Trail magic im Brandenburger Land – 1

Nachdem die erste Version dieses Beitrags „vom System geschluckt wurde“ und nicht wiederherzustellen war, hier nun die etwas erweiterte Story mit noch ein paar Zusatzinfos

Im Vorwort zu seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ schreibt Fontane:

Wer in der Mark reisen will, der muß zunächst Liebe zu »Land und Leuten« mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muß den guten Willen haben, das Gute gut zu finden, anstatt es durch krittliche Vergleiche tot zu machen.

Der Reisende in der Mark muß sich ferner mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben. Es ist mit der märkischen Natur wie mit manchen Frauen. »Auch die häßlichste – sagt das Sprichwort – hat immer noch sieben Schönheiten.« Ganz so ist es mit dem »Lande zwischen Oder und Elbe«; wenige Punkte sind so arm, daß sie nicht auch ihre sieben Schönheiten hätten. Man muß sie nur zu finden verstehen. Wer das Auge dafür hat, der wag‘ es und reise.

Liebe zu Land und Leuten mitbringen, das ist sicher heute genauso wichtig wie zu Fontanes Zeiten. In diesem Sinne bin ich an diesem herrlichen Novembertag auch wieder unterwegs. Nicht mit der Kutsche, dafür mit dem Drahtesel, auf dem bei gemäßigtem Tempo und regelmäßigen Fotopausen so Manches zu entdecken ist. Über Bernau führt der Radweg Berlin-Usedom nach Biesenthal und von dort an der ehemaligen Wehrmühle vorbei. fullsizeoutput_52cfDer Designer, Erfinder und Macher Michael Hecken hat die Ruine im Jahr 2003 entdeckt und wieder zu neuem Leben erweckt. Heute werden hier E-bikes konstruiert und andere neue Ideen ausgebrütet.

Der Weg führt um die Gebäude herum und dann den sanften Hang hinauf in weit ausgedehnte Buchenwälder. Das Laub hat sich von bunt nach braun gefärbt , eine dicke Schicht säumt den Asphalt. fullsizeoutput_52d0Wald wechselt sich ab mit Lichtungen und Wiesen. Zweimal quert der Radweg die Autobahn und fordert auf den gepflasterten Rampen das Balancegefühl. Kurz vor Finowfurt rolle ich durch einen riesigen Solarpark, der auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes entstanden ist. Am Rande mache ich einen Abstecher zum Luftfahrtmuseum. Die Eingangstore sind geöffnet, keine Menschenseele ist zu erblicken. Eintritt für Menschen 7 €, für Hunde 1 €.IMG_1685IMG_1688

Mein fast 40 Jahre altes Colnago fühlt sich sichtlich wohl vor der Kulisse von Suchoi Jagdbomber und Iljuschin-Zweimot. Ein kleiner Verein müht sich seit Jahren, die Ausstellung und die Exponate zu erhalten. Ein wenig modrig und gestrig erscheint der Ort schon. Trotzdem: interessant und einen Abstecher wert.

In Finow fahre ich über die Brücke und wechsle dann auf den Radweg am Kanal. An der „Teufelsbrücke“ vorbei, auf der Fontane sich angeblich 1845 verlobt hat, als die gusseiserne Konstruktion noch Teil der Weidendammer Brücke in Berlin war.

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Diese Treidelbrücke war einst Bestandteil der Weidendammer Brücke in Berlin, auf der sich Theodor Fontane und Emilie Rouanet-Kummer im Januar 1845 angeblich die Ehe versprachen.

Das Bauwerk gammelt vor sich hin, nur für eine Hinweistafel auf Fontane fand sich 2019 ein Sponsor.

In Finow standen einmal die größten Messingwerke Deutschlands, die ihren Ursprung bereits im Jahr 1700 hatten. Über 2000 Menschen waren hier um die Jahrhundertwende in Lohn und Brot. Der Fabrikant Hirsch erweiterte nach dem Kauf der Messingwerke 1863 die Messingwerksiedlung, die schon im 18. Jhd. gebaut wurde, um den Arbeiterfamilien ein gutes Umfeld zu bieten.

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In der ehemaligen Schule der Messingwerk-Siedlung residiert heute das Eichamt
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Der Wasserturm in Finow

Es entstanden eine Schule mit Lehrerwohnungen und weitere neue Backsteinhäuser für die Arbeiter. Seinerzeit und auch heute noch vorbildlich für soziales Unternehmertum.

Ausgerechnet das baufälligste, noch nicht renovierte Haus ist die ehemalige Villa des Fabrikbesitzers Gustav Hirsch.

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Teil der Villa Hirsch
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Heute
Heegermuehle-wasserturm
Damals

Beim Hinausrollen aus dem Siedlungsgelände stehe ich vor den damals für den Fertighausbau wegweisenden Kupferhäusern, die als Musterhäuser für die in Serie produzierten Heime dienten. Als mehr und mehr Juden Anfang der 30er Jahre bedroht wurden und sich vorbereiteten, nach Israel auszuwandern, dienten die Kupferhäuser im Bausatz, der verschifft werden konnte, als Basis für ein zukünftiges Heim in Israel. Zeitzeugen einer grausamen Epoche der deutschen Geschichte. Der Einfluss von Gropius auf das Design ist deutlich. So sind die Häuser auch Teil der Bauhaus-Geschichte.

Nach Norden verlasse ich Finow und arbeite mich in die Barnim-Hügel bis zum „Werbellin“, wie Fontane gesagt hätte. Wieder durch herrlichen Buchen- und Eichenwald fahre ich nach Eichhorst und dann zur kleinen Hausansammlung Rosenbeck mit dem Gasthof „Zur kleinen Moldau“. IMG_1705Ein einladendes Schild lockt mich fast in das Haus, aber es ist noch zu früh für eine lange Pause – nach Hammer zum Bäcker Beuster möchte ich noch kommen. Dort gibt es doch leckeren Kuchen und heißen Kaffee. IMG_1707Denkste! Der gute Bäcker macht in diesen Tagen Urlaub und hat die Rolladen heruntergelassen.

Ich stoße einen Seufzer aus und mache mich auf den Weg nach Liebenwalde, wo es das Bistro am Hafen gibt. Vielleicht hat das geöffnet. Es hat!

Und wie auf Bestellung kredenzt ein mir bis dato unbekannter Radlerkollege sich und erfreulicherweise auch mir ein leckeres Krombacher Pils. fullsizeoutput_52d6fullsizeoutput_52d7Auf den wärmenden Schaffellen lassen wir uns nieder und kommen schnell ins Gespräch. Die Wirtin setzt sich zu uns und verkürzt die Wartezeit auf den bestellten Linseneintopf mit selbstgebackenen Leckereien. Einfach so!

Nach einem zweiten Pils, einem sehr wohlschmeckenden Eintopf und einem sehr interessanten Plausch mit Wirtin und Radler, steige ich wieder für die letzten 35 Kilometer auf das ausgeruhte Colnago und rolle hinein in die hereinbrechende Dunkelheit. Mit gutem Licht und gut gestärkt ist das eine wahre Lust!

Das nennt man wohl  „Trail-Magic“ auf einem „Magic Trail“

Und hier zum Nachfahren der Link auf den Gpsies-Track


4 Gedanken zu “Trail magic im Brandenburger Land – 1

  1. Dietmar, wieder ein besonderer Bericht aus unserem Einzugsgebiet. Ich sehe auch viel, du siehst anderes und vor allem du kannst das so gut zu Papier, oder wie nennt man das, bringen. Es regt auch an, nochmal in die Gegend mit „deinen Augen“ zu fahren. Beste Grüße Gerhard

  2. Hallo Christoph, die Historie von Finow und Eberswalde ist wirklich sehr spannend. Die Kupferhäuser befinden sich in einem sehr unterschiedlichen Erhaltungszustand. Ein Kupferdach wurde gerade erneuert und wieder in den Originalzustand versetzt. Vor dem von Gropius entworfenen Haus war ein geschwungener Zaun mit netten Spitzen errichtet. Schlimmer kann man nicht Stilbruch begehen. Andere Häuser sind durch nachträgliche An- und Umbauten kaum mehr erkennbar. Aber immerhin. Alle sind noch existent. Das kleine Luftfahrtmuseum bietet noch ein paar weitere Preziosen: Hubschrauber, Sprühflugzeuge , MIG´s . Ein wilde Mischung. Und auf der anderen Seite des riesigen Solarparks, der bis auf eine lange Piste den ehemaligen Flugplatz überdeckt, fristet eine „Luftfahrt-und Servicegesellschaft“ ihr Dasein.

  3. Spannende Details zur Lokalgeschichte. Wieder ein kleiner Baustein . Das ursprüngliche Flachdach der Kupferhäuser ist ja nicht mehr erhalten, aber schön, wenn wenigstens etwas bleibt. Flugzeuge! Der Eintritt für eine zurückgelassene SU ist wahrscheinlich Ironie, auch wennich dem Verein nicht zu Nahe treten möchte. Für weitere Feldforschung herzlichen Dank!

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