Unterleuten – Drehorttour

Vor ein paar Tagen war der Dreiteiler „Unterleuten“ im ZDF zu sehen. Über 6 Millionen Zuschauer holte die Serie vor die Flimmerkisten. Zu Recht, wie ich meine, denn die Verfilmung unter der Regie von Matti Geschonnek und mit einer erlesenen Schauspielerbesetzung steht dem Roman von Juli Zeh nicht nach. Selten habe ich so fasziniert und gebannt den Akteuren zugeschaut, wie sie den Romanstoff und die handelnden Personen lebendig gemacht haben. Unterhaltung vom Besten!

Unterleuten ist ein fiktives Dorf in Brandenburg, das Juli Zeh ziemlich sicher im westlichen Havelland, wo sie auch wohnt, verortet hat. Der auf dem Romancover abgebildete „Kampfläufer“ ähnelt verdächtig der Großtrappe, deren größte Population genau in dieser Gegend einen geschützten Rückzugsort hat.

Dagegen haben sich die Filmmacher der Unterleuten-Serie ihre Drehorte hauptsächlich im Barnim, östlich von Bernau, ausgesucht. Und genau diese Orte wollte ich auf einer Radrunde auskundschaften. Welche Kneipe wurde zum „Märkischen Landmann“, in welchem Hinterhof hatte Charly Hübner alias Schaller seine schmuddelige Werkstatt, aus dem Fenster welchen Hauses lehnte sich die rachsüchtige Elena Gombrowski.

Als Hauptdrehorte werden Beiersdorf, Freudenberg und Willmersdorf genannt. Und von zu Hause bis dorthin sind es gerade mal 30 Kilometer. Also ab auf die Suche.

In Willmersdorf entdecken wir das erste klare Indiz: eine Hinweistafel „Unterleuten im TV, wir schauen zusammen Montag ab 20 Uhr, Feuerwehr“.

„Märkischer Hof“ hört sich ja sehr ähnlich an wie „Märkischer Landmann“. Ist aber ein Trugschluss, denn der Eingangsbereich und die Treppe passen nicht zur Kneipe im Film. Also weiterfahren, Augen auf. In der Dorfdurchfahrt, nahe der markanten, zweitürmigen Kirche werden wir fündig. Das gelbe, prächtige Haus ist unverkennbar das Filmheim von Gombrowski und Elena. Gegenüber steht verhärmt die graue Hütte von Hilde.

Villa von Gombrowski
Häuschen von Hilde

Die für den kleinen Ort überdimensional erscheinende Kirche war eindrucksvolle Kulisse für das durchtriebene und gleichsam verzweifelte Spiel der Akteure. „Elena schauderte bei der Vorstellung, wie die hässliche kleine Frau jeden Abend vor dem Fernseher eine Dosensuppe aß, umgeben von zwanzig Katzen. Dann fiel ihr ein, wie ihr eigener Mann mit einer Schüssel Erdnüsse vor dem Fernseher kauerte, neben sich Fidi, die ihm dem Kopf auf die Füße legte. Unmöglich zu entscheiden, welches der beiden Bilder schlimmer war. Zwei Einsamkeiten mit Tier, jeden Abend, in benachbarten Häusern.“ Aus Kapitel 39, Gombrowski, geb. Niehaus.

Wo sollen wir jetzt die Kneipe finden, in der Gombrowski mit dem Bürgermeister und Krohn Skat spielte, in der sich die Bewohner von Unterleuten versammelten, um die Präsentation zum geplanten Windpark über sich ergehen zu lassen? Beiersdorf, ja in Beiersdorf soll das gedreht worden sein:

Nach acht Kilometern Fahrt nach Osten stehen wir vor dem Gasthof Beiersdorf, der im Film zum „Märkischen Landmann“ umgetauft wurde. Unverkennbar die Treppe und die grüne Eingangstür.

Beschwingt vom Sucherfolg kurbeln wir weiter nach Freudenberg, dem Hauptdrehort mit der markanten Kirchturmspitze. Über eine wunderschöne Allee nähern wir uns dem Dorf , in dem ich die Werkstatt von Schaller vermute. Ich habe mir die seltsam gebogenen und geflickten Dachrinnen gemerkt, die über ein breites Hoftor führten.

Auf der Pflasterstraße, die hin zur Kirche führt, werden wir ordentlich durchgerüttelt. Auf dem sandigen Gehweg rollt es sich auch nicht viel besser.

