26. Oktober 2020

200er zu Corona-Zeiten

 

Einen schönen 200er Brevet hätte ich mir in diesem Frühjahr auch noch vorstellen können, obwohl ich fast schon dem Brevetfahren abgeschworen habe. Es ist so ähnlich wie bei einer Sucht, man will davon loskommen, es gelingt aber nicht ohne unerwünschte Schmerzen. Wenn ich mir vorstelle, wie es ist, die alten und jungen Randonneure morgens um 6.30 Uhr im Amstelhouse zu sehen, zu plauschen, gemeinsam einen Kaffee zu trinken, wird mir ganz wehmütig ums Herz.

Fakt ist, in diesem Frühjahr müssen alle Randonneure diese Art der Entzugserscheinungen erleiden. Corona sorgt dafür, dass ich nicht alleine leide, obwohl ich alleine fahren werde. Vor einer Woche traf ich auf einer kleinen Radrunde Ingo, der mir bei Mühlenbeck entgegenrollte. Eine schöne Möglichkeit zum Distanzplausch. Ingo hat vorsorglich alle Brevets des Jahres abgesagt, zu gering ist die Wahrscheinlichkeit, dass in absehbarer Zeit Veranstaltungen mit 90 Randonneuren erlaubt und zu verantworten sind.

Geteiltes Leid ist halbes Leid, alle fahren in diesem Jahr ihre Runden allein oder vielleicht auch zu zweit, mit gebührendem Abstand.

An diesem Donnerstagmorgen lacht wieder einmal die Sonne vom stahlblauen Himmel. Die Temperaturen sind um kurz vor neun noch einstellig. Nach Norden will ich hinaus aufs Land, auf einem meiner Lieblingswege am Voßkanal entlang, die Schnelle Havel zur Linken, nach Zehdenick, und dann nach Fürstenberg. Der spürbare, kühle Nordwest bläst mir entgegen und sorgt dafür, dass ich nicht übermütig werde. Pappeln, Eichen, Erlen – die Bäume wetteifern darin, wer das schönste Grün aus den Ästen treibt.

IMG_2697Dazu passt wunderbar das Konzert der balzenden und bald brütenden Singvögel. Ich setze mich für ein paar Minuten auf eine Bank am Kanal, vor mir paddelt gemächlich ein souverän schauender Schwan. Verweile doch … hat er gerade herübergerufen. Von Zehdenick aus führt der Radweg „Berlin–Kopenhagen“ an den ehemaligen Tonstichen vorbei, die das Material für Millionen Ziegel und Klinker lieferten, die dann in Mildenberg gebrannt wurden. Zwischen den beschaulichen Seen führt ein Pfad mit Graveloberfläche hindurch. Gut zu fahren.

Vor fast 20 Jahren war ich hier auf meiner ersten 200-Kilometer-Tour in Brandenburg unterwegs. Zwei mittelalte Damen, die auf der heute verwaisten Bank saßen, boten mir damals zur Stärkung ein Fläschchen „Kleiner Feigling“ an. Ich lehnte dankend ab und verwies auf den gesünderen Inhalt meiner Trinkflaschen.

Auch heute habe ich Proviant eingepackt, wohlwissend, dass es über den Tag kaum Möglichkeiten geben wird, einzukaufen. Geschweige denn, irgendwo einzukehren. IMG_2696Die omnipräsenten Schilder der Bürgermeisterin von Liebenwalde weisen an jeder Bank und jedem Rastplatz darauf hin, dass Sitzen und Pausieren zu unterlassen ist. Auch das Betreten öffentlicher Orte ist untersagt. Gut, dass ich die Wege nicht betrete, sondern nur befahre. Als ob beim „Alleinsitzen“ auf einer „ Alleinbank“ irgendein Ansteckungsrisiko befeuert würde. Wie wäre es, in diesem Falle die Vernunft einzuschalten und nicht einfach Verordnungen, fälschlich verkürzt, aufzuhängen.

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In einer Wanderhütte sind drei Büchlein ausgelegt. 36 Argumente für Gott, Gibt es Gott wirklich … Christianisierung in Corona-Zeiten. Aber ich darf mich ja nicht setzen und verweilen, nur beim Fahren denke ich mir meinen Teil über diese Art der Werbung.

Die farbenfrohe Natur führt meine Gedanken wieder den ideologisch unverbrämten Dingen zu. Den Rindern auf den riesigen Weiden, dem kreisenden Seeadler, den singenden Amseln. 

