Berlin – Hamburg – Bahnhofskultur

1841 schlossen die fünf Länder Holstein und Lauenburg, Mecklenburg-Schwerin und Preußen einen Staatsvertrag zur Streckenführung und zur Regelung der Transitzölle für die Bahnstrecke Berlin – Hamburg. 1843 stand die Finanzierung, und innerhalb von nur zwei Jahren  wurde das Riesenprojekt umgesetzt. Bis zu 10000 Menschen waren in den Spitzenzeiten mit dem Bau beschäftigt. Am 15. Dezember 1846 ging die Gesamtstrecke in Betrieb. Die ersten Züge mit den klangvollen Namen Hansa, Concordia, Vorwärts, Germania und Amazone benötigten für die Strecke von über 290 Kilometern 9 Stunden und 15 Minuten. Gegenüber einer Reise mit der Pferdekutsche, die mindestens 36 Stunden dauerte, ein gewaltiger Fortschritt.

Im Rückblick und im Vergleich mit aktuellen Projekten der Deutschen Bahn wurde atemberaubend schnell beschlossen und umgesetzt. Parallel zum Gleisbau wurden auch mächtige Bahnhofsgebäude errichtet. Ausgehend vom Hamburger Bahnhof in Berlin bis zum Berliner Bahnhof in Hamburg. Der damalige technische Direktor der Eisenbahngesellschaft, Friedrich Neuhaus, muss ein wahres Multitalent gewesen sein, denn er entwarf nebenher auch noch die klassizistischen Empfangsgebäude der großen Bahnhöfe an der Strecke. Fast 30 Jahre lang, bis zu seinem Tod im Jahre 1876, führte er die Gesellschaft engagiert und sehr erfolgreich.

Gemäß meiner Mutation vom Langstrecken- zum Kultur-Randonneur, die ich in diesen Monaten durchlebe, werde ich mich noch intensiver als bisher Land und Leuten, Technik und Bauwerken, eben all den Dingen, die Menschen gestaltend hervorgebracht haben, widmen.

Der heutige Ausflug zur Bahnhofskultur zwischen Berlin und Hamburg sei ein kleiner Vorgeschmack. Berlin_Hamburger_Bahnhof_um_1850

Der Hamburger Bahnhof im Jahre 1850

InvalidenstrBerlin_12-2017_img1

Und heute, in seiner Funktion als „Museum für Gegenwart“

Obwohl der Hamburger Bahnhof schon seit 1884 nicht mehr in Betrieb ist, hätte der Architekt Friedrich Neuhaus wohl noch seine Freude daran. Der Bahnhof lebt. Nur eben nicht mehr als Bahnhof.

Nach diesem Vorspann nun zum eigentlichen Thema dieser Geschichte. Dem beispielhaften Verfall der ehemals wunderbaren Empfangsgebäude in Paulinenaue, Friesack und Neustadt.

fullsizeoutput_4061

 

P1170775

Stern-Bahnhof
Ein Weihnachtsstern leuchtet heim – immerhin, ein Beweis des kürzlich wieder in Betrieb genommenen Stromanschlusses. Der Anfang ist gemacht.
paulinenaue1919
Alte Herrlichkeit im Jahre 1919 ( Archiv-Foto Paulinenaue.info)

Bei meinen Havelrunden war der Bahnhof Paulinenaue immer dann die letzte Station, wenn uns Wetterunbill bremste oder  die  Motivation fehlte, die Strecke zurück nach Berlin noch per Rad zu bewältigen. Schon 2008 sah das Bahnhofsgebäude ähnlich aus wie heute. Vergammelt und verrammelt. Nur ist heute etwas mehr Putz abgebröckelt, finden sich noch mehr hässliche Graffiti an den Wänden. Seit 2016 ist die Gemeinde Paulinenaue Eigentümer der Gebäude und müht sich redlich, aber bislang erfolglos, um die Umnutzung der alten Herrlichkeit. Aktuell versucht sich eine Gruppe von Studenten der TU Berlin an einem Konzept zur „Inwertsetzung“. Dass die Instandsetzung der verfallenen Eingangstreppe und der Anschluss an das Stromnetz als Erfolg bezeichnet wird, zeigt, wie bescheiden die Initiatoren der Gemeinde mittlerweile geworden sind. Möge es ihnen in den nächsten Jahren gelingen, den in der Substanz eindrucksvollen Ort wieder zum Leben zu erwecken.

