26. Oktober 2020

Zwei verlassene Militärflugplätze und eine Dorfkirche

Die Stadt Oranienburg hat eine wechselvolle Geschichte. Dazu gehören das prachtvoll restaurierte Schloss und der dazugehörige Park. In den über 300 Jahren seines Bestehens hat es am Anfang der Kurfürstin Luise Henriette als Wohnsitz gedient, wurde aber schon 100 Jahre später an einen Berliner Apotheker verkauft, der dort eine Baumwollproduktion errichtete. Dann wurde es zu einer Fabrik, die Stearin und Schwefelsäure produzierte. Im 19. Jahrhundert beherbergte es ein Lehrerseminar, und in den Zeiten des Nationalsozialismus machten sich die SS-Totenkopf-Verbände hier breit, die als Aufsicht im KZ Sachsenhausen ihr schreckliches Unwesen trieben.

Und immer, wenn ich auf dem Radweg am Havelkanal zwischen B 96 und der Stadt Oranienburg nach Norden fahre, zieht es meinen Blick und meine Aufmerksamkeit nach Westen, wo zunächst das riesige Logistikzentrum von REWE und die Module eines Solarparks auftauchen, dann aber kommt alte Bausubstanz in Sicht, die im Winter, wenn die hohen Bäume kein Laub tragen, dominant auf freiem Feld steht: die Einfliegehalle des ehemaligen Heinkel-Flugzeugwerkes. Verrostet die Hangartore, durchbrochen das Dach, über und über mit Graffiti bemalt und besprüht. IMG_2662IMG_2663

Für die Heinkel-Werke wurde eines der größten Außenlager des KZ Sachsenhausen angelegt; im Werk mussten bis zu 8000 KZ-Häftlinge arbeiten. Am Standort Oranienburg existieren noch unter anderem die Werkssiedlung Weiße Stadt (Architekt Herbert Rimpl), Teile des Werksflughafens sowie der Ort Leegebruch, der eigens für die Arbeiter des Flugzeugwerkes gebaut wurde.

Das ehemalige Flugplatzgelände  ist zwar – nicht mehr – durch einen Absperrzaun gesichert, aber die alten Schilder weisen noch auf Munition und Schadstoffe hin. Kaum ein Mensch, der sich für das Gelände und die Halle interessiert, lässt sich davon abhalten. Ich auch nicht. Schließlich wird direkt nebenan die REWE-Ware verteilt, und viele Menschen arbeiten hier. Nur von den  allgegenwärtigen kleinen und großen Flaschenscherben geht Gefahr aus, jedenfalls für meine Reifen. Für einen Moment schließe ich die Augen und stelle mir die Heinkel-Flugzeuge vor, die hier erprobt und eingeflogen wurden, bevor sie zu ihren vielfach tödlichen Missionen an den Kriegsfronten starteten. Mehr als 75 Jahre liegt diese bemerkenswerte Geschichte zurück. Nur die Hangar-Ruine und die zahlreichen verrotteten Nebengebäude künden von der alten Zeit. Ich frage mich, warum das alles noch hier steht, warum es vor sich hin gammelt, warum es nicht endgültig abgerissen wird.