Am Nordrand der Tonstiche, bei Bredereiche, biege ich nach Osten ab. Tornow ist der nächste Ort. Ein kleines Angerdorf mit Mühle, Kirche und einem herrschaftlichen Schloss. Irgendwie fremd wirkt der Prachtbau hier, neben der Feldsteinkirche mit dem Schinkelturm.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wo überall hat der Architekt und Baumeister aus Neuruppin seine Spuren noch hinterlassen? Jedenfalls nicht nur in Berlin in Form vom Schauspielhaus am Gendarmenmarkt oder der Neuen Wache, nein, auch in der Brandenburger Diaspora hat er sich ausgetobt. Nun aber zum gegenüber liegenden Schloss Tornow. Das stammt nicht vom allgegenwärtigen Schinkel. Als es 1890 in feinster Brandenburger Backsteingotik mit den rotgelben Klinkern aus Zehdenick gebaut wurde, war Schinkel schon seit 50 Jahren tot. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Heute residiert hier das Ökowerk, eine internationale Bildungs- und Begegnungsstätte.

Mein Weg führt mich weiter in Richtung Fürstenberg, es wird sanfthügelig. Die Straße wird immer rumpeliger. Ein Wegweiser zeigt nach rechts in den Wald. Und genau hier kommt die zum Entdecken auffordernde Hinweistafel: OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Stimmt! Trotzdem aber einen Umweg wert, am besten mit dem Gravelrad. 

Beim Erreichen des Stadtrandes von Fürstenberg greife ich mit meiner rechten Schalthand ins Leere. Klick, klick, nichts tut sich am Ritzelpaket. Zum ersten Mal nach langer Zeit, heute zur Unzeit, verlässt mich der Campagnolo-Schaltzug. Gut, nach über 30000 Kilometern darf er das, aber warum denn ausgerechnet hier, nach 70 Kilometern an diesem Morgen, mit noch 140 weiteren im Tagesplan. Ich steige vor einem verwaisten Geschäft ab und lehne mein Endurace an die Wand. IMG_2699

Den nicht mehr funktionsfähigen Übeltäter ziehe ich aus dem Rahmen. Vorn im Schaltgriff ist er gerissen. Ganz genau da, wo er das offensichtlich bevorzugt tut. Man könnte meinen, der Konstrukteur hätte hier eine Sollbruchstelle eingebaut. Zum Nutzen der Zugproduzenten. Die nächste Viertelstunde verwende ich darauf, die Anschlagschrauben hineinzudrehen, dann läuft die Kette schon einmal auf Ritzel Nr. 2. Jetzt noch den Riemen der Satteltasche zweckentfremdet um das Schaltwerk gespannt, schon ist das 16er fixiert. Ergebnis: 50/16 und 34/16 als  wunderbare Zweigangschaltung. Das Erfolgserlebnis motiviert mich, mein Tagesvorhaben durchzuziehen. Die Feldberger Hügel warten. 

Nach Lychen hin schiebt mich kräftig der Westwind vor sich her. Endlos sind die Walddurchfahrten, erst in Hardenberg weitet sich wieder der Blick. Der Haussee erstreckt sich lang hin, fast bis Boitzenburg. Hier erwartet mich ein menschenleerer Schlosshof, auch der Marstall gegenüber, vor dem in normalen Zeiten die Touristen flanieren, steht einsam da. fullsizeoutput_5483

Über die Jahrhunderte haben sich hier einige namhafte Architekten austoben dürfen, auch der Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler, der das Neo-Renaissance-Schloss 1838-42 im neogotischen Stil erweiterte. Heute residiert hier ein Hotel mit Restaurant. 

 Den sehr sehenswerten Park hat, welch Wunder, der alte Lenné gestaltet. 

Nach einer kleinen Trink- und Snackpause setze ich die Segel nach Templin. Wieder muss ich einige Geländewellen mit meinen reduzierten Schaltmöglichkeiten hochdrücken. Es wird zäh. Und langsamer. Auch Templin ist heute fast menschenleer. Ab hier kommt für die letzten 65 Kilometer des Tages so etwas wie ein Endspurtgefühl auf. In einer illustren Bushalte  bei Krewellin mache ich meine letzte Pause. Vier Datteln, dazu der letzte Schluck aus der Trinkflasche, das muss reichen. IMG_2703

Zum Abschluss noch ein Foto aus meinem Fundus – für Krewellin zur Versöhnung mit dem verlotterten Betonwartehäuschen. IMG_2709

Das Kirchlein von Krewellin – liebevoll restauriert – ein wahres Schmuckstück.

