hier aufgestellt wurde. Szenen aus deren Flucht und den  Fluchtbewegungen der Geschichte  sind auf dem Bootskörper dargestellt. Das Thema ist so aktuell wie zu den Vertreibungszeiten der Hugenotten, die um 1700 auf abenteuerlichen Wegen aus Frankreich nach Karlshafen kamen und hier eine Bleibe fanden. In den Zeiten der Ächtung und Verstoßung  der Hugenotten aus dem katholischen Frankreich ließ der Landgraf Karl im Jahre 1699 das gesamte Ensemble als „Exilantenstadt“ für die Vertriebenen errichten. Ein einzigartiges Projekt! Man möge dies mutige Vorgehen einmal in die heutige Zeit projizieren … PA245253.jpg

Der Besitzer vom „Alt Carlshaven“ hat sein Etablissement geschlossen. Die Vermietung an das Land  Hessen als Flüchtlingsunterkunft  – für Syrer, Afghanen, Iraner – war auch nicht zukunftsträchtig und erfreulicherweise nicht dauerhaft notwendig. Nachdem im Jahr 2016 über 300 Flüchtlingen eine Bleibe geboten wurde, ist die Zahl wieder auf unter 200 gesunken.

Wir kurven wieder am Hafen vorbei in den gegenüberliegenden Teil der kleinen Stadt und entdecken  das sorgsam restaurierte Gebäude  der „Komfortpension“ Fuhrhop. Eine große Flagge „Bed and bike“ lädt uns ein, hier nachzufragen. Der freundliche Besitzer zeigt uns die  Zimmer. Ein paar Minuten später haben wir eingecheckt und sitzen mit einem Bier in der Hand auf dem Balkon vor Peters Zimmer in der Nachmittagssonne.  Die beiden Granfondi stehen sicher im abgeschlossenen Innenhof. Geduscht und unternehmungslustig machen wir uns auf eine Erkundungsrunde durch die Gassen. Sehr schön restaurierte Gebäude stehen neben denen, die noch vieler Zuwendung bedürfen, bevor sie ansehnlich werden können. „Karlshafen erfindet sich neu“, titelt der Deutschlandfunk in einem Beitrag aus Juni 2019. Möge die Energie zur Neubelebung anhalten!

Wenn man einen Respektabstand von 30 Metern zu den Gebäuden hält, wirken sie durch die schlichten Formen des sogenannten Weserbarocks. Beim näheren Hinsehen wird der nagende Zahn der Zeit sichtbar. Bröckelnde Fundamente, blätternde Farben, Geschäfte, die geradezu aus der Zeit gefallen scheinen. Modeläden mit der Anmutung der 60er Jahre. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAPA245262.jpg

Hier lagen einmal Uhren von Dugena in der Auslage. Geblieben ist nur ein sich hochwölbender Aufkleber. Porzellan und Seidenblumen auf Sperrholz und Teppichboden. So sieht sicher das neue Bad Karlshafen nicht aus. PA245275.jpg

Keine Fernseher mehr, Unkraut auf der Treppe, Bonjour Tristesse.

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Es war einmal…

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Beim Rundgang sind wir hin- und hergerissen von den ambivalenten Eindrücken. Aufbruch und Optimismus neben Zeugen alter Herrlichkeit, die es nur arg beschädigt in die Neuzeit geschafft haben. Es gibt viel zu tun, würde unsere Kanzlerin sagen.

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Wir laben uns noch einmal an der attraktiven Seite mit strahlendem Weserbarock, bevor wir im Hessischen Hof einkehren. Freundliche Bedienung, erstklassige Küche, geschmackvolles Ambiente, für Peter ein Glas Weißburgunder und für mich ein geradezu unverschämt günstig angebotener Glenfiddich Single Malt. Zufrieden und satt verlassen wir diese gastliche Stätte. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Am nächsten Morgen genießen wir ein erstklassiges Frühstück mit besten frischen Zutaten. Die Seniorchefin ist stolz, an diesem Tage den Hugenottenverband begrüßen zu dürfen. In Bad Karlshafen lebt die hugenottische Vergangenheit nicht nur im Museum weiter. Beim Start auf unsere letzte Etappe nach Münden wissen wir: Bad Karlshafen ist eine Reise wert, trotz oder sogar wegen der Gegensätze von alter und neuer Zeit, von bröckelnder Substanz bis zu den schönen Zeichen von Aufbruch und Optimismus.

Am Freitag wartet nur noch eine Halbetappe auf uns. Hannoversch Münden ist das Ziel. Die Bahnverbindung nach Berlin ist ordentlich. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Bilderbuch-Panoramen können wir genießen. Im kräfteschonenden Tempo gleiten wir durch die Auen. C30D70F1-F89E-4BF5-9B0C-B50291566782

Ein stattlicher Bulle betrachtet wohlgefällig seine Großfamilie. Zufrieden und in sich ruhend. Hier könnte ich locker eine Stunde nur zuschauen und genießen.

Hann. Münden wartet schon hinter der nächsten Weserschleife. Dort vereinigen sich Werra und Fulda zur Weser. Früher hieß die Stadt schlicht Münden. Dann Hannoversch Münden. Weil das wiederum zu lang erschien, erfanden die Stadtoberen den seltsam anmutenden Namen Hann. Münden. Wenn das der alte Alexander von Humboldt gewusst hätte! Er hätte sich scheckig gelacht. Als sehr schön und sehenswert hat er seinerzeit die alte Fachwerkstadt beschrieben. Angeblich hat er gesagt, Münden sei „eine der sieben schönstgelegenen Städte der Welt“. Viel historisches Fachwerk, ein nettes Café mit wohlschmeckendem Kuchen, ein beeindruckendes Rathausportal.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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Jetzt aber los zum Bahnhof, der Zug nach Berlin fährt um 13.22 Uhr!

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Was haben wir für ein Glück, dass wir zumindest den Bahnsteig betreten dürfen. Der RE fährt pünktlich.

Eine wunderbare Tour entlang der Aller und der Weser liegt hinter uns. So recht nach dem Geschmack der „Kultur-Randonneure“.

 

 


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