Ein paar Tage später bin ich wieder auf einem wunderbaren  Radweg unterwegs. Dieses Mal am Havelkanal, der von Hennigsdorf nach Schönwalde/Glien führt und dann in der Nähe von Ketzin die Havel trifft. Eine Teil einer schönen Abendrunde, die ich nach den hier so arbeitsamen Tieren „Biber-Runde“ getauft habe. Südlich vom Ort biegt der Radweg vom Kanal ab nach Schönwalde, einem ansehnlichen, Brandenburger Dörfchen, das auch eine Straße namens „Fliegersiedlung“ hat. Und genau diesem Hinweis gehe ich heute genauer nach. Meine „Open-Fiets-Map“ auf dem Garmin zeigt erfreulicherweise auch die Bezeichnungen der alten Flugplatzgebäude – Ein sandiger Feldweg führt aus dem Ort hinaus auf den ehemaligen Flugplatz. Heute passiere ich einige Schrottablageplätze und verrostete Zäune, bevor eine alte Schranke den nicht vorhandenen Verkehr vorm Betreten des Geländes abhalten soll. Mein Cannondale Taurine passt bequem vorbei, und nach ein paar hundert Metern kommt das erste alte Gebäude in Sicht: Der erste Hangar und daneben die  ehemalige Flugleitung. Heute habe ich Glück, das Eingangstor steht weit offen, kein Mensch ist zu sehen, und auch von der Schafherde, die ich hier schon einmal grasen sah, ist nichts zu erblicken.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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Das Gras hat sich im Laufe der Jahre durch die Risse in den Betonplatten des Vorfelds gearbeitet. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Einige Gebäude sind zu Schafställen umfunktioniert, verlottert, dreckig, armselig.

Im Heizkraftwerk wird keine Kohle mehr verfeuert, in den Kasernen warten keine Soldaten mehr auf den nächsten Krieg.

Hangar

Der größte von insgesamt fünf Flugzeughangars kam mir schon bei meinem ersten Besuch vor die Linse. Nur noch das Gerippe und die Tore stehen monumental in der Landschaft.

Heute nun entdecke ich bei der Internet-Recherche einen Artikel aus dem April 2019, erschienen in der Zeitschrift „Falkensee Aktuell“ , Titel: „Schönwalde-Glien, Wohnen im Erlenbruch“  danach müsste ich heute schon von Baumaschinen und emsigen Bauarbeitern umgeben sein, die die alte Substanz restaurieren und noch viele neue Gebäude erstehen lassen. Für mehr als 4000 neue Schönwalder Bürger. Fakt oder eher doch Fiktion? Im nächsten Jahr schaue ich wieder vorbei.

Nach soviel Kriegsgeschichte, überwucherten Mauern, kaputten Dächern, rostigen Toren, brüchigem Beton und  viel Müll, lenke ich meine Blicke auf das wunderschöne Kirchlein von Schönwalde. Im Jahre 1737 erbaut, sorgfältig restauriert, mit einer fast 300 Jahre alten Orgel und barockem Innenleben. Ein wunderbarer Trost für Auge und Seele.

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Vielleicht bekommt das schmucke Gotteshaus demnächst viele neue Bürger zu Gesicht.

Wer neugierig ist, kann sich hier orientieren:

Track nach Schönwalde,

Track nach Hennigsdorf/Heinkel

 

 

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

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3 Gedanken zu “Zwei verlassene Militärflugplätze und eine Dorfkirche

  1. Mein Besuch vor 20 Jahren. Die Landebahn wurde abgefräst und zu Schotter verarbeitet. Ein halbes Dutzend Shelter standen am Rand des Gebiets, daß von zerfallenen Zäunen umgeben war. Die große Halle hat sich kaum verändert. Keine Hinweise zu zweck und Nutzung. Etwas weiter Richtung Siedlung ein Denkmal für die französischen Zwangsarbeiter in Sachsenhausen .

  2. Dein Kommentar hat mehr Substanz und Kraft als meine kleine Geschichte. Ganz herzlichen Dank dafür.
    Entspannung und Freude – ja, das will ich schon hauptsächlich vermitteln. Wenn ich aber an solch geschichtsträchtigen Orten bin, beschäftige ich mich auch nach Vermögen mit der zugehörigen Vergangenheit. Insbesondere in Oranienburg, wo mit Heinkel-Werken und KZ Sachsenhausen so ungeheure Grausamkeiten verbunden sind, soviel Verbrechen gegen die Menschlichkeit, soviel unfassbare Ignoranz danach. Siehe Heinkel-Beschwerde zur „ungebührlichen“ Behandlung. Immer, wenn ich am KZ-Gelände und dem Klinkerhafen vorbeirolle, überkommt mich eine Mischung von Trauer und Wut.
    Noch einmal: Herzlichen Dank für deine so nutzbringenden, erhellenden Hinweise. Ein guter Grund für mich, das Buch „Glückskind“ ( welche Ironie), baldmöglich zu lesen.