Noch 45 Kilometer.

Zu Hause  weist mein Garmin 216 gefahrene Kilometer aus. Eine fordernde, aber auch gehaltvolle Runde war das. Warum nicht demnächst ein Corona-300er in Angriff nehmen?! Dann wieder mit funktionierender Schaltung.

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

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5 Gedanken zu “200er zu Corona-Zeiten

  1. ><Und ein Ersatzzug, den ich sonst bei langen Fahrten im Gepäck habe, lag in einem anderen Täschchen im Montagekeller.<< Sehr nachvollziehbar. Im Übrigen schafft Kommunikation mit Dir häufig schöne Grenznutzen. gf

  2. Fürstenberg hat eine illustre Vergangenheit, zur Zeit des kalten Krieges waren wohl mehr als 25000 Sowjetsoldaten hier stationiert, samt Atomraketenarsenal. Und in Wünsdorf sogar doppelt soviele. … Am Mahnmal für Ravensbrück habe ich wieder einmal eine persönliche Gedenkminute eingelegt.

    Zum Schaltzug: die Analogie zum Staatsanwalt und den Argumenten ist – schmunzel, schmunzel, sicher zutreffend. Vorsorge ist besser als heilen! Jetzt habe ich wieder 20000 km Zeit bis zum nächsten Mal. Und dann wartet schon der Ersatzzug im Satteltäschchen auf seinen Einsatz.

  3. hallo Rüdiger, ein Manuskript für ein Buch mit meinen Erlebnissen, garniert mit den besten Fotos habe ich schon eine Weile in Arbeit. Gut Ding will Weile haben … Am Ende des vorigen Jahres wollte ich schon einmal die Züge wechseln, dann haben doch meine alte, immanente Risikobereitschaft und die Neugier, wie lange die Dinger wohl bei mir halten mögen, obsiegt. Nun hatte ich den Salat. Und ein Ersatzzug, den ich sonst bei langen Fahrten im Gepäck habe, lag in einem anderen Täschchen im Montagekeller. So konnte ich meine Improvisationsfähigkeiten testen. … Auch hier um Berlin herum wimmelt es auf den Radwegen. Ich ziehe es dann vor, die Autofahrer zu ärgern und auf der Straße zu bleiben, bevor ich einen Crash mit einer Fahrrad fahrenden Großfamilie riskiere. “ Die Wahl des geringeren Risikos“.

  4. Schöner Bericht – wo bleibt übrigens dein Brandenburg-„Fotoband“ ;-)? Da ich selbst Campafahrer bin: Ich würde die Schaltzüge prophylaktisch nach spätetens 15.000 Km wechseln – obwohl mir auf zehntausenden von Kilometern erst zweimal ein Schaltzug/rechts gerissen ist und in beiden Fällen hatten die Züge jeweils auch schon 25-29.000 Km auf dem Buckel. Zumindest und im Gegensatz zu Shimano lässt sich ein Ersatzzug bei Campa unterwegs problemlos einfädeln. Ein Ersatzzug im Trikot kann deshalb auch nicht schaden.

    Im Raum Halle wimmelt es zur (Corona-)Zeit von Rennradfahrern – ich habe hier noch nie soviele auf einem Haufen gesehen und das bei nahezu freien Strassen…

  5. Wiederholter, aber durch Wiederholung nicht abnutzender Dank für Deinen Bericht und für die Bilder, wie auch in der Vergangenheit ungeheuer inspirierend.
    1) Habe mich gestern zufällig mit dem Ort „Fürstenberg“ beschäftigt (Aus „Hitler 1889-1936: Hubris von Ian Kershaw „…. The secret negotiations with Reichswehr Minister Schleicher, at Fürstenberg, fifty miles north of Berlin, lastet for several hours on 6 August …“). Deiner Route, dies entnehme ich Strava, wird Dich auch in die Nähe von Ravensbrück geführt haben.
    2) Schaltzug mit gefahrenen 30.000 km (dreißigtausend)?. Lese ich das zutreffend („verlässt mich der Campagnolo-Schaltzug. Gut, nach über 30000 Kilometern darf er das…“). Vor dem Strafgericht hätte ein Staatsanwalt die Befragung etwa so begonnen: „Ich habe da mal eine Frage: Wenn man Kenntnis hat, dass der Schaltzug 30.000 km auf dem Buckel hat, wäre es da nicht angebracht gewesen ….“ (Den Rest der Frage überlasse ich Deiner Imagination).
    Dir das Beste und abermals Danke.
    gf

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