Auch im echten Leben kämpfen die Bürger gegen die Windkraft, ganz real. Neben der Kirche ist der Dorfteich das Zentrum des 300-Seelen-Ortes. Wir umkurven wie im Film Bjarne Mädel alias Wolf Hübschke den Tümpel. Dann entdecke ich die unverkennbare „Schaller-Dachrinne“.

Hinter diesem Hoftor verbarg sich die Werkstatt von Schaller, hier schraubte und schweißte er, hier aß er die Würstchen aus der Dose, leckeres Pressfleisch und trank dazu ein paar Fläschchen Bier. Hier verbrannte er die Altreifen, um den „Vogelmann“ Fließ zu ärgern. Heute ist das verfaulte Hoftor erneuert, nur die Dachrinne ist immer noch kunstvoll an der Backsteinwand entlanggeführt. Sicher nur, um mir zu zeigen: Hier hauste Schaller.

Gombrowskis Oekologica-Betrieb können wir nicht finden, obwohl ich sicher bin, diese markanten Fensterreihen an der Gebäudefront schon einmal irgendwo hier gesehen zu haben, nur wo?

Peter mahnt mich, endlich Abschied von Unterleuten zu nehmen, er hat Hunger auf Kaffee und Kuchen. Nur wo bitte in der Barnimschen Diaspora wird ein Bäcker zu finden sein – der zudem auch noch geöffnet hat?

Ein kleines Wunder geschieht. In Leuenberg können wir auf der Terrasse von Bäcker van Allmen an Kuchen und Kaffee laben. Schon seit über 90 Jahren wird hier gebacken in der eigenen Backstube. Möge er noch lange den Angebotsstürmen von Discountern und Backfabriken trotzen.

Am Spätnachmittag rollen wir nach der 100 km Unterleuten-Runde wieder heim. Ich nehme mir vor, den 635-Seiten-Roman von Juli Zeh noch einmal zu lesen – jetzt mit den Bildern des Tages vorm inneren Auge.


4 Gedanken zu “Unterleuten – Drehorttour

  1. leider kann ich dich nur mit „jb“ ansprechen. Aber dein Kommentar erscheint mir etwas seltsam. Das ist ungefähr so, als wenn verlangt würde, alle Beiträge zu Kultur, zu Politik, zu Wissenschaft zu stoppen, weil Corona uns im Griff hat. Meinst du das wirklich?
    Ich jedenfalls werde weiterhin mit offenen Augen durch Natur und Kultur radeln und auch darüber schreiben. Und parallel das Notwendige tun, damit der Virus sich nicht noch weiter allen Lebens bemächtigt.

  2. Danke für Deinen wohltuenden Zuspruch. Es macht einfach große Freude, die Dinge und die Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und zu beschreiben.

  3. DC: Du bist wirklich eine Wucht, insbesondere auch ein literarische-kulturelle Wucht. Niemand erzählt so schön tiefgründig und im wundervollem Fontane-Stil von seinem Erlebten, Erradelten, Gesehenen! Hinzu kommen Deine illustrativen, kommentierten Bilder, die das Geschriebene so inspirierend sichtbar machen. Abermals herzlichen Dank!
    Und nun kommen hinzu Deine kenntnisreichen und liebevollen Ausführungen zum Roman von Judith Zeh „Unterleuten“. Warum findet der Verfasser dieser Zeilen dies so bemerkenswert? Weil der Roman seit Erscheinen eine bedeutende Rolle in der Familie des Verfassers spielt. Warum? Zunächst des Romans Sprache und Stil! Sodann: Des Verfassers Ehefrau stammt aus dem Osten, konkret, aus Brandenburg, noch konkreter aus Schwedt (Eurer vielen Radtouren nach Schwedt treffen auch deshalb jedes Mal beim Verfasser auf großes Interesse!). Die Botschaft Schwedter Ehefrau ist: Nur wer kleinteilig denken und fühlen kann, dem gelingt es, Brandenburg und seiner Landschaft im allgemeinen, der Uckermark im besonderen gerecht werden. So oder so ähnlich hatte sich auch Fontane ausgedrückt, glaubt der Verfasser sich erinnern zu können.
    Lieber DC: Auf dieser Linie liegen auch Deine Berichte und Bilder: Du schaffst es, das Kleine liebenswert groß werden zu lassen. In dankbarer Bewunderung: Dein gf

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