5. Dezember 2020

Mallorca-Erinnerungen

1000 Kilometer haben Peter und ich unter die Räder genommen – in 10 Tagen. In unseren besten Zeiten haben wir für solch ein Pensum die Hälfte der Zeit benötigt. Bevor ich jetzt anfange zu schluchzen ob des altersbedingten Verfalls des Leistungsvermögens, lenke ich die Gedanken auf die Schönheiten und die Besonderheiten der Radfahrerinsel. Zumindest zu Beginn des Jahres drängt sich der Eindruck auf, jeder zweite Besucher sei ein Radtourist.

Wir haben diesmal wieder auf die Qualitäten von Philipp´s Biketeam vertraut. Da weiß man, was man erwarten kann.

Unsere Räder kommen von der Spanischen Marke BH und von DRAG aus Bulgarien. In Deutschland fast unbekannt. Aber Roger vom Biketeam weiß, wer Qualität baut. So sind wir sehr zufrieden mit unseren Sportgeräten.

Hürzeler hier, Hürzeler dort. An der Playa de Palma reihen sich die Radvermieter aneinander. Vom Vierrädrigen Biermobil bis zum E-Mountainbike ist alles zu haben.

Vor der ersten Ausfahrt stärken wir uns am ausgezeichneten Buffet des „Golden Playa“ und legen uns an der Bar auf ein abendliches Entspannungsgetränk fest:

Hierbas und Brandy Carlos, dazu Knabbernüsse

Am Tag 1 ist der Himmel verhangen, ein frischer Wind weht übers Meer. Da treten wir ordentlich in die Pedale, um warm zu bleiben. Spanische Straßenbauer haben manchmal die Eigenart, den Weg schnurstracks auf den Hügel hinaufzuführen, ohne störende Kurven. So kurbeln wir uns hoch in Richtung St. Maria, wo schon das wunderbare Celler sa sini mit seinen unschlagbaren Kuchen und Torten auf uns wartet. Zur Unzeit– bereits kurz vor Mittag genießen wir Blaubeer- und Erdbeertorte, die wir uns eigentlich noch gar nicht verdient haben. Aber einfach vorbeifahren an dem Schlemmerparadies wäre auch eine Sünde.

Der aufmerksame Leser hat uns sicher schon leicht mißbilligend dabei ertappt, dass wir bislang mehr dem Genuss als denn dem Sport gefrönt haben. Das soll sich ändern! Auf der sogenannten Hürzeler-Autobahn gleiten wir locker nach Nordosten, dann genau in die Mitte der Insel, nach Sineu, wo der mächtige Löwe vor der Kirche uns schon erwartet.

Nach der Runde durch den alten Stadtkern bestehe ich auf dem abermaligen Besuch der nicht ganz so alten Beton-Radrennbahn. Ein paar Runden müssen einfach sein.

Auf dem Heimweg schiebt der Wind doch noch die Wolken weg und der Himmel zeigt sich in Malloca-Blau. Dazu unsere geliebten schwarzen Schweine und die gemütlich mümmelnden Schafe unter Olivenbäumen. So haben wir uns den Urlaub vorgestellt.

Als wir wieder am Strand einrollen, zeigt das Garmin noch nicht ganz 100 km. Also drehen wir noch zwei Runden um den Block und schon stimmt die Anzeige:

Granfondo Nr. 1 von 10

An den Folgetagen entwickeln wir den Ehrgeiz, den Kilometerzähler möglichst exakt auf die 100 zu bringen.

Noch dreimal gelingt uns das genau, bevor wir bei Frank, dem „Holländer“ mit seiner Sammlung von mittlerweile 1000 Trikots aus 28 Jahren „la terazza“ zum Feierabendbier einkehren und fachsimpeln über Räder, Radprofis und alte und aktuelle Radrennen.

Hier mussten wir ausnahmsweise mal umkehren, Schotter und Felsplatten sind das Terrain für Crosser und Mtb. Sehr anschaulich auf dem Schild dargestellt. Schnell finden wir zurück auf die geliebten glatten Wege.

