26. Oktober 2020

Ein Schnuppertest mit dem E-Bike – BH Core Race 1.6

So ein Rennrad mit E-Power könnte doch fürs Alter eine nette Alternative sein. Den jungen Wilden nicht immer hinterherhecheln, auch mal vorne fahren am Berg und fragen, ob es denn nicht etwas zügiger gehen könnte. Unsere Fantasie treibt Blüten, wir malen uns aus, wie wir mit den vereinten Kräften – eigene Watt plus E-Watt – schneller und vor allem lockerer vorankommen. Diese oder ähnliche Gedankenspiele sind natürlich nur zulässig, wenn mindestens 70 Lebensjahre auf dem eigenen Zeitzähler stehen.

Vor Jahren hatte ich mich schon einmal mit dem System „Gruber-Assist“ beschäftigt, mittlerweile unter dem Markennamen Vivax-Assist firmierend. Da war mein Interesse kernhaft technischer Natur. Einen schlanken Elektromotor ins Sattelrohr einbauen, per Kegelradgetriebe auf das Innenlager setzen, und den Akku in den Trinkflaschenhalter stecken. Vereinfacht beschrieben, funktioniert so der Vivax-Antrieb. Allerdings musste ich feststellen, dass die Österreicher zwar ihren Firmennamen gewechselt hatten, die Technik war aber immer noch die alte. Verkauf, Einbau des Systems und Service laufen seit einem Jahr nur noch in Regie des Herstellers in Wörgl. Ein Vivax Passione schlägt in der Standardversion mit knapp 6000 € zu Buche. Ein stolzer Preis, zumal der Wettbewerb in Form der namhaften Hersteller in den letzten 24 Monaten mächtig Gas gegeben hat. Besonders die Räder mit Fazua-Antrieb oder dem Nabenmotor Ebikemotion von Mahle sind auf der Überholspur unterwegs, auch im Preis-Leistungs-Verhältnis.

Zurück in die Vermietstation von Philipps Biketeam in Palma. Denn genau dort haben wir die Möglichkeit, das frisch eingetroffene BH-Core Race 1.6

zu testen. An Philipps Biketeam wurden die ersten produzierten Race 1.6 geliefert. Für den spanischen Hersteller eine gute Möglichkeit, die Praxistauglichkeit und Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Der Chefmechaniker in Santa Ponsa hat, wie im obigen Bild zu sehen, die Motor-Innenlagereinheit heruntergeklappt, um die möglichen neuralgischen Stellen zumindest vorab mal gesehen zu haben. Der Motor und die Integration in den Rahmen sehen etwas grobschlächtig aus. Die Schweißnähte sind geradezu ein stilistisches Element, wenn auch kein elegantes. Das hier noch zerlegt zu sehende Rad soll uns zwei Tage später in Palma zum ersten Test zur Verfügung stehen.

Wir sind schon gespannt, wie das Gerät sich auf der Straße anfühlt. Nach einer kurzen Einweisung zu den Bedienelementen und der Einstellung der richtigen Sattelhöhe schwingt sich Peter als Erster auf das BH. Als erste Hürde erweist sich das in den Vorbau elegant integrierte LED-Bedienelement. Schön anzusehen, aber leider bei draufscheinender Sonne kaum zu erkennen.

Nach ein paarmal Drücken kommt der Schub am Pedal an. Peter kurbelt locker und leicht bei über 30 km/h !!! Das kann doch gar nicht sein, ein Pedelec muss doch bei 25 km/h abriegeln. Das BH jedenfalls kennt diese Grenze nicht. Ich hänge mich dran und mühe mich, den Anschluss zu halten. Das gelingt mir, bis wir in den langen, sanften Anstieg nach Llucmajor einbiegen. Immer noch fährt Peter mit 30 km/h und kann den Speed auch offensichtlich ohne Anstrengung halten. Ich muss abreißen lassen. Auf der nächsten Kuppe macht der E-Biker halt und lässt mich gönnerisch herankommen. Ich staune – dann stellen wir die niedrigste Unterstützung ein. In der Hoffnung, dass ich nun dranbleiben könnte. Denkste! Wieder entschwindet der Tester meinen Blicken. Nach ein paar Kilometern tauschen wir die Räder, und ich darf den Quäler spielen. Der BH-Motor gibt gewaltig Schub – Peter entschwindet , diesmal nach hinten. Abermals tauschen wir. Beschleunigen auf 30 bis 35 km/h – kein Problem. Peter macht sich den Spaß, eine Trainingsgruppe, die den Hügel raufdrückt, zu verfolgen. Im Nu ist er dran und bleibt dran. Die Jungen Wilden staunen nicht schlecht über den Oldie, der mit 30 bergan fliegt.

Das BH stellt die Leistungsfähigkeit auf den Kopf.

Egal, in welcher Stufe die E-Power eingestellt ist, immer hält der Zusatzschub an, ohne Obergrenze. Bis mindestens 45 km/h drückt der Motor mit Zusatzkraft. Dank des 540 Wh großen Akkus kann man solche Späße einige Male treiben, ohne zu riskieren, nicht mehr nach Hause zu kommen.

Kraft hat das BH reichlich, wenn auch nur in diesem Umfang erlebbar durch eine, warum und wie auch immer realisierte Abschaltung der 25-km/h-Abriegelung.

Als Nächstes schauen wir uns den Alu-Rahmen und die Motorintegration genauer an:

Trotz aller Power, bei uns kommt keine rechte Begeisterung auf, zu grob ist der Rahmen gebaut, zu fett und unübersehbar die Schweißnähte, zu kantig das Design. Wir sind nun mal Freunde des klassischen, eleganten Rennrads. Mit schlanken Formen und verschliffenen Schweißnähten. Bei dieser Klientel wird das BH wohl wenig Erfolg haben können.

Ein Radveranstalter und Radvermieter wie Philipp´s Biketeam hat aber unserer Einschätzung nach trotzdem eine gute Wahl getroffen für den harten Praxiseinsatz und Strecken mit einigen Höhenmetern. Akkukapazität und Motorpower sind hervorragend. Die Ausstattung mit dem Mix aus Ultegra und 105er Gruppe ist solide. Nur die Abriegelung sollte zukünftig funktionieren, sonst kommt der Ungeübte zu leicht an die Grenzen der Radbeherrschung.

Nach ca. 60 Kilometern und einigen Anstiegen zeigt das Display noch 60 % Akkuladung an. Ein sehr guter Wert, der lange Strecken mit kräftiger E-Power verspricht. Wir geben um die Mittagszeit unser Testgerät wieder ab und danken Philipp´s Biketeam für diese Testmöglichkeit. Gespannt sind wir, wie das BH sich im täglichen Einsatz bewähren wird.

Hier die technischen Daten und der Preis des Core 1.6 BH-Bikes

Am Nachmittag schwingen wir uns für Runde zwei des Tages auf das DRAG Celerra und das BH-Quartz – ohne E-Unterstützung. Und genießen Leichtigkeit und Wendigkeit und Eleganz wieder neu.

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

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