Nur 15 Kilometer weiter in Richtung Hamburg steht die nächste Kulturruine. Von Südosten kommend rollen wir durch das ehemalige Scheunenviertel von Friesack. Bonjour Tristesse, kann ich da nur sagen. Fahrzeughandel, Motorradhandel, Läden, die einmal Läden waren… Dann biegen wir ein nach Norden, hin zum „Zentrum“. Aber wo ist es denn? Von einem Stadtzentrum mit Geschäften und Leben ist nichts zu sehen. Stattdessen dies: IMG_1794IMG_1795IMG_1796IMG_1797

In die Auswahl der attraktivsten Orte Brandenburgs werde ich Friesack sicher nicht aufnehmen. Wobei: Die Bäckersfrau in der B5-Ortsdurchfahrt ist ausgesprochen freundlich, Kaffee und Kuchen schmecken köstlich. Nur kann uns das nicht über das Grau des Umfelds  hinwegtrösten. Also auf zum Bahnhof, der 2 Kilometer nördlich des Städtchens liegt. IMG_1800IMG_1804IMG_1805IMG_1806

Einst gab es hier sogar eine Fahrradaufbewahrung, wie an der Aufschrift über der Graffiti-Tür und unter dem abgebröckelten Gesims geschrieben steht.

Auch dieses Bahnhofsgebäude ist dem Verfall preisgegeben.

Friesack,_Bahnhof,_ca._1900

Und so präsentierte sich der Bahnhof um 1900. Gastlich, betriebsam, belebt, einladend. Lang, lang ist es her. Heute möchte ich hier nicht lange  auf einen Zug warten müssen, schon gar nicht, wenn es regnet oder stürmt und möglicherweise mehr Menschen als nur zwei schlecht gelaunte Radler in dem kleinen, halb überdachten Wartehäuschen einen trockenen Platz suchen.

Mal schauen, was die nächste Bahnstation zu bieten hat. Bis Neustadt/ Dosse sind es 20 Kilometer. Unter Reitern ist Neustadt wegen des Landesgestütes sicher  besser bekannt als unter Radfahrern. Irgendwo habe ich gelesen, der Bahnhof sei unlängst restauriert worden. Ich bin neugierig.Die-Zukunft-des-Bahnhofs-liegt-im-Gueterverkehr_big_teaser_article

Falsches Foto, falsche Zeit. Der Schienenzeppelin 1931 macht Halt in Neustadt. 88 Jahre später wallt Sehnsucht auf. So schön war es einmal hier, so fortschrittlich.

P1180108P1180103

Der Fortschritt des Jahres 2019: Der Verfall schreitet fort!

Zumindest die Überdachung am Bahnsteig und die Unterführung sind erneuert. Schöner wird der Bahnhof dadurch nicht.

Also weiter nach Glöwen, einer Station, wo wir auf einer Radrunde im Dezember 2017 abends in den Regio nach Berlin stiegen. Es war schon 19 Uhr und die Dunkelheit verbarg die Schäden an der Fassade. Schön sah es hier aus im milden Licht der alten Leuchter. Fast hätten wir die Graffiti an der Wand übersehen. P1090498

Über den aktuellen Zustand des Bahnhofsgebäudes lese ich im Internet, dass sich ein Unternehmer aus Peine seit Jahren redlich bemüht, dem großen Gebäude-Ensemble wieder Leben einzuhauchen. Wohnungen sind entstanden, ein kleines Museum ist in der ehemaligen Empfangshalle im Entstehen. Mutig, mutig!

Gibt es denn keinen einzigen Bahnhof an der historischen Strecke, der vorzeigbar ist, der mit Leben gefüllt ist, der wirklich genutzt wird? Doch! Es gibt ihn in Bad Wilsnack. Auf einer Wintertour im Februar 2017 hatten Peter, Wolfgang, Matthias und ich Bad Wilsnack zum Tagesziel erkoren. Nach der Tagesetappe mit 120 Kilometern waren wir müde, hatten kalte Füße und waren hungrig. Im Bistro des alten Wilsnacker Bahnhofsgebäudes war es gut geheizt, das Kuchenangebot wunderbar, der Kaffee wohlschmeckend, die Bedienung freundlich. Und das ganze in einem kreativ gestalteten Ambiente. So kann es aussehen, wenn die Stadt, eine Agrargenossenschaft und ein Landschaftspflegeunternehmen sich zusammentun und handeln.  Ergebnis: das BahnhofsQuartier Bad Wilsnack. Chapeau! P1070585

Wer also im nächsten Jahr eine Tour entlang der historischen Bahnstrecke durch Havelland und Prignitz plant, sollte Paulinenaue, Friesack, Neustadt und Glöwen ansteuern und dann am Ziel in Bad Wilsnack launig den bröckelnden Putz, die vernagelten Fenster und Türen, die zugewucherten und mit Graffiti versauten Fassaden   bei Kuchen und Kaffee Revue passieren lassen und dann beschließen, als Nächstes den Bahnhof Paulinenaue für 20000 € zu kaufen, um ein florierendes Zentrum für Begegnung, Gastlichkeit und Kultur zu errichten. So, wie es schon im Jahr 1999 der ehemalige Bahnvorstand Heinz Dürr vollmundig für die alten und neuen Bahnhöfe der Deutschen Bahn AG angekündigt und versprochen hatte.

Das wäre doch mal was!


6 Gedanken zu “Berlin – Hamburg – Bahnhofskultur

  1. liebe Eva, es gibt in unserer Region so viele schöne Dinge zu sehen, zu erkunden, zu bewundern, zu ergründen. Und auch Du hast einen „feinen Blick“ darauf. Keep on riding und bleib munter und gesund. Dietmar

  2. lieber Rainer, es gibt gottlob auch sehr viele Kulturperlen in unserer Heimat. Orte, an denen man sich satt sehen kann. An denen man sich freuen kann. Bleib munter und genieße die Tage Dietmar

  3. Hallo Dietmar,
    danke für Deine „Kulturführung“. Die verfallenen Bahnhofsgebäude bewegen mich auch immer sehr.
    Aber die Individualisierung (z. B. eigenes Auto) ist wohl nicht aufzuhalten.
    Schön, dass Du das gute Beispiel gefunden hast. Dort haben wir neulich nach unserer Pilgertour Berlin – Bad Wilsnack 2 Nächte übernachtet. Ein sehr angenehmes und auch innen liebevoll hergerichtetes Haus.
    Vielleicht sind wir nur zu ungeduldig und es wird auch mal wieder besser und schöner in unserer Heimat.
    In diesem Sinne frohes Fest und guten Rutsch.
    Bleib´ gesund
    rainer

  4. „Vom Langstrecken- zum Kultur-Randonneur“ – klingt nach einer guten Entwicklung, lieber Dietmar! Danke für Deinen feinen Blick auf diese Gegenden, in denen ich mich oft gar nicht mehr so richtig umschaue. Ich hoffe auf noch viele ergiebige Ausfahrten und Berichte! Schöne Feiertage für Dich!

  5. Hallo Armon, herzliche Grüße zurück in die schöne Schweiz. Als Nächstes könntest Du ja mal ein Rad schnitzen. Ich habe da schon feine Holzkonstruktionen gesehen. In klein und groß. Komme gut ins neue Jahr und bleib munter

  6. Herzliche Dank für deine immer interessanten Beiträgen. Die Bahn (in Deutschland) ist nur zum Sparen da. Autos und LKW dürfen alles…

    Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Armon, Rdf

    Mit freundlichen Grüssen

    Armon Gerber Schnitzbedarf Schreinerei + Parkett Kronenwis 22 CH-8864 Reichenburg

    Fon +41 78 690 48 66

    http://www.schnitzbedarf.ch mailto: ag@schnitzbedarf.ch

    *********************************

    Nächste Schnitzkurse, in Kleingruppen mit 3-7 Teilnehmern:

    01. + 08. Februar 2020 in Volketswil

    **********************************

    => Vorsicht: Schnitzen kann süchtig machen!

    http://www.armongerber.ch mailto: armon.gerber@gmx.ch

    >

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.