  3. Großen Dank für Deinen Hinweis auf Heinkel und Sachsenhausen. Ich weiß, Dein Blog dient in erster Linie der Entspannung und Freude. Dunkle Gedanken sind deshalb eher suboptimal. Anderseits zeichnet sich Dein Blog nicht nur durch große Eleganz in Sprache, Ironie, und Humor aus. Du verstehst es darüber hinaus auch treffend, hinter die Kulissen zu leuchten und kulturelle, politische und historische Zusammenhänge aufzuzeigen. Erlaubst Du nachfolgende Bemerkungen?

    1. Der im Mai 1934 geborene Thomas Buergenthal (Name mal googeln) hat Auschwitz mit Zufall, Glück und Anpassungsfähigkeit überlebt. Im Januar 1945 kommt er am Ende des Todestransports von Auschwitz nach Sachsenhausen zunächst für zwei Wochen in die Heinkel-Flugzeughallen in Oranienburg zur „Quarantäne“. In seinem Bestseller „Ein Glückkind“ (Fischer-Verlag) schreibt er über diese Episode:

    „Nicht lange nachdem wir Berlin verlassen hatten, kamen wir (Jan. 1945) in Oranienburg an. Aber der Weg führte uns nicht direkt nach Sachsenhausen, sondern zunächst in die Flugzeugfabrik Heinkel. Dort verbrachten wir etwa zwei Wochen, vielleicht in Quarantäne….
    ….Früher als mir lieb war, kam unser relativ bequemes Leben in der Flugzeugfabrik zu seinem Ende. Eines Morgens befahl man uns, zu Fuß nach Sachsenhausen aufzubrechen. Der Weg von Heinkel nach Sachsenhausen – es war nicht sehr weit – führte über Oranienburg. Die deutschen Bewohner starrten uns an oder drehten uns den Rücken zu, als wir an ihnen vorbeikamen. Ein paar Kinder bewarfen uns mit Steinen. Ich war erleichtert, als ich endlich den Eingang des Konzentrationslagers Sachsenhausen mit der Inschrift »Arbeit macht frei« erblickte…“ Ende des Zitats.

    2. Der Eigentümer der „Heinkel-Werke“ war Ernst Heinkel. Der legte 1956 seine 338 seitige Autobiographie vor: „Stürmisches Leben“, die mir vorliegt. Darin beklagt Heinkel sich über eine ungebührliche Behandlung, die er nach 1945 durch Vernehmungsoffiziere erlebt hat.

    3. Eine Besprechung dieser Autobiographie erscheint im Jan. 1957 in den USA in der „New York Times“. Thomas Buergenthal, der nach der KZ-Befreiung später in die USA übersiedelt, kommt diese Besprechung unter die Augen. Buergenthal schreibt am 24.02.1957 einen Leserbrief an die New York Times. Dieser Leserbrief liegt mir ebenfalls vor.

    4. Buergenthal fragt sich, ob es Heinkel je in den Sinn gekommen sei, die Art seiner Befragung nach 1945 zu vergleichen mit der Behandlung der KZ-Insassen in Sachsenhausen, die gezwungen waren, für Heinkels Werk zu arbeiten. Wer zu krank war, in den Heinkel-Werken zu arbeiten, sei zurück ins KZ Sachsenhausen geschickt worden („Every two or three weeks all sick prisoners were sent to the near-by Concentration camp of Sachsenhausen to be liquidated“). Buergenthals Brief endet mit Sarkasmus: „As one of those subjected to Mr. Heinkel’s methods and who escaped certain death because of speedy Allied liberation I profoundly sympathize with Ernest Heinkel and the inconvenience of his de-Nazification process.“

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