Radautobahn am Nordrand von Palma

Steigende Temperaturen und Sonnenschein ermutigen uns an den Folgetagen zu ein paar Höhenmetern und Tageskilometern mehr. Also darf der Aufsteig zum Kloster Randa nicht fehlen. Oben treffen wir Ilona und Helmut, die mit dem Auto hergefahren sind, um Sohn Julian zu empfangen, der mit seiner Trainingsgruppe Belastungseinheiten fährt. Wir haben das Vergnügen, den deutschen Meister von 2017 im Mannschaftszeitfahren kennenzulernen.

Schon im Anstieg war Julian mit seinen Kollegen an uns vorbeigefegt. 400 Watt-Einheiten treten, das wird hier im Anstieg geübt. Schön, dass die Kurbeln so stabil sind und die Urgewalten aushalten.

Bei der Abfahrt vom Kloster hinunter zum Ort Randa mahnt die Gedenktafel, es nicht zu übertreiben im Geschwindigkeitsrausch. Beim Runterbremsen vor der nächsten Kurve zeigen uns die Zeitfahrer, dass es noch viel schneller geht – mit Mut, mit Können, mit Kühnheit, und wusch, sind sie vorbei.

Eine Stunde später sehen wir den Randa nur noch als fernen Tafelberg, mit dem Blick über viele Hektar neu angepflanzter Rebstöcke.

Wir trainieren eher die 100 Watt-Einheiten und bewegen uns in gemäßigtem Tempo durch die Hügel und Wellen der Insel.

In den Straßen von Campos wird Damenunterwäsche zu Marktpreisen feilgeboten. Endlich wissen wir, was die Spanierinnnen gerne drunter tragen. Mit Mühe verkneifen wir uns einen Schnäppchenkauf und beobachten still genießend Käufer und Käuferinnen. Auch im Osten der Insel sind die „Cami“, die Landwirtschaftswege, bestens zum Radfahren geeignet und sehr gut beschildert.

Die Plaça Ramon Llull in Petra ist immer ein begehrter Treffpunkt für Insel-Radler.

Nur schwer können wir uns losreißen aus der besonderen Atmosphäre dieses Platzes. Am späten Nachmittag rollen wir wieder gen Westen, fahren im Bogen von Norden kommen durch Palma bis zum Strand und dann wieder zum Golden Playa.

Und wenn wir dann lange Strecken ohne Radweg fahren, genießen wir die entspannten, sehr zuvorkommenden Autofahrer. Kein Hupen, kein unflätiges Brüllen, wie wir es aus Berlin und Brandenburg gewöhnt sind. Mallorca ist ein Paradies zum entspannten Radeln. Fahren, schwitzen, trinken, schauen, und dann wieder ein café con leche, dazu köstlicher Kuchen. In alten Städtchen Petra genießen wir diese ideale Kombination, garniert mit Fotoalben von klassischen Radrennen im Bistro SA PLAÇA.

Pünktlich zum Abendessen und zum Sonnenuntergang sind wir wieder am Hotel.

Unermüdlich rollen die Wellen des Mittelmeers heran, die Sonne versteckt sich bis zum nächsten Morgen. Das Rad zieht es vor, mit mir ins Golden Playa zu rollen. Der gemütliche Teil des Tages beginnt, die Vorfreude auf den nächsten regt sich schon.

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

Alle Beiträge ansehen von randonneurdidier →

4 Gedanken zu “Mallorca-Erinnerungen

  1. Schön. Danke für den wieder einmal schönen Bericht, der einen meinen lässt, man wäre dabei gewesen 🙂

  2. Abermals und immer wieder sehr, sehr gern: Herzlichen Dank für Deinen informativen Bericht. Schon ungeheuer verlockend, Euch beide zu emulieren. Liebende Hochachtung Deinem Schreibstil und Deiner Selbstironie. Dein gt

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: